XIII.

Um zu nehmen, mußt Du geben.

Siehst Du auf Dich selbst zurück,

Flieht Dich das gehoffte Glück.

Nur für Opfer zahlt das Leben.

Kindlein in des Meeres Wiege,

Eiland an der Wellen Brust!

Scholle Du im Weltgebiete,

Meine Heimat, meine Lust!

Keine Waldung Dich verhüllet,

Dich kein Felsengürtel hält,

Rings umher die Wasserfülle,

Ueber Dir des Himmels Zelt:

Legst Du offen Dein Gelände

Hin vor Gottes Angesicht,

Kennst im Kampf der Elemente

Andre Wehr und Waffe nicht.

Friede wohnt in Deinen Hütten,

Deine Armut ist Dein Glück;

Treu blieb hier der Väter Sitte

In der Enkel Kreis zurück.

Frömmigkeit und Tugend heimen

Gern an Deinem stillen Herd,

Wo kein Gut, das Andre neiden,

Wo kein Herz, das Mehr begehrt.

Kindlein in des Meeres Wiege,

Eiland an der Wellen Brust!

Menschen schiffen kalt vorüber;

Doch der Engel weilt mit Lust!

Diese Verse fand Godber auf einem losen Zettel, der als Merkzeichen in

einem der Bücher diente, welche Mander von Hold geliehen. Es mußte ihn

dieses einfache Lied mächtig ergreifen, weil der Inhalt so ganz aus

seinem Herzen genommen war. Er las es fast nie ohne Thränen, und hätte

gern gegen den Pastor, der es allein verfaßt haben konnte, seinen

innigsten Dank für dasselbe ausgesprochen, wenn ihm nicht dieser bei

jedem zufälligen Zusammentreffen eine Scheu eingeflößt, wie die des

Schuldbewußten vor seinem Verkläger. Den Schluß der Verse: »Doch der

Engel weilt mit Lust!« wandte er auf Idalia an, und sie ließ sich auch

dies gefallen, weil seine Liebe ihr die Tage wirklich recht angenehm

machte, und sie ja wußte, daß die Zeit ihres Aufenthalts auf der Hallig

nicht mehr so lange dauern würde. Sie konnte daher auch auf seine

Darstellungen von dem künftigen Zusammenleben auf seinem heimatlichen

Eilande auf eine Weise eingehen, die es ihm lange verbarg, wie sie nur

Träume in diesen Gemälden eines so genügsamen und weltverachtenden

Glückes sah. Hätte sie es im Geringsten nur für möglich halten können,

daß Godber bei der Wahl zwischen ihrem Besitz und dem Verlust der Heimat

im Ernst schwanken würde, dann würde sie sich stolz, ja verächtlich,

wenn auch mit wundem Herzen, von ihm zurückgezogen haben. Fühlte sie

sich auch auf dieser öden Flur glücklicher, als je früher im Glanz der

Welt, so dankte sie dieses Glück ja doch keineswegs dieser ärmlichen

Scholle, sondern der hingebenden Liebe des Jünglings, von dem sie

annahm, daß ihm außer ihr Alles gleichgültig sei. Gefiel sie sich auch

in der Lebensweise, die sie jetzt führte, so war es doch nur der

augenblickliche Reiz des Ungewohnten, des von ihren sonstigen

Verhältnissen gänzlich Abstechenden und das Anziehende der

hausfräulichen Sorge. Für die Unterhaltung weniger Wochen war dies Leben

gut genug, mochte immerhin als eine neue Art von Badereisen gelten; aber

für immer auf diesem Fleck zu bleiben, der Entbehrung und Entsagung

aller Lebensgenüsse von seinen Bewohnern fordert, wo das Leben selbst

immer auf der Spitze der Gefahr schwebt: das war ein Gedanke, der ihr zu

fern stand, als daß sie ihn in der Seele eines Andern vermuten konnte,

dem ein Tausch möglich war, und noch dazu ein Tausch, der alles Glück,

das Liebe, Reichtum, Weltverkehr geben konnte, in die Wagschale legte.

Wenn wir aber Godber mit dem Gedanken hätten vertraut werden lassen, für

jenes Glück seine Heimat aufzugeben, dann würde in ihm kein echter

Halligbewohner gezeichnet sein.

