Und solche Nacht, die bleibt im Leben
Ein Denkmal, das auf Felsen ruht;
Der Schein, den sie in's Herz gegeben,
Verlischt in keiner Thränenflut.
So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden
Erzählung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es
ist, wenn Manches dem Leser als zu kühnes Gemälde der Phantasie
erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist
gerade da, wo die Begebenheiten in's Gebiet des Wunderbaren
hinüberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefärbte
Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff für die folgenden
Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der
Trübsal in der Gemeinde des Verfassers genommen.
Heftige Stürme aus Nordwesten trieben die Fluten über das Land hin, so
daß selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewöhnt
an solche Stürme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit früheren,
glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu fürchten zu haben, und
während die Wogen an die Werften heranbrausten und die Hütten
erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frühen
Abend sich ruhig nieder. Hold saß noch etwas später auf, beschäftigt mit
einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum
zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der
Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen.
Da trat zu Hold's Erstaunen Maria leise in's Zimmer.
»Das Wasser steigt hoch,« sagte sie mit bebender Stimme.
»Wie!« rief Hold, und dämpfte aus Besorgnis für die Ruhe seiner Frau
schnell den Ausruf des Schreckens: »Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt
ist es kaum zehn!«
»Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt,« fuhr Maria fort.
»Schon schlagen einzelne Wellen an Godber's Wohnung hinauf, schon hat
sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn
vor der Thür. Er blickte so starr nach mir herüber.«
Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geöffnete
Hausthür.
Ein wahrhaft blendender Mondschein goß sein Licht über das Meer aus, das
mit vollen, breiten Wogen schäumend und rauschend, in dunklen Thälern
und leuchtenden Höhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen
gleichsam über sich selber ausschöpfte, als wollte ein Meer das andere
überfluten.
»Gott sei unserer armen Seele gnädig in dieser Nacht!« rief Hold, und
blickte unwillkürlich zurück in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand
diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem
weiblichen Geschlecht in Stunden der höchsten Gefahr fast öfter gefunden
wird, als bei Männern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken
schlang:
»Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht
allein zurück, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten!«
In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber's Wohnung hinab in die
Flut, und es war vorauszusehn, daß der jetzt schon so deutlich werdende
schlechte Zustand der Werfte bald den völligen Untergang des Hauses und
den schnellen Tod seines Bewohners herbeiführen würde. Godber aber
schien, obgleich manche zu seinen Füßen brandende Woge ihn mit ihrem
Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich für die Gefahr. Noch stand
er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zügen seines Antlitzes
kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein
Blick war nicht mehr auf Hold's Wohnung gerichtet, sondern starrte nach
der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der
äußerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar
wurde. Daß ein Fach seiner Wohnung niederbrach, störte ihn nicht auf.
Maria rief aus angstgepreßter Brust ihm zu. Er hörte es nicht. Da -- war
es ein zufälliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag
gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, --
sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nächsten Minute schon
gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schäumenden Berge einer
Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden
Welle fort.
Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold's und seiner Gattin weckte
Godber aus seinem Brüten. Sein Blick flog rasch über die Fluten hin in
der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben
Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem
glänzenden Schaumgewölk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen
Arme und der Kopf der Jungfrau. Da stürzte Godber hinein in die rollende
See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die
glücklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen
Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den
wütenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem
Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine
Kräfte nicht gewachsen waren, während er, wo seine Kraft ausreichte
seinem Ziele in schräger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben
aus dem ihn hochüberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge
aufathmete, schoß von dem Schaumrande der nächsten Wassermauer vor ihm
eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen,
ihm entgegen, und -- in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf
seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm.
So weit waren die ängstlichen Blicke Hold's und seiner Gattin den
Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende
Woge, die die Hausflur überspülte, sie daran, die nötigen Vorkehrungen
für die eigne Rettung zu machen. Hold schloß alle Fensterläden fester
und verriegelte die Hausthür. Die besten Schafe hätten auf den Boden
gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige
Hülfe unfähig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter
zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der
Kälte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch
kleine Nachhülfe die Thüren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer
gemacht werden könnten, entschlossen sie sich, so lange als möglich
unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstände um sie her zu
treiben an, da die Zugänge in's Haus nicht gegen die dasselbe umgebende
Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden
Element noch kein solcher Zugang geöffnet, der demselben eine
zerstörende Macht über das Inwendige der Wohnung gegeben hätte. Nur
hatte die Pastorin für jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach
einem schläfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig
fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saßen neben einander auf
dem schweren Eichentisch, der ein Erbstück des Pastorats wol schon öfter
die See um sich her gehabt hatte, und drückten bei jedem Wogenschlag,
der die Grundfesten des Hauses erschütterte, sich fester an einander. In
der nächsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im
ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da mußten
sie sich entschließen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe
zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit
gewaltigen Donnerschlägen gegen die Thür an der Westseite des Hauses;
diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das
Vorderende eines mächtigen Balkens drang mit einem rasenden
Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die
Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglücklichen einige Minuten
regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die
todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hörten sie laute
Klagetöne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich
schleppte, und das in dem Augenblick in Trümmer zerriß, wurde der
Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag,
mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen.
»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Nachbarin mit dem herzzerreißendsten
Jammer, als sie sich von der ersten Betäubung erholte. Ach! das Kind war
auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses
vorausgesehen, und die armen Eltern wußten nicht, ob es von dem Fall der
Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe.
