»Was, mein Junge?« Jetzt machte Viktor den entscheidenden Anlauf: »Es
handelt sich -- -- es ist wirklich ein ganz eigener Fall, daß wir uns
heute gerade wiedersehen. Ich wollte dir nämlich eben einen langen
Brief schreiben ...«
»So, so. Na, das ist mir ganz lieb, daß der mündlich abgemacht wird.
Lange Briefe kann ich nämlich nicht leiden. Was sollte denn ungefähr
drinstehen, Viktor?«
»Gestatte mir, Onkel -- ich möchte dir, wie immer, den Vortritt
lassen. Um meine Zukunft handelt es sich ja doch. Ich darf doch sicher
annehmen, daß das Motiv deines heutigen Besuches ein ganz spezielles
ist?«
»Also ja, lieber Viktor. Du hast recht. Ich habe nämlich in Berlin
inzwischen keine halbe Arbeit für dich getan. Du sollst ein fertiges
Bett vorfinden.« Hier kicherte Onkel Joachim. »Nun guckst du mich ganz
verdutzt an. Also, ich habe nicht nur eine Praxis, sondern auch schon
eine Frau für dich!«
Viktor konnte sich kaum beherrschen. Er fühlte, wie der stechende
Blick des Onkels ihn nicht losließ. Aber so ließ er sich nicht fangen.
Er war ja auch ein Berliner. -- »Was heißt das, Onkel? Du hast eine
Frau für mich? Verzeih -- da komme ~ich~ doch wohl auch noch ein
bißchen in Frage?«
»Ruhig Blut, lieber Junge. Selbstverständlich tust du das. Ich habe
eben als dein zweiter Vater -- das bin ich doch, nicht wahr? -- ganz
in deinem Sinne gewählt.«
»Aber Onkel, Onkel! Kann denn irgend etwas entschieden werden, ohne
daß ich selbst --«
»Entschieden wird gar nichts. Nur in die Wege geleitet. Also, mit
einem Wort: ich denke an Helene Kroner, die einzige Tochter meines
Studienfreundes, des Bankdirektors Kroner in Berlin! Ein durch und
durch gebildetes, wohlerzogenes Mädchen mit sage und schreibe 350000
Mark Vermögen! Es gibt auf der ganzen Welt keine bessere Partie
für dich, und der Vater ist meiner Ansicht! So, mein Junge! Das
unterbreite ich dir ergebenst! Und was hast ~du~ mir zu sagen?!«
Viktor Schwarz wischte sich die Stirn ab. -- »Onkel -- es ist namenlos
peinlich für mich -- je mehr ich empfinde, wen ich vor mir habe -- --
ich muß jetzt doch ganz aufrichtig sein.«
»Darum bitte ich!«
»Helene Kroner kenne ich aus vielen Gesellschaften. Sie ist sicherlich
gebildet und aus guter Familie -- die pekuniären Verhältnisse
unterschätze ich auch nicht -- aber man sagt, daß sie schwer belastet
sei.«
»Man sagt! Was sagt man nicht alles! Neidhämmel! Abgewiesene Freier!
Das Mädel ist ein bißchen schwächlich -- ja -- verwöhntes, einziges
Kind -- aber laß sie mal erst mit einem Kerl, wie du, verheiratet sein
--«
»Onkel, ich habe ein starkes Verantwortungsgefühl -- gerade mir selbst
gegenüber. Ich weiß genau, daß ich meinen Weg machen werde, aber darum
bin ich auch fest entschlossen, nur nach meiner Neigung zu wählen.«
»So? Bist du entschlossen? Das ist mir ja neu. Na, nun sind wir ja
schon mitten drin in der Romantik. Aber ich denke, wir können uns
kurz fassen. Eine Szene aus ›Kabale und Liebe‹ wollen wir doch nicht
spielen. Ich bin weder Präsident, noch bist du Major, noch hat Lene
Kroner Ähnlichkeit mit Lady Milford. Aber wo steckt die Luise? Hm?!
Heraus damit, mein Junge!«
»Wa -- was?« Viktor starrte den unheimlichen Onkel an. Der Name! Aber
das mußte ja Zufall sein. Er reckte sich und erwiderte mit bleichem
Trotz: »Ich bin auch gegen jede Komödie, Onkel. Ich verheimliche dir
nichts. Ich habe hier in Strelenwalde ein Mädchen lieben gelernt --«
Onkel Joachim trommelte auf den Tisch: »Lieben gelernt! Ausgezeichnet!