Wir haben die Hallig, welche der Schauplatz unserer Erzählung ist, in

einer Zeit gesehen, als die eine Hälfte der Wohnungen von den Fluten in

Trümmerhaufen an den Deichen des festen Landes aufgedämmt und die andere

Hälfte, nur noch bloße Pfahlgerippe darstellend, allein an dem Dache als

gewesene Wohnungen kenntlich war; als ein einziges Haus auf der

durchlöcherten Werfte kaum noch so weit stand, daß es zu einer Zuflucht

der dem Wellentode Entronnenen dienen konnte; als die Aussicht auf die

nächste Hallig nur einen kahlen Fleck zeigte, von dem Werfte, Häuser,

Herden und Menschen in einer Nacht hinweggespült waren, ohne eine Spur

ihres Daseins zu lassen. Wir haben Die, denen das nackte Leben kaum eine

dankenswerte Gabe heißen konnte, mitten in der grausen Zerstörung, worin

sie Alles eingebüßt, in der vollen Lebendigkeit der Schreckenserinnerung

an die furchtbare Nacht, mit dem Eindruck, den Frost, Hunger, Nässe auf

den Körper und durch ihn auf die Seele machen; wir haben sie in diesem

Zustande gesprochen, wir haben es ihnen vorgehalten, wie die nächste

Nacht die Verwüstung in dem Untergange Aller vollenden könne, und

konnten nur zwei hochbejahrte Leute, die allein standen und zu schwach

waren, sich ein Bretterdach aufzuschlagen, dazu überreden, ein sicheres

Asyl anzunehmen. Alle andern blieben, und bauten, als später die

wahrhaft christliche Mildthätigkeit der Hohen und Niedrigen, der Reichen

und Armen im Lande es erlaubte, sich auf der geliebten Scholle wieder

an. Sie hätten Wohnungen haben können, wo sie es wünschten, so reichlich

flossen die Unterstützungen; aber sie fühlten wol, daß Heimweh ihnen den

Tod bringen würde auch auf den gesegnetsten Fluren. Sie sprachen sogar

den Wunsch aus, daß wir für immer bei ihnen bleiben möchten, und in

ihrer Vorliebe für ihre Heimat meinten sie nicht, damit ein Opfer zu

verlangen, wogegen sich unsere Ansprüche an das Leben sträuben könnten;

denn für sie war eine Hallig, selbst nach den neuesten Erfahrungen, doch

eine Stätte, die alle Wünsche befriedige.

Dies mußten wir hier einschalten, um es dem Leser begreiflich werden zu

lassen, wie Godber dem Gedanken so fern stand, die Hallig wieder zu

verlassen, und wie er sich schmeicheln konnte, Idalia werde diese Heimat

gern mit ihm teilen. Lange konnte freilich diese Täuschung nicht währen,

und Oswald war der erste, der dem Träumer die Augen öffnete.

»Wenn man hier nur eine alte Mähre herüberbringen könnte!« äußerte Jener

einmal bei Tische. »Es geht gar zu langsam mit dem Transport der Güter.

Sollen wir ebenso langsam in die Frachtschiffe einschleppen, wie wir aus

dem Wrack herausgeschleppt haben, so kann der Winter kommen und uns mit

diesem »Kindlein in des Meeres Wiege« in Eis und Schnee einwindeln bis

zum Frühling. Auch wäre es gut, wenn mein künftiger Herr Schwager sich

ein bißchen in der Reitkunst üben könnte.«

»Hier bedarf es keiner Reitkunst, und hier werd' ich künftig an der

Seite meiner Idalia leben, hier sterben,« erwiderte Godber.

Oswald sah erstaunt bald auf ihn, bald auf Idalia, die auch in dem Tone,

mit welchem Godber sprach, nicht den Scherz finden konnte, der doch

notwendig in seinen Worten liegen mußte.

»Idalia hier!« rief Oswald aus, als er wieder Worte fand für seine

Verwunderung. »Hier, auf dieser einsam treibenden Rübe im weiten Kessel

des Oceans! Hier auf dieser Amphibie, von der man nicht weiß, ob sie ein

Landtier oder ein Seebutt ist! Hier in dieser Stube voll Himmelblau und

Purpurrot! Hier bei dem ewigen Theetopf und seinen treuen Gevattern:

Schafskäse und Schwarzbrot! Hier Idalia die Königin der Bälle! die

Herrscherin im Herzgebiete der Männerwelt! die Entzückung und

Verzweiflung von hundert Anbetern! die unbestrittene Siegerin im Kreise

der Modedamen! Das war ein köstlicher Gedanke von Dir, Godber, über den

ich in acht Tagen mich nicht ausgelacht habe.«

Godber wandte sich vor Unwillen errötend von ihm, und zuversichtlich

Idalia's Hand ergreifend wiederholte er ihr mit dem zärtlichsten

Ausdruck ihres eigenen Liedes:

»Giebt's für _Dein_ Gebilde

Eine andre Welt,

Wo Dein Schöpferwille

Es nicht trägt und hält?«

Es blieb den Worten nach zweifelhaft, ob er darin _seine_

Bereitwilligkeit, ihr überall zu folgen, oder ihre Gesinnung mit ihrem

eigenen Ausdruck darlegen wollte. Er glaubte in ihrer Seele zu reden, da

er ja auch nur ihre Sprache gebrauchte, die ihn so oft als Bestätigung

seines höchsten Wunsches entzückt hatte. Sie aber, -- ob ganz ohne

Ahnung, daß es im Widerspruch mit seiner Meinung sei, wollen wir nicht

entscheiden, -- nahm die Worte für die Sprache _seines_ Herzens, und

noch ohne dies ganz offen auszusprechen, sagte sie:

»Unsere Liebe wird uns jeden Fleck der Erde zur angenehmen Heimat

machen, so mir, wie _Dir_.« Die scharfe Betonung des: »wie Dir«, traf

Godber's Herz wie ein Schmerzensstich, in seine Wangen stieg eine dunkle

Röte auf, und mit einer Frage auf den Lippen haftete sein Blick lange

und ernst auf Idalia. Das Wort aber blieb auf seiner Zunge und scheute

sich hervorzutreten, gleichsam im bangen Vorgefühl des verletzenden

Widerspruchs, den es finden würde. Sie hielt seinen Blick lächelnd aus,

und eine leichte Berührung seiner Lippen mit ihrer Hand drängte seine

Frage ganz zurück. Oswald dagegen ließ das Gespräch nicht so schnell

fallen.

»Das klingt wie ein Schäferroman,« lachte er; »und ich habe eben Nichts

dagegen, obgleich ich kein Myrtill bin und eine Daphne anbete; wenn nur

nicht von einer Hallig die Rede wäre, die kaum ein liebendes

Seehundspaar wohnlich finden würde.«

Mander, der bisher dem Gespräch wie einem Scherz zugehört, erinnerte

seinen Sohn, daß sie gar keine Ursache hätten, von diesem Eilande

verächtlich zu reden, dem sie nächst Gottes Hülfe und Godber's Mut und

Geschicklichkeit ihre Rettung verdankten, wo der Friede, dem Tausende in

großen Städten bis an ihr Ende vergeblich nachjagten, bei allen

Bewohnern von der Wiege bis in's Grab heimisch zu sein schiene.

Godber ergriff freudig das Lob seiner Heimat. »Nicht wahr,« rief er,

»ist das Leben hier nicht schön? Gerade diese mannigfachen Entbehrungen,

diese Abgeschiedenheit von der Welt, dieser Mangel an äußern Reizen

führen den Menschen auf sich selbst zurück und lehren ihn in seiner

eigenen Brust, in seinem kleinen häuslichen Kreise sein Glück finden,

das eben darum ein sicheres, dauerndes ist, weil es unabhängig von

Außendingen seinen Grund und Boden, wie seine Nahrung in dem Menschen

selber hat. Selbst die Gefahren, die mit diesem Aufenthalt verbunden

sind, dienen nur dazu, den kindlich demütigen und gläubig ergebenen Sinn

in uns zu erhalten, aus welchem Vertrauen und Zuversicht, und freudiges

Aufschauen zum Vater in der Höhe hervorgehen. Hier wird der Mensch

wieder Mensch und streift all' die bunten Flitter ab, die ihm doch am

Ende mehr Sorge als Freude machen. Hier ist er frei von den Ketten, die

ihm die große Welt da draußen schmiedet durch tausend Bedürfnisse und

Gewohnheiten, von denen sein Herz nichts weiß und nichts zu wissen

braucht, um glücklich zu sein; ja die er selbst nur zu oft als

Hemmketten fühlte, ohne vor der Welt es wagen zu dürfen sich ihrer zu

entledigen. Hier ist er, was er ist; nicht Das, wozu ihn die Sitte macht

und was er um Anderer willen sein muß. Hier kann er sich freuen und

weinen, thätig sein und ruhen, lieben und meiden, wann, wie und wen er

will. Er hat nur sich zum Herrn, und Keiner darf ihm darein reden. Nicht

um aller Schätze der Erde willen ließe ich mich wieder spannen in das

Joch der verkehrten Welt, die da ruft Friede, Friede! und ist kein

Friede, sondern eitel Zwietracht, Mißgunst und Haschen und Jagen nach

einem Ziel, das weit hinter ihr liegt; die da rennet mit verblendetem

Auge nach Lust und Freude, und nie sie findet, sondern nur Ekel,

Ueberdruß, Uebersättigung ohne Genuß; die heute auf Eiern schleicht,

morgen auf Leichen tritt; die mit dem süßesten Lächeln die Giftschale

darreicht und zugleich sich selbst in ihrem Unverstande den Becher des

Lebens vergiftet.«

»Auch mir würdest Du in diese verkehrte Welt nicht folgen?« fragte

Idalia mit dem freundlichsten Blick, während Mander und Oswald über die

grauenvolle Beschreibung ihrer Welt scherzten.

