XXIII.

Und solche Nacht, die bleibt im Leben

Ein Denkmal, das auf Felsen ruht;

Der Schein, den sie in's Herz gegeben,

Verlischt in keiner Thränenflut.

So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden

Erzählung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es

ist, wenn Manches dem Leser als zu kühnes Gemälde der Phantasie

erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist

gerade da, wo die Begebenheiten in's Gebiet des Wunderbaren

hinüberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefärbte

Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff für die folgenden

Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der

Trübsal in der Gemeinde des Verfassers genommen.

Heftige Stürme aus Nordwesten trieben die Fluten über das Land hin, so

daß selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewöhnt

an solche Stürme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit früheren,

glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu fürchten zu haben, und

während die Wogen an die Werften heranbrausten und die Hütten

erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frühen

Abend sich ruhig nieder. Hold saß noch etwas später auf, beschäftigt mit

einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum

zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der

Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen.

Da trat zu Hold's Erstaunen Maria leise in's Zimmer.

»Das Wasser steigt hoch,« sagte sie mit bebender Stimme.

»Wie!« rief Hold, und dämpfte aus Besorgnis für die Ruhe seiner Frau

schnell den Ausruf des Schreckens: »Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt

ist es kaum zehn!«

»Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt,« fuhr Maria fort.

»Schon schlagen einzelne Wellen an Godber's Wohnung hinauf, schon hat

sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn

vor der Thür. Er blickte so starr nach mir herüber.«

Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geöffnete

Hausthür.

Ein wahrhaft blendender Mondschein goß sein Licht über das Meer aus, das

mit vollen, breiten Wogen schäumend und rauschend, in dunklen Thälern

und leuchtenden Höhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen

gleichsam über sich selber ausschöpfte, als wollte ein Meer das andere

überfluten.

»Gott sei unserer armen Seele gnädig in dieser Nacht!« rief Hold, und

blickte unwillkürlich zurück in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand

diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem

weiblichen Geschlecht in Stunden der höchsten Gefahr fast öfter gefunden

wird, als bei Männern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken

schlang:

»Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht

allein zurück, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten!«

In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber's Wohnung hinab in die

Flut, und es war vorauszusehn, daß der jetzt schon so deutlich werdende

schlechte Zustand der Werfte bald den völligen Untergang des Hauses und

den schnellen Tod seines Bewohners herbeiführen würde. Godber aber

schien, obgleich manche zu seinen Füßen brandende Woge ihn mit ihrem

Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich für die Gefahr. Noch stand

er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zügen seines Antlitzes

kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein

Blick war nicht mehr auf Hold's Wohnung gerichtet, sondern starrte nach

der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der

äußerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar

wurde. Daß ein Fach seiner Wohnung niederbrach, störte ihn nicht auf.

Maria rief aus angstgepreßter Brust ihm zu. Er hörte es nicht. Da -- war

es ein zufälliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag

gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, --

sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nächsten Minute schon

gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schäumenden Berge einer

Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden

Welle fort.

Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold's und seiner Gattin weckte

Godber aus seinem Brüten. Sein Blick flog rasch über die Fluten hin in

der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben

Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem

glänzenden Schaumgewölk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen

Arme und der Kopf der Jungfrau. Da stürzte Godber hinein in die rollende

See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die

glücklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen

Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den

wütenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem

Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine

Kräfte nicht gewachsen waren, während er, wo seine Kraft ausreichte

seinem Ziele in schräger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben

aus dem ihn hochüberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge

aufathmete, schoß von dem Schaumrande der nächsten Wassermauer vor ihm

eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen,

ihm entgegen, und -- in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf

seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm.

So weit waren die ängstlichen Blicke Hold's und seiner Gattin den

Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende

Woge, die die Hausflur überspülte, sie daran, die nötigen Vorkehrungen

für die eigne Rettung zu machen. Hold schloß alle Fensterläden fester

und verriegelte die Hausthür. Die besten Schafe hätten auf den Boden

gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige

Hülfe unfähig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter

zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der

Kälte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch

kleine Nachhülfe die Thüren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer

gemacht werden könnten, entschlossen sie sich, so lange als möglich

unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstände um sie her zu

treiben an, da die Zugänge in's Haus nicht gegen die dasselbe umgebende

Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden

Element noch kein solcher Zugang geöffnet, der demselben eine

zerstörende Macht über das Inwendige der Wohnung gegeben hätte. Nur

hatte die Pastorin für jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach

einem schläfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig

fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saßen neben einander auf

dem schweren Eichentisch, der ein Erbstück des Pastorats wol schon öfter

die See um sich her gehabt hatte, und drückten bei jedem Wogenschlag,

der die Grundfesten des Hauses erschütterte, sich fester an einander. In

der nächsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im

ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da mußten

sie sich entschließen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe

zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit

gewaltigen Donnerschlägen gegen die Thür an der Westseite des Hauses;

diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das

Vorderende eines mächtigen Balkens drang mit einem rasenden

Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die

Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglücklichen einige Minuten

regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die

todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hörten sie laute

Klagetöne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich

schleppte, und das in dem Augenblick in Trümmer zerriß, wurde der

Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag,

mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen.

»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Nachbarin mit dem herzzerreißendsten

Jammer, als sie sich von der ersten Betäubung erholte. Ach! das Kind war

auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses

vorausgesehen, und die armen Eltern wußten nicht, ob es von dem Fall der

Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe.

