Was der Herr den Seinen giebt, das trage
Nicht hinein in's kühne Wortgefecht.
Was von Oben stammt, will keine Frage,
Fordert Glauben als ein göttlich Recht.
Mander und Oswald wünschten noch das Mahl des Herrn, gleichsam als eine
Versiegelung ihres neuen Bundes mit Ihm, in der ihnen so lieb gewordenen
Gemeinde zu feiern. Idalia antwortete auf die Frage ihres Vaters, »ob
sie sich der heiligen Handlung anschließen werde?« daß ihre Gedanken zu
sehr auf die Abreise gerichtet wären, als daß sie mit Andacht an der
Feier Teil nehmen könne.
Gewiß ist es uns am angenehmsten, wenn wir das: »ich bitte Dich,
entschuldige mich!« in das blendende Gewand einer zarten Ehrfurcht vor
dem Heiligen einkleiden können; und es giebt Leute, die, wenn man ihren
Worten glauben soll, allein aus jener gewissenhaften Scheu vor einer
zerstreuten Teilname am Gottesdienst die Kirche zeitlebens meiden und
die häusliche Andacht auch nur darum unterlassen, weil sie bis an das
Ende ihrer Tage darauf warten, einmal mit rechter Würde andächtig sein
zu können.
Mander fragte Hold, als er demselben seinen und seines Sohnes Entschluß
zu erkennen gab, zum Tische des Herrn zu gehen: »welcher Ansicht vom
heiligen Abendmahle er zugethan sei?« Hold erwiderte:
»Ich wollte, Sie hätten mich nicht gefragt, sondern sich, unberührt vom
Streite der Meinungen und Ansichten, mit voller Seele dem Eindruck
dieser Feier hingegeben, um an sich zu erfahren, was sie Ihnen sein
soll. Vielleicht ist das Abendmahl für Jeden nach seinem Bedürfnis und
seiner Empfänglichkeit etwas Anderes, und ich hätte lieber von Ihnen
gehört, welchen Gehalt Sie in diesem Kleinod der Christenheit gefunden,
als daß ich Ihnen Anleitung gegeben zu einem vorgefaßten Urteil, da dies
nicht angeht, ohne eine Trennung in der Gemeinde des Herrn zu erörtern,
die dem Abendmahl den Charakter der Communion nimmt.«
»Aber es kann doch nur eine Ansicht die wahre sein,« entgegnete Mander,
»und es kann doch nur der das Mahl des Herrn mit dem vollen Segen für
sich feiern, der weiß, was der Herr mit dieser Feier wollte?«
»Aller Segen kommt von Oben,« war Hold's Antwort, »und ich glaube, es
haben Viele, welche mit den verschiedensten Ansichten zum Mahle des
Herrn kamen, doch den gleichen Segen davon gehabt, weil im Augenblick
der Feier Keiner mehr seiner Ansichten gedachte, sondern sich hingab dem
Einfluß, den die Feier auf ihn ausübte. Freilich wird dieser Einfluß bei
Allen sicherer und auch wohl dauernder sein, wenn sie vorher und nachher
die ganze Bedeutung dieses Genusses erwägen.«
»Sie sind bisher mein Lehrer gewesen, seien Sie es auch ferner,« bat
Mander. »Ihr Urteil muß bei Dem, was ich Ihnen sonst verdanke, eine
große Autorität haben.«
»Meine Autorität soll Ihnen nicht weiter gelten, als was ein
langjähriges Nachdenken über die Heilsordnung des Evangeliums voraus hat
vor der erst kürzlich gewonnenen Einsicht in die Wahrheit der
Offenbarung Gottes in Christo. Nun lassen Sie es sich noch einmal gesagt
sein: ich knüpfe den Segen der Feier, die Sie vor sich haben, nicht so
sehr an das volle Verständnis von dem Charakter derselben, als an eine
Gnadenwirkung Gottes auf das empfängliche Gemüt. Sie sollen daher nicht
zum Tische des Herrn treten mit der Ueberzeugung: Dies oder Jenes werde
ich an mir erfahren, sondern vielmehr warten der Verheißung, die diese
Feier hat; sich und Ihre Andacht nicht binden an diese und jene
Auffassung vom Abendmahl, sondern willig und bereit sein, mit reiner
Hingebung anzunehmen, was der Herr Ihnen in demselben darreicht. Ich für
meinen Teil stehe auf dem Grunde der Kirchenlehre.
