Nur das Heute ist das Alte,
Jede Morgenröte weiht
Uns für eine neue Zeit,
Und wer sagt uns, wie sie walte?
Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig
zurückgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah,
schlich er trübsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit
ängstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren während
seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz
verfallen; er aber that Nichts für die versäumte Ausbesserung und schien
es nicht zu beachten, daß die Fluten in den stürmischen Weihnachtstagen
große Beschädigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher
machten.
Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu
erheben. Er erzählte viel, so wenig auch Godber solche Gespräche zu
lieben schien, von Maria's frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von
der Ruhe, mit welcher sie ihr künftiges Geschick erwarte, von der Güte
ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne
geradezu Godber's Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in
einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die
erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen läßt unter der Bürde des
bösen Gewissens.
Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher
ihn schweigend angehört, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit
starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und
schauerlich klang:
»Wird der Gott, den Du verkündest, auch jene Nacht wieder ungeboren
machen, in der ich das Steuer des Schiffes verließ, um _Die_ zu retten,
um deretwillen ich ein doppeltes Gelübde brach? Wird Er, wie Er Maria's
verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schönen Bau wieder
zusammenfügen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn
Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezündet, würdest Du das so
leicht vergessen, daß Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem
Schiff gesündigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft
in's Leben zurückrufen, daß ich es von ihnen wieder höre: >Godber ist
ein braver Steuermann!< ohne ein Hohngelächter der Hölle daneben zu
hören?«
Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber's Zügen und Worten,
als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Bürde auf dem Gewissen des
Jünglings. Godber aber fuhr fort:
»Du zitterst vor solchem Verbrechen und hörst es doch nur, und ich, der
es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Für mich ist
keine Hülfe mehr!«
Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer
Verzweiflung in eine wehmütige Rührung bezeugte, setzte er nach einer
kleinen Pause hinzu:
»Und kannst Du mir auch Maria bräutlich froh in den Arm legen, Du kannst
nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz
hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet
durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein
Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da muß der Tod
helfen. -- Und _der_ kann ja auch nicht helfen,« schrie er entsetzt auf,
»denn droben ist das Gericht!«
Damit schlug er beide Hände vor's Gesicht und sank in dumpfem Brüten auf
seinen Sitz zurück.
Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber
hin und sagte:
»Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf
aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht
nicht hätte retten können; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei
solchem Versuch gewesen wäre, während nun fünf Menschen Dir ihr Leben
verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Versöhnung predigt.
-- Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott
haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prüfen unser Selbstwerk,
müssen wir bekennen, daß wir nicht bestehen können vor dem heiligen und
gerechten Gott, müssen bekennen, daß unter dem Licht und Gericht des
göttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfließt, und
dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die über unser Haupt
zusammenschlagen. Vor dem Worte: >Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist
heilig!< vor der Wahrheit: >Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem
unnützen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!< bestehet keine
Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit
ist Lüge, denn sie ist eine Frucht des Lügengeistes, der uns Gottes
Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben
würde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, daß wir die böse
Lust in uns wuchern ließen. Was wir Verführungen und Versuchungen
nennen, sind blos Antworten von Außen her auf die Lockstimmen der Sünde
in unserm Innern. Wer das >Heilig< nicht in seiner ganzen Bedeutung
nimmt, als eine völlige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem
ungöttlichen Wesen und den weltlichen Lüften, als eine vollkommene
Verklärung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken,
Worten und Werken, der weiß noch gar nichts von Gott und seinem Willen
und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu können zwischen
Gott und dem Mammon; während alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein
Greuel ist, während, wer das Gesetz hält und sündigt an einem, des
ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht,
uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist
heilig!«
Godber rang die Hände und schluchzte laut:
»Für mich ist keine Hülfe mehr!«
Hold aber fuhr fort:
»So wir nun solches zu Herzen nehmen, können wir nicht mit Freudigkeit
weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfüllen. Denn
zwischen Ihn und uns wird sich unsere Sünde legen und eine dunkle
Scheidewand, die uns ausschließt von allem Trost und allem Hoffen; und
unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels muß scheitern, weil
die Sünde, die einmal mächtig geworden ist in uns, nur in schweren
Kämpfen überwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und
Liebe zu Ihm gehören, die wir nicht haben, so lange unser beladenes
Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.«
»Er hat schon gerichtet!« rief Godber.
»Wir müssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid
anziehen können. Wir müssen die Last von uns werfen und leichten Herzens
ein neues Leben beginnen können. Wir müssen die Traurigkeit von uns thun
und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen können. Ein solches Können
liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht
versuchen, da werden wir den kurzen Flügelschlag des frohen Entschlusses
bald wieder gelähmt fühlen durch das Gedächtnis der ungesühnten Schuld.
Wir können aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten
unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und
Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.«
»Ich weiß es! Ich weiß es!« stöhnte Godber.
Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort:
»Wir bedürfen _Gottes_ Vergebung. Nicht aber in einem bloßen Ahnen,
Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der
Hölle nicht überwältigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfüllet, die
Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden
auf Erden das große Geheimnis der Erlösung: Gott war in Christo und
versöhnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du müde, sündenvolle Seele!
