XII.

Ach! du gleißest, ohne je zu laben!

Oede Weisheit einen Augenblick

Gieb mir nur den Glaubenstraum des Knaben,

Gieb mein Herz, mein kindlich Herz zurück!

Es möchte vielen Menschen, denen das stille Kämmerlein im Hause fehlt,

und auch den Meisten, welchen es nicht fehlt, recht gut sein, wenn sie

Gelegenheit hätten, auf längere oder kürzere Zeit einmal ganz aus dem

Kreise ihrer bisherigen Umgebung und Thätigkeit herauszutreten, und sie

in einem mußereichen Stillleben sich allein auf sich selbst

zurückgewiesen sähen. Da wird Manches laut, was in dem Gewirre des

täglichen Verkehrs übertäubt wurde, Manches kommt ans Licht, was im

Dunkel des Herzens verborgen schlief, manche Blume keimt hervor, der es

früher an dem ihr willkommenen Boden, an der ihr zusagenden Luft

mangelte, wie zugleich auch in mancher glänzenden Frucht der Wurm

offenbar wird. Wir sind mehr oder minder auch geistig Sklaven unseres

Erdenberufs und des Kreises, in dem wir leben. In den Ketten und Banden,

mit welchen unsere Stellung in der Welt uns umschlingt, verlieren wir

gar leicht Sinn und Kraft für ein freies Um- und Aufschauen aus dem uns

von ihr angewiesenen Gesichtskreise hinaus. Die Anforderungen und die

Genüsse, ja die Vorurtheile des Standes, dem wir angehören, und des

Verhältnisses, in welchem wir zu Andern stehen, üben eine unmerkliche

Herrschaft über unsere Gedanken und Empfindungen und sind eben so viel

Hemmketten für eine reinmenschliche Auffassung unseres Standes in der

Schöpfung und im Reiche Gottes.

Das erkannte Mander auf der Hallig. Es war ihm, als habe er das Kleid

ausgezogen, das er beständig getragen, und wollte er es nun auch wieder

fest um sich wickeln, so blieb doch immer eine Oeffnung, durch welche

ein Geist ihn anwehte, der das alte Gewand nicht duldete. Seither hatte

er geglaubt, er werde endlich einmal in der Philosophie, welcher er alle

seine Nebenstunden widmete, das reine Sonnenbad finden, das ihn zu dem

vollen, freien, übersichtlichen Blick über Göttliches und Menschliches,

Bleibendes und Vergängliches befähige, obwohl er sich gestehen mußte,

daß er es zu dieser Stunde noch nicht weiter gebracht, als bis zu den

Flügelschlägen des seinem Neste noch nicht entwachsenen Vogels, und daß

zwischen dem Suchen nach dem Altarlicht, von dem alle Erleuchtung

ausgeht, und der Verklärung durch dasselbe und in demselben eine weite

Kluft befestigt sei. Jetzt drängte sich ihm nun gar die Frage auf, ob es

der Philosophie überhaupt möglich sei, den Staub der niedern Welt, über

welcher sie richtend thronen wolle, je ganz von sich abzuschütteln? ob

nicht auch auf den scharfsinnigsten Denker seine Zeit, sein Volk, seine

Lebensverhältnisse, seine ererbten Gewohnheiten, die Irrtümer seiner

Vorgänger einen nie völlig zu beseitigenden Einfluß üben mußten? Die

Erfahrung schien diese Frage bejahend zu beantworten. Denn die

vermeintlich höchste Stufe war ja immer nur der Anfang einer höheren

gewesen, und die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen glich einer

ewig sich häutenden Schlange. So glänzend auch die neue Haut anfangs

erscheinen mochte, konnte sie doch nicht dem Geschick entgehen, bald als

dunkle abgestreifte Hülle einer andern zur bloßen Folie zur dienen.

Diese Betrachtungen führten Mander zu manchen ernsten Unterredungen mit

dem Pastor, in welchen, wenn Oswald nicht dabei gegenwärtig war, er

jenen allmälig einen offenen Blick in sein in religiöser Hinsicht

unbefriedigtes Herz thun ließ.