Fassen wir das Ganze der Offenbarung in Christo als eine Wunderthat der
erlösenden Gnade Gottes, wodurch ein wirklich Neues, nicht den
bisherigen Mitteln der Gemeinschaft mit dem Himmel Aehnliches, etwa nun
nur in höherem Grade sich Entfaltendes, in das Leben der Menschheit
eintrat, als eine Erhebung der Natur des Staubes zu einer Trägerin des
Lebens, welches war bei dem Vater und erschienen ist auf Erden, so
können wir uns auch nicht dagegen sträuben, ein Fortleben und Fortwirken
dieser That in beständigen Wundern anzunehmen. Ist einmal statt der
Vermittelung zwischen dem, was droben ist, und dem, was hienieden ist,
welche an die uns verliehenen geistigen Gaben ihre Geistesgaben
anknüpft, -- so bei uns in den Weihestunden der höchsten Andacht, so bei
den Propheten im reichsten Maße, -- ein Mittler gegeben, in welchem
Himmel und Erde eins wurden, so dürfen wir auch die Lehren, Segnungen
und Verheißungen dieses Mittlers nicht mit dem Maßstabe messen, welchen
wir den Dingen anlegen, die dem gewöhnlichen Gesetz folgen, nach welchem
Himmel und Erde in ihrem Wesen sich ewig fern bleiben, und nur durch das
Band der Gemeinschaft im Geiste sich einander nähern. Wir dürfen
vielmehr erwarten, daß Alles, was von jener That ausgeht, einen
Charakter habe, der dieselbe nicht allein fortspiegelt als eine
wunderbare, sondern der alles dieses von ihr Ausgehende in sich selber
ein Wunder sein läßt. So das Abendmahl. Es ist nicht das Gedächtnis an
die That der Versöhnung, das neu geboren werden soll, sondern die That
selber, die neu geboren wird im Gläubigen. Das Mahl des Herrn ist Er,
der sich mir neu giebt, es ist nicht Ich, der ich mich Ihm neu gebe. Wie
die Erlösung durch sein Leibesleben und Lebensleiden auf Erden bedingt
war, so ist das Abendmahl nicht allein eine geistige Nahrung für den
Geist; sondern eine irdisch-himmlische Speise, durch die wir Sein werden
und Er unser wird durch eine volle Vereinigung. Im Abendmahl ist der
ganze Christus, der Lehrer und der Erlöser, der Leidende und der
Ueberwinder, der Gekreuzigte und der Auferstandene, der Sohn der Maria
und der Sohn Gottes, und der erstere nicht weniger als der letztere.
Während uns in jeder andern Feier bald der Eine, bald der Andere stärker
hervortritt, ist beim Abendmahl Jener mit Diesem, und Dieser mit Jenem
in einer Hülle verbunden, und geht in einer Gemeinschaft in uns über.
