XIX.

Reift mir auf Erden nicht Aehre noch Traube,

Bleibt mir doch immer das hoffende Herz.

Wird ihm zum Schauen auch nimmer der Glaube,

Bricht es im Tode doch himmelwärts.

Die Nähe des Winters erinnerte die fremden Gäste der Hallig an ihre

Abreise zu denken. Ungern entschlossen sich Mander und Oswald dazu, den

Tag der Entfernung von einer Stätte zu bestimmen, die ihnen zu einem

Altar des Höchsten geworden war. Dieses Eiland war ja ihr Vaterland,

denn hier hatten sie zuerst mit vollem Lebensgefühl den Vaternamen

stammeln lernen; hier in dem Irren und Wirren ihres Geistes die Ruhe

gefunden, nach der sie so lange mehr oder minder gedurstet. Hier war für

sie die Nacht gewichen und der Morgenstern aufgegangen in ihrem Herzen.

Beide scheuten sich, wieder in die ihnen unheimlich gewordene Welt ihres

früheren Lebens hinauszutreten. Dort mußten sie sich Gäste und

Fremdlinge fühlen, während sie die Hallig als eine, wenn auch neue, doch

für sie segensreiche Heimat liebten. Mit Schmerz dachten sie zugleich an

die Trennung von Hold und seiner Gattin. Sie verehrten in ihm den Führer

zum Lichte und zum Frieden, den Mann, dessen wissenschaftliche

Geistesrichtung sich mit einem so kindlichen Glauben verschmolz, den

Seelsorger, welcher bei aller Vielseitigkeit seiner Bildung dennoch für

seine so unbedeutende Stellung im Amte zu leben schien. Sie verehrten in

ihr das liebende Gemüt, das stille Walten im häuslichen Kreise; und an

Beiden die Zufriedenheit in einem mehr als bescheidenen Erdenloose, in

welchem Tausende, bei solcher Kenntnis des Besseren, sich höchst

unglücklich gefühlt hätten. Sie wußten nicht, daß ein Halligprediger

schon als solcher wenig geehrt wird, und daß dieser Titel bei Vielen

genug ist, eine halb verächtliche Miene anzunehmen; aber hätten sie dies

gewußt, dann würden sie auf die Entbehrungen und Entsagungen, auf die

Mühseligkeiten und Gefahren eines solchen Amtes aufmerksam gemacht

haben, würden die Aermlichkeit der Einnahme, die notwendige

Beschäftigung mit all' den kleinlichen Arbeiten des Hauses und der

Schafhürde, wodurch größtenteils allein jene Einnahme gewonnen wird, die

Abgeschiedenheit von der Welt und allem wissenschaftlichen Verkehr haben

reden lassen für Diesen und Jenen der Amtsbrüder Hold's, dem es an

geselliger Gewandtheit im Leben und an übersichtlicher Kenntnis der

Fortschritte der Wissenschaft fehlen mag. »Hat der Geistliche,« so hätte

etwa ihre Verteidigung gelautet, »den Ihr bewundert wegen seiner

Feinheit im Betragen und wegen seines Anstandes in vornehmen Zirkeln,

den Ihr oben an setzet in der Zahl der Geistreichen, Hochgebildeten,

Hochgelehrten, hat er die schönsten Jahre seiner Jugend und Manneskraft

als Halligprediger verlebt? Hat er es versucht, was es heißt: aus der

reichen Welt des Genusses in solche Entbehrung versetzt, mit dem warmen

für die ganze Menschheit schlagenden Herzen auf solche vergessene

Scholle verpflanzt, aus dem blühenden Paradiese hoffnungsvoller

Jugendträume in solcher Umgebung zu erwachen, in welcher die Natur nicht

weniger als der Mensch darbt, wie keine noch so kahle Haide darbt, von

den Quellen des Wissens in solche für den Geist nahrungslose Oede

verbannt, zu solchen niedern Arbeiten, zu solchem Betriebe eines

Schafzüchters verurteilt zu werden? Hat er es versucht, was es heißt:

bei einem so spärlichen, auf solche Art verdienten Lohne hauszuhalten

und dabei in jeder kommenden Sturmflut den Tod vor Augen zu sehen, und

wenn Weib und Kind ihn überleben, diese als Bettler in die Welt

hinausgestoßen zu wissen? Fraget ihn, auf sein Gewissen, ob er dann noch

der Mann geblieben wäre, als den Ihr ihn jetzt lobt und ehrt? Fraget

ihn, ob er sich getraue in solcher Lage auch nur einige Jahre hindurch,

-- und mancher Halligprediger kommt zeitlebens nicht von seiner Scholle,

-- sich jene Kraft zu bewahren, die an dem innern Lohn und an dem

Bewußstein von dem Segen seines Amtes genug hat, und die eben darum

Geist und Herz aufrecht hält selbst in solcher Kümmerlichkeit des

äußerlichen Daseins?«

Für Euch, seine früheren Amtsgenossen, will der Verfasser dieser Bogen,

-- der sich nicht schämt, daran zu erinnern, daß auch er ein

Halligpriester, wie man Euch oft nennt und damit meint etwas Spöttisches

gesagt zu haben, in den ersten Jahren seiner Amtsführung war, und

vielleicht noch wäre, wenn ihm das Meer nicht zweimal die Kirche

weggerissen, deren neuer Aufbau zuletzt unthunlich ward, -- hiermit ein

Wort des Ernstes wider die stolz auf Euch Niederblickenden gesagt haben.

Es wird dieses Wort Euch keine Frucht bringen und keine Hand bewegen,

einen Fond zu sammeln, um wenigstens für den wissenschaftlichen Bedarf

zu sorgen, ohne den auch der denkendste und gelehrteste junge Geistliche

bald dem Stande der Wissenschaft nicht mehr gewachsen sein wird, und

ohne den es ein wahrhaft seltener Sieg über die Schwäche der

menschlichen Natur sein muß, wenn nicht Mangel, Einsamkeit,

Elementarunterricht, Besorgung der Wollheerde, Abhängigkeit vom Preise

des von ihr gewonnenen Produkts allmälig den älteren Mann abstumpfen für

die höhere Richtung des Geistes. Nur wer _vor_ dieser Prüfung schon

völlig durchgedrungen ist zum rechten Leben im Geiste, mag in ihr

bewährt erfunden werden. Für Den, welchen sie vor der Reife trifft, ist

die Bitte not, daß sie nicht lange währe. Wenn auch fruchtlos, sei doch

für Euch mit warmem Eifer geredet ein Wort des Bruders, der über die

Wasser hin Euch die Hand reicht, und dem es lange ein Bedürfnis war, für

Euch zu sprechen. Kommt auch sein Wort leer zu ihm zurück von der

Herzenspforte Derer, welche aus ihrer sichern und bequemen Höhe auf Euch

herabsehen, Eurem Herzen wird es wolthuend sein; und es ist das erste,

das öffentlich Eure gute Sache führt wider die ungerechte Beurteilung

und wenige Berücksichtigung Eures Märtyrertums im Dienste der Kirche.[2]