»Wie oft,« sagte Mander, »habe ich mich auf ein neu angekündigtes System

der Weltweisheit, wie ein Kind auf die Weihnachtsgabe, gefreut, und wenn

ich durch die schwere Sprache mich zum Verständnis durchgearbeitet, fand

ich nur neue Fragen ohne Antwort, neue Rätsel ohne Auflösung; wohl tiefe

Blicke ins Herz, aber keine Nahrung für das Herz; wohl geistreiche

Untersuchungen, aber keinen lohnenden Fund. Die Philosophen kamen mir

vor wie Schatzgräber, die nach einem Schatz graben, dessen hohler Klang

sie zu immer neuen Anstrengungen reizt, während neckische Geister ihn

immer tiefer vor ihnen versenken.«

»Lassen Sie uns,« erwiderte Hold, »bei einem scheinbaren Nebenumstande

stehen bleiben, bei der schweren Sprache der Philosophen. Im Worte liegt

eine wunderbare Macht. Indem der Mensch einem Dinge einen Namen gibt,

macht er sich dadurch gleichsam zum Herrscher desselben. Es ist nun kein

unbestimmtes Etwas mehr, das seine Gedanken verwirrt und sich denselben

jeden Augenblick frei entziehen kann; nein, es ist gebunden unter dem

Gehorsam seines geistigen Anschauens und muß ihm Rede stehen, sobald er

es bei seinem Namen ruft. Es liegt ein tiefer Sinn darin, wenn nach der

biblischen Schöpfungsgeschichte Gott dem Menschen die Tiere vorführt und

ihn sie nennen läßt. Damit war diesem eine feste Herrschaft über sie

gegeben, weil nun mit dem Worte sogleich ihre Gestalt, ihre

Eigenschaften, ihre Triebe in einem Gesammteindrucke vor die Seele

traten, und er nun ihre Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, ihre

Nützlichkeit oder Schädlichkeit mit einem Blicke übersehen konnte. So

sind wir auch dann erst einer Vorstellung wirklich mächtig geworden,

wenn wir für sie das entsprechende Wort gefunden. Unser Denken ist

Sprechen, sei es nun allein ein Sprechen in uns, oder auch zugleich für

unser Ohr. Um nun Gottes mächtig zu werden, wie die Philosophie es will,

welche die göttlichen Dinge in den Bereich des menschlichen Wissens

herunterzieht, müßten wir auch eine Sprache haben, die Seiner mächtig

wäre. Fehlt aber diese Sprache uns, und ich meine die hohle,

geschraubte, die gleich einem lebendig Begrabenen unter dem

Leichensteine sich windende Sprache der bisherigen Philosophie gibt uns

sattsam Kunde, daß sie uns fehle, so dürfen wir auch von dieser

Philosophie keine Aufschlüsse über die göttlichen Dinge erwarten.« --

»Und dürfen gar keine erwarten!« seufzte Mander; »denn jeder Aufschluß

muß uns doch durch eine Sprache zukommen?«

»Mit keiner Menschensprache,« entgegnete Hold, »wohl aber mit der

Gottessprache, mit dem Glauben.«

Mander schüttelte schweigend den Kopf.