Ohne die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl wird die Erlösung eine
That in der Zeit, die allein durch den Glauben fortlebt, aus dem
irdischen Gebiet ganz wieder in das geistige aufgegangen ist; während
sie auch nach ihrer irdischen Seite im heiligen Abendmahle fortleben
soll, nicht allein weil Christus nun im Geiste der Gläubigen fortlebt,
sondern weil Er selber noch für sie da ist. Denn Sein Fortleben in
unserm Geiste ist doch immer nur unser Leben in Ihm, abhängig von
unserem Verständnis und unserer Andacht, ist nicht in der That und
Wahrheit Sein Leben in uns, ist immer nur Wir, nicht Er. Unsere Zeit
aber ist nicht ärmer, als die der ersten Jünger, wenn wir sie nicht arm
machen. Sie hat nicht allein Seine Lehren, Segnungen und Verheißungen;
sie hat Ihn, Seinen Leib und Sein Blut. Auch uns wird die neue Schöpfung
geboten, die Durchdringung und Verklärung unseres geistigen Daseins zur
Einheit mit Ihm. -- Wie mag Solches zugehen? ist hier nicht die Frage,
und alle Theorien und Formeln sind Gebrechlichkeit. Es ist nur die
Frage: stimmt solche Lehre vom Abendmahl, wie sie sich in der echt
lutherischen Theorie und Formel, soweit unsere irdische Sprache
überhaupt für solche Dinge ausreicht, am wenigsten klügelnd und deutelnd
ausspricht, überein mit den Worten der heiligen Schrift, mit dem ganzen,
wunderbaren Rat Gottes zur Erlösung der Kinder im Staube, mit der
Thatsache der Erlösung selbst, und mit dem Glauben der Männer, denen wir
ein Erzpriestertum in der großen Gemeinde des Evangeliums beilegen
müssen? Mit diesem letzten Punkt schiebe ich keine menschliche Autorität
vor, da er seinen Rückhalt in der gemeinsamen Uebereinstimmung der
Antworten auf alle andern Punkte haben soll; aber wohl behaupte ich
damit, daß wie die Wahrheit die Frucht des Geistes, so die göttliche
Wahrheit allein die Frucht des göttlichen Geistes sein kann. Dieser
Geist nun hat seine Zeit und Stunde für Das, was dem Glauben der Kirche
dienet. Für Das, was dem Glauben des Einzelnen dienet, weiset er zurück
auf eine solche Stunde der Menschheit, die eben so wenig auf Concilien,
als am Schreibpult hinter der nächtlichen Lampe geboren wird; sondern
deren Wiege ein Herz ist, das mit seinem weltüberwindenden Glauben auch
wirklich eine Welt überwindet, ein Herz, das nicht etwa einzelne
Lichtfunken aus Schutt und Asche hervorsucht, sondern das durchglühet
ist vom heiligen Feuer, und gereinigt und geläutert ist von diesem Feuer
zu einer Stätte, von welcher aus Gott gern seine Stimmen in die Welt
aussendet. Darum wer neue Theorien und Formeln in den göttlichen Dingen
aufstellen will, der frage nicht allein, was er wisse, sondern auch, was
er sei an Leben in Gott und Wandel vor Gott. Mit Schulweisheit und
kritischem Scharfsinn mag man einen Homer zu zerstückeln wagen, und es
wird doch nur so lange gelingen, bis die Flammen der Begeisterung, die
in einzelnen Stücken fortglühen, wieder in eine helle Lohe
zusammenschlagen, und der Erzguß auf's Neue dasteht in uralter Kraft und
Herrlichkeit. Kann nun jene kalte, trockene Scheidekunst selbst an einer
Schöpfung des menschlichen Geistes und Herzens nur zum Ritter von der
traurigen Gestalt werden, dessen kurzer Sieg bald zur desto gewissern
Niederlage wird, mit welcher Aussicht kann er sich dann auf dem Gebiete
des Göttlichen versuchen? Sowohl die rechte Lehre von den göttlichen
Dingen, als auch das rechte Wort dafür kann nur der Geist Gottes geben,
und Der will Tempel und Altar sehen, will Horebs Höhen und Mamres
Palmen, will Herzen, deren Flügelschlag zu einem Adlerfluge fähig ist,
will Männer, die Mut und Demut genug haben, Gott zu bitten um
Erleuchtung.«
»Hat aber nicht die reformirte Kirche,« bemerkte Mander, »die doch auch
Männern, wie Sie eben bezeichneten, ihr Dasein verdankt, eine Ansicht
vom Abendmahl, nach welcher es eine blose Gedächtnisfeier ist?«
»Auch die reformirte Kirche,« war Hold's Entgegnung, »gewann bald wieder
durch Calvin die Richtung auf einen tieferen Sinn; obwohl in der
katholischen und lutherischen Kirche, so wenig auch beide in der näheren
Bestimmung dieser Lehre und den Folgerungen daraus übereinstimmen,
allein eine wirklich tiefere Würdigung des Abendmahls gefunden wird; da
Alles, was man sonst dieser Feier beizulegen versucht hat, durch
Vergeistigung der Gefühle beim Andenken an den Herrn auf die
schwindelndsten Höhen hinauf nur eine gewisse Scheu bei einem blosen
Gedächtnismal stehen zu bleiben, zu erkennen giebt, ohne doch wirklich
etwas mehr daraus zu machen. Man fühlt wohl das Bedürfnis, der Gemeinde
eine Nahrung zu geben, die nicht blose Brosamen darreicht, sondern eine
sättigende Lebensspeise; aber man thut nur Gewürze hinzu, und denkt
nicht daran, daß Gewürze eben nur zur Würze dienen und nicht zur
Sättigung.«
»Wie vereinen Sie aber dieses Vergessen mit dem Erzpriestertum, wie Sie
es vorher solchen Männern beilegten, die Säulen der Kirche Gottes sind,
zu welchen Sie doch auch Zwingli und Calvin mitrechnen?« fragte Mander.
