XV.

Von der Heimat sel'gem Frieden

Nach dem wüsten Streit hienieden

Zeugt das lichte Sternenzelt;

Doch des Liedes klarer Spiegel

Offen der Verheißung Siegel

Zeig' er in dem Kampf der Welt.

Ein Amtsgeschäft nötigte Hold zu einer Reise nach der nächsten, eine

Meile entfernten Insel. Oswald begleitete ihn, teils um einige

Angelegenheiten, die schnellere Ueberführung der geborgenen Ladung nach

Husum betreffend, zu ordnen, teils um den für ihn so langweiligen

Aufenthalt auf der Hallig durch einen Tag in anderer Umgebung zu

unterbrechen. Ein günstiger Wind trug in der mondhellen Nacht das Schiff

mit dem ruhigen Gleiten eines Schwans dem Ziel der Reise entgegen, und

Oswald, der diese Meeresstrecke in dem furchtbarsten Aufruhr gesehen und

auf derselben in Todesgefahr geschwebt hatte, sprach einmal über das

andere seine Verwunderung über den Gegensatz aus.

»Heute so still und mit kaum merkbaren Wellen das kleine Schiff

fortwiegend; damals anzuschauen wie eine ungeheure Woge, auf der das

mächtige Gebäude auf und nieder schwankte, wie eine Feder, von Knaben in

die Höhe geblasen. Heute der leise Hauch, der die Segel eben füllet und

sich zu fürchten scheint, mehr zu thun, als wir gerade wollen; damals

ein Heulen und ein Rasen, als wollte die tolle Windsbraut unser Schiff

wie einen Knäuel zusammenwickeln und es gen Himmel schleudern. Dem Winde

hat man so viele Namen gegeben, um seine wechselnde Weise zu bezeichnen.

Das Meer heißt Meer, mag es wie ein gefügiger Sclave uns dienen, mag es

wie ein wütender Tyrann mit unserm Leben würfeln.«

»Der Mensch heißt Mensch,« bemerkte Hold, »mag er kindlich friedlich mit

Blumen spielen, oder in blinder Leidenschaft Leichenhügel auftürmen; und

der Uebergang von der einen zur andern Art zu sein, ist bei demselben

Menschen nicht weniger überraschend, als bei dem Meere, und es ist nur

gut, daß die ungestümen Wogen unserer Brust gewöhnlich wenig Macht

haben, Unheil zu stiften.«

»Darum halte ich es damit,« sagte Oswald, »dem Leben die leichte Seite

abzugewinnen und das Blut hübsch ruhig zu halten. Alles Aufwogen, sei's

in Haß, sei's in Liebe, ist nicht meine Sache. Dadurch habe ich es so

weit gebracht, daß ich lache und scherze, wo Andere sich totgrämen

wollen und außer sich vor Angst oder Zorn sind.«

»So nutz' ich das Leben,

Und nehm' es, wie's ist;

Eh' kalt mich im Grabe

Das Leben vergißt.«

»Wenn Sie Jahre lang in einem Kerker schmachten sollten, Jahre lang auf

ein Krankenlager hingestreckt lägen, meinen Sie dann, daß Sie mit diesem

Verse die feuchten Wände zieren, oder mit dieser Melodie Ihre Schmerzen

einlullen würden?« fragte Hold.

»Das will ich nicht behaupten,« erwiderte Oswald; »aber darum freue ich

mich, daß ich nicht in diese Probe geführt werde.«

»Warum trachten Sie aber nicht lieber nach einer Zuversicht, die auch

solche Proben aushalten kann? Können Sie eine Ansicht für Wahrheit

halten, welche von Außendingen abhängt, die nicht in unserer Gewalt

sind? Rechnen Sie den Glimmerschiefer zu den Edelsteinen, weil er im

Sonnenstrahl wie Diamanten funkelt?«

»Sie haben vollkommen Recht, lieber Pastor,« antwortete Oswald, »eben

weil sie Pastor sind, für mich aber Unrecht, weil ich singe:

Vergessen ist Freude

Und Denken nur Pein;

Und _gilt_ er Dir Wahrheit,

Ist Wahrheit der Schein.«

»Ich kann Ihnen auch einen Vers dazu geben,« sagte Hold:

»O, kindisches Treiben!

O, ärmlicher Wahn!