»Mein Kind, mein Kind!« schrie die Mutter wieder und wieder, und der
Vater jammerte mit ihr. Beide vergaßen, daß sie, wenigstens für den
Augenblick, gerettet, Beide vergaßen, daß die nächste Minute auch sie
als Opfer der tobenden See auf schäumenden Wellen forttreiben könne.
Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her
fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach
alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem
Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federbälle zu, und jeden
Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert
zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen
Bodenluke, von der eine längere Lebenshoffnung wie neckisch
herabschaute, da keine Stiege mehr hinaufführte. Einige Erleichterung
gewährte es ihnen, daß ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch
entgegengesetzten Seite jetzt niederstürzte, während gerade hinter ihnen
die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne
bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstücke in
wildem Gedränge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit
den immer höher schwellenden Wogenstürzen zu kämpfen, da nur noch nackte
Pfähle um sie her waren. Wäre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann
freilich hätten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe.
Doch immer höher und höher stieg die Flut, und immer gewisser ward der
Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die höchste
Anstrengung die Unglücklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine
Möglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen
einzelne Wellen über ihr Haupt hin; und Hold's Gattin mußte das weinende
Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, höher halten, um
es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.
Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden
konnte, war die Hülfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfaß, das
Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo
es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefaßt, vorne über
und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll
angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit
neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom
Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem
Wellenschlag erschütterten Pfählen. Rings um und unter sich den empörten
Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch über das zitternde Obdach
hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Löcher desselben
hereingossen. In dieser, gegen die frühere unten im Hause ruhigeren Lage
sank Hold's Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst
nicht von den heißen Thränen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf
die teure Bürde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte
hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren
Sohn. Jetzt stürzte die Kirche, die mit Hold's Wohnung, wie schon
erwähnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es würde Allen unbemerkt
geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie
im Knarren und Krachen aller Fugen des Gebälks auch selbst des Himmels
Donnerschläge aus dem betäubenden Gemisch von Tönen nicht heraus gehört
worden wären, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten
das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit
nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen
Sparren über sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte,
beschränkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und
Osten hin gegeben wäre.
Welche Aussicht! Ein weites unübersehliches Wogenfeld, das bald zu einem
Bogen sich vor ihnen auftürmte, der ihre Zuflucht mit seiner mächtigen
Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge
darunter hinschäumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drücken
und in fliegende Trümmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich
Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander,
gleichsam in ängstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhestätte hinter
den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag
gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal
auch der übrigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete,
tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung
Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das
grelle Licht des Mondes breitete einen fürchterlich hellen Schein auf
dies Schreckensgemälde, als hätte die Nacht darum des Tages Schimmer
geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den
Häusern der Hallig hätte nur Godber's Wohnung von der offenen Seite
gesehen werden können, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen
nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der
Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Füße
hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit übermenschlicher Kraft schien
er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Stoß
der tollen Windsbraut entgegen, daß mit ihr die Wasser ganz über ihn
hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder
empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen.
Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fuß -- war es ein Mauerwerk, war
es Gebälk, -- hielt nicht länger. Eine fürchterliche Woge rauschte wie
ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber
und Maria, ein vereintes Paar, als würden sie so gen Himmel gehoben,
noch über den Wassern und hinauf bis zu dem äußersten Höhenschaum der
langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel,
aus dem keine Rettung mehr möglich. Ueber diesen Anblick hatten die,
welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr
eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst
zurück, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden müssen, an
andern sahen, und die nun die Nächsten in der Reihe der Opfer sind.
Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefühl, obwohl bei
jeder starken Erschütterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem
Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist
und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen
Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in
Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlösung aus der Schreckensstunde
durch ein schnelles Ende über. Nur lenkte Godber's und Maria's Versinken
in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres
Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als daß es zum
Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde
von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zöge eine dunkle
Wolke vorüber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an
welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten
wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert,
überschlug und aus einander ging. Der obere Teil schoß unter das Dach,
und überschüttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und
siehe! zu den Füßen der Mutter lag ihr längst verloren gegebenes Kind
lebend und unverletzt! O, wer faßt die Wonne der Eltern. Mit tausend
Küssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn
Güte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, daß der Tod Allen noch immer
gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die
Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer völligen Vergessenheit der
gemeinsamen Lage; und hätte in diesem Augenblick das leichte Gebälk dem
Stoß der Wellen nachgegeben, sie würden mit einander, noch voll von der
Wonne des Entzückens über die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt
worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht
verminderte Gefahr zurückkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm
tobte nicht mehr so heftig und sänftigte sich mit jeder Minute. Die
Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen über das gebrechliche Dach
aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der
mit neuer Lebenshoffnung Erfüllten dadurch sehr gemäßigt, daß die
Stützen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie über der Tiefe
gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Stößen und Schlägen
gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre
Fugen sich mehr und mehr lösten; ja daß mit dem Rückgang der Flut der
Grund, auf dem die tragenden Ständer ruhten, in großen Brüchen abfiel
und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, daß
es den Bedrängten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren
allein möglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrägen und
glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen
schweren Wogenzügen nach der Beute hinauf, die es ungern zurückließ, und
wühlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Stützpfähle so gierig
ab, daß diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin
gesparten Opfer jetzt erst den höchsten Grad erreichte. Je höher deren
Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ängstlicher ergriff sie
der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut
doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin!
Wie langsam ging die See zurück! Doch die Zeit zählte sich an dem
Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen
jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen
die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde.