VIERTES KAPITEL

Frau Apotheker Barkhusen und Fräulein Knittel, die Lehrerin, begannen

Herrn Breitkopf, den Konditor am Markt, zu bevorzugen. Er war Vater

Prutzens Konkurrent. Die Damen fühlten das Opfer, das sie brachten,

denn die Schlagsahne bei Breitkopf kam gegen die bei Prutz nicht

auf, aber es galt eine moralische Stellungnahme. Die Angelegenheit

von Assessor Schwarz und Liese Prutz begann sich zu einen Skandal

auszuwachsen. So offenkundig war die gute Gesellschaft von

Strelenwalde noch nie herausgefordert worden.

Auch Herr Breitkopf, der mit seinem schwarzen Kraushaar und seinen

Wulstlippen auffällig an einen Neger erinnerte und deshalb allgemein

»Mohrenkopp« hieß, war orientiert. Mit Wonne sah er das Verderben über

seinen alten Nebenbuhler kommen.

»Eines ist mir ein Rätsel«, pfiff die asthmatische Frau Apotheker.

»Sieht Herr Prutz nicht, was unter seinen Augen geschieht, oder will

er es nicht sehen?«

»Er gilt als streng moralischer Mann«, meinte Fräulein Knittel, die

aus einem Strohhalm Eiskaffee sog und den Mund wie ein Oboespieler

spitzte. »Man kann nur annehmen, daß die Erkenntnis der Wahrheit ihn

wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen wird. Sie glauben nicht,

Frau Apotheker, wie sehr ich eine tragische Katastrophe fürchte. Um

Luise tut es mir ja leid, denn ich habe sie als Schülerin immer gern

gehabt. Sie ist leichtsinnig, aber im Grunde ein guter Mensch. Ich

stehe vor einem Rätsel, wie ein Mädchen ihrer Erziehung so jeden Halt

verlieren kann.«

Jetzt war Konditor Breitkopf wieder zu den Damen getreten. Er

behielt sein Negergrinsen bei, auch wenn er es ernst meinte: »Nach

meiner unmaßgeblichen Ansicht, Fräulein Oberlehrerin -- die

eigentliche Schuld an dem Malheur steckt bei dem alten Prutz. Er kann

Streuselkuchen backen, aber erziehen kann er nicht. Wenn er immer

knurrt und so'n Mädel einsperrt und ihr nie einen Groschen Geld in die

Finger gibt, dann glaubt er, er hat sie am Bändel. Dadurch kommt sie

ja erst auf schlechte Gedanken.«

Frau Barkhusen und Fräulein Knittel nickten bedeutsam und sahen sich

an. Dann sagte die erste: »Da haben Sie gewiß recht, Herr Breitkopf.

Aber was soll daraus werden?«

Mohrenkopf zuckte die Achseln: »Das geht mich nichts an. Für solche

Sachen ist der Herr Pastor da. Der trinkt ja sowieso seinen Kaffee bei

Prutz und läßt sich von Fräulein Liese bedienen.«

Fräulein Knittel sog noch einmal an ihrem Strohhalm, aber das Glas war

leer, und es gab nur einen häßlichen Laut. »Ich fürchte, ich fürchte,

wir gehen schweren Ereignissen entgegen.« -- --

Liese kam an einem Regennachmittag plötzlich zu Viktor Schwarz hinauf.

Er lag rauchend auf seinem Sofa und erkannte im Halbtraum erst

allmählich ihre Gestalt. Bestürzt erhob er sich: »Aber Kind -- was

fällt dir denn ein? Du bist ja noch nie in meiner Wohnung gewesen! Und

jetzt -- vor allen Leuten -- die Sonne ist noch gar nicht unten!«

Sie näherte sich langsam. Ihr Gesicht war weiß und etwas gedunsen.

Ihre Bewegungen waren schwerfällig. Sie erwiderte mit

halbgeschlossenen Augen: »Das ist mir ganz egal. Wahrscheinlich

wundert sich ja doch kein Mensch mehr.«

»Liese -- um Gottes willen -- hast du denn schon einen Anhalt? Hat

schon jemand eine Bemerkung gemacht?«

Sie lächelte müde: »Nein. Da kennst du die Strelenwalder schlecht.

Wer drin steckt wie die Fliege im Sirup, der kriegt nie was zu hören.

Da tuscheln sie zu Hunderten, aber es bleibt immer aus Hörweite.

Plötzlich knallt die Geschichte los.«

Viktor Schwarz wurde von tiefer Pein ergriffen. Er zog Liese neben

sich: »Was ist dir denn? Du scheinst sehr nervös zu sein. Sicherlich

ist gar kein Grund vorhanden. Wir sind doch immer so vorsichtig

gewesen. Heute hast du allerdings die erste Dummheit gemacht. Wir

hatten doch fest verabredet -- nie darfst du den Fuß über Herrn

Schörgs Schwelle setzen. Wenn dein Vater das sieht -- dann ist alles

verdorben. Und nun bist du gar in meinem Zimmer! Ich bin überzeugt,

daß Adele draußen an der Tür steht und horcht.«

Liese senkte den Kopf: »Mag sie doch. Dann hat sie wenigstens auch

was. Die tut mir immer so leid. Die hatte schon als Kind so hungrige

Augen. Mir tun alle Menschen leid, die sich immer bloß sehnen. Was ich

getan habe -- das hab' ich doch auch bloß aus Sehnsucht getan.«

Viktor wand sich: »Liese, ich bitte dich! Das ist ja nicht zu

ertragen! Was ist denn auf einmal über dich gekommen? Deine ganze

Frische ist fort! Bereust du denn --?«

Sie sah ihn mit übergroßen Augen an: »Nein. Das tu' ich nicht. Aber

ich bin mir jetzt darüber klar, was geschehen muß. Du tust nichts

für mich, du willst immer bloß das Vergnügen. Aber was ich täglich

durchzumachen habe, davon hast du keine Ahnung. Vater redet kein

Wort mehr mit mir, aber er guckt mir durch und durch. Mir ist oft,

als kriegte ich Ausschlag am ganzen Körper, wenn er mich so anguckt.

Gestern hat er Mutters Bild aus meiner Stube genommen -- ich konnte

nicht mal was dagegen sagen.«

Sie weinte. Viktor tupfte sich die Schweißtropfen von der Stirn. --

»Mein Gott, glaubst du denn -- daß er Vermutungen hat?«

»Ich glaube gar nichts. Ich fürchte mich nur entsetzlich. Wie ich ihn

kenne, bricht er plötzlich los. Und dem muß man zuvorkommen. Deshalb

bin ich heute bei Doktor Hoppe gewesen.«

»Beim Kreisarzt? Was wolltest du denn bei dem? Fühlst du dich krank?«

Liese lächelte, hob aber im nächsten Augenblick die Hände vor das

Gesicht. Dann schüttelte sie den Kopf: »Nein, Viktor -- krank nicht

-- aber ... Na, es war schon so, wie ich mir's gedacht hatte.«

Frau Rietschel das Kind · 第 16 / 97 题