»Halten Sie es für so wunderbar,« fuhr Hold fort, »daß Gott, der

Unsichtbare und Unendliche, einen andern Weg nimmt, sich uns zu

offenbaren, als auf welchem die sichtbaren und endlichen Dinge zu

unserer Vorstellung kommen? Diese können wir besprechen, dies Wort

zugleich im Sinne des Schlangenbeschwörers genommen, wir können sie

ergreifen, umfassen, uns ihrer bemächtigen mit dem Vermögen des Geistes,

das seinen Ausgang und die Spitze seiner Kraft im Worte hat. Sollte dies

Vermögen, dessen Entwickelung und Vollendung von der Sprache bedingt

wird, auch darum hinreichen, Gott eine Stätte in unserm Staube zu

bereiten, daß wir ihn betrachten, haben und halten, als einen mit der

Meßrute unserer Vorstellungen zu messenden, in den Banden unserer

Begriffe zu fesselnden, als einen zu besprechenden Gegenstand? Dürfen

wir nicht vielmehr schon im Voraus erwarten, daß wenn Er von uns erkannt

sein und unser werden will, Er auf einem andern Wege erkannt und unser

wird? Der Glaube ist nun die Art und Weise, wie Gott zu uns kommt und

wir zu Ihm kommen; er ist die Sprache, in der sich Himmel und Erde

allein verstehen, und wir heben dies Verständnis zwischen Beiden auf,

und verlernen, uns selbst und Andern verständlich zu reden, wenn wir in

der Sprache, mit welcher wir uns das Irdische gleichsam zur Anschauung

bringen, ein Mittel zur Anschauung Gottes zu haben glauben.«

»Reden Sie aber auch nicht als Prediger von Seinem Wesen, Seinen

Eigenschaften, Seinem Walten?«

»Wie ich vom Geiste rede,« sagte Hold; »nur immer in Rücksicht auf

körperliche Dinge; von seiner Unsichtbarkeit, Unteilbarkeit und in

Rücksicht auf sein Hervortreten im Glauben. Nie kann es mir einfallen,

ihn davon gesondert, als einen nackten Begriff in das Wissen meiner

Zuhörer einführen zu wollen. So auch mit Gott. Die Predigt nennt Ihn

Schöpfer, Erhalter und Regierer; sie weiset Ihn nach in allen Seinen

Zeugnissen, in der Natur, in den Fügungen des Erdengeschicks, im

Glauben, im Gewissen der Menschen, in der Offenbarung; aber auf diese

Weise ebnet sie Ihm nur die Wege zum Menschenherzen, will nicht selbst

dieser Weg sein; ja wäre nicht Gott schon vor ihr die Straße gewandelt,

dann würde ihr Ebnen und Bahnen Ihn nicht des Weges führen. Darin, meine

ich, versieht es nun eben die Philosophie. Sie stellt sich hin als Weg

zu Gott; sie greift dem heiligen Geist ins Amt und verwaltet es gar

schlecht, weil sie Sein Werkzeug, den Glauben, entweder gar nicht, oder

nur als Notbehelf benutzt, nicht als alleinige Himmelsleiter, nicht als

das alleinige Bindemittel zwischen dem, was droben ist, und dem, was

unten ist.«

»Spricht aber der Glaube klar und deutlich genug in Aller Herzen?«

entgegnete Mander. »Muß nicht die Philosophie das Heer der Irrtümer

bekämpfen, das sich in die Vorstellungen von Gott hineindrängt? Muß sie

nicht fortwährend an einem Damm gegen den Aberglauben bauen, der gleich

einem drängenden Meer immer von Neuem die Menschheit zu überfluten

droht? Hat sie darum nicht immer die Anstrengungen der edelsten Männer

beseelt?«

»Lassen Sie mich,« war Hold's Erwiderung, »auf das Letzte zuerst

antworten. War in der Rede der Propheten: »Der Herr spricht!« war in dem

Worte Jesu Christi: »Meine Rede ist nicht mein, sondern Deß, der mich

gesandt hat!« Philosophie? Ja, ist selbst nur des Sokrates Dämon, oder

ist in Platon's Mythen Philosophie? Ist nicht vielmehr in diesem Allen

der Rede von Gott das Sprechen Gottes als vorausgegangen angegeben?

Liegt darin nicht die Weisung für unsere Philosophen, daß

Verstandeserzeugnisse keine Offenbarungen von den Tiefen der Gottheit

geben, die Niemand erforscht, denn der Geist Gottes, und wem Er es

offenbaren will? Was Sie aber von der Philosophie als Damm gegen den

Aberglauben sagen, so hat ja Der, welcher in die Welt kam, das Licht der

Welt zu sein, und dessen Lehre, Sie mögen von seiner Person denken, was

Sie wollen, der mächtigste Damm wider den Aberglauben gewesen ist,

mächtiger, kräftiger wehrend, als alle Schulsysteme zusammen, weder in

Hörsälen gelernt und gelehrt, noch die dunkle und verschrobene Sprache

der Hörsäle geredet. Er hat ja immer bezeugt, daß Er nicht aus sich

selber rede, sondern nur verkünde, was Gott ihm gegeben zu verkünden.

