XXII.

Nur das Heute ist das Alte,

Jede Morgenröte weiht

Uns für eine neue Zeit,

Und wer sagt uns, wie sie walte?

Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig

zurückgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah,

schlich er trübsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit

ängstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren während

seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz

verfallen; er aber that Nichts für die versäumte Ausbesserung und schien

es nicht zu beachten, daß die Fluten in den stürmischen Weihnachtstagen

große Beschädigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher

machten.

Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu

erheben. Er erzählte viel, so wenig auch Godber solche Gespräche zu

lieben schien, von Maria's frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von

der Ruhe, mit welcher sie ihr künftiges Geschick erwarte, von der Güte

ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne

geradezu Godber's Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in

einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die

erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen läßt unter der Bürde des

bösen Gewissens.

Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher

ihn schweigend angehört, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit

starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und

schauerlich klang:

»Wird der Gott, den Du verkündest, auch jene Nacht wieder ungeboren

machen, in der ich das Steuer des Schiffes verließ, um _Die_ zu retten,

um deretwillen ich ein doppeltes Gelübde brach? Wird Er, wie Er Maria's

verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schönen Bau wieder

zusammenfügen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn

Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezündet, würdest Du das so

leicht vergessen, daß Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem

Schiff gesündigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft

in's Leben zurückrufen, daß ich es von ihnen wieder höre: >Godber ist

ein braver Steuermann!< ohne ein Hohngelächter der Hölle daneben zu

hören?«

Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber's Zügen und Worten,

als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Bürde auf dem Gewissen des

Jünglings. Godber aber fuhr fort:

»Du zitterst vor solchem Verbrechen und hörst es doch nur, und ich, der

es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Für mich ist

keine Hülfe mehr!«

Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer

Verzweiflung in eine wehmütige Rührung bezeugte, setzte er nach einer

kleinen Pause hinzu:

»Und kannst Du mir auch Maria bräutlich froh in den Arm legen, Du kannst

nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz

hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet

durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein

Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da muß der Tod

helfen. -- Und _der_ kann ja auch nicht helfen,« schrie er entsetzt auf,

»denn droben ist das Gericht!«

Damit schlug er beide Hände vor's Gesicht und sank in dumpfem Brüten auf

seinen Sitz zurück.

Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber

hin und sagte:

»Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf

aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht

nicht hätte retten können; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei

solchem Versuch gewesen wäre, während nun fünf Menschen Dir ihr Leben

verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Versöhnung predigt.

-- Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott

haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prüfen unser Selbstwerk,

müssen wir bekennen, daß wir nicht bestehen können vor dem heiligen und

gerechten Gott, müssen bekennen, daß unter dem Licht und Gericht des

göttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfließt, und

dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die über unser Haupt

zusammenschlagen. Vor dem Worte: >Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist

heilig!< vor der Wahrheit: >Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem

unnützen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!< bestehet keine

Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit

ist Lüge, denn sie ist eine Frucht des Lügengeistes, der uns Gottes

Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben

würde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, daß wir die böse

Lust in uns wuchern ließen. Was wir Verführungen und Versuchungen

nennen, sind blos Antworten von Außen her auf die Lockstimmen der Sünde

in unserm Innern. Wer das >Heilig< nicht in seiner ganzen Bedeutung

nimmt, als eine völlige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem

ungöttlichen Wesen und den weltlichen Lüften, als eine vollkommene

Verklärung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken,

Worten und Werken, der weiß noch gar nichts von Gott und seinem Willen

und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu können zwischen

Gott und dem Mammon; während alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein

Greuel ist, während, wer das Gesetz hält und sündigt an einem, des

ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht,

uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist

heilig!«

Godber rang die Hände und schluchzte laut:

»Für mich ist keine Hülfe mehr!«

Hold aber fuhr fort:

»So wir nun solches zu Herzen nehmen, können wir nicht mit Freudigkeit

weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfüllen. Denn

zwischen Ihn und uns wird sich unsere Sünde legen und eine dunkle

Scheidewand, die uns ausschließt von allem Trost und allem Hoffen; und

unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels muß scheitern, weil

die Sünde, die einmal mächtig geworden ist in uns, nur in schweren

Kämpfen überwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und

Liebe zu Ihm gehören, die wir nicht haben, so lange unser beladenes

Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.«

»Er hat schon gerichtet!« rief Godber.

»Wir müssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid

anziehen können. Wir müssen die Last von uns werfen und leichten Herzens

ein neues Leben beginnen können. Wir müssen die Traurigkeit von uns thun

und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen können. Ein solches Können

liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht

versuchen, da werden wir den kurzen Flügelschlag des frohen Entschlusses

bald wieder gelähmt fühlen durch das Gedächtnis der ungesühnten Schuld.

Wir können aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten

unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und

Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.«

»Ich weiß es! Ich weiß es!« stöhnte Godber.

Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort:

»Wir bedürfen _Gottes_ Vergebung. Nicht aber in einem bloßen Ahnen,

Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der

Hölle nicht überwältigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfüllet, die

Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden

auf Erden das große Geheimnis der Erlösung: Gott war in Christo und

versöhnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du müde, sündenvolle Seele!