Kainz ist gar nischt dagegen!«
»Onkel, mir ist es bitter ernst. Ich müßte dich sonst bitten, dieses
Gespräch abbrechen zu dürfen.«
»Eine Frechheit, bei meiner Ehre, die ich um ihrer Seltenheit willen
verzeihe. Na, und dein Stichwort? Schillerkenner? Aber mir ist es auch
ernst, Viktor. Sehr ernst sogar. Also, wer ist es? Doch nicht etwa gar
der Wirtin Töchterlein? Da ist vorhin ein Wesen an mir vorbeigehumpelt
--«
Viktor zuckte zusammen: »Ich bitte dich -- das war die Tochter meines
Wirtes. Ich meine die Tochter des Konditors Prutz, der mir gegenüber
wohnt. Herr Prutz ist einer der angesehensten Bürger von Strelenwalde
--«
»Kenn' ich, kenn' ich! Was glaubst du denn? Ich bin hier doch auch mal
Assessor gewesen! Wie ich bei Prutz verkehrte, wollte er sich eben
verheiraten. Also das ist daraus geworden. Hübsches Mädel?«
Viktor schöpfte Hoffnung: »Entzückend, Onkel! Liese Prutz ist für
alles Höhere begabt. Wenn man sie aus ihrem Milieu erlöst, ihren
natürlichen Geschmack entwickelt -- ich sage dir, Onkel -- du wirst
begeistert sein.«
»Na, na -- es kommt darauf an, in welcher Hinsicht. Ich will dir
mal was sagen, lieber Junge. Damit wir uns von vornherein nicht
mißverstehen: An sich genommen, kann ich dich vollkommen begreifen,
daß du dir hier in dem langweiligen Nest solch appetitliches
Konditormädel als Zerstreuung ohne ernste Konsequenzen zulegst --
dagegen hätte ich nicht das mindeste einzuwenden --«
»Onkel!«
»Nun, was denn? Onkel!? Ich habe dir schon in Berlin gesagt: Genieße
dein Leben, aber verplempere dich nicht! Dabei bleibt es! Deine
Verhältnisse sind mir natürlich Wurscht! Wofür ich Interesse habe, das
ist einzig und allein deine Zukunft -- und dafür kommt Fräulein Prutz
~nicht~ in Betracht!«
»Du sollst dich über die ganze Sache nicht täuschen, Onkel. Bis jetzt
ist alles noch in mir verschlossen. Auch das Mädchen fühlt nur ...«
»So? Ihr seid also noch nicht einig?«
»Ihres Herzens bin ich sicher. Aber ich habe zuviel kindliche Pietät
dir gegenüber -- -- ich mußte es ~dir~ erst sagen ...«
Viktor glaubte nun dem Onkel einen Stoß versetzt zu haben. Als er
ihm aber ins lauernde Gesicht sah, wußte er sofort, daß er eine
große Dummheit begangen hatte. Justizrat Joachim bekam jetzt das
Übergewicht: »So, so ... Hm ... Nun, das ist mir ja recht lieb zu
hören. Die Sache steht also noch zwischen uns beiden zur Diskussion?
Von einem Heiratsversprechen ist nicht die Rede? Na, dann ist es ja
noch nicht so schlimm.«
»Heiratsversprechen! Ich liebe Liese Prutz --!«
»Das bildest du dir ein! Wenn du sie wirklich liebtest -- was ich
unter Liebe verstehe, Junge -- dann hättest du deinem Onkel gar nichts
gesagt!«
Das war ein Hieb -- der saß. Viktor fühlte sich auf den Mund
geschlagen. Ratlos starrte er den unheimlichen alten Mann an. Jetzt
aber ließ Onkel Joachim die Führung nicht mehr los: »Du brauchst mich
also, und ich bin zu deiner Verfügung. Ich ahnte deinen Konflikt --
deshalb bin ich gekommen. Daß du dich hier in Strelenwalde festrennst,
daß du dich zeitlebens mit einer Liaison behängst, das ist für mich
ganz ausgeschlossen!«
Viktor schloß die Augen. Seine Hände umklammerten den Griff
des Weinglases. -- »Und was, wenn ich fragen darf -- was wären
die Konsequenzen, Onkel, wenn es für mich doch nicht so ganz
ausgeschlossen wäre?«
Die imposante Gestalt Onkel Joachims reckte sich plötzlich.