»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Mutter wieder und wieder, und der

Vater jammerte mit ihr. Beide vergaßen, daß sie, wenigstens für den

Augenblick, gerettet, Beide vergaßen, daß die nächste Minute auch sie

als Opfer der tobenden See auf schäumenden Wellen forttreiben könne.

Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her

fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach

alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem

Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federbälle zu, und jeden

Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert

zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen

Bodenluke, von der eine längere Lebenshoffnung wie neckisch

herabschaute, da keine Stiege mehr hinaufführte. Einige Erleichterung

gewährte es ihnen, daß ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch

entgegengesetzten Seite jetzt niederstürzte, während gerade hinter ihnen

die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne

bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstücke in

wildem Gedränge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit

den immer höher schwellenden Wogenstürzen zu kämpfen, da nur noch nackte

Pfähle um sie her waren. Wäre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann

freilich hätten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe.

Doch immer höher und höher stieg die Flut, und immer gewisser ward der

Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die höchste

Anstrengung die Unglücklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine

Möglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen

einzelne Wellen über ihr Haupt hin; und Hold's Gattin mußte das weinende

Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, höher halten, um

es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.

Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden

konnte, war die Hülfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfaß, das

Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo

es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefaßt, vorne über

und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll

angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit

neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom

Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem

Wellenschlag erschütterten Pfählen. Rings um und unter sich den empörten

Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch über das zitternde Obdach

hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Löcher desselben

hereingossen. In dieser, gegen die frühere unten im Hause ruhigeren Lage

sank Hold's Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst

nicht von den heißen Thränen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf

die teure Bürde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte

hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren

Sohn. Jetzt stürzte die Kirche, die mit Hold's Wohnung, wie schon

erwähnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es würde Allen unbemerkt

geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie

im Knarren und Krachen aller Fugen des Gebälks auch selbst des Himmels

Donnerschläge aus dem betäubenden Gemisch von Tönen nicht heraus gehört

worden wären, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten

das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit

nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen

Sparren über sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte,

beschränkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und

Osten hin gegeben wäre.

Welche Aussicht! Ein weites unübersehliches Wogenfeld, das bald zu einem

Bogen sich vor ihnen auftürmte, der ihre Zuflucht mit seiner mächtigen

Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge

darunter hinschäumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drücken

und in fliegende Trümmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich

Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander,

gleichsam in ängstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhestätte hinter

den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag

gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal

auch der übrigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete,

tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung

Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das

grelle Licht des Mondes breitete einen fürchterlich hellen Schein auf

dies Schreckensgemälde, als hätte die Nacht darum des Tages Schimmer

geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den

Häusern der Hallig hätte nur Godber's Wohnung von der offenen Seite

gesehen werden können, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen

nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der

Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Füße

hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit übermenschlicher Kraft schien

er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Stoß

der tollen Windsbraut entgegen, daß mit ihr die Wasser ganz über ihn

hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder

empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen.

Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fuß -- war es ein Mauerwerk, war

es Gebälk, -- hielt nicht länger. Eine fürchterliche Woge rauschte wie

ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber

und Maria, ein vereintes Paar, als würden sie so gen Himmel gehoben,

noch über den Wassern und hinauf bis zu dem äußersten Höhenschaum der

langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel,

aus dem keine Rettung mehr möglich. Ueber diesen Anblick hatten die,

welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr

eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst

zurück, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden müssen, an

andern sahen, und die nun die Nächsten in der Reihe der Opfer sind.

Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefühl, obwohl bei

jeder starken Erschütterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem

Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist

und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen

Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in

Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlösung aus der Schreckensstunde

durch ein schnelles Ende über. Nur lenkte Godber's und Maria's Versinken

in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres

Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als daß es zum

Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde

von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zöge eine dunkle

Wolke vorüber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an

welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten

wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert,

überschlug und aus einander ging. Der obere Teil schoß unter das Dach,

und überschüttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und

siehe! zu den Füßen der Mutter lag ihr längst verloren gegebenes Kind

lebend und unverletzt! O, wer faßt die Wonne der Eltern. Mit tausend

Küssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn

Güte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, daß der Tod Allen noch immer

gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die

Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer völligen Vergessenheit der

gemeinsamen Lage; und hätte in diesem Augenblick das leichte Gebälk dem

Stoß der Wellen nachgegeben, sie würden mit einander, noch voll von der

Wonne des Entzückens über die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt

worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht

verminderte Gefahr zurückkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm

tobte nicht mehr so heftig und sänftigte sich mit jeder Minute. Die

Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen über das gebrechliche Dach

aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der

mit neuer Lebenshoffnung Erfüllten dadurch sehr gemäßigt, daß die

Stützen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie über der Tiefe

gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Stößen und Schlägen

gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre

Fugen sich mehr und mehr lösten; ja daß mit dem Rückgang der Flut der

Grund, auf dem die tragenden Ständer ruhten, in großen Brüchen abfiel

und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, daß

es den Bedrängten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren

allein möglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrägen und

glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen

schweren Wogenzügen nach der Beute hinauf, die es ungern zurückließ, und

wühlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Stützpfähle so gierig

ab, daß diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin

gesparten Opfer jetzt erst den höchsten Grad erreichte. Je höher deren

Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ängstlicher ergriff sie

der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut

doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin!

Wie langsam ging die See zurück! Doch die Zeit zählte sich an dem

Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen

jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen

die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 29 / 33 题