Von der Heimat sel'gem Frieden
Nach dem wüsten Streit hienieden
Zeugt das lichte Sternenzelt;
Doch des Liedes klarer Spiegel
Offen der Verheißung Siegel
Zeig' er in dem Kampf der Welt.
Ein Amtsgeschäft nötigte Hold zu einer Reise nach der nächsten, eine
Meile entfernten Insel. Oswald begleitete ihn, teils um einige
Angelegenheiten, die schnellere Ueberführung der geborgenen Ladung nach
Husum betreffend, zu ordnen, teils um den für ihn so langweiligen
Aufenthalt auf der Hallig durch einen Tag in anderer Umgebung zu
unterbrechen. Ein günstiger Wind trug in der mondhellen Nacht das Schiff
mit dem ruhigen Gleiten eines Schwans dem Ziel der Reise entgegen, und
Oswald, der diese Meeresstrecke in dem furchtbarsten Aufruhr gesehen und
auf derselben in Todesgefahr geschwebt hatte, sprach einmal über das
andere seine Verwunderung über den Gegensatz aus.
»Heute so still und mit kaum merkbaren Wellen das kleine Schiff
fortwiegend; damals anzuschauen wie eine ungeheure Woge, auf der das
mächtige Gebäude auf und nieder schwankte, wie eine Feder, von Knaben in
die Höhe geblasen. Heute der leise Hauch, der die Segel eben füllet und
sich zu fürchten scheint, mehr zu thun, als wir gerade wollen; damals
ein Heulen und ein Rasen, als wollte die tolle Windsbraut unser Schiff
wie einen Knäuel zusammenwickeln und es gen Himmel schleudern. Dem Winde
hat man so viele Namen gegeben, um seine wechselnde Weise zu bezeichnen.
Das Meer heißt Meer, mag es wie ein gefügiger Sclave uns dienen, mag es
wie ein wütender Tyrann mit unserm Leben würfeln.«
»Der Mensch heißt Mensch,« bemerkte Hold, »mag er kindlich friedlich mit
Blumen spielen, oder in blinder Leidenschaft Leichenhügel auftürmen; und
der Uebergang von der einen zur andern Art zu sein, ist bei demselben
Menschen nicht weniger überraschend, als bei dem Meere, und es ist nur
gut, daß die ungestümen Wogen unserer Brust gewöhnlich wenig Macht
haben, Unheil zu stiften.«
»Darum halte ich es damit,« sagte Oswald, »dem Leben die leichte Seite
abzugewinnen und das Blut hübsch ruhig zu halten. Alles Aufwogen, sei's
in Haß, sei's in Liebe, ist nicht meine Sache. Dadurch habe ich es so
weit gebracht, daß ich lache und scherze, wo Andere sich totgrämen
wollen und außer sich vor Angst oder Zorn sind.«
»So nutz' ich das Leben,
Und nehm' es, wie's ist;
Eh' kalt mich im Grabe
Das Leben vergißt.«
»Wenn Sie Jahre lang in einem Kerker schmachten sollten, Jahre lang auf
ein Krankenlager hingestreckt lägen, meinen Sie dann, daß Sie mit diesem
Verse die feuchten Wände zieren, oder mit dieser Melodie Ihre Schmerzen
einlullen würden?« fragte Hold.
»Das will ich nicht behaupten,« erwiderte Oswald; »aber darum freue ich
mich, daß ich nicht in diese Probe geführt werde.«
»Warum trachten Sie aber nicht lieber nach einer Zuversicht, die auch
solche Proben aushalten kann? Können Sie eine Ansicht für Wahrheit
halten, welche von Außendingen abhängt, die nicht in unserer Gewalt
sind? Rechnen Sie den Glimmerschiefer zu den Edelsteinen, weil er im
Sonnenstrahl wie Diamanten funkelt?«
»Sie haben vollkommen Recht, lieber Pastor,« antwortete Oswald, »eben
weil sie Pastor sind, für mich aber Unrecht, weil ich singe:
Vergessen ist Freude
Und Denken nur Pein;
Und _gilt_ er Dir Wahrheit,
Ist Wahrheit der Schein.«
»Ich kann Ihnen auch einen Vers dazu geben,« sagte Hold:
»O, kindisches Treiben!
O, ärmlicher Wahn!
