Gott siehet herab! und -- horch! die Wetter schweigen,
Errettung kommt, woher Verderben kam;
Des Tages langersehnte Blicke zeigen,
Wie Gott uns schützte und was Gott uns nahm.
Aus der »Ueberschwemmung« 1825.
Aber mit welchen Gefühlen sahen sich die dem Tode Entronnenen auf der
Stätte ihres früheren, bei allen Entbehrungen ihnen doch so
freundlichen, häuslichen Stilllebens! Wer möchte sie richten, daß nicht
gleich der erste Aufblick Dank war. Kaum konnte das Leben als eine
willkommene Gabe erscheinen, da ihnen Alles genommen, was das Leben in
dieser Erdenzeit zur Erhaltung und zum Genuß fordert. Ausgeschwemmt war
der Boden, wo die Mauern des Hauses gestanden, die das genügsame, und
darum so reiche Glück eines liebenden Paares umschlossen. Das Gotteshaus
war fort und damit der Verkünder des Evangeliums in dem innersten Leben
seines Berufes auf's Tiefste verwundet und von seinem zweiten Heiligtum,
von dem stillen Herde seines häuslichen Glücks, waren ihm nur einige
Trümmer geblieben, die kaum noch die Stätte desselben bezeichneten. Er
und seine Gattin sahen mit Thränen auf die Verwüstung. Er gedachte
seiner Bücher, auch nicht eins war ihm geblieben; sie dachte an die
tausend kleinen Mittel und Zeugnisse der Wirtschaftlichkeit, auch keine
Spur war übrig gelassen, woran sich ein neuer Hausstand anknüpfen ließ.
Was Beide verloren, konnte eine Geldrolle aufwiegen; aber die Freude an
Dem, was sie unter Sorgen und Mühen erworben, die Liebe zu Dem, was
freundliche Erinnerungen ihrem Herzen teuer gemacht, das Band, mit
welchem die Gewohnheit uns auch an ein sonst wenig beachtetes Eigentum
bindet, die alte Traulichkeit, mit der uns ein Besitz anblickt, der
gleichsam als treuer Freund und Genosse zu den Freuden und Leiden
unseres häuslichen Lebens gehört, das Alles konnte kein Gold wieder
erstatten. Und wäre dies auch möglich gewesen, woher der Ersatz? Standen
sie nicht arm und bloß da? -- Ohne Aussicht für die Zukunft! Ohne
Aussicht auch nur für des Tages Bedürfnis! Das Leben aus der tobenden
See gerettet, mußte es nicht vielleicht schon in den nächsten Tagen dem
Hunger und dem Froste unterliegen? Durften sie jetzt schon vertrauend
hinüberblicken zu den Küsten des festen Landes, von wo die Hülfe kommen
sollte, ehe sie wußten, wie weit die Ueberschwemmung sich auch über
Deiche und Dämme ergossen, wie weit die Milde und die Mittel ihrer
Nebenmenschen reichen und wie schnell die Blicke von jenen Ufern auf
ihren Zustand geleitet werden würden? Hatte doch wohl damals Keiner in
unserm Vaterlande erwartet, daß für die Halligen so viel rasche
Thätigkeit sich entwickeln, so reichliche Unterstützung ihnen zufließen
werde, als die Folge bewährte; wie viel weniger konnten im ersten
Augenblick, in dem vollen Gefühl ihrer furchtbaren Lage, die
unglücklichen Halligbewohner selbst erwarten?