»Erinnern Sie sich, daß ich diesem Punkt von der Autorität solcher
Heroen des Evangeliums einen Rückhalt gab in der Uebereinstimmung mit
andern Zeugnissen. Wo diese Uebereinstimmung ist, da gebe ich mich
freudig hin, und sie ist gerade in dem Kern des Evangeliums, in der
Lehre von der Erlösung; wo sie fehlt, da suche ich mit desto größerem
Eifer selber in dem Worte des Lebens, freue mich aber doch, wenn die
Wahrheit, die ich finde, auch viele Zeugen Gottes in der Kirche, wenn
auch nicht alle, für sich hat.«
»Aufrichtig muß ich bekennen,« sagte Mander, »daß gerade das Wort:
»Solches thut zu meinem Gedächtnis,« mir in dem Augenblick, in welchem
es gesprochen wurde, kurz vor dem Tode am Kreuze, so natürlich vorkommt
in dem Munde des Herrn, und daß die Stiftung, auf welche es deutet, mir
ebenso natürlich allein aus der Scheidestunde hervorgegangen zu sein,
und darum auch ihr Wesen und ihren Charakter nur in der Erhaltung einer
lebendigen Erinnerung an des Stifters Leiden und Sterben für uns zu
haben scheint.«
»Dagegen muß ich bekennen,« entgegnete Hold, -- so verschieden ist das
Urteil! -- »daß mir Nichts wundersamer vorkommt, als eine Feier zum
Gedächtnisse Dessen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, von dem die
ganze jetzige Bildung des Menschengeschlechts ihren Anfang und ihren
Ausgang hat, dem wir in der Taufe geweiht sind, in dessen Licht wir
atmen, in dessen Gemeinde wir leben, dem wir Freude, Friede und
Seligkeit verdanken im Leben und im Sterben. Kann Der, welcher spricht:
>Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!< und: >Ich bin
bei Euch bis an der Welt Ende!< gemeint haben, mit solchem Mahl allein
ein Erinnerungsfest einzusetzen, wie allenfalls Derjenige es stiften
mag, welcher fürchtet, es könnten seine Lehren und Segnungen vergessen
werden, und doch gern in seiner Persönlichkeit, als ein Mann, der zu
seiner Zeit und für seine Zeit Gutes gewollt, in der Erinnerung
fortleben möchte? Ja, müßte solche Stiftung nicht in der christlichen
Kirche mehr und mehr an Bedeutung verlieren, je lebendiger der Herr
lebte im Gedächtnis der Seinen? Je inniger die Seele Ihm angehörte, je
tiefer der Geist sich versenkte in die Fülle Seiner Segnungen und
Verheißungen, desto weniger könnte eine Feier gelten, die nur erinnern
soll, Ihn nicht zu vergessen.
Der Apostel Paulus redet ferner auf solche Weise vom Abendmahl, daß
jeder Gedanke an ein bloses Gedächtnismal wegfallen muß. Er spricht:
>Welcher unwürdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des Herrn
trinket, der ist schuldig an dem Leibe und Blute des Herrn. Der Mensch
aber prüfe sich selbst, und also esse er von diesem Brote und trinke von
diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und
trinket ihm selber das Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den
Leib des Herrn.<«
»Erlauben Sie mir noch die Frage,« sagte Mander hierauf: »Konnten die
ersten Jünger, die mit dem Herrn zu Tische saßen, in dem Brote und dem
Kelche ein solches Sacrament, wie sie es vorher auslegten, genießen, da
der Herr noch bei ihnen war?«
»Ich brauchte Ihnen keine Antwort auf diese Frage zu geben,« erwiderte
Hold, »ehe Sie mir nicht meine Einwendungen gegen eine blose
Erinnerungsfeier widerlegt, bevor Sie nicht erwiesen haben, daß die
Deutungen, mit welchen man dem Abendmahl einen höheren Charakter geben
will, ohne die leibliche Gegenwart zu bekennen, wirklich mehr sind als
blose Zuthaten, die bei aller ihrer scheinbaren Fülle es doch nur ein
Gedächtnismahl bleiben lassen, ein Mahl, dessen Genuß in seinen
Wirkungen auf den Gläubigen nichts Anderes giebt, als was schon jede
andere lebendige Erinnerung an den Heiland und Erlöser geben kann. Aber
ich will Sie doch daran erinnern, daß auf die Beantwortung Ihrer Frage
gar nicht so viel ankommt. Erkennen wir im Abendmahl eine Stiftung für
die Kirche, für alle kommenden Christengemeinden, -- und das haben nur
Wenige geläugnet, -- so kann es gern für die späteren Bekenner eine
andere Bedeutung haben, als er für die ersten Jünger, denen die
sichtbare Gegenwart des Herrn das Sacrament war, schon haben konnte, und
welchen es erst Das wurde, was es uns ist, als der Herr heimgegangen war
zu Seinem himmlischen Vater. Diese andere Bedeutung besteht ja denn doch
immer nur darin, daß wir mit, in und unter dem Brote und Wein haben, was
sie noch sichtbar vor sich hatten. Die Kraft des Mahls, die
sacramentliche Fülle bleibt dieselbe, nur bei ihnen Schauen, bei uns
Glaube. Doch ich fühle, wie es mit allem Erweisen eine mißliche Sache
ist auf diesem Gebiete. Die göttlichen Dinge wollen erfahren sein.«
»Mir ist so unsicher um's Herz geworden,« sprach Mander mit einem
Seufzer, »daß ich wollte, ich hätte nicht gefragt!«
»Ich sagte es Ihnen im Voraus, daß Sie keine andere Frucht nehmen würden
aus dieser Erörterung. Aber vielleicht werden Sie noch künftig mit mir
Denen, die das Abendmahl nicht in seiner ganzen Bedeutung würdigen,
zurufen: Entkleidet nicht die Kirche ihres heiligen Schmuckes; nehmt ihr
nicht die Krone von ihrem Haupte; reißt sie nicht los von der Wurzel des
Lebens, von der innigen, ewigen, thatsächlichen Gemeinschaft mit dem,
der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen! Uebrigens treten Sie hinzu zu
dem Tische des Herrn mit Andacht und Hingebung, und erwarten Sie, was Er
Ihnen darreicht aus Seiner Fülle. Er ist Allen, die zu Ihm kommen,
Etwas, und leitet sie selber dazu, daß Er ihnen Alles werden kann. Sein
Segen wird Ihnen nicht fehlen!«
Die Stunde der Feier war gekommen. Die ganze Gemeinde, die, nach der am
Sonntage vorher geschehenen Bekanntmachung, sich zur Communion gemeldet
hatte, da auf den Halligen es nicht immer zu erwarten ist, daß die sonst
bestimmten Tage zu solcher Feier wegen des oft durch Sturm und Wellen
verhinderten Kirchganges regelmäßig gehalten werden können, sammelte
sich in der an Hold's Wohnung anstoßenden, mit ihr durch ein Dach
verbundenen Kirche. Nach Beendigung des Gesanges trat Hold vor den Altar
und hielt eine kurze, eindringliche Rede, die in ihren schlichten Worten
nur auf das Verständnis seiner gewöhnlichen Zuhörer berechnet schien,