Empor! Denn Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut. Das
ist kein Wort, das trostbedürftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann
wäre es nichts nütze, hätte keinen Halt wider die ewig neuen Anläufe des
anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom
Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der
Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern Deß, der
Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen
und der Toten: >Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!< So thue
auch Du, Godber, Deine Brust auf, und laß die Liebe, die anklopfet mit
solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mächtig werden, wo das Gericht
mächtig war. Wirf hin Deine Last und Bürde und tritt freudig an die neue
Bahn, als wärest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein.
Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts
dünket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen
Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des
Sinnes und Wandels, um die Sünde zu verabscheuen, die so unselig macht,
wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so große
Dinge für Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende
zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern
zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus
einzuführen in das Reich Seiner Segnungen und Verheißungen.«
Godber war tief ergriffen von Hold's Worten, und wenn sie ihm auch nicht
die Ruhe zurückgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie
doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen,
doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der
anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her,
durchzittern zu lassen und heiße Thränen hervorzurufen, in welchen die
verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an
sinnverwirrender Macht über ihn verlor. Er faßte Hold's Rechte, beugte
sein Haupt herab und drückte seine heiße Stirne auf die Hand des Mannes,
dessen guten Willen, ihm ein Führer aus seinen Nächten heraus zu sein,
er nicht verkannte.
Der Unglückliche aber, der den guten Willen, ihn zu trösten, dankbar
erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trösten zu lassen.
Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber's Gemüt mehr zu
beruhigen. Dadurch, daß er -- von der anfänglichen schonenden Weise
zurückgekommen, -- dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner
Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden
Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Füßen des Erlösers
gedrängt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur über den Sinai, und wer
auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen
und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen,
ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprüfung gewachsen ist.
Zugleich aber wandte Hold nun öfter die Gespräche auf zeitliche Dinge,
machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf
die bisherige Vernachlässigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und
fragte ihn um Rat bei kleinen häuslichen Arbeiten und weckte ihn
dadurch zur Thätigkeit und zur Teilnahme für die gewöhnlichen
Lebensverhältnisse. So glaubte er denn völlig den Sieg gewonnen zu haben
und der Ausgleichung der unglücklichen Trennung zwischen Godber und
Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand.
Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft
zurückgewiesen.
»Ueber die ewige Halbheit!« sagte Hold endlich ärgerlich. »Da hat nun
der liebe Vater im Himmel Alles gethan, daß Seine Kinder sich freuen
sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade
geholfen, los zu sein von dem bösen Gewissen, verlangt keine Buße und
kein Opfer mehr, sondern will, daß wir in Erkenntnis und Erfahrung
seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem
Himmel und kindlich annehmen und genießen, was Er uns darreicht aus
Seiner Fülle. Kinder will er haben, die offnen und empfänglichen Herzens
sind für Seine Liebe, nicht für die Liebe allein, die da redet mit
Orgelklang, sondern auch für die, welche locket mit Flötentönen. Kinder
will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch
Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Höhe, der Seinen
Trost ausgießt über die Mühseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater
hinieden, der da wandelt unter den Glücklichen und lieb hat die Herzen,
die ihm danken, daß Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm
Sonnenschein und lieblicher Blütenfülle. Und wir? Wir wollen uns ein
Verdienst daraus machen, daß wir fort und fort büßen, und gefallen uns
darin, Seiner Güte für diese Zeit zu entsagen, als könnten wir dadurch
irgend einen Anspruch auf Seine Verheißungen in der Ewigkeit erwerben.
Das ist die falsche Scham, die sich schämet, Alles aus Seiner Hand zu
nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der
Erlösung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die
Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus
der Blüte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmähung
der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein
vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will!«
»O nein,« rief Godber, »das ist es nicht! Und habe ich auch wol früher
dergleichen gedacht, Sie haben mich längst geheilt von dieser
krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber -- Maria wird
nie an meiner Brust glücklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne
trübt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos
nachhänge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Träumen in
ihrem Schlummer gestört, wird sie meine Träume belauschen, und ich werde
an ihrer Seite in der beständigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an
meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anlaß zu geben. Es wäre ein
Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt hätten; aber ein Treubruch läßt
immer einen Stachel zurück, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer
drückt, weil sie dem einmal so bitter Getäuschten als Berechnung
erscheint!«
Hold wußte hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber
Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, daß Maria wol Aehnliches im
Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf
Wiederherstellung des früheren Verhältnisses mit einem Kopfschütteln
weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber's
Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen
Wesen ein so kindlich heiterer Friede, daß wer, unbekannt mit ihren
bittern Erfahrungen, sie sah, für die Unbefangenheit einer
hoffnungsvollen Jugend halten mußte, was die Frucht völliger Ergebung in
den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen
Herzens war.
»Laß uns von der Zeit,« sagte Hold zu seiner Gattin, »die Lösung dieses
Knotens erwarten!«
»Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wäre!«