XVI.

-- Und jede neue Welle säumte

Für mich am feuchten Leichentuch.

Und jede neue Welle schäumte

Entgegen mir den Todesspruch.

Wir übergehen den kurzen Aufenthalt auf der Insel, die, umgeben und

durchschnitten von starken Deichen mit einer Höhe von mehr als zwanzig

Fuß und einem Belauf von achtzig bis hundert Fuß, in der Mitte ihrer

Abteilungen oder Koege, wo das Meer völlig dem Auge entzogen war, das

Ansehen eines von festen Wällen umgürteten Lagers darbot, das von den

Kriegern verlassen, nun dem friedlichen Landmann angehörte, der es nur

bißher versäumt, die Wälle abzutragen.

Auf der Rückfahrt nach der Hallig mußte das Schiff anfangs mit widrigen

Winden kämpfen; später trat eine völlige Windstille ein, und eine

Viertelmeile vom Ziel wurde Anker geworfen, da auch die Ebbe dazu kam,

die kein Weiterkommen selbst bei günstigem Winde gestattet hätte. Noch

war es heller Nachmittag, und klar lagen die einzelnen Wohnungen der

Hallig vor dem Blicke der ungern Verweilenden. Das Schiff stand bald

ganz auf dem Trocknen, und es schien so leicht, die kurze Strecke zum

Ufer zu Fuß zu machen. Sollte auch hie und da ein bißchen in dem weichen

Schlamm gewatet, oder eine und die andere Wasserrinne übersprungen

werden müssen, so kam man doch vor Abend nach Hause. Der Gedanke, so

festgebannt zu sein, machte Oswald ungeduldig, und für Hold war jede

Stunde der Entfernung von den Seinen ein Abbruch an seinem häuslichen

Glück. Die beiden Schiffer hatten nichts dagegen, ihr Fahrzeug bis zur

nächsten Ebbe liegen zu lassen, wie sie dies schon oft gethan, und so

traten denn die vier Reisegenossen ihren Weg zur Hallig an. Freilich

hätten die vielen Unglücksfälle, welche durch dies sogenannte

Schlicklaufen herbeigeführt werden, sie abhalten sollen; aber die Luft

so heiter, das Land so nahe, woher denn Gefahr? Oswald lachte laut auf,

als Hold nur so obenhin sagte, daß solche Versuche, das Land zu

gewinnen, schon Vielen das Leben gekostet, und dieser fügte auch selbst

gleich hinzu, daß heute freilich nichts zu fürchten sei. O, des

kurzsichtigen Geschlechts, das sich so sicher dünkt, indem es dem Tode

entgegenrennt! Kaum zehn Minuten später standen die Wanderer schon

ratlos und angstvoll da, und wußten nicht mehr, wohin sie die Schritte

wenden sollten, ob rückwärts, ob vorwärts. Ein dicker Nebel, der

urplötzlich, man wußte nicht, ob von oben herab, oder von unten

heraufgestiegen kam, lagerte sich um sie her.

Die Nebel oder Seedünste sind oft nicht höher als sechs bis acht Fuß,

und es begegnete uns einmal, daß wir vom Schiffe aus mit den Leuten am

Ufer uns unterredeten, ohne daß wir auch nur das Geringste mehr sehen

konnten, als deren Köpfe, die im hellsten Lichte auf der grauen

undurchdringlichen Masse gleichsam schwammen, und deren Bewegungen von

einer Stelle zur andern, ohne daß man die bewegenden Glieder sah, einen

wunderbaren Anblick gewährten. Was wir in dem Folgenden erzählen, mag

ebenfalls für Den, welcher jene Meeresstrecke nicht kennt, manches

Wunderbare haben; aber wir legen auch hier, wie andern Stellen dieser

Schrift, unsere eigenen Erfahrungen zu Grunde.

