DRITTES KAPITEL

Der alte Justizrat war eine einschüchternde Persönlichkeit. Diese

Wirkung wußte er auszunutzen. Überall, wo er erschien, gründete er

seine Atmosphäre. Seine Redegewalt war dröhnend und von sarkastischer

Logik erfüllt. Man ahnte ein warmes Gemüt und wurde doch, wenn man

widerspenstig war, in eisige Kälte hinausgestoßen.

»Na, mein Junge? Du starrst mich ja an wie ein Gespenst am hellen

Tage? Noch bin ich ganz lebendig -- darauf kannst du dich verlassen.«

»Verzeihung, lieber Onkel -- ich bin ja vollkommen überrascht --

ich freue mich außerordentlich! Das ist ja reizend, daß du mal

nach Strelenwalde kommst. Ich bilde mir durchaus nicht ein, daß du

meinetwegen --«

»Doch, doch, Viktor. Hauptsächlich deinetwegen.«

»Wie sieht es in Berlin aus?« fragte der Neffe nach einer Weile

harmlos.

»Wie immer. Es wird gestrebt, aber dein Plätzchen bleibt frei.«

Sie gingen zum Mittagessen. Heute wurde es nicht der »Goldene Engel«,

sondern Benschers Weinstube im Rathaus. Lange blieb dieses Mahl in

Viktor Schwarz' Erinnerung.

Man ließ es sich schmecken. Onkel Joachim führte langsam sein

volles Glas an den Mund. Das Lächeln in seinen kleinen Augen war so

liebenswürdig und zugleich so tückisch, daß Viktor wieder die Fassung

verlor.

»Na, Prösterchen, mein Junge! Auf die Strelenwalder Gegenwart und die

Berliner Zukunft!«

Frau Rietschel das Kind · 第 13 / 97 题