Empor! Denn Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut. Das

ist kein Wort, das trostbedürftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann

wäre es nichts nütze, hätte keinen Halt wider die ewig neuen Anläufe des

anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom

Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der

Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern Deß, der

Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen

und der Toten: >Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!< So thue

auch Du, Godber, Deine Brust auf, und laß die Liebe, die anklopfet mit

solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mächtig werden, wo das Gericht

mächtig war. Wirf hin Deine Last und Bürde und tritt freudig an die neue

Bahn, als wärest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein.

Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts

dünket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen

Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des

Sinnes und Wandels, um die Sünde zu verabscheuen, die so unselig macht,

wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so große

Dinge für Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende

zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern

zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus

einzuführen in das Reich Seiner Segnungen und Verheißungen.«

Godber war tief ergriffen von Hold's Worten, und wenn sie ihm auch nicht

die Ruhe zurückgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie

doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen,

doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der

anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her,

durchzittern zu lassen und heiße Thränen hervorzurufen, in welchen die

verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an

sinnverwirrender Macht über ihn verlor. Er faßte Hold's Rechte, beugte

sein Haupt herab und drückte seine heiße Stirne auf die Hand des Mannes,

dessen guten Willen, ihm ein Führer aus seinen Nächten heraus zu sein,

er nicht verkannte.

Der Unglückliche aber, der den guten Willen, ihn zu trösten, dankbar

erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trösten zu lassen.

Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber's Gemüt mehr zu

beruhigen. Dadurch, daß er -- von der anfänglichen schonenden Weise

zurückgekommen, -- dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner

Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden

Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Füßen des Erlösers

gedrängt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur über den Sinai, und wer

auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen

und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen,

ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprüfung gewachsen ist.

Zugleich aber wandte Hold nun öfter die Gespräche auf zeitliche Dinge,

machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf

die bisherige Vernachlässigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und

fragte ihn um Rat bei kleinen häuslichen Arbeiten und weckte ihn

dadurch zur Thätigkeit und zur Teilnahme für die gewöhnlichen

Lebensverhältnisse. So glaubte er denn völlig den Sieg gewonnen zu haben

und der Ausgleichung der unglücklichen Trennung zwischen Godber und

Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand.

Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft

zurückgewiesen.

»Ueber die ewige Halbheit!« sagte Hold endlich ärgerlich. »Da hat nun

der liebe Vater im Himmel Alles gethan, daß Seine Kinder sich freuen

sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade

geholfen, los zu sein von dem bösen Gewissen, verlangt keine Buße und

kein Opfer mehr, sondern will, daß wir in Erkenntnis und Erfahrung

seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem

Himmel und kindlich annehmen und genießen, was Er uns darreicht aus

Seiner Fülle. Kinder will er haben, die offnen und empfänglichen Herzens

sind für Seine Liebe, nicht für die Liebe allein, die da redet mit

Orgelklang, sondern auch für die, welche locket mit Flötentönen. Kinder

will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch

Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Höhe, der Seinen

Trost ausgießt über die Mühseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater

hinieden, der da wandelt unter den Glücklichen und lieb hat die Herzen,

die ihm danken, daß Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm

Sonnenschein und lieblicher Blütenfülle. Und wir? Wir wollen uns ein

Verdienst daraus machen, daß wir fort und fort büßen, und gefallen uns

darin, Seiner Güte für diese Zeit zu entsagen, als könnten wir dadurch

irgend einen Anspruch auf Seine Verheißungen in der Ewigkeit erwerben.

Das ist die falsche Scham, die sich schämet, Alles aus Seiner Hand zu

nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der

Erlösung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die

Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus

der Blüte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmähung

der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein

vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will!«

»O nein,« rief Godber, »das ist es nicht! Und habe ich auch wol früher

dergleichen gedacht, Sie haben mich längst geheilt von dieser

krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber -- Maria wird

nie an meiner Brust glücklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne

trübt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos

nachhänge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Träumen in

ihrem Schlummer gestört, wird sie meine Träume belauschen, und ich werde

an ihrer Seite in der beständigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an

meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anlaß zu geben. Es wäre ein

Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt hätten; aber ein Treubruch läßt

immer einen Stachel zurück, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer

drückt, weil sie dem einmal so bitter Getäuschten als Berechnung

erscheint!«

Hold wußte hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber

Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, daß Maria wol Aehnliches im

Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf

Wiederherstellung des früheren Verhältnisses mit einem Kopfschütteln

weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber's

Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen

Wesen ein so kindlich heiterer Friede, daß wer, unbekannt mit ihren

bittern Erfahrungen, sie sah, für die Unbefangenheit einer

hoffnungsvollen Jugend halten mußte, was die Frucht völliger Ergebung in

den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen

Herzens war.

»Laß uns von der Zeit,« sagte Hold zu seiner Gattin, »die Lösung dieses

Knotens erwarten!«

»Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wäre!«

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 28 / 33 题