Sobald der Nebel aufkam, wandten sich Aller Blicke unwillkürlich auf das

Schiff zurück. Wenn nur noch irgend etwas zu sehen gewesen wäre! Aber

die weiter als drei Schritte von einander standen, waren ja schon nicht

mehr für einander da und mußten sich durch Rufen zusammenfinden. Oswald

ahnte noch nicht die Größe der Gefahr und konnte sich in das ängstliche

Beraten der andern nicht finden, da er meinte, sie müßten bald das Ufer

gewinnen, wenn sie nur darauf hielten, die gerade Richtung nicht zu

verfehlen. Auch der Schluß der Beratung fiel dahin aus, vorwärts zu

gehen, weil die freilich entferntere Hallig sich doch immer in diesem

Nebelmeer wahrscheinlicher treffen ließ, als das nahe, aber leicht zu

verfehlende Schiff. Oswald schritt keck voran und trällerte ein

Liedchen. Doch als tiefere Stellen, die nicht zu durchwaten waren,

umgangen werden mußten, als Rinnen kamen, an denen man in mancherlei

Wendungen hinzuwandern gezwungen war, ehe eine Stelle gefunden ward,

schmal genug, um hinüberzuschreiten, als bald der eine, bald der andere

Gefährte im Nebel oft eine geraume Zeit verschwand, da wurde er stiller

und stiller. Als er ein paarmal, entweder unbesonnen forteilend, oder

zaghaft zurückbleibend, nur nach lautem Geschrei, da der Nebel den

Schall hemmte, sich den Genossen wieder anschließen konnte; als er bald

im Schlamme tief einsinkend, bald mit ungewissem Sprung die Weite

verfehlend, alle Mühseligkeiten des Weges erfuhr, da begann ein kalter

Schweiß von seiner Stirne zu perlen, und bei jedem Stillstand fühlte er

das Beben der Angst in seinen Gebeinen. Solcher Stillstand ward immer

öfter nötig, teils um die erschöpften Kräfte wieder zu sammeln, teils um

über die rechte Richtung sich zu vergewissern. Welche Umwege aber wurden

in der dichten Nebelhülle gemacht, die bei heller Witterung leicht

hätten vermieden werden können! Vielleicht war der Uebergang über eine

Rinne nur ein paar Fuß weiter rechts oder links, und eine halbe Stunde

wurde vergeudet, um ihn aufzufinden, weil man ihn an der Seite

vermutete, wo er nicht war, und wenn man sich endlich überzeugte, daß er

da nicht zu finden sei, wo man ihn suchte, ging wieder eine neue halbe

Stunde darüber hin, um zu dem alten Fleck zurückzukommen. Zuletzt mußten

sich die vier Leidensgefährten anfassen, um nicht durch die graue Wand,

die zwischen ihnen jetzt schon bei der Entfernung von auch nur einem

Schritt von einander aufgetürmt war, getrennt zu werden. Bisher waren

nur wenige, durch die Umstände gebotene Worte gesprochen. Jeder ging

still, sich seinen trüben Gedanken überlassend, hinter dem andern her;

nur Oswald unterbrach nun durch sein Stöhnen und Klagen vielfach das

ängstliche Schweigen. Aber nicht lange, da tönte die Schreckensfrage von

Mund zu Mund: »wohin sollen wir uns wenden?« Ach! die sich

widersprechenden Antworten zeigten nur zu gewiß, daß man sich auf keine

Antwort mehr unbedingt verlassen konnte. Die Richtung, bisher noch teils

durch die Aufmerksamkeit auf jede neue Wendung, teils auch durch die

Kenntnis der Schiffer von dem Lauf wenigstens der größeren Rinnen,

vielleicht nicht ganz verloren, ward nun Allen völlig zweifelhaft. Denn

die zu machenden Wendungen und Krümmungen waren immer verschlungener,

des Hin- und Hergehens, Vor- und Rücklaufens immer mehr geworden; und

unheilbringendes Zeichen! die Rinnen wurden allmälig breiter, flossen zu

zahlreicheren Wasserstraßen über, welche bald langsam wie heimtückische

Räuber dahinschlichen, indem sie zwischen den kleinen Erhöhungen in

vielfachen Krümmungen sich fortwanden, oder lauernd und auf neuen

Zuschuß wartend an einer größeren Bank sich verweilten; bald aber auch

wie mutige Krieger von einem erklimmten Wall auf die Ebene niederwogten

und dort sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Von diesen Bewegungen