während sie gerade in ihrer Einfachheit, in ihrer festen Hinstellung
Dessen, was den Beiden, die heute zum erstenmal mit rechter Sehnsucht
nach der Verheißung, die er verkündete, zum Tische des Herrn traten,
noch nicht als gewisse Zuversicht aufgegangen war, auf diese einen
wahrhaft erbauenden, begründenden Eindruck machte. Darauf trat der
Bejahrteste in der Gemeinde, ein Mann mit schneeweißem Haar, vor Hold
hin und sprach mit einer Stimme, deren Zittern von Altersschwäche und
zugleich von tiefer Rührung zeugte, folgende Worte, bei denen sich Alle
von ihren Sitzen erhoben:
»Würdiger, lieber Herr! Also rede ich für mich und für Alle: Ich bitte
Euch, wollet meine Beichte hören und mir die Vergebung sprechen.«
»Ich armer sündiger Mensch bekenne und beklage mich, daß ich die
heiligen Gebote Gottes unseres Vaters mannigfaltig übertreten, und mich
gegen Gott und meinen Nächsten oft versündigt habe, damit ich Gottes
gerechte Strafe, zeitlichen und ewigen Tod wohl verdienet. Aber alle
meine Sünde gereuet mich ernstlich und ist mir von Herzen leid, und ich
habe keinen andern Trost, denn die Gnade Gottes, die größer ist, als
meine Schuld, und das teure Verdienst meines Herrn Jesu Christi. Komme
daher in der Zeit der Gnaden, daß ich möge Vergebung empfangen und damit
neue Freudigkeit zu Gott und Kraft zur Heiligung durch Seinen Geist.
Amen.«
Dieser den Fremden unerwartete Auftritt verfehlte nicht seine Wirkung
auf ihr Herz. Mander fühlte tief den Wert einer solchen thätigen
Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst bei dieser Feier. Er fühlte sich
in dem Augenblicke gleichsam eins geworden mit dem Greis, der für Alle
sprach. Er fühlte in dessen Bekenntnis sein Bekenntnis, in dessen Bitte
seine Bitte und darum sich klarer und deutlicher als Einer, der da nahet
mit demütigem Flehen und der Verheißung entgegensieht, als wenn der
Geistliche allein geredet. Oswald zitterte heftig. Jedes Wort, das der
Greis sprach, klang in allen Tiefen seiner Brust wieder. Es war ihm, als
tönte die Bitte von seinen eigenen Lippen, aber als würde sie inniger,
dringender, flehender, indem sie der Ausdruck seiner Sehnsucht wurde,
als gestaltete sie sich zu einem Ruf aus der Tiefe, zu einem Schrei des
Erbarmens, zu einem Seufzer, an dessen Erhörung sein Leben hing.
Als der Greis geendet, faltete Hold seine Hände, hob die Augen empor in
stillem Gebet und sprach dann nach einer kurzen, erwartungsvollen Pause,
indem er seine Rechte segnend auf das Haupt des alten Mannes vor ihm
legte, der unterdessen seine Knie gebeugt hatte an den Stufen des
Altars:
»Der in die Welt kam, nicht daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt
durch Ihn selig werde, der da die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft,
daß Er sie erquicke, Der spricht durch das Amt, das Er mir vertraut, zu
Dir und zu der Gemeinde, die durch Dich bekannt hat ein gutes
Bekenntnis: »Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben.«
Und als nun Hold seine Hände weiter ausbreitete über die ganze Gemeinde
hin, und noch einmal die Worte wiederholte: »Sei getrost, Deine Sünden
sind Dir vergeben!« da sank es wie eine Decke von Mander's und Oswald's
Seele. Das Evangelium war nun völlig Licht, Kraft und Leben in ihnen
geworden, und alle Dämmerung, Schwachheit und Lauheit schwand wie der
letzte winterliche Nebeltag vor dem siegenden Frühlingsodem. Sie fühlten
sich so offen und empfänglich für jeden Gruß aus der Höhe, so klar und
entschieden im Glauben, so leicht und frei in der Erfüllung der
Verheißung, daß das Reich der Wunder, durch die das Göttliche sich dem
Staube offenbart, ihnen als eine natürliche Welt erschien, in welcher
sie schon längst heimisch, und sie traten zum Tische des Herrn als in
Allem Bekenner der Lehre ihrer Kirche.