Hold und seine Gattin weilten trostlos auf der nun wüsten Stätte ihres
früheren Glückes, und ihr Kind weinte vor Kälte. Sie wandten ihre Blicke
umher und allenthalben sahen sie dieselbe Verwüstung. Leere Werften oder
noch einzelne Pfähle hier und da, die ein zerrissenes Dach trugen! Nur
eine Wohnung war weniger zerstört und konnte einigermaßen noch Schutz
und Obdach bieten. Dahin lenkten sie ihre wankenden Schritte. Als Hold
von der zerlöcherten Werfte hinabstieg, bemerkte er eine Platte von dem
umgestürzten eisernen Ofen, unter der ein Buch hervorragte. Und er stand
still, und eine dunkle Röte, wie die Glut der Scham, goß sich über sein
bleiches Gesicht. -- Dann aber flossen seine Thränen stärker, doch aus
den Thränen hob sich ein leuchtender Blick zu dem umwölkten Himmel. Er
faßte die Hand seiner Gattin, drückte sie fest und innig und sprach:
»Siehe, da redet der Herr wieder zu uns! Nein,« und damit schloß er Weib
und Kind in seine Arme, »wir wollen nun und nimmer verzagen. Er will,
daß wir Ihn hören. Wie klar hat Er auf's Neue geredet! Er selber hat mir
am Abend zu schreiben gegeben, was mir am Morgen dienen sollte zur
Stärkung meines schwachen Glaubens.«
Und nun erzählte er auf dem Wege zu der Zufluchtsstätte, was er in das
Buch seiner »Gesichte«, denn dies war das gefundene, am gestrigen Abend
zuletzt geschrieben:
»Und wieder war der Himmel geöffnet wie in der Zeit, da Jakob, der Sohn
Isaaks, schlummerte auf dem Felde. Aus dem lichten Gewölk, das den
Eingang zu der Stätte der Engel, die das Antlitz Gottes schauen,
umwallte, ging herab die Himmelsleiter hinein in die schweigende Nacht
der winterlichen Erde. Die Strebesäulen der Leiter waren wie zwei
breite, von Morgendüften umflossene Sonnenstrahlen, und die Stufen wie
Mondenschimmer, durchblitzt von Sternenlicht. Niederstieg ein Bote
Gottes, anfangs anzuschauen wie ein weißes, duftiges Gewölk, das sich
wieget am Sommertage in dem blauen Himmelsmeer; dann näher zur Erde
schwebend erschien seine Gestalt, wie den Himmlischen die Gestalt einer
frommen Seele erscheinen mag, wenn sie in dem verklärten Leibe, für den
unser Auge keinen Blick hat, der Heimat beim Vater zueilt. Mein Auge
aber sollte geöffnet werden, den Engel zu schauen auch in dieser
Gestalt, denn eine feurige Kohle war mir bereitet in des Vaters Rat,
weil meine Schwachheit gezagt hatte in Sorgen der Nahrung. Und der Engel
betrat die Erde, winkte und schwebte mir voran leise und leicht, wie
Sommerfäden durch die Lüfte ziehen. Wir wandelten über Berg und Thal hin
durch die stille Winternacht, und mein Fuß strauchelte nicht auf der
glatten Eisdecke und wurde nicht müde in dem weichen Schnee, als
berührten meine Sohlen nicht den Grund unter mir. Auch an einzelnen
nächtlichen Pilgern kamen wir vorüber, aber sie sahen uns nicht, denn
auch meine Gestalt war vor Menschenaugen nicht da. Kam es mir doch
selber vor, als hätte ich den schweren, dunklen Erdenschatten
zurückgelassen auf seiner Schlummerstätte, und es pilgerte meine Seele
in dem Kleide der zukünftigen Heimat. So kamen wir in eine große Stadt
und die Thore öffneten und schlossen sich ohne Geräusch, wie eine
Nebelwand auseinanderfließt und den Sonnenstrahl durchläßt, der, eine
schlummernde Knospe zu wecken, mit raschem Blick auf die Flur
niederleuchtet. In den Straßen war es öde und still, und wir schritten
durch die langen Häuserzeilen wie zwei Lustwandler, die, verspätet auf
ihrer Ausflucht, nun die Pforten ihrer Wohnung verschlossen fanden und
eine gastliche Stätte suchen bei einem entfernten Freunde. So wandelte
der Engel Gottes mit mir durch die weite Stadt, und die da schliefen in
den hohen Palästen, träumten von dem Reichtum, den Ehren und den
Wollüsten dieser Erde, wie zuvor; und die da schliefen in den Hütten der
Armut, sorgten auch im Schlafe in Sorgen der Nahrung und waren voll Neid
und Gier, wie am Tage; aber der Engel Gottes ging vorüber und Niemand
merkte ihn. Nur über des Kindleins Angesicht, das noch unbekannt mit der
Welt in der Wiege schlummerte, und noch nicht wußte, ob es reich oder
arm geboren sei, mochte ein Lächeln hinwallen, schöner und lieblicher,
als das Lächeln der Braut, die im Traum den Verlobten sieht. Da lag am
andern Ende der Stadt eine hohe Kirche, deren schlanke Thürme sich in
die Wolken streckten, durchbrochen vom leuchtenden Schein des
Mondlichts, und deren breite Seiten und Säulenhallen dahin gebaut
schienen, um die dahinterliegenden engen Gäßchen, die Heimat der Elenden