sahen die Wanderer freilich Nichts, obgleich der Nebel jetzt anfing,

sich ein wenig zu verteilen. Aber sie kannten ja die Stunde, in welcher

ihr Todfeind die Herrschaft wieder antrat auf den Marken, die sie mit

mutwilligem Fuß zu betreten gewagt hatten. Sie merkten sich auch schon

von seinen verstrickenden Netzen umschlossen, denn wohin sie sich

wandten, stießen sie auf seine Gänge, wohin sie sich wandten, folgte er

ihnen nach, und bald spülte er allenthalben um die Füße der gejagten

Beute. Nun kroch er, sich hebend und sich senkend, langsam, aber mit

sicherm Fortschritt, immer höher hinauf, steigerte in gleichem

Stufengang das Bangen und die Beklemmung der Umherirrenden, deren Tritte

immer heftiger, aber auch immer unsicherer wurden auf dem überschwemmten

Boden, und wallte jetzt um die schlotternden Kniee mit höhnischem

Rauschen, in welchem sich nur zu deutlich die grausame Freude aussprach:

»Ihr entgeht mir doch nicht mehr!« Was half die erneute Beratung: »wohin

sollen wir uns kehren?« Ja hätte nun auch die rechte Richtung ausgemacht

werden können, wie ja wirklich die aufmerksame Beachtung der Bewegung

der Flut sie ungefähr erraten ließ, hatte man nicht vor sich Rinnen, die

jetzt zu undurchdringlichen Tiefen geworden waren? Durfte man, selbst

dies Hindernis nicht mit erwägend, es sich verbergen, daß eine ungefähre

Richtung gar keine sei, da sie an der Scholle, die im weiten Ocean

aufgefunden werden sollte, eben so gut rechts oder links vorbei als

darauf hin führen konnte? Doch wurde ein Versuch gemacht, vorwärts zu

dringen, aber schnell wieder aufgegeben, als der Führer des Zuges

plötzlich bis über die Achsel in eine Tiefe versank, aus der er nur mit

Mühe herausgezogen werden konnte. Jetzt blieb nichts anderes übrig, als

auf dem Platze, wo man gerade sich befand, stehen zu bleiben und sich in

voller Hülflosigkeit der Macht des immer höher schwellenden Oceans zu

überlassen, und dem Vater im Himmel, der allein den Wogen gebieten kann:

bis hierher und nicht weiter! Leib und Leben im Gebet zu empfehlen.