Sein graues Haar sträubte sich: »Oho! Kommst du mir mit der
Kabinettsfrage?! Na, dann will ich dir so reinen Wein einschenken
wie der von Benscher! Entweder gehen unsere Wege zusammen, oder sie
trennen sich!«
»Onkel!«
»Ich meinerseits kann von meinem Lebensplan nicht mehr zurück. Du
bleibst mein Erbe unter der Bedingung, daß du einen Weg beschreitest,
den ich gutheiße. Du mußt eine große Partie machen. Glaube mir, ich
kenne das Leben besser als du. Das Glück des Mannes heutzutage ist
die Karriere. Hier magst du noch treiben, was du Lust hast -- aber in
Berlin -- -- entweder fügst du dich und blamierst mich nicht -- oder
...«
Onkel Joachim brach ab. Den Rest konnte sein Neffe sich denken.
»Ist das dein letztes Wort, Onkel?«
»Mein allerletztes.«
Das Gespräch war zu Ende. Man erhob sich tief erregt und nahm Abschied
... Zum Bahnhof ließ Onkel Joachim sich nicht begleiten. --
Viktor Schwarz verbrachte die schwersten Tage seines Lebens. Der
Beruf konnte ihn nur wenige Stunden betäuben -- sonst war er seinen
schmerzlichen Gedanken preisgegeben. Zum erstenmal mied er die
Prutzsche Konditorei. Was mußte Liese von ihm denken? Jeden Nachmittag
wartete sie gewiß auf ihn. Auch am Fenster konnte sie ihn nicht mehr
entdecken. Immer hielt er sich im Hintergrunde und lief davon, als ob
er sich in einen fremden Raum verirrt hätte. Dabei wußte sie gewiß von
Adele Schörg, daß er nicht krank war.
Nein, er konnte sie nicht wiedersehen, bevor er sich entschieden
hatte. Mit sonderbarem Schrecken merkte er, daß er die Entscheidung
doch erst treffen mußte. Onkel Joachim hatte wirklich eine dämonische
Macht. Sie bestand nicht nur in seinem persönlichen Willen, sondern
auch in der Kraft, mit der er die Gesellschaft vertrat. Vor der
Notwendigkeit, daß der Einzelne sich der Allgemeinheit fügen mußte,
hatten sich schon Stärkere gebeugt als Viktor Schwarz. Wenn er sein
ganzes bisheriges Leben übersah -- in der Tat, er war ein abhängiger
Mensch. Er hatte frühzeitig lernen müssen, Wege zu beschreiten, die
man ihm bahnte. Nun war es wohl begreiflich, daß der Wegbaumeister
unzufrieden war. Wenn er kurz vor dem Ziel noch absprang? Wenn er für
einen Traum die Karriere opfern wollte? ...
Opfern? Onkel Joachim sah es so. Der alte Mann sprach aus seiner Welt.
Aber es war keine leere Drohung, die er seinem Neffen hinterlassen.
Verweigerte man ihm den Gehorsam, so war er rücksichtslos wie jeder
erfolgreiche Berliner. Hunderte warteten schon auf das fette Erbe, das
dem jungen Assessor zufallen sollte.
Nein, es war unmöglich -- er durfte es nicht mit seinem Wohltäter
verderben. Viktor Schwarz weinte fast bei dem Gedanken. Aber er wollte
hart werden gegen sich und gegen die Welt, auch gegen Liese, wenn es
nötig war. Noch hatte er ja in der Tat nicht alle Brücken abgebrochen.
Wenn er bedachte, wie andere Männer sich in seinem Fall benehmen
würden ...
Bald lag Strelenwalde hinter ihm. Und dann? Was wußte er in Berlin
noch von Jugendtorheiten? Da hieß es, dem Ernst des Lebens ins Auge
sehen.
»Gott sei Dank,« flüsterte Viktor Schwarz, indem er nach langer Zeit
wieder einmal ans offene Fenster trat -- »man wird langsam vernünftig.
Man übersieht die Situation.«
Hier stockte er. Sein Blick glitt auf die Gasse hinunter. Soeben
trat Liese aus dem Laden und geleitete Tante Sanftleben hinaus.
Wie lieblich ihr Blondkopf in der Sonne leuchtete -- wie anmutig
ihre schlanke Gestalt das alte Fräulein stützte! Sie war doch
ein Prachtgeschöpf. Und er sollte an diese Lene Kroner, diese
bleichsüchtige Modepuppe, um die eine Atmosphäre von Medizin war,
verkauft werden? Noch einmal brandeten Reue und Wut in ihm. Aber bald
nickte er, und in das Lächeln seiner gespannten Züge kam zum erstenmal
etwas Zynisches. Die Welt verschwor sich gegen seinen schönen Traum --
nun gut, so blieb nur die Herrenmoral übrig.
