-- Und jede neue Welle säumte
Für mich am feuchten Leichentuch.
Und jede neue Welle schäumte
Entgegen mir den Todesspruch.
Wir übergehen den kurzen Aufenthalt auf der Insel, die, umgeben und
durchschnitten von starken Deichen mit einer Höhe von mehr als zwanzig
Fuß und einem Belauf von achtzig bis hundert Fuß, in der Mitte ihrer
Abteilungen oder Koege, wo das Meer völlig dem Auge entzogen war, das
Ansehen eines von festen Wällen umgürteten Lagers darbot, das von den
Kriegern verlassen, nun dem friedlichen Landmann angehörte, der es nur
bißher versäumt, die Wälle abzutragen.
Auf der Rückfahrt nach der Hallig mußte das Schiff anfangs mit widrigen
Winden kämpfen; später trat eine völlige Windstille ein, und eine
Viertelmeile vom Ziel wurde Anker geworfen, da auch die Ebbe dazu kam,
die kein Weiterkommen selbst bei günstigem Winde gestattet hätte. Noch
war es heller Nachmittag, und klar lagen die einzelnen Wohnungen der
Hallig vor dem Blicke der ungern Verweilenden. Das Schiff stand bald
ganz auf dem Trocknen, und es schien so leicht, die kurze Strecke zum
Ufer zu Fuß zu machen. Sollte auch hie und da ein bißchen in dem weichen
Schlamm gewatet, oder eine und die andere Wasserrinne übersprungen
werden müssen, so kam man doch vor Abend nach Hause. Der Gedanke, so
festgebannt zu sein, machte Oswald ungeduldig, und für Hold war jede
Stunde der Entfernung von den Seinen ein Abbruch an seinem häuslichen
Glück. Die beiden Schiffer hatten nichts dagegen, ihr Fahrzeug bis zur
nächsten Ebbe liegen zu lassen, wie sie dies schon oft gethan, und so
traten denn die vier Reisegenossen ihren Weg zur Hallig an. Freilich
hätten die vielen Unglücksfälle, welche durch dies sogenannte
Schlicklaufen herbeigeführt werden, sie abhalten sollen; aber die Luft
so heiter, das Land so nahe, woher denn Gefahr? Oswald lachte laut auf,
als Hold nur so obenhin sagte, daß solche Versuche, das Land zu
gewinnen, schon Vielen das Leben gekostet, und dieser fügte auch selbst
gleich hinzu, daß heute freilich nichts zu fürchten sei. O, des
kurzsichtigen Geschlechts, das sich so sicher dünkt, indem es dem Tode
entgegenrennt! Kaum zehn Minuten später standen die Wanderer schon
ratlos und angstvoll da, und wußten nicht mehr, wohin sie die Schritte
wenden sollten, ob rückwärts, ob vorwärts. Ein dicker Nebel, der
urplötzlich, man wußte nicht, ob von oben herab, oder von unten
heraufgestiegen kam, lagerte sich um sie her.
Die Nebel oder Seedünste sind oft nicht höher als sechs bis acht Fuß,
und es begegnete uns einmal, daß wir vom Schiffe aus mit den Leuten am
Ufer uns unterredeten, ohne daß wir auch nur das Geringste mehr sehen
konnten, als deren Köpfe, die im hellsten Lichte auf der grauen
undurchdringlichen Masse gleichsam schwammen, und deren Bewegungen von
einer Stelle zur andern, ohne daß man die bewegenden Glieder sah, einen
wunderbaren Anblick gewährten. Was wir in dem Folgenden erzählen, mag
ebenfalls für Den, welcher jene Meeresstrecke nicht kennt, manches
Wunderbare haben; aber wir legen auch hier, wie andern Stellen dieser
Schrift, unsere eigenen Erfahrungen zu Grunde.