Was aber die Irrtümer betrifft, welche die Philosophie bekämpft, so

müssen Sie gestehen, daß sie, wie die sich einander bekämpfenden

Philosopheme schon zeigen, in ihrem Kampfe gegen diese Irrtümer selbst

die Wahrheit noch nicht gefunden hat, und oft Irrtümer hervorruft, die

noch schädlicher sein würden, als die bestrittenen, wenn das Gift nicht

eben in der schweren Zunge der geistigen Giftmischer sein Gegengift

fände. Wenigstens haben Sie selbst schon gestanden, daß die Philosophie

Ihnen den Frieden zu geben nicht fähig sei und also für Sie ihren Zweck

verfehle.«

»Das eben ist es, was mich so sehr verstimmt,« sagte Mander. »Ich kann

nicht hinleben und mich wie ein Maulwurf in die Erde hineingraben. Ich

werde von einer ruhelosen Gewalt aus diesem kleinlichen Zeittreiben, aus

diesem eklen Sinnengenuß, aus dieser niedern Weltsorge herausgetrieben

und muß immer wieder fragen und seufzen: was ist Wahrheit? und immer

wieder ausschauen und mich sehnen nach dem Licht, das wie ein Irrlicht

mich auf falsche Wege führt, nach dem Frieden, der mich lockt und mich

flieht.«

»Ei, so wirf denn einmal weg, was Du weißt und nicht weißt!« rief Hold

eifrig. »Hinweg mit dem alten Gewande all' Deines Forschens und

Grübelns! Gieb einmal wieder hin dem Vater im Himmel ein kindlich

offenes Herz, das Nichts will, als empfangen. Tauch einmal wieder empor

mit freiem Geist aus den Abgründen, in die Du Dich versenkst, und schäme

Dich des Flehens und der Thränen nicht, und wahrlich! auch Du wirst es

erfahren, daß die Sterne Augen und Thränen haben für solch ein

suchendes, sehnendes Menschenherz, daß noch immerdar Tau vom Hermon

fällt auf die Berge Zions! -- Glauben Sie mir, Mander, wir sollen nur

fernhalten, was hindert und wehret, sollen nur nicht das Glas über die

Blume setzen und meinen, daß ihre Ausdünstung sich wieder zum

erquickenden Tau für sie bilde. Nein, wir sollen die Blume hinstellen

unter Gottes freien Himmel, und die Erquickung wird ihr nicht fehlen.«

Mander fühlte sich von der begeisterten Rede des Pastors getroffen, in

seinem Auge zitterte eine Thräne, und die Rührung der Pastorin, die

ihrem Gatten die Hand drückte und sich nach einem Blick der vollsten

Liebe an dessen Brust neigte, erhöhte noch seine Gefühle. Er konnte

nicht gleich antworten, und nur als die Pastorin, wie zwischen den

beiden Männern vermittelnd, sagte:

»Es möchte dem Manne nicht immer so leicht sein, als es dem weicheren

Frauengeschlecht ist, sich und sein Wissen zu vergessen und die

Selbstthätigkeit des Geistes in die Empfänglichkeit des Herzens aufgehen

zu lassen,« erwiderte er:

»Nein, glauben Sie mir, nie sind meinem Leben solche Stunden ganz fremd

geworden, in denen alle Zweifel und Fragen überwältigt wurden vom

religiösen Gefühl, und ich habe nie aufgehört, sie als Feierstunden

meines Lebens zu lieben und zurück zu wünschen. Doch, daß sie eben nur

Feierstunden in den langen Werktagen, nur Strahlen in die Nacht hinein,

nicht die Morgenröte einer schönen Zukunft waren, das ist es, was mich

betrübt, ja, mich mißtrauisch gegen sie macht. Wie denn auch diese

dunkeln, unbestimmten Gefühle, die wir nicht leiten und ordnen können,

die uns vielmehr wie eine fremde Macht fortreißen, uns unmöglich ein

auch für ruhigere Betrachtung befriedigendes Gottesbewußtsein geben

können.«

Hold's Antwort hierauf war:

»Warum nennen Sie auch Das, was in solchen Feierstunden Sie bewegt,

Gefühl? Ich würde es viel lieber eine Pfingstpredigt nennen, die der

Herr Himmels und der Erden in seinem Erbarmen über Ihren schwachen

Glauben Ihnen hält. Das Wort Gefühl läßt uns schon von vornherein an

Dunkelheit, Unbestimmtheit, Unverläßlichkeit denken; wir deuten es als

etwas uns Eigenes, ja Sinnliches. Doch erinnern Sie sich dessen, was ich

vorhin sagte von der Sprache, in der Gott seinen Kindern im Staube

offenbar wird. Nehmen Sie jene religiöse Erregung, jene andächtige Feier

in Ihrem Innern, als diese Sprache Gottes, wie Sie selbst ihren Eindruck

mit einer fremden Macht vergleichen, und Sie werden ihr mehr Vertrauen

schenken. Wenn die Brust aufwallt, wie von einem neuen, frischen

Lebensodem gehoben, wenn ein Beben durch die Gebeine geht, als spürten

auch sie die Geisternähe mit empfänglichem Sinn, wenn die Thräne in's

Auge heraufquillt aus dem innersten Herzen, wenn die Seele von einer

Fülle überströmt wird, in der sie sich so reich und so selig fühlt, wenn

der Geist frei und rein aufatmet, als sei er aller Schranken und

Schlacken bar, warum wollen wir es in solchen Augenblicken leugnen und

nicht bekennen: Der Herr spricht! Wie soll denn der ewige Geist sich dem

endlichen Geiste anders ankündigen, als durch ein solches

Insichaufnehmen, das mit einer Ueberwältigung der Staubeshülle verbunden

sein muß und daher ganz andere Empfindung erzeugt, als dieser sonst

eigen sind. Der zweideutige Ausdruck: religiöses Gefühl, nimmt solchem

Nahen und Walten des heiligen Geistes den Wert für uns und den Einfluß

auf uns zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung.«

»Könnte nicht jene Aufregung und Erhebung der Andacht auch Täuschung

sein, eine Folge unserer aus der Kindheit herübergenommenen, vielleicht

falschen Vorstellungen von Gott.«

»Ist es Menschenwerk,« antwortete Hold, »unser Selbstwerk, das uns

treibt in solchen Stunden, woher denn die über alle unsere sonstigen

Sinne und Gefühle weit hinausgehende Erhebung? Nur uns Aehnliches können

wir erzeugen, nur steigern, was wir haben, nur einen Schritt weiter uns

fortbewegen auf unserm Geleise; nicht die Tiefe überspringen, nicht das

Neue schaffen. Ich frage aber Sie, ich frage Jeden, dem einmal solche

Andachtsfeier aufging, ob er nicht ein ganz Anderer war denn zuvor? ob

der alte Mensch nicht zurücksank wie ein Gewand, und ein Neues in ihm

geboren wurde, wodurch er selbst eine neue Creatur ward voll Licht und

Leben, so lange, bis die vorige Finsternis wieder über ihn kam, und er

sich wieder erkannte in dem alten Gewande? Wer kann aber solch Neues

schaffen, als der alleinige Schöpfer?«

»Dieses Alles zugegeben,« sagte Mander: »so ist damit noch keine Frage

beantwortet. Auch bei mangelhaften religiösen Vorstellungen mögen solche

Momente der Weihe nicht fehlen. Sie sind vielleicht eine Offenbarung der

Gottheit; aber eine Offenbarung, wodurch für das Wissen von Gott Nichts

gewonnen ist.«

»Es ist wenigstens Freude, Friede, Seligkeit für Augenblicke gewonnen,

und die Gewißheit, daß Gott Wege hat zum Menschenherzen, die nicht wie

unsere Wege zu Ihm voll von Steinen des Anstoßes sind. Es ist das

Vertrauen gewonnen, daß Er Sein Kind im Staube nicht lassen wird in

Irrtum und Verblendung, sondern aus Seiner Fülle geben wird, was

demselben zu wissen not ist, um der rechten Empfänglichkeit für Seinen

heiligen Geist nicht zu ermangeln, um aus jenen Weihestunden die rechte

Frucht mit in's Leben hineinzunehmen. Ja, Seine freie Gabe soll es sein,

was wir von Ihm wissen, nicht das zweifelhafte, schwankende, trügliche

Ergebnis unserer Forschungen.«

»Ist aber nicht auch die Vernunft Gottes Gabe?« bemerkte Mander. »Und

wenn wir sie als das Mittel unserer Erkenntnisse von Gott annehmen, so

leiten wir damit ja all' unser Wissen in den göttlichen Dingen, wenn

auch nicht unmittelbar, doch am Ende nur aus einer und derselben Quelle

mit den Offenbarungsgläubigen ab.«

»Dem Licht des Tages,« entgegnete Hold, »dankt unser Auge das Vermögen

zu sehen; will es aber in die Sonne schauen, dann sinkt es geblendet

zurück. Es war vorzüglich unserer Zeit vorbehalten, eine Offenbarung

Gottes an die Menschen außerhalb der Grenzen der Vernunft zu leugnen.

Wir treffen das: Der Herr spricht! sonst in allen Religionen der Erde.