Idalia fand es, da der Tag der Abreise bestimmt ward, durchaus

notwendig, mit Godber offen zu reden. Gern hätte sie das ganze

Verhältnis sich ohne eine solche Entwicklung lösen sehen. Sie war mit

ihren Gedanken schon der Abreise vorausgeeilt und sah sich wieder in der

glänzenden Umgebung der Vaterstadt, in allen Genüssen eines

reichbewegten Lebens. Dort hoffte sie auch, würden ihr Vater und ihr

Bruder von den wunderlichen Grillen, welchen nur die Einsamkeit und die

Gespräche mit Hold Nahrung geben konnten, bald wieder genesen. Ihre

Abneigung gegen den mystischen Anstrich, wie sie es nannte, verleidete

ihr die Hallig nun ganz, und ihr Mißfallen an dieser erstreckte sich

auch auf ihr Verhältnis zu Godber, der ja mit seiner Hallig so völlig

eins war, daß er zu schwanken schien, ob er dieser oder seiner Liebe

entsagen solle. Freilich sprach sich in Godber's Benehmen noch immer die

alte Zärtlichkeit aus; aber sie wußte ja doch, daß er nicht ohne

Bedenken die Heimat um ihretwillen verlassen würde, und seine Weichheit

und Hingebung kam ihr jetzt, da in ihrem Herzen seine Neigung keinen

gleichen Anklang mehr fand, unmännlich und kindisch vor. Sie konnte

nicht begreifen, wie sie früher an ein engeres Verhältnis mit ihm habe

denken können. Sie wußte nicht mehr, was sie Ungewöhnliches und

Anziehendes an ihm gefunden, und schalt sich eine Thörin, daß sie sich

von der Dankbarkeit für ihre Lebensrettung habe so weit führen lassen.

Sie fürchtete nun im Ernst, daß er sich noch entschließen möchte, ihr zu

folgen, und machte sich allerlei Pläne, wie sie ihn, wenn er mit nach

Hamburg kommen sollte, allmälig nötigen wollte, sich so in den

Hintergrund zu ziehen, daß er jede Hoffnung auf ihren Besitz aufgeben

müsse. Aber fragen mußte sie ihn doch nun erst, denn er schien ja nicht

reden zu wollen, obgleich sie schon durch Ablegung der Kleidung der

Hallig ihm ihre Meinung deutlich genug offenbart, und vergebens auch

suchte sie durch Kälte und Verschlossenheit ihn zu reizen; es war, als

ob er nur desto magnetischer zu ihr hingezogen würde, je mehr sie ihn

zurückstieß. Wol mußte er merken, daß seine Liebe nicht mehr wie früher

erwidert ward, wol war auch seine Leidenschaft für sie erkaltet, doch

kettete ihn das Bedürfnis, einen Gegenstand zu haben, über den er sich

selbst vergessen könnte, an Idalia. Er sah ihre peinliche Frage voraus,

sah die Stunde der Entscheidung immer näher kommen, und wich doch

ängstlich jeder Hindeutung auf dieselbe aus.

[Fußnote 2: Durch obige Worte veranlaßt, haben einige edle Frauen in

Kopenhagen einen Versuch gemacht, die Lage der Halligprediger zu

verbessern. So wenig nun auch das Resultat ihren Wünschen entsprach, so

wollte ich doch nicht ihre Bemühungen mit Stillschweigen übergehen. Die

Zinsen des zusammengebrachten Kapitals werden wenigstens dazu dienen, in

der Zukunft einer etwaigen Witwe eines Halligpredigers einen kleinen

Zuschuß zu dem dürftigen Witwengehalt zu geben, und so wird auch diesem

Scherflein der Dank nicht fehlen. Auch ich, dem von einer dänischen

Insel her das einzige Zeugnis ward, daß mein Wort für die Halligprediger

nicht ganz ohne Anklang geblieben sei, nehme meinen Gruß an diese Insel,

freilich in Erwartung eines reicheren Ausfalls damals dargebracht, nicht

zurück und setze den letzten Vers dieses Grußes noch mit ebenso warmem

Herzen hierher, wie ich ihn zuerst niederschrieb:

Hilfer hoit, i Gaedestoner,

Den, hvor i Kamp og Raad

Borgerdyd hver Tinding kroner;

Taarer fandt jeg der og -- Daad.]