Sobald der Nebel aufkam, wandten sich Aller Blicke unwillkürlich auf das
Schiff zurück. Wenn nur noch irgend etwas zu sehen gewesen wäre! Aber
die weiter als drei Schritte von einander standen, waren ja schon nicht
mehr für einander da und mußten sich durch Rufen zusammenfinden. Oswald
ahnte noch nicht die Größe der Gefahr und konnte sich in das ängstliche
Beraten der andern nicht finden, da er meinte, sie müßten bald das Ufer
gewinnen, wenn sie nur darauf hielten, die gerade Richtung nicht zu
verfehlen. Auch der Schluß der Beratung fiel dahin aus, vorwärts zu
gehen, weil die freilich entferntere Hallig sich doch immer in diesem
Nebelmeer wahrscheinlicher treffen ließ, als das nahe, aber leicht zu
verfehlende Schiff. Oswald schritt keck voran und trällerte ein
Liedchen. Doch als tiefere Stellen, die nicht zu durchwaten waren,
umgangen werden mußten, als Rinnen kamen, an denen man in mancherlei
Wendungen hinzuwandern gezwungen war, ehe eine Stelle gefunden ward,
schmal genug, um hinüberzuschreiten, als bald der eine, bald der andere
Gefährte im Nebel oft eine geraume Zeit verschwand, da wurde er stiller
und stiller. Als er ein paarmal, entweder unbesonnen forteilend, oder
zaghaft zurückbleibend, nur nach lautem Geschrei, da der Nebel den
Schall hemmte, sich den Genossen wieder anschließen konnte; als er bald
im Schlamme tief einsinkend, bald mit ungewissem Sprung die Weite
verfehlend, alle Mühseligkeiten des Weges erfuhr, da begann ein kalter
Schweiß von seiner Stirne zu perlen, und bei jedem Stillstand fühlte er
das Beben der Angst in seinen Gebeinen. Solcher Stillstand ward immer
öfter nötig, teils um die erschöpften Kräfte wieder zu sammeln, teils um
über die rechte Richtung sich zu vergewissern. Welche Umwege aber wurden
in der dichten Nebelhülle gemacht, die bei heller Witterung leicht
hätten vermieden werden können! Vielleicht war der Uebergang über eine
Rinne nur ein paar Fuß weiter rechts oder links, und eine halbe Stunde
wurde vergeudet, um ihn aufzufinden, weil man ihn an der Seite
vermutete, wo er nicht war, und wenn man sich endlich überzeugte, daß er
da nicht zu finden sei, wo man ihn suchte, ging wieder eine neue halbe
Stunde darüber hin, um zu dem alten Fleck zurückzukommen. Zuletzt mußten
sich die vier Leidensgefährten anfassen, um nicht durch die graue Wand,
die zwischen ihnen jetzt schon bei der Entfernung von auch nur einem
Schritt von einander aufgetürmt war, getrennt zu werden. Bisher waren
nur wenige, durch die Umstände gebotene Worte gesprochen. Jeder ging
still, sich seinen trüben Gedanken überlassend, hinter dem andern her;
nur Oswald unterbrach nun durch sein Stöhnen und Klagen vielfach das
ängstliche Schweigen. Aber nicht lange, da tönte die Schreckensfrage von
Mund zu Mund: »wohin sollen wir uns wenden?« Ach! die sich
widersprechenden Antworten zeigten nur zu gewiß, daß man sich auf keine
Antwort mehr unbedingt verlassen konnte. Die Richtung, bisher noch teils
durch die Aufmerksamkeit auf jede neue Wendung, teils auch durch die
Kenntnis der Schiffer von dem Lauf wenigstens der größeren Rinnen,
vielleicht nicht ganz verloren, ward nun Allen völlig zweifelhaft. Denn
die zu machenden Wendungen und Krümmungen waren immer verschlungener,
des Hin- und Hergehens, Vor- und Rücklaufens immer mehr geworden; und