und Verachteten, zu bedecken. Durch die hohen Fensterbogen glänzte
Lampenschimmer, und wie wir an der gewölbten Pforte standen, läutete ein
liebliches Glockenspiel zur Frühmette. Mich ergriff das Geläute vom
Thurm und der Gesang der Priester am Altar mit heiligen Schauern, und es
drängte mich hineinzugehen mit den einzelnen Andächtigen, die zum Gebet
eilten. Der Bote Gottes aber winkte zu bleiben und wandte seinen Blick
hinauf zu dem Gesimse des stattlichen Tempels. Da fiel ein Sperling,
erstarrt in dem scharfen Winterfrost, herab vom Dache zu den Füßen des
Engels. Dieser aber hob ihn auf und barg ihn mitleidig in die Falten
seines Gewandes, ihn zu erwärmen an seinem Busen. Und als ob damit sein
Geschäft aus wäre an dieser Stätte, schritt er rascher, und wie es mir
schien, mit freudigerem Antlitz weiter vorwärts, hinein in das geächtete
Viertel der Stadt, hinein in die dunklen, schmalen und gewundenen Gassen
bis an die äußerste Ringmauer. Da stand eine Hütte, also verfallen, daß
mir bange war, nur vorüberzugehen. Aber der Bote Gottes ging hinein und
ich mußte ihm unwillkürlich folgen. Eine morsche Stiege hinauf, und noch
eine, da traten wir in eine schmale Bretterkammer unter dem Dache. Das
einzige Fenster der ärmlichen Behausung hatte über die Ringmauer hinweg
die Aussicht auf das offene Feld und bot mit seinen geborstenen Scheiben
dem rauhen Winde freien Eingang, zugleich aber auch dem vollen
Mondstrahl, also daß ich alle Gegenstände deutlich erkennen konnte, als
wäre es heller Tag. Vielleicht mochten auch meine Augen klarer sein,
denn sonst. Auf dem Strohlager in der einen Ecke lag ein Sterbender, ich
hörte es an dem Röcheln seiner Brust. Ach! er war der Versorger, der
einzige, letzte Versorger der Seinen, die um sein Lager standen, sein
Weib mit sechs Kindern und das siebente an ihrer Brust. Die Kinder
rangen die Hände und weinten laut. Die Mutter aber blickte mit dem
bleichen, starren Antlitz vor sich hin und hatte keine Thräne mehr. Nur
der Säugling lag am Busen der Verzweiflung und sog die wenige Nahrung.
Der Sterbende richtete sich mit matter Anstrengung auf und blickte mit
den hohlen Augen hin auf die Seinen. In allen seinen Zügen lag die
martervolle Sehnsucht nach einer Tröstung für sie, er pflückte
krampfhaft mit den hagern Fingern in den Strohhalmen vor ihm, als hoffte
er, noch eine Aehre zu finden, die ihn erinnere an den Gott, der den
Hungrigen Brot giebt; aber die Halme waren leer, und sein Seufzer ward
zum Verzweiflungsgestöhn. Die Kinder weinten lauter, und der Mutter
brachen die Kniee, daß sie niedersank neben dem Gatten.
»Wohin führst Du mich?« sprach ich leise zu dem Engel. »Hilf hier, wenn
Du kannst, oder laß uns von hinnen gehen, laß mich weinen über das Elend
des menschlichen Lebens.«
Der Engel aber antwortete, und seine Worte tönten wie das Wehen, das dem
erwachenden Morgen vorangeht:
»Das Auge unseres himmlischen Vaters schauet herab auf alle seine Kinder
im Staube. Die Hülfe ist in seinem Rat. Er wird auch hier Keinen
verlassen und versäumen. Ich aber bin von ihm nur gesandt, daß die Seele
des Sterbenden im Frieden von hinnen fahre.«
Bei diesen Worten lüftete er die Falten seines Gewandes, und der
Sperling, neubelebt an seiner Brust, flatterte hervor und dem Fenster
zu. Auf der Fensterbank lag der Rest einer Brodrinde, der letzte Vorrat
der Armen. Und der hungrige Vogel ließ sich nieder und machte sich an
die Brodrinde, und pickte geschäftig eine Krume nach der andern ab. Da
floß es wie ein Strahl der Verklärung über das Antlitz des Sterbenden.
Sein Auge beobachtete mit leuchtendem Blick jede Bewegung des Vogels,
der bald an die eine, bald an die andere Seite hüpfend von der
gefundenen Nahrung kostete. Und immer glänzender spiegelte sich die
Freude, immer seliger der Friede in den Zügen des dem Tode nahen. Höher
richtete er sich auf, als wäre ihm die jugendliche Kraft zurückgekehrt,
eine Thräne des Dankes schimmerte in seinem nun zum Himmel gewendeten
Auge; Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung thronten auf seiner heitern Stirn.
Dann schaute er zurück auf die Seinen, streckte die Hand aus über die
Gattin und die Kinder hin, wies auf den Sperling am Fenster und rief mit
voller, fester und klarer Stimme:
»Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nähret sie
doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie?«
Er sprach's und sah nur noch, wie aus der Gattin Auge, das so lange
thränenleer gewesen war, wieder eine milde Zähre floß, da -- schied
seine Seele in Frieden.«