»Dir?« sagte Godber, wie erschreckt von einem plötzlichen Lichtstrahl.

Sich selbst beruhigend setzte er aber sogleich hinzu: »Darum eben kettet

sich ja meine Seele so fest an Dich, darum bist Du mir die köstliche

Perle im Ocean, weil Dein reiner Lichtglanz keine Färbung angenommen von

der früheren Umgebung; weil Du, in der dunklen Wiege eingeschlossen,

dennoch den keuschen Sinn Dir empfänglich gehalten hast für das wahre

Glück, von dem jene Welt Nichts weiß.«

Idalia fand nicht gleich eine Antwort auf diese Worte, und ihr Blick, in

welchem sich Erstaunen und Verlegenheit malten, goß eine eisige Kälte

über Godber's Begeisterung. Oswald aber sagte mit tragikomischem Pathos:

»Leb' wohl, Idalia! In tiefer Bewunderung beuge ich mich vor der

künftigen Primadonna im grünen Mieder und bunten Rock; aber um Deines

Ruhmes willen muß ich Dich verlassen. Ein geflügelter Bote will ich

eintreten in die Theezirkel Deiner trauernden Vaterstadt, ein Verkünder

Deines seligen Martertums auf diesem meerumflossenen Altar der Liebe.

Dein Name soll glänzen an dem, in den letzten Zeiten etwas bleich

gewordenen Sternenhimmel weltüberwindender Liebesmacht. Postfrei will

ich Dir jede Woche hundert klangvolle Sonnette und fünfzig schwungreiche

Oden übersenden, die von Lippen armer, unter der Last ihrer Körbe

seufzender Poeten ertönen zur Feier Deines weltverachtenden Herzens.

Eine feurige Kohle sollst Du jeder Jungfrau werden, die nicht Deinem

Vorbilde nachfolgen will.

Eine Hütte, eine Scholle,

Einen Mann und einen Hund,

Eines Schafes grobe Wolle,

Thee und Schwarzbrot für den Mund;

Die von andern Dingen spricht,

Kennt Idalia's Liebe nicht!«

Idalia bemerkte freilich, daß, wenn der Herr Bruder künftig noch einmal

wieder Verse auf sie machen sollte, sie hoffe, diese würden dann an

Inhalt und Form etwas zierlicher und feiner ausfallen; aber dabei lachte

sie doch über Oswald's Späße, und der Schmerz Godber's über dies Lachen

drängte den auflodernden Zorn zurück und erstickte die harte Rede, die

auf seiner Zunge lag. Mander bemerkte die Blässe auf Godber's Gesicht

und das Zittern, das dessen Glieder überflog; er sagte daher lächelnd:

»Unser Freund kann besser scherzen, als Scherz vertragen!« und setzte

ernster hinzu: »Ich möchte auch nie so verächtlich reden von einem

Fleck, der uns einmal so willkommen war. Es wird Godber schwer werden,

seine Heimat zu verlassen; denn die Liebe zu derselben scheint ja zur

andern Natur Aller zu gehören, die hier geboren sind. Er ist aber

zugleich zu vernünftig, als daß er die Heimatliebe, die ihn selbst

beseelt, nicht auch bei Idalia voraussetzen sollte, und daher wird er ja

von ihr kein Opfer verlangen, das selbst zu bringen er sich nicht fähig

hielte; besonders wenn er zugestehen muß, daß der Hallig den Vorzug vor

Hamburg zu geben nur eben einem Eingeborenen dieses Eilandes möglich

ist.«

Godber fand sich tief getroffen durch diese Bemerkung. Es war ihm noch

gar nicht eingefallen, daß, wie er nur in seiner Heimat sich glücklich

fühlen könne, auch Idalia nur in ihrer Vaterstadt ihr Glück finden

würde; daß dasselbe Recht, welches er für sich in Anspruch nahm, ein

Halligbewohner bleiben zu dürfen, er ihr nicht verweigern könne, wenn

sie eine Großstädterin bleiben wolle. Fühlte er, daß selbst an ihrer

Seite ihn in der Fremde Heimweh verzehren würde, wie durfte er ihr denn

an seiner Seite auf der Hallig Heimweh verargen? Diese Betrachtung hielt

ihn stumm. Tiefe Schwermut lagerte sich wie eine bange Last über seine

Seele. Er verlor sich in Gedanken, die an seine Untreue gegen Maria nahe

genug hinstreiften, um eine Empfindung wie Reue zu wecken.