So schaukeln die Wellen

Den herrnlosen Kahn.

Und dieser Vers führt mich auf die Frage: was dachten und fühlten Sie in

den Stunden, als Sie auf diesem Meere vor einigen Wochen zwischen Tod

und Leben kämpften?«

»Ich dachte und fühlte gar nichts. Mir war alles Denken und Empfinden

rein ausgegangen. Ich war eine hohle Schale, in die erst nach unserer

Rettung ein Kern zurückkam. Was hätten mir auch alle Gedanken und

Gefühle helfen sollen? Sie konnten den wilden Ocean nicht bändigen und

den gebrechlichen Kahn nicht zusammenhalten.«

»_Ihr_ Denken und Empfinden konnte Ihnen freilich nichts helfen; aber

wohl wäre es anders mit dem gewesen, der in Sturm und Wogendrang hätte

sprechen können nach den Worten des Liedes, das Sie nur halb kennen

wollen:

Wer kämpfend und fallend

Dem Siege vertraut,

Der hat sich errungen

Das Jawort der Braut.

Sie führt dem Altare

Der Heimat ihn zu.

Sein Glaube wird Schauen;

Der Staub ist zur Ruh.«

»Ich streite nicht mit Ihnen, Herr Pastor,« antwortete Oswald. »Ich gebe

Ihnen, wie gesagt, vollkommen Recht. Ich ehre Ihre Ueberzeugungen und

Sie um derselben willen. Ich würde auf Ihre Redlichkeit und Treue mehr

bauen, als auf mich selbst. Aber -- ich bleibe, was ich bin; und wie ich

bin; wenn ich nicht, wie ich es Ihnen schon halb versprochen, einst im

grauen Haar zu Ihnen zurückkehren sollte, um zu lernen, wie man die

Falten des Leichentuchs mit Anstand um sich wickelt. Gewiß, lieber

Hold,« schloß Oswald, als er merkte, wie der Pastor sich bei dieser

letzten Aeußerung unwillig von ihm wandte, »ich will nicht spotten, wenn

es auch manchmal so klingt; es ist nur ein hohler Klang, dem Sie keine

Bedeutung unterlegen müssen, die er nicht haben soll. Aber wir stehen

uns so fern und so fremd in unsern Ansichten und Meinungen, daß keine

Vereinigung möglich ist. Sie stehen fest auf Zion, und ich treibe, ein

leichter Nachen, jeden Blumenbach entlang, der mich eben tragen will.«

»Den hohlen Klang nehme ich Ihnen nicht übel,« erwiderte Hold; »aber daß

es eine Stunde in Ihrem Leben geben konnte, in welcher Sie nach Ihrem

eignen Ausdruck eine hohle Schale waren, und doch nun, bei solchem

Geständnis, sich noch länger in der ganzen Hohlheit und Leerheit Ihrer

Ansichten, die eigentlich, wie Sie es selbst aussprechen, nichts weiter

als Gedankenlosigkeit sind, wohl fühlen können, das verstehe ich nicht.