So schaukeln die Wellen
Den herrnlosen Kahn.
Und dieser Vers führt mich auf die Frage: was dachten und fühlten Sie in
den Stunden, als Sie auf diesem Meere vor einigen Wochen zwischen Tod
und Leben kämpften?«
»Ich dachte und fühlte gar nichts. Mir war alles Denken und Empfinden
rein ausgegangen. Ich war eine hohle Schale, in die erst nach unserer
Rettung ein Kern zurückkam. Was hätten mir auch alle Gedanken und
Gefühle helfen sollen? Sie konnten den wilden Ocean nicht bändigen und
den gebrechlichen Kahn nicht zusammenhalten.«
»_Ihr_ Denken und Empfinden konnte Ihnen freilich nichts helfen; aber
wohl wäre es anders mit dem gewesen, der in Sturm und Wogendrang hätte
sprechen können nach den Worten des Liedes, das Sie nur halb kennen
wollen:
Wer kämpfend und fallend
Dem Siege vertraut,
Der hat sich errungen
Das Jawort der Braut.
Sie führt dem Altare
Der Heimat ihn zu.
Sein Glaube wird Schauen;
Der Staub ist zur Ruh.«
»Ich streite nicht mit Ihnen, Herr Pastor,« antwortete Oswald. »Ich gebe
Ihnen, wie gesagt, vollkommen Recht. Ich ehre Ihre Ueberzeugungen und
Sie um derselben willen. Ich würde auf Ihre Redlichkeit und Treue mehr
bauen, als auf mich selbst. Aber -- ich bleibe, was ich bin; und wie ich
bin; wenn ich nicht, wie ich es Ihnen schon halb versprochen, einst im
grauen Haar zu Ihnen zurückkehren sollte, um zu lernen, wie man die
Falten des Leichentuchs mit Anstand um sich wickelt. Gewiß, lieber
Hold,« schloß Oswald, als er merkte, wie der Pastor sich bei dieser
letzten Aeußerung unwillig von ihm wandte, »ich will nicht spotten, wenn
es auch manchmal so klingt; es ist nur ein hohler Klang, dem Sie keine
Bedeutung unterlegen müssen, die er nicht haben soll. Aber wir stehen
uns so fern und so fremd in unsern Ansichten und Meinungen, daß keine
Vereinigung möglich ist. Sie stehen fest auf Zion, und ich treibe, ein
leichter Nachen, jeden Blumenbach entlang, der mich eben tragen will.«
»Den hohlen Klang nehme ich Ihnen nicht übel,« erwiderte Hold; »aber daß
es eine Stunde in Ihrem Leben geben konnte, in welcher Sie nach Ihrem
eignen Ausdruck eine hohle Schale waren, und doch nun, bei solchem
Geständnis, sich noch länger in der ganzen Hohlheit und Leerheit Ihrer
Ansichten, die eigentlich, wie Sie es selbst aussprechen, nichts weiter
als Gedankenlosigkeit sind, wohl fühlen können, das verstehe ich nicht.
Ich fürchte, Gott wird Sie noch einmal mit gar schwerer Hand anfassen,
oder vielmehr ich muß es wünschen.«
»Sie werden es mir erlauben,« sprach Oswald lachend, »den Dank für
diesen frommen Wunsch bei Ihnen zu ersparen.«
Hold wandte das Gespräch auf andere Dinge, und da sie sich in der
Bekanntschaft mit dem Liede, aus dem die vorher von ihnen angeführten
Strophen genommen sind, zusammengefunden, ward die Poesie der Gegenstand
ihrer Unterhaltung. Hierin stimmten die Urteile Beider fast ganz
zusammen. Oswald's ausgebreitete Belesenheit in diesem Fache hatte sein
richtiges Gefühl nicht verwirrt, sondern nur geschärft. Kein blendender
Bilderschmuck bestach ihn; kein dichterischer Gedanke ging ihm um der
mangelhaften, poetischen Form willen verloren. Ossian, der Barde, der
selbst dem Nebel Kraft und Anmut einzuhauchen wußte, war sein Liebling,
und er behauptete mit Hold's völliger Zustimmung, daß man in dem Brodem
des Plumpuddings groß gezogen sein müßte, um Ossian's Gedichte zu dem
untergeschobenen Machwerk eines ^gentleman^ machen zu können. Je
lebendiger Oswald sprach, je reicher er seine vielseitige Kenntnis der
schönen Literatur entfaltete, je wahrer er das Flache von dem Tiefen,
die gemachte von der wirklichen Begeisterung unterschied, desto mehr
mußte sich Hold wundern, wie ein Mensch zugleich so scharf und richtig
urteilen, und doch so gedankenlos hinleben; so wahr und so stark
empfinden, und doch so gefühllos für den Geist Gottes sein könne. Es war
ihm unbegreiflich, wie Oswald bei den Ergüssen himmlischer Begeisterung
eines Dichters mit inniger Anerkennung weilen konnte, ohne dadurch auf
sich selbst und seine Entfremdung von allem Göttlichen geführt zu
werden. Es war, als trüge ihn seine Phantasie mit in den Aufschwung
dieser Dichter hinein, und als sähe er dennoch darin nur den Flug eines
Luftballons, der aus seiner Höhe ohne weitere Kunde von den göttlichen
Dingen zur Erde herabsinkt. Aber -- sie haben Augen und sehen nicht; sie
haben Ohren und hören nicht.