Wollen Sie mir dagegen bemerken, das komme daher, weil die ungebildete

Vernunft über ihren selbstgemachten Gewinn erstaunt und sich nicht

selbst die Ehre zuzuschreiben wagt, oder weil die einzelnen Weisen

meinten, eine göttliche Autorität erlügen zu müssen, um Leiter des

blinden Volkes zu werden, so kann ich ebenso wahrscheinlich sagen: es

kommt daher, weil man eben wußte, eine göttliche Offenbarung empfangen

zu haben. -- Doch warum reden wir denn über diese Dinge? Ist es nicht,

weil Sie die Höhen und Tiefen, die Länge, Weite und Breite des Gebiets

der Vernunft durchwandert haben und nun kommen und fragen: was ist

Wahrheit?«

»Wandeln aber nicht so Viele in Frieden ihren Weg und halten sich an die

Vernunftreligion?«

»Nennen Sie diese unbestimmten Ideen von Gott, Freiheit des Willens und

Unsterblichkeit Vernunftreligion, so vergessen Sie nicht, daß es eben

noch ausgemacht werden soll, ob diese Ideen denn Gaben der Vernunft

sind, und nicht vielmehr ein Raub an der Offenbarung begangen. Und woher

denn der Friede dieser Vielen? Eben weil sie gar keine weitere Nahrung

suchen über diese zufällig aufgerafften Brosamen hinaus, oder weil sie

ihre Vernunft, die nach hellerem Lichte aus dem Halbdunkel hinausstrebt,

ängstlich in Zügel halten, als wäre sie ein scheues Roß, das mit seinem

Vorwärtsrennen den Reiter in einen Abgrund stürzen könnte. Wie oft hört

man das Wort: >Darüber muß man nicht weiter nachdenken, sonst könnte man

den Verstand verlieren.< O, du gerechter Himmel! Ueber das Band, das

mich halten soll in der Gemeinschaft mit dem Ewigen, über das Licht, das

mein Leben auf Erden verklären soll zu einem Wandel der Kinder Gottes,

über den Pfad, der mir die Brücke bauen soll über der Zeit

Vergänglichkeit und des Todes Verwesung hinweg zum ewigen, seligen

Leben: darüber sollte ich mich scheuen, weiter zu denken? in diesen

Dingen klar zu schauen mich fürchten? vor tieferem Aufschluß mich

ängstlich zurückziehen? Wo es sich um die Anbetung Gottes im Geist und

in der Wahrheit handelt, wo mein eigentliches Sein, meine Zuversicht im

Leben und im Sterben, mein Heil in Zeit und Ewigkeit in Frage steht: da

sollte ich mir das Schicksal der Mücken zur Warnung dienen lassen, die

ihre Flügel an den Flammen versengen?«

»Aber ist dies nicht oft das Schicksal Derer geworden, die weiter

forschten?« meinte Mander. »Wenn sie es auch nicht selbst empfunden

haben in der Leidenschaft für ihre glänzenden Systeme, so spricht es

sich doch aus in dem schnellen Wechsel derselben, in den Widersprüchen,

die darin offenbar werden, in dem geringen Einfluß ihrer Weisheit, die

kaum in wenigen Jüngern fortlebt und sich in denen schon anders

gestaltet, als sie aus dem Haupte des Meisters, eine scheinbar so wol

gerüstete Minerva, hervorging.«

»Was bedürfen wir weiter Zeugnis?« erwiderte Hold. »Sind wir nicht zu

der Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung gekommen?«

Vielleicht hätte das Gespräch noch bis tief in die Nacht hinein