unheilbringendes Zeichen! die Rinnen wurden allmälig breiter, flossen zu
zahlreicheren Wasserstraßen über, welche bald langsam wie heimtückische
Räuber dahinschlichen, indem sie zwischen den kleinen Erhöhungen in
vielfachen Krümmungen sich fortwanden, oder lauernd und auf neuen
Zuschuß wartend an einer größeren Bank sich verweilten; bald aber auch
wie mutige Krieger von einem erklimmten Wall auf die Ebene niederwogten
und dort sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Von diesen Bewegungen
sahen die Wanderer freilich Nichts, obgleich der Nebel jetzt anfing,
sich ein wenig zu verteilen. Aber sie kannten ja die Stunde, in welcher
ihr Todfeind die Herrschaft wieder antrat auf den Marken, die sie mit
mutwilligem Fuß zu betreten gewagt hatten. Sie merkten sich auch schon
von seinen verstrickenden Netzen umschlossen, denn wohin sie sich
wandten, stießen sie auf seine Gänge, wohin sie sich wandten, folgte er
ihnen nach, und bald spülte er allenthalben um die Füße der gejagten
Beute. Nun kroch er, sich hebend und sich senkend, langsam, aber mit
sicherm Fortschritt, immer höher hinauf, steigerte in gleichem
Stufengang das Bangen und die Beklemmung der Umherirrenden, deren Tritte
immer heftiger, aber auch immer unsicherer wurden auf dem überschwemmten
Boden, und wallte jetzt um die schlotternden Kniee mit höhnischem
Rauschen, in welchem sich nur zu deutlich die grausame Freude aussprach:
»Ihr entgeht mir doch nicht mehr!« Was half die erneute Beratung: »wohin
sollen wir uns kehren?« Ja hätte nun auch die rechte Richtung ausgemacht
werden können, wie ja wirklich die aufmerksame Beachtung der Bewegung
der Flut sie ungefähr erraten ließ, hatte man nicht vor sich Rinnen, die
jetzt zu undurchdringlichen Tiefen geworden waren? Durfte man, selbst
dies Hindernis nicht mit erwägend, es sich verbergen, daß eine ungefähre
Richtung gar keine sei, da sie an der Scholle, die im weiten Ocean
aufgefunden werden sollte, eben so gut rechts oder links vorbei als
darauf hin führen konnte? Doch wurde ein Versuch gemacht, vorwärts zu
dringen, aber schnell wieder aufgegeben, als der Führer des Zuges
plötzlich bis über die Achsel in eine Tiefe versank, aus der er nur mit
Mühe herausgezogen werden konnte. Jetzt blieb nichts anderes übrig, als
auf dem Platze, wo man gerade sich befand, stehen zu bleiben und sich in
voller Hülflosigkeit der Macht des immer höher schwellenden Oceans zu
überlassen, und dem Vater im Himmel, der allein den Wogen gebieten kann:
bis hierher und nicht weiter! Leib und Leben im Gebet zu empfehlen.
»Mein armes, armes Weib!« dachte Hold; und sein Geist war so ganz in
diesem Gedanken aufgegangen, so ganz mit ihrem Schmerz um den Verlust
des Gatten eins geworden, daß ihm die Teilnahme für die nahe Bedrängnis
verloren ging in der vollen Empfindung ihres Jammers. Die beiden andern
Männer standen in dumpfer Hingebung schweigend da. Oswald aber verlor in
dieser gezwungenen Unthätigkeit alle Fähigkeit, seiner Todesangst irgend
ein stärkeres Gefühl entgegenzusetzen, oder auch nur sie unter einer
anscheinenden Ruhe zu verbergen. So lange noch Versuche zur Rettung
gemacht werden konnten, war er bei jedem günstigen Anschein voll
Hoffnung, und die Beschwerden der Wanderung ließen es ihn zuweilen ganz
