XXIV.

Gott siehet herab! und -- horch! die Wetter schweigen,

Errettung kommt, woher Verderben kam;

Des Tages langersehnte Blicke zeigen,

Wie Gott uns schützte und was Gott uns nahm.

Aus der »Ueberschwemmung« 1825.

Aber mit welchen Gefühlen sahen sich die dem Tode Entronnenen auf der

Stätte ihres früheren, bei allen Entbehrungen ihnen doch so

freundlichen, häuslichen Stilllebens! Wer möchte sie richten, daß nicht

gleich der erste Aufblick Dank war. Kaum konnte das Leben als eine

willkommene Gabe erscheinen, da ihnen Alles genommen, was das Leben in

dieser Erdenzeit zur Erhaltung und zum Genuß fordert. Ausgeschwemmt war

der Boden, wo die Mauern des Hauses gestanden, die das genügsame, und

darum so reiche Glück eines liebenden Paares umschlossen. Das Gotteshaus

war fort und damit der Verkünder des Evangeliums in dem innersten Leben

seines Berufes auf's Tiefste verwundet und von seinem zweiten Heiligtum,

von dem stillen Herde seines häuslichen Glücks, waren ihm nur einige

Trümmer geblieben, die kaum noch die Stätte desselben bezeichneten. Er

und seine Gattin sahen mit Thränen auf die Verwüstung. Er gedachte

seiner Bücher, auch nicht eins war ihm geblieben; sie dachte an die

tausend kleinen Mittel und Zeugnisse der Wirtschaftlichkeit, auch keine

Spur war übrig gelassen, woran sich ein neuer Hausstand anknüpfen ließ.

Was Beide verloren, konnte eine Geldrolle aufwiegen; aber die Freude an

Dem, was sie unter Sorgen und Mühen erworben, die Liebe zu Dem, was

freundliche Erinnerungen ihrem Herzen teuer gemacht, das Band, mit

welchem die Gewohnheit uns auch an ein sonst wenig beachtetes Eigentum

bindet, die alte Traulichkeit, mit der uns ein Besitz anblickt, der

gleichsam als treuer Freund und Genosse zu den Freuden und Leiden

unseres häuslichen Lebens gehört, das Alles konnte kein Gold wieder

erstatten. Und wäre dies auch möglich gewesen, woher der Ersatz? Standen

sie nicht arm und bloß da? -- Ohne Aussicht für die Zukunft! Ohne

Aussicht auch nur für des Tages Bedürfnis! Das Leben aus der tobenden

See gerettet, mußte es nicht vielleicht schon in den nächsten Tagen dem

Hunger und dem Froste unterliegen? Durften sie jetzt schon vertrauend

hinüberblicken zu den Küsten des festen Landes, von wo die Hülfe kommen

sollte, ehe sie wußten, wie weit die Ueberschwemmung sich auch über

Deiche und Dämme ergossen, wie weit die Milde und die Mittel ihrer

Nebenmenschen reichen und wie schnell die Blicke von jenen Ufern auf

ihren Zustand geleitet werden würden? Hatte doch wohl damals Keiner in

unserm Vaterlande erwartet, daß für die Halligen so viel rasche

Thätigkeit sich entwickeln, so reichliche Unterstützung ihnen zufließen

werde, als die Folge bewährte; wie viel weniger konnten im ersten

Augenblick, in dem vollen Gefühl ihrer furchtbaren Lage, die

unglücklichen Halligbewohner selbst erwarten?

Hold und seine Gattin weilten trostlos auf der nun wüsten Stätte ihres

früheren Glückes, und ihr Kind weinte vor Kälte. Sie wandten ihre Blicke

umher und allenthalben sahen sie dieselbe Verwüstung. Leere Werften oder

noch einzelne Pfähle hier und da, die ein zerrissenes Dach trugen! Nur

eine Wohnung war weniger zerstört und konnte einigermaßen noch Schutz

und Obdach bieten. Dahin lenkten sie ihre wankenden Schritte. Als Hold

von der zerlöcherten Werfte hinabstieg, bemerkte er eine Platte von dem

umgestürzten eisernen Ofen, unter der ein Buch hervorragte. Und er stand

still, und eine dunkle Röte, wie die Glut der Scham, goß sich über sein

bleiches Gesicht. -- Dann aber flossen seine Thränen stärker, doch aus

den Thränen hob sich ein leuchtender Blick zu dem umwölkten Himmel. Er

faßte die Hand seiner Gattin, drückte sie fest und innig und sprach:

»Siehe, da redet der Herr wieder zu uns! Nein,« und damit schloß er Weib

und Kind in seine Arme, »wir wollen nun und nimmer verzagen. Er will,

daß wir Ihn hören. Wie klar hat Er auf's Neue geredet! Er selber hat mir

am Abend zu schreiben gegeben, was mir am Morgen dienen sollte zur

Stärkung meines schwachen Glaubens.«

Und nun erzählte er auf dem Wege zu der Zufluchtsstätte, was er in das

Buch seiner »Gesichte«, denn dies war das gefundene, am gestrigen Abend

zuletzt geschrieben:

»Und wieder war der Himmel geöffnet wie in der Zeit, da Jakob, der Sohn

Isaaks, schlummerte auf dem Felde. Aus dem lichten Gewölk, das den

Eingang zu der Stätte der Engel, die das Antlitz Gottes schauen,

umwallte, ging herab die Himmelsleiter hinein in die schweigende Nacht

der winterlichen Erde. Die Strebesäulen der Leiter waren wie zwei

breite, von Morgendüften umflossene Sonnenstrahlen, und die Stufen wie

Mondenschimmer, durchblitzt von Sternenlicht. Niederstieg ein Bote

Gottes, anfangs anzuschauen wie ein weißes, duftiges Gewölk, das sich

wieget am Sommertage in dem blauen Himmelsmeer; dann näher zur Erde

schwebend erschien seine Gestalt, wie den Himmlischen die Gestalt einer

frommen Seele erscheinen mag, wenn sie in dem verklärten Leibe, für den

unser Auge keinen Blick hat, der Heimat beim Vater zueilt. Mein Auge

aber sollte geöffnet werden, den Engel zu schauen auch in dieser

Gestalt, denn eine feurige Kohle war mir bereitet in des Vaters Rat,

weil meine Schwachheit gezagt hatte in Sorgen der Nahrung. Und der Engel

betrat die Erde, winkte und schwebte mir voran leise und leicht, wie

Sommerfäden durch die Lüfte ziehen. Wir wandelten über Berg und Thal hin

durch die stille Winternacht, und mein Fuß strauchelte nicht auf der

glatten Eisdecke und wurde nicht müde in dem weichen Schnee, als

berührten meine Sohlen nicht den Grund unter mir. Auch an einzelnen

nächtlichen Pilgern kamen wir vorüber, aber sie sahen uns nicht, denn

auch meine Gestalt war vor Menschenaugen nicht da. Kam es mir doch

selber vor, als hätte ich den schweren, dunklen Erdenschatten

zurückgelassen auf seiner Schlummerstätte, und es pilgerte meine Seele

in dem Kleide der zukünftigen Heimat. So kamen wir in eine große Stadt

und die Thore öffneten und schlossen sich ohne Geräusch, wie eine

Nebelwand auseinanderfließt und den Sonnenstrahl durchläßt, der, eine

schlummernde Knospe zu wecken, mit raschem Blick auf die Flur

niederleuchtet. In den Straßen war es öde und still, und wir schritten

durch die langen Häuserzeilen wie zwei Lustwandler, die, verspätet auf

ihrer Ausflucht, nun die Pforten ihrer Wohnung verschlossen fanden und

eine gastliche Stätte suchen bei einem entfernten Freunde. So wandelte

der Engel Gottes mit mir durch die weite Stadt, und die da schliefen in

den hohen Palästen, träumten von dem Reichtum, den Ehren und den

Wollüsten dieser Erde, wie zuvor; und die da schliefen in den Hütten der

Armut, sorgten auch im Schlafe in Sorgen der Nahrung und waren voll Neid

und Gier, wie am Tage; aber der Engel Gottes ging vorüber und Niemand

merkte ihn. Nur über des Kindleins Angesicht, das noch unbekannt mit der

Welt in der Wiege schlummerte, und noch nicht wußte, ob es reich oder

arm geboren sei, mochte ein Lächeln hinwallen, schöner und lieblicher,

als das Lächeln der Braut, die im Traum den Verlobten sieht. Da lag am

andern Ende der Stadt eine hohe Kirche, deren schlanke Thürme sich in

die Wolken streckten, durchbrochen vom leuchtenden Schein des

Mondlichts, und deren breite Seiten und Säulenhallen dahin gebaut

schienen, um die dahinterliegenden engen Gäßchen, die Heimat der Elenden

und Verachteten, zu bedecken. Durch die hohen Fensterbogen glänzte

Lampenschimmer, und wie wir an der gewölbten Pforte standen, läutete ein

liebliches Glockenspiel zur Frühmette. Mich ergriff das Geläute vom

Thurm und der Gesang der Priester am Altar mit heiligen Schauern, und es

drängte mich hineinzugehen mit den einzelnen Andächtigen, die zum Gebet

eilten. Der Bote Gottes aber winkte zu bleiben und wandte seinen Blick

hinauf zu dem Gesimse des stattlichen Tempels. Da fiel ein Sperling,

