Der alte Justizrat war eine einschüchternde Persönlichkeit. Diese
Wirkung wußte er auszunutzen. Überall, wo er erschien, gründete er
seine Atmosphäre. Seine Redegewalt war dröhnend und von sarkastischer
Logik erfüllt. Man ahnte ein warmes Gemüt und wurde doch, wenn man
widerspenstig war, in eisige Kälte hinausgestoßen.
»Na, mein Junge? Du starrst mich ja an wie ein Gespenst am hellen
Tage? Noch bin ich ganz lebendig -- darauf kannst du dich verlassen.«
»Verzeihung, lieber Onkel -- ich bin ja vollkommen überrascht --
ich freue mich außerordentlich! Das ist ja reizend, daß du mal
nach Strelenwalde kommst. Ich bilde mir durchaus nicht ein, daß du
meinetwegen --«
»Doch, doch, Viktor. Hauptsächlich deinetwegen.«
»Wie sieht es in Berlin aus?« fragte der Neffe nach einer Weile
harmlos.
»Wie immer. Es wird gestrebt, aber dein Plätzchen bleibt frei.«
Sie gingen zum Mittagessen. Heute wurde es nicht der »Goldene Engel«,
sondern Benschers Weinstube im Rathaus. Lange blieb dieses Mahl in
Viktor Schwarz' Erinnerung.
Man ließ es sich schmecken. Onkel Joachim führte langsam sein
volles Glas an den Mund. Das Lächeln in seinen kleinen Augen war so
liebenswürdig und zugleich so tückisch, daß Viktor wieder die Fassung
verlor.
»Na, Prösterchen, mein Junge! Auf die Strelenwalder Gegenwart und die
Berliner Zukunft!«