vergessen, daß sie auf dem Wege wandelten, der sie vielleicht nur immer
fester als Opfer des Meeres umstrickte. Aber stille zu stehen, rings um
sich die Wüste des Oceans, in jedem leisen Wellenschlag einen neuen
Todesboten zu merken, mit welchem der beutesichere Feind neckisch sein
Opfer grüßte, eine Marter auszuhalten, die ohne die Abwechslung des
Schmerzes in immer gleicher Ruhe einen Tropfen aus dem Becher der
Hoffnung nach dem andern auszählte; diesem schwerfällig aufkriechenden
Tode, als würde der Körper von einer ungeheuren Schlange in immer höher
schwellenden Windungen langsam umzogen, von Sekunde zu Sekunde seinen
Gang nachzumessen, ihn immer näher und näher am hochschlagenden Herzen
zu fühlen: das war mehr, als Oswald zu ertragen vermochte. Anfangs drang
er in seine Gefährten mit dem leidenschaftlichsten Ungestüm, doch irgend
ein Mittel zur Rettung zu ergründen. Als er endlich ihren vielfältigen
Beteuerungen glauben mußte, daß Alles versucht sei, was versucht werden
könne, und daß jetzt nur noch die Möglichkeit als letzter Hoffnungsstern
übrig bleibe, wenn der Nebel sich noch mehr verteile, und das Land nahe
sein sollte, durch ihr Geschrei ein Boot herbeizurufen, da schrie er, in
jeder längern Zögerung den gewissen Tod sehend, so gellend auf, daß es
diesem herzzerschneidenden Ruf anzumerken war, wie nur die furchtbarste
Seelenangst ihm die übernatürliche Stärke gegeben. Mit diesem Ruf war
aber auch alle seine Kraft dahin, seine Füße wollten ihn nicht mehr
tragen, alle seine Gebeine schüttelten sich wie aus ihren Fugen heraus,
seine Zähne hämmerten auf einander und sein Haar sträubte sich hoch
empor; keines zusammenhängenden Wortes war er weiter mächtig. Er wäre
jetzt schon umgesunken, wenn Hold ihn nicht gehalten. Es ward auch für
Alle nötig, sich gegenseitig zu stützen, da die Wellen schon so hoch
gestiegen waren, daß es schwer wurde, die Füße gegen ihren Andrang
festzustemmen. Schweigend standen die Männer so neben einander, fest die
Hände in einander geschlungen. Jeder hatte in seinem Innern die Rechnung
mit dem Leben zu schließen und weder Zeit zu klagen, noch Lust zu
trösten. Oswald wollte freilich auch seine Seele in Gottes Vaterhuld
empfehlen und rang sich aus seinen durch einander tobenden Gedanken und
wild lodernden Empfindungen zu einem Blick nach oben durch, aber der
Himmel, an dem schon hin und wieder ein Stern durch den Nebelflor
schimmerte, nahm seinen Blick nicht an, wenigstens sank des Jünglings
Auge sogleich scheu wieder zurück, und in demselben Augenblick rauschte
eine Woge, höher als die übrigen, hinter ihm auf; ein doppelter
Wasserstrahl ging von seinem Nacken um den Hals her und floß über seine
Brust hin. »Du bist gerichtet!« schauderte es durch seine Seele, und ein
neuer Angstschrei riß sich aus seiner Brust los, dem ein dumpfes
anhaltendes Stöhnen, untermischt mit abgebrochenem Aechzen, folgte.
Festeren Gemütern wäre vielleicht dieses Stöhnen widerlich gewesen, auf
seine Leidensgefährten wirkte es dahin, daß auch sie ohne Rückhalt
seufzten und klagten.
Die Wasser aber rauschten heran, heran; eine Woge legte sich über die
andere hin, und mit jeder kommenden Woge lief eine Sekunde ab von der
kurzen, den Armen noch zugemessenen Lebensstunde.