erstarrt in dem scharfen Winterfrost, herab vom Dache zu den Füßen des

Engels. Dieser aber hob ihn auf und barg ihn mitleidig in die Falten

seines Gewandes, ihn zu erwärmen an seinem Busen. Und als ob damit sein

Geschäft aus wäre an dieser Stätte, schritt er rascher, und wie es mir

schien, mit freudigerem Antlitz weiter vorwärts, hinein in das geächtete

Viertel der Stadt, hinein in die dunklen, schmalen und gewundenen Gassen

bis an die äußerste Ringmauer. Da stand eine Hütte, also verfallen, daß

mir bange war, nur vorüberzugehen. Aber der Bote Gottes ging hinein und

ich mußte ihm unwillkürlich folgen. Eine morsche Stiege hinauf, und noch

eine, da traten wir in eine schmale Bretterkammer unter dem Dache. Das

einzige Fenster der ärmlichen Behausung hatte über die Ringmauer hinweg

die Aussicht auf das offene Feld und bot mit seinen geborstenen Scheiben

dem rauhen Winde freien Eingang, zugleich aber auch dem vollen

Mondstrahl, also daß ich alle Gegenstände deutlich erkennen konnte, als

wäre es heller Tag. Vielleicht mochten auch meine Augen klarer sein,

denn sonst. Auf dem Strohlager in der einen Ecke lag ein Sterbender, ich

hörte es an dem Röcheln seiner Brust. Ach! er war der Versorger, der

einzige, letzte Versorger der Seinen, die um sein Lager standen, sein

Weib mit sechs Kindern und das siebente an ihrer Brust. Die Kinder

rangen die Hände und weinten laut. Die Mutter aber blickte mit dem

bleichen, starren Antlitz vor sich hin und hatte keine Thräne mehr. Nur

der Säugling lag am Busen der Verzweiflung und sog die wenige Nahrung.

Der Sterbende richtete sich mit matter Anstrengung auf und blickte mit

den hohlen Augen hin auf die Seinen. In allen seinen Zügen lag die

martervolle Sehnsucht nach einer Tröstung für sie, er pflückte

krampfhaft mit den hagern Fingern in den Strohhalmen vor ihm, als hoffte

er, noch eine Aehre zu finden, die ihn erinnere an den Gott, der den

Hungrigen Brot giebt; aber die Halme waren leer, und sein Seufzer ward

zum Verzweiflungsgestöhn. Die Kinder weinten lauter, und der Mutter

brachen die Kniee, daß sie niedersank neben dem Gatten.

»Wohin führst Du mich?« sprach ich leise zu dem Engel. »Hilf hier, wenn

Du kannst, oder laß uns von hinnen gehen, laß mich weinen über das Elend

des menschlichen Lebens.«

Der Engel aber antwortete, und seine Worte tönten wie das Wehen, das dem

erwachenden Morgen vorangeht:

»Das Auge unseres himmlischen Vaters schauet herab auf alle seine Kinder

im Staube. Die Hülfe ist in seinem Rat. Er wird auch hier Keinen

verlassen und versäumen. Ich aber bin von ihm nur gesandt, daß die Seele

des Sterbenden im Frieden von hinnen fahre.«

Bei diesen Worten lüftete er die Falten seines Gewandes, und der

Sperling, neubelebt an seiner Brust, flatterte hervor und dem Fenster

zu. Auf der Fensterbank lag der Rest einer Brodrinde, der letzte Vorrat

der Armen. Und der hungrige Vogel ließ sich nieder und machte sich an

die Brodrinde, und pickte geschäftig eine Krume nach der andern ab. Da

floß es wie ein Strahl der Verklärung über das Antlitz des Sterbenden.

Sein Auge beobachtete mit leuchtendem Blick jede Bewegung des Vogels,

der bald an die eine, bald an die andere Seite hüpfend von der

gefundenen Nahrung kostete. Und immer glänzender spiegelte sich die

Freude, immer seliger der Friede in den Zügen des dem Tode nahen. Höher

richtete er sich auf, als wäre ihm die jugendliche Kraft zurückgekehrt,

eine Thräne des Dankes schimmerte in seinem nun zum Himmel gewendeten

Auge; Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung thronten auf seiner heitern Stirn.

Dann schaute er zurück auf die Seinen, streckte die Hand aus über die

Gattin und die Kinder hin, wies auf den Sperling am Fenster und rief mit

voller, fester und klarer Stimme:

»Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht,

sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nähret sie

doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie?«

Er sprach's und sah nur noch, wie aus der Gattin Auge, das so lange

thränenleer gewesen war, wieder eine milde Zähre floß, da -- schied

seine Seele in Frieden.«

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 30 / 33 题