»Mein armes, armes Weib!« dachte Hold; und sein Geist war so ganz in

diesem Gedanken aufgegangen, so ganz mit ihrem Schmerz um den Verlust

des Gatten eins geworden, daß ihm die Teilnahme für die nahe Bedrängnis

verloren ging in der vollen Empfindung ihres Jammers. Die beiden andern

Männer standen in dumpfer Hingebung schweigend da. Oswald aber verlor in

dieser gezwungenen Unthätigkeit alle Fähigkeit, seiner Todesangst irgend

ein stärkeres Gefühl entgegenzusetzen, oder auch nur sie unter einer

anscheinenden Ruhe zu verbergen. So lange noch Versuche zur Rettung

gemacht werden konnten, war er bei jedem günstigen Anschein voll

Hoffnung, und die Beschwerden der Wanderung ließen es ihn zuweilen ganz

vergessen, daß sie auf dem Wege wandelten, der sie vielleicht nur immer

fester als Opfer des Meeres umstrickte. Aber stille zu stehen, rings um

sich die Wüste des Oceans, in jedem leisen Wellenschlag einen neuen

Todesboten zu merken, mit welchem der beutesichere Feind neckisch sein

Opfer grüßte, eine Marter auszuhalten, die ohne die Abwechslung des

Schmerzes in immer gleicher Ruhe einen Tropfen aus dem Becher der

Hoffnung nach dem andern auszählte; diesem schwerfällig aufkriechenden

Tode, als würde der Körper von einer ungeheuren Schlange in immer höher

schwellenden Windungen langsam umzogen, von Sekunde zu Sekunde seinen

Gang nachzumessen, ihn immer näher und näher am hochschlagenden Herzen

zu fühlen: das war mehr, als Oswald zu ertragen vermochte. Anfangs drang

er in seine Gefährten mit dem leidenschaftlichsten Ungestüm, doch irgend

ein Mittel zur Rettung zu ergründen. Als er endlich ihren vielfältigen

Beteuerungen glauben mußte, daß Alles versucht sei, was versucht werden

könne, und daß jetzt nur noch die Möglichkeit als letzter Hoffnungsstern

übrig bleibe, wenn der Nebel sich noch mehr verteile, und das Land nahe

sein sollte, durch ihr Geschrei ein Boot herbeizurufen, da schrie er, in

jeder längern Zögerung den gewissen Tod sehend, so gellend auf, daß es

diesem herzzerschneidenden Ruf anzumerken war, wie nur die furchtbarste

Seelenangst ihm die übernatürliche Stärke gegeben. Mit diesem Ruf war

aber auch alle seine Kraft dahin, seine Füße wollten ihn nicht mehr

tragen, alle seine Gebeine schüttelten sich wie aus ihren Fugen heraus,

seine Zähne hämmerten auf einander und sein Haar sträubte sich hoch

empor; keines zusammenhängenden Wortes war er weiter mächtig. Er wäre

jetzt schon umgesunken, wenn Hold ihn nicht gehalten. Es ward auch für

Alle nötig, sich gegenseitig zu stützen, da die Wellen schon so hoch

gestiegen waren, daß es schwer wurde, die Füße gegen ihren Andrang

festzustemmen. Schweigend standen die Männer so neben einander, fest die

Hände in einander geschlungen. Jeder hatte in seinem Innern die Rechnung

mit dem Leben zu schließen und weder Zeit zu klagen, noch Lust zu

trösten. Oswald wollte freilich auch seine Seele in Gottes Vaterhuld

empfehlen und rang sich aus seinen durch einander tobenden Gedanken und

wild lodernden Empfindungen zu einem Blick nach oben durch, aber der

Himmel, an dem schon hin und wieder ein Stern durch den Nebelflor

schimmerte, nahm seinen Blick nicht an, wenigstens sank des Jünglings

Auge sogleich scheu wieder zurück, und in demselben Augenblick rauschte

eine Woge, höher als die übrigen, hinter ihm auf; ein doppelter

Wasserstrahl ging von seinem Nacken um den Hals her und floß über seine

Brust hin. »Du bist gerichtet!« schauderte es durch seine Seele, und ein

neuer Angstschrei riß sich aus seiner Brust los, dem ein dumpfes

anhaltendes Stöhnen, untermischt mit abgebrochenem Aechzen, folgte.

Festeren Gemütern wäre vielleicht dieses Stöhnen widerlich gewesen, auf

seine Leidensgefährten wirkte es dahin, daß auch sie ohne Rückhalt

seufzten und klagten.

Die Wasser aber rauschten heran, heran; eine Woge legte sich über die

andere hin, und mit jeder kommenden Woge lief eine Sekunde ab von der

kurzen, den Armen noch zugemessenen Lebensstunde.