An einem heitern Novembertage stand er am Ufer des Meeres und blickte

auf das Spiel der Wellen zu seinen Füßen. Eine wehmütige Rührung

breitete ihren weichen Schleier immer weiter über seine Gedanken und

Gefühle und sänftigte sie, wie die Mutter das unruhige Kind, wenn sie es

in ihr Gewand hüllt und an die warme Liebesbrust drückt. Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft flossen ihm wie in eine Thräne zusammen, in

welcher all' sein Träumen und Sehnen sich zu dem lieblichen Bilde eines

friedlichen Stilllebens ausmalte; aber ob vom aufgehenden Morgenstrahl

oder vom scheidenden Abendrot dies Bild beleuchtet werde, das wußte er

nicht; nur daß es ein Bild nicht der Wirklichkeit, sondern nur der

Sehnsucht sei, erinnerte ihn die feuchte Perle, die über seine Wangen

niederrollte. Lange stand er so da, in dem Vergessen, das doch wieder

kein Vergessen ist, indem um die Schwinge des schönsten Traumes immer

noch der Flor der Trauer weht, und das Herz zu keiner stolzen Höhe voll

Licht und Seligkeit zu erheben vermag. In solcher Stimmung erschien ihm

seine Hallig als der einzige Fleck der Erde, der ihm zusagen konnte, als

die Stätte, auf der allein die Wunden seiner Brust Heilung finden

würden; es war ihm unmöglich sich in den Verkehr der Welt

hineinzudenken, und er schauderte vor der furchtbaren Einsamkeit und

Verlassenheit unter den Menschen, die sich in dem lauten Treiben des

Lebens bewegten.

Hold, in welchem gerade entgegengesetzte Wünsche durch den Verkehr mit

den Fremden, durch die aufregenden Gespräche, durch die Erneuerung des

geistigen Austausches, durch die Erinnerung an das lebendige Treiben der

Welt rege geworden waren, und der, öfter als sonst, jetzt sehnsüchtig

über die Wogen hinschaute die ihn vom festen Lande und dessen geistiger

und politischer Lebensfülle trennten, überraschte Godber in seinen

Träumen. -- Sie waren bald in ihrem Gespräch bei dem, was Beiden, Jedem

auf seine Weise, nahe lag: bei der Abreise der Fremden.

»Du wirst uns,« fragte Hold, »nun wol verlassen?«

»Nein, nein,« rief Godber heftig, »ich verlasse meine Heimat nicht.«

»Und Idalia bliebe hier?« war die verwunderte Gegenfrage.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Jener leise mit unsicherem Tone.

»Du weißt es nicht?« und dabei sah Hold den Jüngling, der schweigend und

gesenkten Auges vor ihm stand, prüfend an.

»Du weißt es nicht? Godber, hast Du Dich selbst, hast Du das Rechte

wiedergefunden?« und als Godber noch immer nicht antwortete, fuhr er

lebhaft fort: »Gewiß, Du kannst nicht glücklich werden in der großen

Stadt, in dem rauschenden Leben und Treiben, unter Menschen, die jeder

Thräne, wie sie ja noch in Deinem Auge hängt, nur spotten. Du mit Deinem

einfachen stillen Wesen würdest Dich unheimlich fühlen müssen in ihren

glänzenden Kreisen. Für den Sohn der Hallig ist nur die Hallig der

Boden, wo sein Leben gedeihlich wurzelt, nirgends sonst kann es ihm wol

werden. Und Idalia? Die Neigung, die sie Dir zugewandt, ist wol nur

Regung der Dankbarkeit, Folge der ungewohnten Einsamkeit, Ausfüllung

müßiger Stunden, höchstens Aufwallung leidenschaftlicher Gefühle, in

denen sie wechselt wie mit ihren Modekleidern.«

Godber errötete bei diesen Worten vor Scham, und Hold, der es bemerkte,

ergriff seine Hand und sagte:

»Es kränkt Deinen Stolz, daß ich Dir dies sage; es thut Dir wehe, daß

ein Anderer von Dir weiß, Du habest mehr zu gelten geglaubt, als Du

giltst. Aber es würde Deinen Stolz ja noch mehr empören müssen, dies an

ihrer Seite erst dann zu lernen, wenn kein Rückschritt mehr möglich,

wenn Du durch ein heiliges Band in den Zauberkreis ihres blendenden

Schimmers gebunden bist, und, wie Du selbst Dich darin unbehaglich

fühlst, sie auch es fühlen ließest, daß Du ihr ein unbehaglicher

Schatten bist. Und es ist ja nicht Deine Schuld, daß Du vertrautest

ihrer süßen Rede und ihrem schmeichelnden Benehmen. Es ist ja vielmehr

Deine Ehre, daß Du dadurch getäuscht werden konntest. Der Mensch, der

sagen könnte: ich bin nie getäuscht worden, der hat sich selber sein

Urteil damit gesprochen, und ich würde mich vor seiner Freundschaft

ebenso sehr hüten, wie ich mich dränge zu Dem, dessen Herz blutet von

den Wunden, welche das getäuschte Vertrauen schlug. Ja, Godber, darum

und weil ich mir es gelobte in dem rettenden Boote, in welchem Du mich

zu meiner Gattin und zu meinem Kinde zurückbrachtest, drängte ich mich

an Dich und bitte um Dein offenes Vertrauen. Ich werde es nicht

täuschen, so lange ich des Augenblicks gedenke, als Dein und Deiner

Gefährten Ruf über die Wasser scholl, die um mein Haupt spülten.«

Godber widerstand nicht länger; ein Blick, in welchem der glänzende Tau

einer dankbaren Thräne perlte, und ein fester warmer Händedruck

bezeugten es dem Pastor, daß die Zurückhaltung, die jener immer gegen

ihn beobachtet, nun einer herzlichen Annäherung gewichen sei.

Offen sprach jetzt Godber über seine ganze Lage und Stimmung. Er

verschwieg nicht, wie Idalia's Benehmen in der letzten Zeit ihn

gekränkt, und ihm fast die Gewißheit gegeben, sie wünsche das Verhältnis

mit ihm gelöst zu sehen.

»Laß fahren dahin!« rief Hold. »Scheide, was schon längst geschieden ist

und sich entgegensteht wie Süd und Nord. Und will Dein Herz noch bluten,

so wirf es mit all' seinen Wunden an's große Vaterherz dort oben; Gott

wird es zu heilen wissen, daß es aus dem schweren Kampfe hervorgehet,

ein Held, für den seine Narben zeugen, daß man sich verlassen darf auf

seine Kraft und Treue.«

Hold vertraute der Zukunft mehr, als Godber, denn nur dieser kannte ja

ganz die Gewissensunruhe, die ihn bei jedem ernsten Gedanken über sich

selbst folterte. Nur eine scheinbare Kraft lieh ihm den Entschluß, ein

letztes, entscheidendes Wort mit Idalia zu reden. Der Grund seiner

Schwäche lag tiefer, als in der Trauer der unerwiderten Liebe, denn dann

wäre ihm jetzt die Rückkehr zur vollen Freiheit des Geistes nahe

gewesen, da er im Begriff stand, eine Fessel zu lösen, die ihn bisher

von dem Glücke zurückgehalten, für welches er jahrelang in Geduld und

Hoffnung gearbeitet, und das selbst durch die Flammen der neuen

Leidenschaft oft noch als ein milder, freundlicher Stern

hindurchgeblickt. Doch wäre seine Liebe zu Idalia auch fortan für ihn

nichts weiter gewesen als ein Traum, der bei unserm Erwachen kaum in

kurzer Erinnerung fortlebt, konnte er damit auch vergessen, daß um

ihretwillen er vor der letzten Planke das Schiff verlassen, dessen

Steuer ihm anvertraut gewesen, daß er um ihretwillen seinen Gelübden

gegen Maria untreu geworden war? Wenn diese ihm auch verzeihen wollte,

konnte er sich selber verzeihen? Nur so lange er noch hoffen durfte, die

zu besitzen, für welche er so viel geopfert, hatte dieses Opfer noch

eine lichte Seite, hatte noch einen, wenn auch zu teuer erkauften

Vorteil, hatte einen Altar, auf dem es dargebracht war; nun, da er

selbst es erfolglos zu machen im Begriff stand, fiel es auf sein Herz

zurück wie eine dunkle, schwere Wolke, durch die kein Streif des

Morgenrotes brechen konnte, die Aussicht in die kommenden Tage zu

erhellen. Nur das Eine, was die Gegenwart von ihm forderte, die Trennung

von Idalia, blieb ihm klar; jede Zukunft war für ihn Nacht und

Finsternis, während Hold einer frohen Entwickelung des Geschicks der

durch frühe Gelübde Verbundenen, oder vielmehr einer ruhigen Rückkehr in

das ebene Geleis ihrer Vereinigung für's Leben mit freudiger Teilnahme

entgegensah.