Der Nebel sank endlich völlig und begrub seine feuchten Dünste in die
Flut. Am Himmel blinkten nur einzelne Sterne, und auf dem Meere war für
Die, denen das Wasser schon bis an die Brust stand, nichts zu sehen, als
bald hier, bald da auf dem kräuselnden Kamm einer Welle der Wiederschein
eines Sternenlichts. Die Dunkelheit verbarg das Schiff. Doch da, da, und
wieder da! Das sind Lichter der Heimat! -- Schließt Eure Rechnung
schneller, Unglückliche, die Lichter der Heimat werden zu Lampen für die
Toten hingestellt. Wie seid Ihr irre gegangen! Jene Lichter zeigen Euch,
daß Ihr wenigstens drei Mal weiter von der Heimat entfernt seid, als Ihr
es waret, da Ihr das Schiff verließet. Kein Ruf dringt hinüber zu der
fernen Küste; ja, könnte ein Ruf hinüberdringen, kein Boot, und würde es
auch noch so rüstig getrieben, vermag Euch zu erreichen, ehe noch das
Meer mit Euren Leichen spielt. Da sitzen Eure Lieben und warten auf
Euch! »Nun muß er bald kommen!« sprechen Vater und Mutter, Weib und
Kind, Bruder und Schwester, und Euer Platz wird leer gelassen in ihrer
Mitte, bis Ihr kommt. Für Euren freundlichen Empfang, für Eure
Erquickung nach der Reise sind Alle geschäftig; wohnlich und gastlich
soll Euch Alles anlächeln; traulich und herzlich das Willkommen sein,
das Euch begrüßt. Erzählen sollt Ihr den horchenden Lieben, was Ihr
gesehen, und die gemütliche Heimat von Neuem loben. -- Euer Platz wird
leer bleiben in der Mitte der Lieben, denn die Wasser rauschen heran,
heran; eine Woge legt sich über die andere hin, und mit jeder kommenden
Woge läuft eine Sekunde ab von der kurzen, Euch noch zugemessenen halben
Stunde.
»Mein armes Weib! mein Kind! mein Kind!« rief Hold laut zum Himmel auf.
Neben ihm seufzten die Männer, und Oswald's Gestöhn klang
verzweiflungsvoll dazwischen. Aber der trübe Geist, der Hold's Seele
niederdrückte, und der dadurch so lähmend auf den sonst so
glaubensfreudigen Mann wirkte, weil dieser besonders durch eine Regung
von Eitelkeit verleitet war, sich der Wanderung über den Schlick nicht
zu widersetzen, zu der er lieber zustimmen, als für furchtsam gehalten
werden wollte, dieser trübe Geist war mit jenem Ausruf auf die höchste
Spitze gelangt, wo ihn nun wie ein Wetterstrahl aus der Höhe das Wort
traf: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den
Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht!« Da war es, als träte Hold mit
vollem Siegesjubel heraus aus dem Schatten der Finsternis und den Banden
des Todes, die ihn so lange gehalten, und er hub an zu predigen in den
Wellen mit lauter und fester Stimme; freilich mehr in abgebrochenen
Sätzen, wie es die Lage der Dinge natürlich machte, als in dem
Zusammenhange, welchen unsere Aufzeichnung seinen Worten gegeben hat.
»Gelobet sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der
Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes! Der uns tröstet in aller
unserer Trübsal, daß wir auch trösten können, die da sind in allerlei
Trübsal, mit dem Troste, damit wir selber getröstet werden von Gott. --
Lobet den Herrn in allen Seinen Werken, denn alle Seine Werke sind
unsträflich! Auf Sein Gebot kommen und gehen die Wasser. Er wehet das
Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es weichet scheu vor Ihm
zurück. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es
schwellet und wallet heran folgsam Seinem Ruf; und was Er gebeut, das
geschieht zur rechten Stunde. So ist es denn auch Seine Stunde, in die
wir gekommen sind. Es ist Sein Rat, der uns dies Grab bereitet; und
darum leitet auch Seine Hand uns hinüber in Sein Reich. -- Freuet Euch!