Der Nebel sank endlich völlig und begrub seine feuchten Dünste in die

Flut. Am Himmel blinkten nur einzelne Sterne, und auf dem Meere war für

Die, denen das Wasser schon bis an die Brust stand, nichts zu sehen, als

bald hier, bald da auf dem kräuselnden Kamm einer Welle der Wiederschein

eines Sternenlichts. Die Dunkelheit verbarg das Schiff. Doch da, da, und

wieder da! Das sind Lichter der Heimat! -- Schließt Eure Rechnung

schneller, Unglückliche, die Lichter der Heimat werden zu Lampen für die

Toten hingestellt. Wie seid Ihr irre gegangen! Jene Lichter zeigen Euch,

daß Ihr wenigstens drei Mal weiter von der Heimat entfernt seid, als Ihr

es waret, da Ihr das Schiff verließet. Kein Ruf dringt hinüber zu der

fernen Küste; ja, könnte ein Ruf hinüberdringen, kein Boot, und würde es

auch noch so rüstig getrieben, vermag Euch zu erreichen, ehe noch das

Meer mit Euren Leichen spielt. Da sitzen Eure Lieben und warten auf

Euch! »Nun muß er bald kommen!« sprechen Vater und Mutter, Weib und

Kind, Bruder und Schwester, und Euer Platz wird leer gelassen in ihrer

Mitte, bis Ihr kommt. Für Euren freundlichen Empfang, für Eure

Erquickung nach der Reise sind Alle geschäftig; wohnlich und gastlich

soll Euch Alles anlächeln; traulich und herzlich das Willkommen sein,

das Euch begrüßt. Erzählen sollt Ihr den horchenden Lieben, was Ihr

gesehen, und die gemütliche Heimat von Neuem loben. -- Euer Platz wird

leer bleiben in der Mitte der Lieben, denn die Wasser rauschen heran,

heran; eine Woge legt sich über die andere hin, und mit jeder kommenden

Woge läuft eine Sekunde ab von der kurzen, Euch noch zugemessenen halben

Stunde.

»Mein armes Weib! mein Kind! mein Kind!« rief Hold laut zum Himmel auf.

Neben ihm seufzten die Männer, und Oswald's Gestöhn klang

verzweiflungsvoll dazwischen. Aber der trübe Geist, der Hold's Seele

niederdrückte, und der dadurch so lähmend auf den sonst so

glaubensfreudigen Mann wirkte, weil dieser besonders durch eine Regung

von Eitelkeit verleitet war, sich der Wanderung über den Schlick nicht

zu widersetzen, zu der er lieber zustimmen, als für furchtsam gehalten

werden wollte, dieser trübe Geist war mit jenem Ausruf auf die höchste

Spitze gelangt, wo ihn nun wie ein Wetterstrahl aus der Höhe das Wort

traf: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den

Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht!« Da war es, als träte Hold mit

vollem Siegesjubel heraus aus dem Schatten der Finsternis und den Banden

des Todes, die ihn so lange gehalten, und er hub an zu predigen in den

Wellen mit lauter und fester Stimme; freilich mehr in abgebrochenen

Sätzen, wie es die Lage der Dinge natürlich machte, als in dem

Zusammenhange, welchen unsere Aufzeichnung seinen Worten gegeben hat.

»Gelobet sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der

Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes! Der uns tröstet in aller

unserer Trübsal, daß wir auch trösten können, die da sind in allerlei

Trübsal, mit dem Troste, damit wir selber getröstet werden von Gott. --

Lobet den Herrn in allen Seinen Werken, denn alle Seine Werke sind

unsträflich! Auf Sein Gebot kommen und gehen die Wasser. Er wehet das

Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es weichet scheu vor Ihm

zurück. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es

schwellet und wallet heran folgsam Seinem Ruf; und was Er gebeut, das

geschieht zur rechten Stunde. So ist es denn auch Seine Stunde, in die

wir gekommen sind. Es ist Sein Rat, der uns dies Grab bereitet; und

darum leitet auch Seine Hand uns hinüber in Sein Reich. -- Freuet Euch!