gedauert, wenn nicht Oswald gekommen wäre, um seinen Vater abzuholen, da

es schon sehr spät geworden war. Die Pastorin gestand, daß sie sich

freue, die Fortsetzung einer solchen Unterhaltung verschoben zu sehen,

da sie nicht lassen könne, zuzuhorchen und doch merke, wie solche

Untersuchungen erkältend auf ihr Herz wirkten.

Oswald sagte lachend: »Gewiß läßt mein Vater sich noch von Ihnen

bekehren, Herr Pastor. Aber ehe ich vor Bileams Esel meine Kniee beuge,

müßte mein Haar so grau werden, wie die Haut des Esels vermutlich war.«

Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und hätte ihm mit hartem

Wort seinen unziemlichen Spott verwiesen, wenn nicht Hold rasch das Wort

genommen:

»Halten Sie Ihrem Sohn ein wenig Derbheit zu Gute. Er giebt nur auf

seine Art wieder, was er in meiner Art davon bei unserer letzten

Unterredung hat erfahren müssen. Uebrigens möchte ich,« fuhr er, zu dem

über diese Anspielung lächelnden, aber doch errötenden Oswald gewendet,

fort, »daß Ihr Haar recht bald so grau würde, wie Sie es haben wollen,

um Ihr Knie zu beugen, wenn auch nicht vor Bileams Esel, doch vor Dem,

den ein gleiches Tier trug, als Er einzog in Jerusalem, keinen

gezwungenen, sondern einen freiwilligen Segen zu bringen, nicht einem

Volke, sondern allem Volke.«

»Verzeihen Sie, Herr Pastor,« erwiderte Oswald, »wenn ich mich zu hart

ausdrückte. Aber es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie vernünftige

Menschen keinen Anstoß an solchen Erzählungen im sogenannten Worte

Gottes finden.«

Hold antwortete: »Halten Sie den Spruch: >Du sollst lieben den Herrn,

Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte;<

oder den andern: >Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was

keusch, was lieblich, was wollautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein

Lob: dem denket nach,< für gute und reine Lehre?«

»Ja, gewiß.«

»Nun, dann thun Sie, was diese Sprüche sagen. -- Wie würden Sie einen

Menschen nennen, der an einer mit köstlichen Speisen reichbesetzten

Tafel deswegen vorüberginge, weil er ein Gericht bemerkt, an dem er

keinen Geschmack finden kann?«

»Ich werde mich wol hüten,« lachte Oswald, diesen Menschen einen Narren

zu heißen; sonst schickten Sie mich mit der Extrapost meines eigenen

Wortes in's Tollhaus. Aber Sie werden doch auch zugeben, daß Ihre

verfängliche Frage eben nur ein Ausweichen und kein Antworten ist.«

»Lassen Sie mich bei dem Bilde bleiben,« entgegnete Hold. »Der Gast, der

sich an die für ihn bereitete Tafel setzt und seinen Hunger und Durst an

den Speisen, die er loben muß, stillet, der mag wol fragen, was es mit

der einen Speise bedeute, die ihm geschmacklos vorkommt. Wer aber um

ihretwillen alle andern auch verschmäht, der hat kein Recht zur Frage.«

»Abgeführt!« rief Oswald, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte

sich mit seinem Vater.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 17 / 33 题