XXI.

Schmerzen giebt es, deren Wunden

Nur die _stumme_ Brust erträgt;

Wenn das kühne Wort sie wägt,

Ist des Duldens Kraft geschwunden.

Auf den nächsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschäfte wegen

der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt,

und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch

Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe

Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit

eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner

Stelle ganz ohne Thränen der gutmütigen, für jede ihnen bewiesene

Teilnahme leicht empfänglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders

auf der Hallig, die wir im Sinne haben, -- auf welcher, so weit das

Kirchenbuch geht, keine außereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung

der ältesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit

vorgekommen war, -- gar zu leicht geneigt sind, die Welt außerhalb ihrer

kleinen Eilande, und besonders in den großen Städten, nur als eine

ungläubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der

Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, daß sie dieselben

mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht,

daß ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten.

Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar für die

silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die

Hold freilich aus bestimmten Gründen nicht am gestrigen Tage schon auf

den Altar gesetzt, aber sie den Hausvätern, die nach der Feier bei ihm

gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige

Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem

Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War

doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus

der Ferne verbunden gewesen sein mußte, ein Beweis mehr, daß sie, wie

lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die

länger dauern würde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein

großes Faß mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde,

protestirte Hold, da er sich dieses Getränks längst entwöhnt habe. Doch

er mußte auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten

Gelegenheit für kleinere Gebinde zum Umfüllen zu sorgen, und darauf

aufmerksam machte, daß, wenn auch Hold selbst keinen Genuß davon haben

wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche

Stärkung oft wohlthätig werden könne.

Wer hätte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, daß das

Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen

Gemeinde größtentheils allein von der Annahme dieses anfangs

verschmähten Geschenkes abhinge!

Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit

welcher er von den übrigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und

Mander legte für sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe

Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor

nieder und machte sich zu einer jährlichen Summe schriftlich

verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber's, den Maria Jenem auf

seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater

zurückgegeben, um ihn Maria einzuhändigen. Mander gab ihn Hold, daß er

die passende Gelegenheit zur Rückgabe abwarten möchte.

Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch

einmal rief ein Händedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefühle des

Abschieds wach, und mit Thränen in den Augen bestiegen Mander und Oswald

das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten

Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende

Eiland zurück. Sie hätte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die

Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre

Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte

ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in

die Vergangenheit ganz zurückwenden. Sie hätte es für eine Wohlthat für

ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von

der Ebbe übereilt, stehen geblieben wäre zwischen den beiden Ufern, wie

sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der

Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Küste

des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der

nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung

des Schiffs nicht durch frühe Uebung vertrauten Fuß an's Land setzt.

Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer

versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen ließ,

und sowohl die auf demselben, als auch die Zurückbleibenden winkten bis

dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgrüße noch

bemerkt und erwidert werden könnten.

Hold war den Tag über in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut

über die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese

Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Träume seiner Jugend waren durch

die Gespräche mit diesen Gästen aus der Welt, in welcher er sich früher

so hoffnungsreich und lebenskräftig bewegt, wieder wach geworden. Seine

früheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die

Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die

Länder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre

Schönheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der

ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine dürftige Nachricht

brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das

hell vor unserer Nacht vorüberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft

blühte und duftete vor seinem Geist in der köstlichen Blumenpracht auf,

aber wie ein schöner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in

welchem wir uns nicht ergehen dürfen. Und hier diese öde Hallig! Dies

wüste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhüllte, als wollte er

ihn für immer von der Welt ausschließen. Hatte er denn den Becher

Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun für sein ganzes Leben

mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu

schmachten? Mit welch' ganz andern Gefühlen, mit welch' schönen

Hoffnungen für sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an

den Ufern der Ströme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun

vielleicht für immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trüben

Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und

Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnsüchtig in die

Nebel hinein, als könne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken

folgen, die über das Meer hinflogen und über Berg und Thal schweiften.

Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den

Tiefen seiner Brust losrang:

Schwebt hinüber, Trauertöne,

Grüßt den heimatlichen Strand;

Grüßt das liebe, wunderschöne,

Heil'ge, deutsche Vaterland.

Grüßt, wo über Thal und Hügel --

Hell des Jägers Horn erschallt,

Wo der blaue Wellenspiegel

Um die Fischerbarke wallt.

Grüßt, wo die Lawinen toben

In des Staubbachs Silberduft,

Ach! wie drängt das Herz nach Oben,

Nach der Berge Himmelsluft;

Wo mit bräutlich schönen Kränzen

In der Abendröte Glühn,

Jungfrau, Deine Scheitel glänzen;

Könnt ich dahinüber ziehn!

Oder hin zum Strand der Saale,

Wo der Tannen schwankes Dach

Wölbt sich über Heldenmale,

Die der Zeiten Sturm zerbrach.

Allenthalben an der Elbe,

An der Donau und am Rhein,

Ist mein Vaterland dasselbe,

Wert der Deutschen Land zu sein.

Reich an Reben, reich an Eichen,

Felsenkräftig, blumenmild,

Malt es rings in treuen Zeichen

Seines treuen Volkes Bild.

Schwebt hinüber, Trauertöne,

Grüßt den heimatlichen Strand,

Alle Lust und alles Schöne

Blieb zurück im Vaterland.

Ach! vergebens wecken Klagen

Die verhaltnen Schmerzen nur,

Keine milden Lüfte tragen

Sie zur heimatlichen Flur.

Mich umrauschen Meereswogen,

Nebel hüllen meinen Blick;

Meine Grüße sind verflogen, --

Keine Antwort kommt zurück!

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 27 / 33 题