Ich fürchte, Gott wird Sie noch einmal mit gar schwerer Hand anfassen,

oder vielmehr ich muß es wünschen.«

»Sie werden es mir erlauben,« sprach Oswald lachend, »den Dank für

diesen frommen Wunsch bei Ihnen zu ersparen.«

Hold wandte das Gespräch auf andere Dinge, und da sie sich in der

Bekanntschaft mit dem Liede, aus dem die vorher von ihnen angeführten

Strophen genommen sind, zusammengefunden, ward die Poesie der Gegenstand

ihrer Unterhaltung. Hierin stimmten die Urteile Beider fast ganz

zusammen. Oswald's ausgebreitete Belesenheit in diesem Fache hatte sein

richtiges Gefühl nicht verwirrt, sondern nur geschärft. Kein blendender

Bilderschmuck bestach ihn; kein dichterischer Gedanke ging ihm um der

mangelhaften, poetischen Form willen verloren. Ossian, der Barde, der

selbst dem Nebel Kraft und Anmut einzuhauchen wußte, war sein Liebling,

und er behauptete mit Hold's völliger Zustimmung, daß man in dem Brodem

des Plumpuddings groß gezogen sein müßte, um Ossian's Gedichte zu dem

untergeschobenen Machwerk eines ^gentleman^ machen zu können. Je

lebendiger Oswald sprach, je reicher er seine vielseitige Kenntnis der

schönen Literatur entfaltete, je wahrer er das Flache von dem Tiefen,

die gemachte von der wirklichen Begeisterung unterschied, desto mehr

mußte sich Hold wundern, wie ein Mensch zugleich so scharf und richtig

urteilen, und doch so gedankenlos hinleben; so wahr und so stark

empfinden, und doch so gefühllos für den Geist Gottes sein könne. Es war

ihm unbegreiflich, wie Oswald bei den Ergüssen himmlischer Begeisterung

eines Dichters mit inniger Anerkennung weilen konnte, ohne dadurch auf

sich selbst und seine Entfremdung von allem Göttlichen geführt zu

werden. Es war, als trüge ihn seine Phantasie mit in den Aufschwung

dieser Dichter hinein, und als sähe er dennoch darin nur den Flug eines

Luftballons, der aus seiner Höhe ohne weitere Kunde von den göttlichen

Dingen zur Erde herabsinkt. Aber -- sie haben Augen und sehen nicht; sie

haben Ohren und hören nicht.

Für die Leser, welche das Gedicht, aus welchem wir oben einzelne Verse

in die Erzählung verflochten haben, ganz kennen zu lernen wünschen, möge

es hier stehen.

Das Leben.

Ein Anfang ohn' Ende;

Ein Schleier ohne Bild;

Ein Träumen und Sehnen,

Das nimmer gestillt;

Ein Blühen und Duften;

Ein schmeichelndes Lied;

Und Alles nur Täuschung,

Die lockt und entflieht.

Ein Wollen und Können,

Und nie ein Vollbracht;

Ein Lernen und Wissen,

Das klüger nicht macht.

Ein Drängen und Treiben

Bergauf und bergab;

Ein Sorgen und Mühen

Für's wartende Grab.

Für Herren und Knechte

Ein wunderlich Spiel,

Als Ernst gar zu wenig,

Als Scherz gar zu viel:

Und dennoch zum Leben

Die Liebe so groß? --

Gern sitzen die Narren

Der Narrheit im Schooß.

* * * * *

Was zürnst Du dem Leben,

Dem gaukelnden Spiel?

Du fragst nach dem Ziele?

Der Weg ist das Ziel!

Dein Hoffen und Wagen,

Und wär's ohne Lohn; --

Im Hoffen und Wagen

Genießest Du schon.

Entströmt ohne Lorber

Dem Helden sein Blut;

Doch freut sich im Streite

Des Kämpfenden Mut.

Der Rätsel so viele?

Die Antwort so kahl?

Frag' nicht nach den Reben

Den vollen Pokal.

Vergessen ist Freude,

Und Denken nur Pein;

Und _gilt_ er Dir Wahrheit,

Ist Wahrheit der Schein.

So nutze das Leben,

Und nimm es, wie's ist,

Eh' kalt Dich im Grabe

Das Leben vergißt.

* * * * *

O, kindisches Treiben!

O, ärmlicher Wahn!

So schaukeln die Wellen

Den herrnlosen Kahn!

Das Leben ein Schleier,

Den Keiner durchschaut;

Doch ehre den Schleier;

Er wallt um die Braut,

Die wüstem Verlangen

Nur keuscher sich hüllt,

Den Glauben mit froher

Verheißung erfüllt.

Es wehet ihr Odem

Dahin und daher,

So grüßet von Küste

Zu Küste das Meer.

Und wandelt der Pilger

Nach Süd und nach Nord,

Sie ladet ihn liebend

So hier und so dort.

Sie blickt von den Sternen

Ihm freundlich herab;

Und lächelt weissagend

Auf Wiege und Grab;

In Kämpfen, in Stürmen,

In wolkiger Nacht,

Von Weisen gescholten,

Von Spöttern verlacht,

Schmück' kühn Dir mit Kränzen

Hochzeitlich das Haupt,

Vom Baume der Hoffnung,

Der nimmer entlaubt.

Wer streitend und fallend

Dem Siege vertraut,

Der hat sich errungen

Das Jawort der Braut.

Sie führt dem Altare

Der Heimat ihn zu.

Sein Glauben wird schauen;

Der Staub ist zur Ruh.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 20 / 33 题