»Du wirst mit Deinem Vater reisen?« sagte Godber am andern Morgen zu

Idalia, mit einem Tone, dessen Frage wie gewisse Voraussetzung klang,

nachdem ihn die Ueberlegungen einer schlaflosen Nacht noch entschiedener

in dem Entschluß gemacht hatten, mit dem Mute der vollendeten

Hoffnungslosigkeit sich ganz in das dunkle Gewand eines unausweichlichen

Geschicks zu hüllen.

Idalia erbebte sichtbar. War es die letzte Regung für den Jüngling, war

es die plötzliche Nähe der längst gewünschten Entscheidungsstunde,

wodurch sie so heftig bewegt wurde? Sie vermochte nicht gleich etwas zu

erwidern. Sie sann auf eine Antwort, die, indem sie ihm jede Hoffnung

auf ihren Besitz abschnitt, dennoch so wenig als möglich ihn verletzen

sollte, und, wie es gewöhnlich in solchen Fällen geht, sie verwundete

ihn gerade auf's Tiefste mit ihrer Erwiderung.

»Wie vielen Dank bin ich Dir, schuldig, Godber. Ohne Dich hätte ich

meine Vaterstadt, nach der ich mich jetzt so sehne, nie wiedergesehen.

Nie,« dabei ergriff sie seine Hand und drückte sie innig, »nie werde ich

es vergessen, wie Du mir nachsprangst in die rollende See. Nie wird

meine Dankbarkeit, nie werden meine Wünsche für Dein Glück aufhören!

Und, nicht wahr? wir haben ein freundliches, liebliches Spiel mit

einander gehabt auf diesem Eilande, woran wir uns immer gern erinnern

werden, als an eine im Leben so seltene, kindliche Vergessenheit.«

Godber erglühte vor Scham und Zorn. Also ein Spiel durfte sie nennen,

was ihn und die arme Maria um das Glück des Lebens betrogen! Er preßte

die Lippen zusammen und stand eine Zeit lang da, wie Einer, der

zweifelhaft ist, ob er die innere Wut bezähmen oder auslassen soll.

Idalia wurde immer unruhiger, je länger sein Schweigen währte. Sie

wollte ihren Stolz zusammenraffen und sich kurz von ihm wenden; aber das

Gefühl ihres Unrechts, nicht ohne eine Beimischung von Furcht vor dem so

tief gekränkten Jüngling, überwog, und sie sagte mit schmeichelnden

Tönen:

»Welch ein Festtag wird es für mich werden, wenn Du uns einmal in

Hamburg besuchst! Dann wollen wir wieder plaudern von den alten Zeiten,

und Du wirst sehen, wie treu mein Gedächtnis auch die kleinsten Umstände

unseres Zusammenlebens auf diesem Eilande bewahrt haben wird.«

Godber hatte diese letzteren Worte ganz überhört; aber der zornige

Aufruhr seiner Seele ging plötzlich in eine Wehmut über, die seine Augen

mit Thränen füllte. Ein gewöhnlicher Uebergang der Empfindungen in

seinem Gemüt, dessen Schwäche einer heftigen Bewegung nicht lange

gewachsen ist. Die Spannung, in seinen Zügen wie in seiner Stellung

löste sich in eine Schlaffheit auf, vor der sich Idalia fast noch mehr

scheute, als vor dem Ausbruch des Zorns, da sie davon eine rührende

Scene fürchtete, die sie um jeden Preis vermeiden wollte, weil diese

doch zu Nichts führen konnte, und weil sie bei der tiefen Erschütterung

Godber's zugleich fühlte, daß sie ihres Herzens noch nicht so vollkommen

Meister sei, wie sie es geglaubt hatte.