Oswald unterbrach die verlegene Pause, indem er das Glas erhob, um auf

einen frohen Verein in Hamburg anzustoßen. Mechanisch ergriff auch

Godber sein Glas und stieß mit an, aber er setzte es wieder hin ohne zu

trinken.

Mit diesem Tage trat eine gewisse Spannung zwischen den Liebenden ein.

Idalia ward ernster, nachdenklicher, zurückhaltender, und obwohl sie

nicht zweifelte, daß Godber seine Grille fahren lassen würde, war es ihr

doch unangenehm, daß er sie genährt hatte, daß er sie wenigstens nicht

sogleich habe vergessen können, als er ihre Abneigung bemerkte, eine

Halligfrau zu werden. Er dagegen war traurig bewegt; dabei jedoch so

hingebend, so achtsam, so besorgt, immer die vollste Liebe zu zeigen,

als nähre er noch eine geheime Hoffnung, sie zu dem Opfer bewegen zu

können, von welchem das Glück seines Lebens abhing. Beide vermieden es,

auch nur mit dem leisesten Worte jene Verschiedenheit ihrer Ansprüche an

die Zukunft zu berühren.

Die verwaiste Maria war unterdessen in Hold's Familie aufgenommen und

dadurch der Wohnung Godber's näher gebracht. Es konnte nicht fehlen, sie

mußten sich von jetzt an öfter sehen, wenn auch nur aus der Ferne. Ja,

es geschah auch wohl, daß ihre Wege neben einander vorbeiführten, so

sehr sie auch jede Begegnung zu vermeiden suchten. Doch eines Tages

trafen sie sich am Steg und waren, gedankenvoll hinwandelnd, sich schon

zu nahe, um ohne Gruß vorübergehen zu können. Sie standen vor einander,

Beide die Augen zu Boden schlagend; Maria die Hand auf die beklemmte

Brust gepreßt, Godber mit bebenden Lippen, ohne eines Wortes mächtig zu

sein. Endlich faßte er ihre Hand und sagte leise:

»Maria, es mußte so sein!«

Sie blickte auf, und eine Thräne zitterte in ihrem Auge.

»Der Herr hat es so gewollt!« seufzte sie. »Er mache Dich glücklich.«

»Und Dich, Marie!« antwortete er.

Sie aber schlug den Blick gen Himmel, und es brach wie ein Lichtglanz

durch ihre Thränen:

»Seine Kraft ist in dem Schwachen mächtig.«

»Maria,« rief Godber, und drückte ihre Hand fester, »kannst Du mir

vergeben?«

»Als ich den Ring von Deinem Finger zog,« antwortete sie, »da habe ich

Dir vergeben!«

Godber ließ ihre Hand fahren und sah nach seinem Ringe. Zum ersten Mal

bemerkte er, daß dieser ihm fehle. Er starrte auf die Stelle, wo er ihn

getragen, konnte nicht begreifen, wann das Pfand der Treue von seiner

Hand gekommen, und es war ihm, als sei nun erst seine Untreue vollendet,

als sei nun erst jede Rückkehr unmöglich geworden. Er hätte in diesem

Augenblick viel darum gegeben, den Ring noch zu haben; er hätte ihn in

diesem Augenblick um keinen Preis fahren lassen. Der Gedanke, daß er ihn

nicht mehr habe, dehnte eine Kluft vor ihm aus, die ihn auf ewig von

Maria trennte. Nun erst war sie für ihn verloren, unwiederbringlich

verloren, als wenn nicht schon längst sie von einander geschieden

gewesen wären. Als er wieder aufsah, war Maria verschwunden.

Idalia hatte diesen Auftritt von weitem angesehen, und ohne ein Wort

darüber zu verlieren, ward sie nur immer kälter und fremder gegen

Godber. Er aber hing sich mit seiner Liebe ihr desto fester und fester

an. Sie war gleichsam das Anker, das ihn halten sollte im Sturm der

widersprechenden Gefühle, in dem Kampf der sich unter einander

verklagenden Gedanken. Er fühlte, daß wenn sie ihn aufgebe, die Kraft

seines Lebens gebrochen wäre, daß ihm dann das Bewußtsein ausginge,

warum denn Alles so gekommen sei, daß er dann in der Wüste des Meeres

umhertaumele, wie ein Leichnam, der von der felsigen Küste ringsum immer

wieder in die Wogen zurückgeworfen wird.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 18 / 33 题