»Ach, unser Pastor ist schon alt. Ich habe ihn ja sehr gern -- mein
ganzes Leben hängt mit ihm zusammen -- aber er predigt doch nur für
alte Leute. Unsereiner -- man möchte doch mal was anderes hören ...«
Er lauschte entzückt. Dann fragte er: »War ihr Herr Vater auch in der
Kirche?«
»Nein, heute nicht. Er muß backen, und Tante Sanftleben bedient. Das
weiß der Herr Pastor, daß der Kuchen nicht alt werden darf -- Sonntag
nachmittag kommt er immer selber zum Kaffee.«
»Ah, so!«
Viktor Schwarz putzte lächelnd seinen Kneifer. Dann setzte er ihn
wieder auf, und die blanken Augen zogen sich zusammen: »Wie sähe denn
ungefähr die Predigt aus, die Sie sich wünschten, Fräulein Liese?«
Er nannte sie plötzlich beim Vornamen -- jetzt wurde sie zum erstenmal
verwirrt: »Aber das weiß man doch nicht -- das ist doch Sache vom
Herrn Pastor! Machen wir nicht einen Umweg, Herr Assessor? Ich müßte
doch längst zu Hause sein.«
Sie blickte ängstlich umher. Er schüttelte harmlos den Kopf -- aber
natürlich hatten sie einen Umweg gemacht. Um die Mädchenschule und den
ganzen Waisenhausgarten waren sie gegangen. Aber das war nun nicht
mehr zu ändern. Sie zürnte ihm fast ein bißchen, denn er hatte sie
überlistet. Wenn nur der Vater nichts merkte.
Endlich näherten sie sich der Prutzschen Konditorei. -- »Ach, die
beste Predigt ist doch solch Frühlingstag!« rief Viktor Schwarz
plötzlich. »Dagegen kommt alle Menschenweisheit nicht auf!«
Seine Stimme tönte. Sie zuckte zusammen. Eine fliegende Röte überzog
ihr schönes Gesicht.
»Morgen abend ist in der ›Post‹ ein Konzert von Berliner Künstlern«,
sagte er. »Kammermusik. Sehr schön. Ich habe zwei Karten. Darf ich
Ihnen die zweite anbieten?«
Sie war ganz bestürzt: »Aber Herr Assessor ... Ich danke Ihnen
vielmals ... Das ist ja so liebenswürdig ... Aber ich muß erst meinen
Vater fragen!« --
Sie fragte ihn natürlich nicht -- Viktor Schwarz dachte es sich schon.
Eine Ausrede hatte sie gebraucht. Herr Prutz glaubte, daß die Karte
von Adele Schörg stammte. Wenn man Liese nun auch neben dem Assessor
sah -- das konnte Zufall sein -- darüber dachte sie nicht weiter nach.
--
Es war ein sehr schönes Konzert. Immer stärker lösten sich die
Schleier von der großen Welt, in die sie durch Viktor Schwarz gezogen
wurde. Er hatte sie bis an die Schwelle geführt -- drüben konnte kein
Abgrund sein. Jetzt erst fühlte sie sich in Strelenwalde gefangen.
Während er sie durch die schwüle Nacht heimbegleitete, lauschte sie
durstig auf seine lockende Rede: »Ja, solche Künstler sind bei uns in
Berlin nur zweiten Ranges -- da müßten Sie die Ersten hören! Lauter
Weltberühmtheiten! Ich fehle bei keinem künstlerischen Ereignis! Ach,
überhaupt, Berlin -- gewiß, hier herrscht eine goldene Ruhe, und
Strelenwalde hat seine Vorzüge, aber in Berlin, da hat man doch erst
einen Begriff vom Leben! Viel Arbeit, gewiß, der Kampf ums Dasein ist
kolossal -- aber alles funkelt dafür auch von Kultur und Anregung!
Na, und eine junge Frau, die einen Mann in gesicherter Position hat
-- was sage ich, gesichert -- in glänzender Position -- die kann
sich wirklich nichts Besseres wünschen! In Berlin kommt sie erst zur
Entfaltung! Da erkennt sie ihre eigenen Möglichkeiten!«
»Ach, lieber Gott«, seufzte Liese. »Wenn noch welche da sind. Wenn sie
hier nicht längst verkümmert sind.«
Viktor Schwarz machte eine kühne Bewegung: »Das beurteilt nur ein
erfahrener Mann! Ich für meine Person, ich setze mich über alle
Hindernisse der Herkunft fort, wenn ich den richtigen Fond in einem
Mädchen entdecke! Die Naturbegabung entscheidet! Es kommt auf die
Auffrischung der Großstadtnerven an, auf die Veredlung durch die
unverbrauchte Kraft des Landes!«
Er hatte wie ein liberaler Volksredner gesprochen. Nun wußte sie
genug. Sie konnte nur noch, wirren Dank stammelnd, in das Haus ihres
Vaters schlüpfen. Er aber ging mit großen Schritten zu Sattlermeister
Schörg hinüber. Oben in seinem Zimmer war er vorsichtig. Als er Licht
gemacht, vertrieb er scheinbar nur einen lästigen Nachtfalter durch
das offene Fenster. Er bemerkte, daß Liese durch einen Spalt ihrer
Vorhänge sah und inbrünstig nickte. Da jagte er den Schmetterling und
nickte auch, aber das Nicken konnte zur Jagd gehören. --
Bald konstatierte er, daß er zum erstenmal eine schlaflose Nacht
hatte. So unangenehm das auch war, wenn am nächsten Morgen
Gerichtssitzung bevorstand -- er war doch stolz darauf. Nun lebte er
endlich in einem alles beherrschenden Gefühl. Ja, mit dem schlaffen
Junggesellenleben war es endgültig vorbei -- jetzt hieß es, auf ein
Ziel lossteuern.
Gewiß, er war sich starker Widerstände bewußt. Besonders, wenn er an
Onkel Joachim dachte. Der mußte ja etwas anderes mit ihm vorhaben.
Aber bei aller Dankbarkeit und allem Respekt -- er konnte sich nicht
mehr als Mündel einem Vormund gegenüber fühlen. Die Tage des blinden
Gehorsams waren vorbei. Jetzt mußte er der Schmied seines Glückes
werden.
Sicher und hochgemut verließ Viktor Schwarz am nächsten Morgen
seine Wohnung und ging zu Gericht. Heute wurde gegen Milchpanscher
verhandelt. Das war ein kalter Guß, den man sich aber gefallen
lassen mußte. Der Herr Amtsrichter sah zuweilen erstaunt auf seinen
Beisitzenden, der heute gar so zerstreut war und fast törichte Fragen
stellte. Wiederholt war die Würde des Gerichtes durch Viktor Schwarz
gefährdet. Aber auf der Miene des Verliebten lag zugleich ein so
verklärter Ernst, daß der Herr Amtsrichter sich wieder beruhigte.
Jedenfalls hatte der Assessor Großes vor.
Das hatte er in der Tat. Er baute an nichts Geringerem als an einem
unerschütterlichen Zukunftsplan. Doch als er mittags mit wuchtigen
Schritten seine Wohnung betrat, stand er wie vom Donner gerührt. Auf
dem Sofa saß behaglich lächelnd ein Besuch. Die imposante Gestalt des
Mannes, der bisher den größten Einfluß auf sein Leben gehabt, sah
er vor sich. Es war keine Augentäuschung -- Onkel Joachim hatte ihn
besucht ...