Aber vorsichtig, doppelt vorsichtig mußte er sein. Jetzt hieß es
besonders den alten Konditor im Auge behalten. Assessor Schwarz kam
von heute an anders in seinen Laden als früher.
Nachmittags trat er wieder ein. Liese war eben nicht anwesend --
sie kam erst, als sie die Türglocke hörte, aus der Backstube. Nun
stand sie, in beiden Armen ein großes Kuchentablett, erblassend da.
Plötzlich sah sie ihn wieder. Ein Jauchzen rang in ihrer Kehle. Als
ihr forschender Blick erkannte, daß Viktor Schwarz sie heute noch
freundlicher anlächelte als sonst, mißverstand sie seine Rückkehr
völlig. Wilde Kombinationen erfüllten ihren Kopf. Sie wußte ja --
wer wußte es in Strelenwalde nicht? --, daß des Assessors Onkel da
gewesen. Was mochten die beiden miteinander besprochen haben? Und
wie er sie heute ansah -- keinen Blick warf er dem frisch gebackenen
Kuchen zu. Das war etwas Neues. Er war zu einem Entschluß gekommen.
Viktor Schwarz lächelte nur und schwieg. Zu einer Unterhaltung kam
es nicht. Das steigerte die Bedeutung des Wiedersehens. Erst als er
bezahlte, fragte er, fiebrige Röte in den Wangen: »Was unternehmen Sie
denn zu Pfingsten, Fräulein Liese?«
»Ach, ich und unternehmen! Ich bin ja wie eingesperrt! Am ersten
Feiertag sicher. Und am zweiten -- na, vielleicht kommt Tante
Sanftleben und vertritt mich. Dann mache ich vielleicht das Fest vom
Gesangverein mit.«
»Wo findet denn das statt?«
»Draußen in der Zubermühle. Ach, da ist es jetzt so schön.«
»Und Ihr Herr Vater? Ist der auch beim Gesangverein?«
Liese lachte: »Vater! Nein -- der geht nicht aus dem Hause -- der
spielt höchstens einen Skat, hier im Laden, mit dem Herrn Pastor und
dem Apotheker.«
»Da brauchen Sie doch nicht dabeizusein? Man müßte Ihre Tante direkt
bitten, Sie mal zu erlösen --«
»Aber Herr Assessor --«
»Sobald ich sie sehe, rede ich mit ihr!«
»Aber Herr Assessor --«
»Haben Nichtmitglieder Zutritt zu dem Fest des Gesangvereins?«
»Es kommt drauf an.«
Lieses letzte Worte sagten genug. Sie wünschte also, daß der Herr
Assessor »Zutritt hatte«. So nahm er die Sache energisch in die
Hand. Ein Zusammentreffen mit Fräulein Sanftleben wußte er geschickt
herbeizuführen. Noch geschickter brachte er es dazu, die gute Tante
für den zweiten Feiertag zu verpflichten. Fräulein Sanftleben fühlte
sich geschmeichelt, als der Herr Assessor so lange mit ihr sprach, und
gerührt erkannte sie sein warmes Interesse für ihre Nichte. Liese war
also für den zweiten Pfingsttag frei. --
Es wunderte sie nicht, als in dem schattigen Garten der Zubermühle
auch Viktor Schwarz erschien. Jetzt beherrschte ihn die Taktik
des Großstädters. Niemand konnte den Grund seines überraschenden
Interesses für den Strelenwalder Gesangverein erkennen. Der Stolz
der Bürger, auch den Herrn Assessor zu begrüßen, wurde jedenfalls
gefuttert. Erst nach einer Stunde näherte Viktor sich Liese. Als er
dann neben ihr saß, war die Stimmung schon alkoholisch gehoben -- man
wunderte sich nicht darüber. Unter den blühenden Kastanien saß man,
am rauschenden Mühlbach, und sang und sang -- und trank. Patriotische
Gesänge, Frühlingslieder, Liebeslieder, Schlummerlieder, alles
durcheinander. Um die künstlerische Wiedergabe mühte sich der lockige
Dirigent des Vereins, der die Kolonialwarenhandlung von Strelenwalde
besaß und den sonderbaren Namen Zankapfel trug. Er war aber das
versöhnliche Element. Seine Not hatte er nur mit Kanzleirat Moritz,
dessen blökender Baß immer zu tief kam.
