Er schneuzte sich stark: »Und wenn er mich hinauswirft?«

»Er wirft dich nicht hinaus.«

»Und wenn er erfährt -- was du heute erfahren hast?«

Liese sah ihn mit einem so schweren Ernst an, daß er bis über die

Stirn errötete:

»Das ist doch das Entscheidende, Viktor. Vater muß wissen, daß wir

noch an die Ehre denken. Das ist das einzige, worauf es ihm ankommt.

Sonst fühlt er sich unmöglich in der Stadt. Wenn er aber hört, daß ein

Mann, wie du, Ernst macht ...«

Viktor biß sich in die Lippe und starrte zu Boden.

»So ... Ach, so ... Ja, ja ... Nun, dann werde ich also morgen zu ihm

gehen ...«

Sie schnellte auf. Noch einmal kam die Grazie des Glücks über sie:

»Wann kommst du?!«

»Bis elf Uhr habe ich Termin. Also zwischen elf und zwölf.«

»Darf ich's -- ihm sagen?«

»Was denn? Bist du verrückt?!«

»Bloß, daß du kommst, natürlich!«

»Das halte, wie du willst. Sieh zu, ob es möglich ist.«

Er war verstimmt. Ihr aber genügte sein Versprechen. Sie verließ ihn

bald und schlüpfte die dunkle Treppe hinunter. Adele Schörg, die im

Flur stand, mit geschlossenen Augen und den Kopf an die kalkige Mauer

gelehnt, hatte sie gesehen. --

Am nächsten Morgen sah es in dem Konditorladen sonderbar aus. Vater

Prutz war schon um sieben Uhr unten und hatte seinen Kaffee in den

Laden mitgenommen. Liese stockte das Herz. Sollte das heißen, daß

er nicht mehr mit ihr frühstücken wollte? Sie erschien auch bald

im Laden, um die Stimmung des Vaters zu erforschen. Da sah sie ihn

in einer fremdartigen Verfassung. Er ging wie ein Löwe im Käfig

umher. Dieser Vergleich war möglich, obwohl Vater Prutz seine weiße

Konditormütze auf dem Kopf und die grünen, von Liese gestickten

Pantoffeln an den Füßen trug.

Liese blieb hinter dem Ladentisch und arbeitete scheinbar. In

Wahrheit ließ sie kein Auge von dem Vater. Wirre Überlegungen jagten

in ihrem Kopf. Hatte er alles erfahren? Wollte er jetzt mit ihr

abrechnen? Seine Erregung konnte ja nur ihr gelten. Jedenfalls hieß

sie es willkommen, daß die Krisis da war. Keinen Tag mehr durfte das

Versteckspiel dauern.

Heute wollte Viktor kommen! Ihr schwirrte der Kopf, sie mußte sich mit

beiden Händen auf die Marmorplatte des Ladentisches stützen. Aber nun

war alles gleich. Jetzt gerade mußte sie Viktors Besuch vorbereiten.

»Vater«, begann sie leise. -- »Was hast du nur? Nicht mal 'ne Semmel

hast du zum Kaffee gegessen.«

Er war zusammengezuckt. Indem er seinen Löwenmarsch etwas

verlangsamte, erwiderte er: »Was ich habe? Ich möchte lieber dich

fragen! Aber das widersteht mir. Ich bin zu alt. Ich möchte am

liebsten von nichts mehr was wissen.«

Er ließ sich schwer an einem der kleinen Tische nieder. Zufällig war

es der Tisch, der sonst dem Assessor geheiligt war. Atemnot befiel den

alten Mann. Sein Kopf sank auf die Brust, und der weiße Bart sträubte

sich.

Liese kam hinter dem Ladentisch hervor: »Vater, ich fürchte, die Leute

haben dir was vorgelogen.«

Frau Rietschel das Kind · 第 18 / 97 题