Doch Godber besann sich, daß Alles ja doch nur so gekommen sei, wie es

kommen mußte, daß er selber Entscheidung gewünscht, ja daß diese

Entscheidung schon längst da gewesen, und ihr nur das Wort gefehlt habe.

Er wandte sich rasch um und eilte fort, ohne nur einen Blick des

Abschieds auf Idalia zu werfen. Diese hätte gern eine freundlichere

Trennung gesehen. Sie schwankte einen Augenblick, ob sie ihm nicht

nachfolgen und noch ein paar herzlichere Worte mit ihm reden sollte;

aber ehe sie sich darüber besonnen, war es zu spät. Godber eilte die

Werfte hinab, und bald trieb sein Boot mit ihm einsam auf den Fluten.

Erst nach der Abreise der Fremden fand er sich auf der Hallig wieder

ein.

Auch wir können von Idalia hier Abschied nehmen, indem wir einen

flüchtigen Blick in ihre Zukunft werfen. Hätte sie es verstanden, ihre

Neigung für Godber zur wahren weiblichen Liebe zu erheben, sie würde

vielleicht selbst seine Abneigung, der Heimat untreu zu werden,

überwunden haben, und er hätte an ihrem Herzen wohl vergessen, wie teuer

er das Glück an ihrer Seite erkauft. Da sie aber nun einmal solche

Hingebung erfahren und von sich gestoßen, durfte sie erwarten, je wieder

ein Herz zu finden, das nur in ihrer Liebe alle Sehnsucht erfüllt sah?

Sie fand sich in Hamburg bald wieder in all' die Zerstreuungen, in

welchen sie früher gelebt, und heiratete zuletzt einen Mann, dessen

Vermögen und Neigung es ihr erlaubte, auch als Gattin in den Thorheiten

zu glänzen, welche die Zeit ausfüllen, ohne das Herz zu befriedigen,

vielmehr dasselbe zu einer wahren Parforcejagd nach immer neuen

Befriedigungen der Eitelkeit und der Weltlust stacheln. Was ihre Seele

bewegte, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie

in den doch nicht ganz zu vermeidenden einsamen Stunden ihrer

kinderlosen Ehe, den Kopf auf die Hand gestützt, die Stickerei

vergessend auf dem Schooße ruhen lassend, mit halbgeschlossenen Augen

wie in die Leere hinausstarrend, oft lange dasaß, so lange, bis sie

erschreckt von einer heißen Thräne, die auf ihren Arm fiel, aufsprang,

hastig die Laute ergriff und die Saiten stürmen ließ, als sollten die

wilden Töne gewaltsam eine Lust aufregen, von der das Herz nichts wissen

wollte, das mögen Die beurteilen, welche folgende Verse verstehen:

Einen Maitag hat das Leben,

Einen Schöpfer-Augenblick;

Läßt Du ihn vorüberschweben,

Kehrt er nimmer Dir zurück.

Einmal kommt das Glück Dir nahe,

Winket Dir mit offner Hand;

Wer es einmal scheiden sahe,

Hat es ewig fortgebannt,

Und dann ruft es keine Zähre,

Wieder hin in Deine Spur!

Treibe bis zum fernsten Meere.

Pilgre bis zur fernsten Flur.

Breit' der Erde Güter alle

Um Dich her in weiten Reih'n,

Führ' in Deine reiche Halle

Jede Lebensfreude ein,

Schlürfe tief aus voller Schale: --

Ach! Du seufzest im Genuß;

Denn es fehlt dem Feiermahle

Der verscherzte Weihekuß;

Denn es fehlet Deinen Kränzen

Das verschmähte Immergrün;

Deine Blumen, wie sie glänzen,

Blühen nur, um zu verblühn.

Einmal durftest kühn Du hoffen,

Bräutlich grüßte das Geschick;

Einmal sahst Du Eden offen --

Hoff' auf keinen zweiten Blick.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 25 / 33 题