Er hat in diesen Stunden der Angst uns gereiniget von unsern Sünden. Er
hat uns hingegeben in unsere Ohnmacht, daß die letzten Trümmer unseres
Dünkels niederbrächen unter Seinem Wort: »Seid stille und erkennet, daß
ich der Herr bin!« -- Er hat uns hienieden schon gerichtet, und unter
Seiner Heimsuchung ist unsere Schuld und Missethat über unser Haupt
gewachsen, wie das Meer über unser Haupt wächst; also daß wir weit von
uns geworfen haben das eitle Gewand eigner Gerechtigkeit und unsere
Seele gekleidet in das hochzeitliche Kleid der Gerechtigkeit in Christo,
die vor Gott gilt. -- Hallelujah dem Gott der Stärke, dem Vater der
Liebe! In Seiner Kraft überwinden wir die Welt, und Seine Gnade erfüllet
die verzagten Herzen mit Freude und Friede. Und die da weinen um uns, --
Herr, unser Gott, durch die Wolken hindurch dringt unser Gebet aus der
Tiefe, und Du erhörest, erhörest uns, die wir ausschütten unser Herz vor
Dir. Ja, wir bitten und zweifeln nicht: Du bist ein Helfer und Vater der
Witwen und Waisen, unter dem Schatten Deiner Flügel ruhen sie. Du
richtest sie auf, wo sie meinen vergehen zu müssen. Du weisest ihnen
Wege, wo sie keine Wege sehen. Vater tröste sie, stärke sie, führe sie
um unserer Bitte willen, wie Du verheißen: »Bittet, so wird Euch
gegeben.« -- Nicht für uns bitten wir. Wir haben nur Dank, daß Du uns
hast hören lassen Dein Wort zu uns mit wahrhaftigem Sinn und völligem
Glauben. Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht.
Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden
unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Denn Du hast einen hellen Schein
in unsere Herzen gegeben, und unser Glaube ist schon hienieden zum
Schauen geworden, also daß Dein Licht uns umleuchtet in der Finsternis,
daß unsere Seelen auffahren mit Flügeln, wie Adler, aus der Tiefe, daß
wir Dich loben und preisen im Sterben. -- Hallelujah! Ehre und Preis
unserm Gott, der uns den Sieg gegeben hat über den Tod! Hallelujah! Dem
Herrn sei Dank und Preis in Einigkeit! Amen.«
Auf die beiden Männer der Hallig machten diese begeisterten Worte ihres
Pastors den entschiedensten Eindruck. Sie hatten eben noch seine Seufzer
und Klagen gehört, ihn die Schwäche und Trostlosigkeit seiner
Leidensgenossen teilen sehen, und nun erhob er sich auf einmal zu
solcher Höhe des Glaubens und der Todesfreudigkeit, daß sie seinen
Zuspruch, obwohl dieser sich ganz in den Grenzen ihres geistigen Gebiets
hielt, aufnahmen als eine Stimme von Oben, als die Sprache eines
weltüberwindenden Geistes, der wie im Sturm den Geist der Furcht und des
Zagens ausgetrieben, und dessen Stätte eingenommen in der Brust ihres
vorher mit ihnen verzagten Seelsorgers. Daß fast jedes Wort seiner
Tröstung an einen Bibelspruch erinnerte, gab ihr für Diejenigen, welche
von Kindheit an die heilige Schrift als Gotteswort geehrt hatten, den
vollen Stempel der Untrüglichkeit und daher noch gewisseren Einfluß auf
die Gemüter. Für Oswald jedoch war jede Tröstung verloren. Während Jene
lobten und dankten, als sei die Todesstunde ein Fest geworden, klang ihm
dies Zeugnis der Glaubensfreudigkeit wie ein Hohn über die Oede seines
Herzens. Oft versuchte er es, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung
seinen Gefährten nachzusprechen; aber er wußte nicht einmal, ob es über
seine Zunge ging, wenigstens kam es ganz leer zu ihm zurück und fand in
seiner von Todesängsten gemarterten Brust keine Stätte, um auch nur
einen Augenblick zu haften. Er glaubte zu jammern und zu schreien, um so
irgend eine Macht zum Mitleid zu bewegen, aber dies Jammern und Schreien
war nur in ihm, seine Lippen fieberten nur, ohne daß ein Laut über
dieselben kam; er glaubte mit aller Macht zu kämpfen wider die
umdrängende Flut, aber seine Nerven zuckten nur krampfhaft, alle
Muskelkraft war aus den erschlafften Gliedern entschwunden. So bot er
das vollendete Bild eines Menschen dar, der an seinem Unglauben und
seiner Gottvergessenheit zum Märtyrer geworden ist.
Die Wasser aber rauschen heran, heran; eine Woge legt sich über die
andere hin und mit jeder kommenden Woge läuft eine Sekunde ab von der
kurzen, den Opfern des Meeres noch zugemessenen Viertelstunde.