Er hat in diesen Stunden der Angst uns gereiniget von unsern Sünden. Er

hat uns hingegeben in unsere Ohnmacht, daß die letzten Trümmer unseres

Dünkels niederbrächen unter Seinem Wort: »Seid stille und erkennet, daß

ich der Herr bin!« -- Er hat uns hienieden schon gerichtet, und unter

Seiner Heimsuchung ist unsere Schuld und Missethat über unser Haupt

gewachsen, wie das Meer über unser Haupt wächst; also daß wir weit von

uns geworfen haben das eitle Gewand eigner Gerechtigkeit und unsere

Seele gekleidet in das hochzeitliche Kleid der Gerechtigkeit in Christo,

die vor Gott gilt. -- Hallelujah dem Gott der Stärke, dem Vater der

Liebe! In Seiner Kraft überwinden wir die Welt, und Seine Gnade erfüllet

die verzagten Herzen mit Freude und Friede. Und die da weinen um uns, --

Herr, unser Gott, durch die Wolken hindurch dringt unser Gebet aus der

Tiefe, und Du erhörest, erhörest uns, die wir ausschütten unser Herz vor

Dir. Ja, wir bitten und zweifeln nicht: Du bist ein Helfer und Vater der

Witwen und Waisen, unter dem Schatten Deiner Flügel ruhen sie. Du

richtest sie auf, wo sie meinen vergehen zu müssen. Du weisest ihnen

Wege, wo sie keine Wege sehen. Vater tröste sie, stärke sie, führe sie

um unserer Bitte willen, wie Du verheißen: »Bittet, so wird Euch

gegeben.« -- Nicht für uns bitten wir. Wir haben nur Dank, daß Du uns

hast hören lassen Dein Wort zu uns mit wahrhaftigem Sinn und völligem

Glauben. Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht.

Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden

unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Denn Du hast einen hellen Schein

in unsere Herzen gegeben, und unser Glaube ist schon hienieden zum

Schauen geworden, also daß Dein Licht uns umleuchtet in der Finsternis,

daß unsere Seelen auffahren mit Flügeln, wie Adler, aus der Tiefe, daß

wir Dich loben und preisen im Sterben. -- Hallelujah! Ehre und Preis

unserm Gott, der uns den Sieg gegeben hat über den Tod! Hallelujah! Dem

Herrn sei Dank und Preis in Einigkeit! Amen.«

Auf die beiden Männer der Hallig machten diese begeisterten Worte ihres

Pastors den entschiedensten Eindruck. Sie hatten eben noch seine Seufzer

und Klagen gehört, ihn die Schwäche und Trostlosigkeit seiner

Leidensgenossen teilen sehen, und nun erhob er sich auf einmal zu

solcher Höhe des Glaubens und der Todesfreudigkeit, daß sie seinen

Zuspruch, obwohl dieser sich ganz in den Grenzen ihres geistigen Gebiets

hielt, aufnahmen als eine Stimme von Oben, als die Sprache eines

weltüberwindenden Geistes, der wie im Sturm den Geist der Furcht und des

Zagens ausgetrieben, und dessen Stätte eingenommen in der Brust ihres

vorher mit ihnen verzagten Seelsorgers. Daß fast jedes Wort seiner

Tröstung an einen Bibelspruch erinnerte, gab ihr für Diejenigen, welche

von Kindheit an die heilige Schrift als Gotteswort geehrt hatten, den

vollen Stempel der Untrüglichkeit und daher noch gewisseren Einfluß auf

die Gemüter. Für Oswald jedoch war jede Tröstung verloren. Während Jene

lobten und dankten, als sei die Todesstunde ein Fest geworden, klang ihm

dies Zeugnis der Glaubensfreudigkeit wie ein Hohn über die Oede seines

Herzens. Oft versuchte er es, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung

seinen Gefährten nachzusprechen; aber er wußte nicht einmal, ob es über

seine Zunge ging, wenigstens kam es ganz leer zu ihm zurück und fand in

seiner von Todesängsten gemarterten Brust keine Stätte, um auch nur

einen Augenblick zu haften. Er glaubte zu jammern und zu schreien, um so

irgend eine Macht zum Mitleid zu bewegen, aber dies Jammern und Schreien

war nur in ihm, seine Lippen fieberten nur, ohne daß ein Laut über

dieselben kam; er glaubte mit aller Macht zu kämpfen wider die

umdrängende Flut, aber seine Nerven zuckten nur krampfhaft, alle

Muskelkraft war aus den erschlafften Gliedern entschwunden. So bot er

das vollendete Bild eines Menschen dar, der an seinem Unglauben und

seiner Gottvergessenheit zum Märtyrer geworden ist.

Die Wasser aber rauschen heran, heran; eine Woge legt sich über die

andere hin und mit jeder kommenden Woge läuft eine Sekunde ab von der

kurzen, den Opfern des Meeres noch zugemessenen Viertelstunde.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 21 / 33 题