Für die Leser, welche das Gedicht, aus welchem wir oben einzelne Verse
in die Erzählung verflochten haben, ganz kennen zu lernen wünschen, möge
es hier stehen.
Das Leben.
Ein Anfang ohn' Ende;
Ein Schleier ohne Bild;
Ein Träumen und Sehnen,
Das nimmer gestillt;
Ein Blühen und Duften;
Ein schmeichelndes Lied;
Und Alles nur Täuschung,
Die lockt und entflieht.
Ein Wollen und Können,
Und nie ein Vollbracht;
Ein Lernen und Wissen,
Das klüger nicht macht.
Ein Drängen und Treiben
Bergauf und bergab;
Ein Sorgen und Mühen
Für's wartende Grab.
Für Herren und Knechte
Ein wunderlich Spiel,
Als Ernst gar zu wenig,
Als Scherz gar zu viel:
Und dennoch zum Leben
Die Liebe so groß? --
Gern sitzen die Narren
Der Narrheit im Schooß.
* * * * *
Was zürnst Du dem Leben,
Dem gaukelnden Spiel?
Du fragst nach dem Ziele?
Der Weg ist das Ziel!
Dein Hoffen und Wagen,
Und wär's ohne Lohn; --
Im Hoffen und Wagen
Genießest Du schon.
Entströmt ohne Lorber
Dem Helden sein Blut;
Doch freut sich im Streite
Des Kämpfenden Mut.
Der Rätsel so viele?
Die Antwort so kahl?
Frag' nicht nach den Reben
Den vollen Pokal.
Vergessen ist Freude,
Und Denken nur Pein;
Und _gilt_ er Dir Wahrheit,
Ist Wahrheit der Schein.
So nutze das Leben,
Und nimm es, wie's ist,
Eh' kalt Dich im Grabe
Das Leben vergißt.
* * * * *
O, kindisches Treiben!
O, ärmlicher Wahn!
So schaukeln die Wellen
Den herrnlosen Kahn!
Das Leben ein Schleier,
Den Keiner durchschaut;
Doch ehre den Schleier;
Er wallt um die Braut,
Die wüstem Verlangen
Nur keuscher sich hüllt,
Den Glauben mit froher
Verheißung erfüllt.
Es wehet ihr Odem
Dahin und daher,
So grüßet von Küste
Zu Küste das Meer.
Und wandelt der Pilger
Nach Süd und nach Nord,
Sie ladet ihn liebend
So hier und so dort.
Sie blickt von den Sternen
Ihm freundlich herab;
Und lächelt weissagend
Auf Wiege und Grab;
In Kämpfen, in Stürmen,
In wolkiger Nacht,
Von Weisen gescholten,
Von Spöttern verlacht,
Schmück' kühn Dir mit Kränzen
Hochzeitlich das Haupt,
Vom Baume der Hoffnung,
Der nimmer entlaubt.
Wer streitend und fallend
Dem Siege vertraut,
Der hat sich errungen
Das Jawort der Braut.
Sie führt dem Altare
Der Heimat ihn zu.
Sein Glauben wird schauen;
Der Staub ist zur Ruh.