Es dunkelte. Die sanges- und bierseligen Menschen blieben unter den
Kastanien. Viktor Schwarz wurde in der schwülen Atmosphäre unruhig. Er
spürte, daß auch Liese sich fortwünschte. Der entscheidende Augenblick
war da -- man konnte unauffällig verschwinden.
»Gehen wir ein bißchen spazieren«, flüsterte Viktor. »Hier weiß man ja
gar nicht, wie schön der Abend ist. Hier riecht man kaum den Flieder.«
»Die Herren rauchen zuviel.«
Sie erhoben sich leise. Niemand sah ihnen nach. Am Mühlbach führte der
Weg unter niederen, überhängenden Weiden zur Wiese hinaus. Als der
Lärm der Sangesbrüder hinter ihnen verklang und sie sich unter dem
feierlichen Abendhimmel allein sahen, kam doch ein keuscher Werbegeist
über Viktor Schwarz. Er ging mit gesenktem Kopf, die Hände über dem
Leibe gefaltet. Dann sah er, daß Liese sich an der Wiese niederhockte.
Weiße Kamillensterne pflückte sie und begann einen Kranz zu flechten.
Andächtig sah er ihr zu: »Das wird Ihnen großartig stehen, Fräulein
Liese.«
»Meinen Sie? Die Leute singen und trinken immer nur. Es wäre doch viel
netter, wenn alle Damen Kränze trügen und hier draußen getanzt würde.
Es gibt so schöne, alte Tänze im Freien.«
»Ja. Aber noch schöner ist es doch, daß wir hier allein sind?«
Sie wurde rot und drückte den Kranz ins blonde Haar. Sie sah
entzückend aus, aber er trat näher und meinte: »Ein bißchen tiefer
müßte er sitzen.« Sie ließ es geschehen, daß er den Kranz zurecht
rückte. Mit ihren blauen Augen sah sie ihn erwartungsvoll an. Da
überwältigte es ihn. Er hielt den lieben Kopf, nicht mehr den Kranz,
und drückte Kuß um Kuß auf ihre Lippen. --
Gegen Mitternacht erst besannen sie sich und kehrten zu den
Sangesbrüdern zurück. Die brachen nun auf, aber Verdacht oder
gehässiger Spott regte sich nirgends. Man ließ das Paar auch auf dem
Heimwege unbehelligt. Liese schritt neben Viktor. Jetzt fragte sie
nicht mehr, was er vorhatte, und was aus ihr werden sollte -- jetzt
genoß sie nur den Augenblick. Er aber ließ die Zukunft wohlverwahrt
im Hintergrunde und wußte ihr täuschend zu versichern, daß nur die
Gegenwart Wert besäße.
Vater Prutz war munter geblieben. Er hatte auf seine Tochter gewartet.
Noch nie war Liese so lange ausgeblieben. Nun ersparte er ihr Zank
und Mißbilligung nicht. Der Sturz aus dem Himmel kam noch vor dem
Schlafengehen. Eines aber verkannte Liese: der Vater hatte Licht bei
Assessor Schwarz gesehen. Auch der war also eben erst heimgekommen.
Nun kombinierte der alte Eiferer. Sein Mißtrauen sah er gerechtfertigt.
So gab es nach dem glücklichen Pfingsten schwere Tage für Liese.
Vater Prutz war noch nie so unverträglich gewesen. Er quälte seine
Tochter, wo er sie fand. So trieb er sie nur noch tiefer in die
Versuchung. Je drückender es zu Hause wurde, desto leidenschaftlicher
brauchte sie das andere, die große Möglichkeit der Freiheit. Wie es
geschehen sollte, wußte sie nicht. Eine bange Scheu, die eingewurzelte
Bescheidenheit der Kleinstädterin hinderte sie, den geliebten Mann
zu befragen. Daß er sich ihr immer tiefer verpflichtete, daran kam
ihr kein Zweifel. Ein Zurück gab es nicht mehr. Die Spatzen pfiffen
es schon von den Dächern. Nur der eigene Vater hörte es nicht. Das
glaubte Liese. Schließlich wagte sie mehr, denn der Zwang wurde ihr zu
häßlich. Bald mußte es ja doch zum Klappen kommen. Nur Hingabe band
für immer, schrankenloses Gehören. Sie verschwendete nichts, sie gab
ja nur, was recht und heilig war. In einer warmen Juninacht schlich
sie sich zum offenen Fenster und winkte. Auch seine dunkle Gestalt
wurde sichtbar. Bald trafen sie sich im Gärtchen hinter dem Hause.
Hier war kein Lauscher, hier spähte kein Auge. Nur Peter, der alte
Schimmel, stampfte im Stall.