Ach! du gleißest, ohne je zu laben!
Oede Weisheit einen Augenblick
Gieb mir nur den Glaubenstraum des Knaben,
Gieb mein Herz, mein kindlich Herz zurück!
Es möchte vielen Menschen, denen das stille Kämmerlein im Hause fehlt,
und auch den Meisten, welchen es nicht fehlt, recht gut sein, wenn sie
Gelegenheit hätten, auf längere oder kürzere Zeit einmal ganz aus dem
Kreise ihrer bisherigen Umgebung und Thätigkeit herauszutreten, und sie
in einem mußereichen Stillleben sich allein auf sich selbst
zurückgewiesen sähen. Da wird Manches laut, was in dem Gewirre des
täglichen Verkehrs übertäubt wurde, Manches kommt ans Licht, was im
Dunkel des Herzens verborgen schlief, manche Blume keimt hervor, der es
früher an dem ihr willkommenen Boden, an der ihr zusagenden Luft
mangelte, wie zugleich auch in mancher glänzenden Frucht der Wurm
offenbar wird. Wir sind mehr oder minder auch geistig Sklaven unseres
Erdenberufs und des Kreises, in dem wir leben. In den Ketten und Banden,
mit welchen unsere Stellung in der Welt uns umschlingt, verlieren wir
gar leicht Sinn und Kraft für ein freies Um- und Aufschauen aus dem uns
von ihr angewiesenen Gesichtskreise hinaus. Die Anforderungen und die
Genüsse, ja die Vorurtheile des Standes, dem wir angehören, und des
Verhältnisses, in welchem wir zu Andern stehen, üben eine unmerkliche
Herrschaft über unsere Gedanken und Empfindungen und sind eben so viel
Hemmketten für eine reinmenschliche Auffassung unseres Standes in der
Schöpfung und im Reiche Gottes.
Das erkannte Mander auf der Hallig. Es war ihm, als habe er das Kleid
ausgezogen, das er beständig getragen, und wollte er es nun auch wieder
fest um sich wickeln, so blieb doch immer eine Oeffnung, durch welche
ein Geist ihn anwehte, der das alte Gewand nicht duldete. Seither hatte
er geglaubt, er werde endlich einmal in der Philosophie, welcher er alle
seine Nebenstunden widmete, das reine Sonnenbad finden, das ihn zu dem
vollen, freien, übersichtlichen Blick über Göttliches und Menschliches,
Bleibendes und Vergängliches befähige, obwohl er sich gestehen mußte,
daß er es zu dieser Stunde noch nicht weiter gebracht, als bis zu den
Flügelschlägen des seinem Neste noch nicht entwachsenen Vogels, und daß
zwischen dem Suchen nach dem Altarlicht, von dem alle Erleuchtung
ausgeht, und der Verklärung durch dasselbe und in demselben eine weite
Kluft befestigt sei. Jetzt drängte sich ihm nun gar die Frage auf, ob es
der Philosophie überhaupt möglich sei, den Staub der niedern Welt, über
welcher sie richtend thronen wolle, je ganz von sich abzuschütteln? ob
nicht auch auf den scharfsinnigsten Denker seine Zeit, sein Volk, seine
Lebensverhältnisse, seine ererbten Gewohnheiten, die Irrtümer seiner
Vorgänger einen nie völlig zu beseitigenden Einfluß üben mußten? Die
Erfahrung schien diese Frage bejahend zu beantworten. Denn die
vermeintlich höchste Stufe war ja immer nur der Anfang einer höheren
gewesen, und die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen glich einer
ewig sich häutenden Schlange. So glänzend auch die neue Haut anfangs
erscheinen mochte, konnte sie doch nicht dem Geschick entgehen, bald als
dunkle abgestreifte Hülle einer andern zur bloßen Folie zur dienen.
Diese Betrachtungen führten Mander zu manchen ernsten Unterredungen mit
dem Pastor, in welchen, wenn Oswald nicht dabei gegenwärtig war, er
jenen allmälig einen offenen Blick in sein in religiöser Hinsicht
unbefriedigtes Herz thun ließ.
»Wie oft,« sagte Mander, »habe ich mich auf ein neu angekündigtes System
der Weltweisheit, wie ein Kind auf die Weihnachtsgabe, gefreut, und wenn
ich durch die schwere Sprache mich zum Verständnis durchgearbeitet, fand
ich nur neue Fragen ohne Antwort, neue Rätsel ohne Auflösung; wohl tiefe
Blicke ins Herz, aber keine Nahrung für das Herz; wohl geistreiche
Untersuchungen, aber keinen lohnenden Fund. Die Philosophen kamen mir
vor wie Schatzgräber, die nach einem Schatz graben, dessen hohler Klang
sie zu immer neuen Anstrengungen reizt, während neckische Geister ihn
immer tiefer vor ihnen versenken.«
»Lassen Sie uns,« erwiderte Hold, »bei einem scheinbaren Nebenumstande
stehen bleiben, bei der schweren Sprache der Philosophen. Im Worte liegt
eine wunderbare Macht. Indem der Mensch einem Dinge einen Namen gibt,
macht er sich dadurch gleichsam zum Herrscher desselben. Es ist nun kein
unbestimmtes Etwas mehr, das seine Gedanken verwirrt und sich denselben
jeden Augenblick frei entziehen kann; nein, es ist gebunden unter dem
Gehorsam seines geistigen Anschauens und muß ihm Rede stehen, sobald er
es bei seinem Namen ruft. Es liegt ein tiefer Sinn darin, wenn nach der
biblischen Schöpfungsgeschichte Gott dem Menschen die Tiere vorführt und
ihn sie nennen läßt. Damit war diesem eine feste Herrschaft über sie
gegeben, weil nun mit dem Worte sogleich ihre Gestalt, ihre
Eigenschaften, ihre Triebe in einem Gesammteindrucke vor die Seele
traten, und er nun ihre Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, ihre
Nützlichkeit oder Schädlichkeit mit einem Blicke übersehen konnte. So
sind wir auch dann erst einer Vorstellung wirklich mächtig geworden,
wenn wir für sie das entsprechende Wort gefunden. Unser Denken ist
Sprechen, sei es nun allein ein Sprechen in uns, oder auch zugleich für
unser Ohr. Um nun Gottes mächtig zu werden, wie die Philosophie es will,
welche die göttlichen Dinge in den Bereich des menschlichen Wissens
herunterzieht, müßten wir auch eine Sprache haben, die Seiner mächtig
wäre. Fehlt aber diese Sprache uns, und ich meine die hohle,
geschraubte, die gleich einem lebendig Begrabenen unter dem
Leichensteine sich windende Sprache der bisherigen Philosophie gibt uns
sattsam Kunde, daß sie uns fehle, so dürfen wir auch von dieser
Philosophie keine Aufschlüsse über die göttlichen Dinge erwarten.« --
»Und dürfen gar keine erwarten!« seufzte Mander; »denn jeder Aufschluß
muß uns doch durch eine Sprache zukommen?«
»Mit keiner Menschensprache,« entgegnete Hold, »wohl aber mit der
Gottessprache, mit dem Glauben.«
Mander schüttelte schweigend den Kopf.
»Halten Sie es für so wunderbar,« fuhr Hold fort, »daß Gott, der
Unsichtbare und Unendliche, einen andern Weg nimmt, sich uns zu
offenbaren, als auf welchem die sichtbaren und endlichen Dinge zu
unserer Vorstellung kommen? Diese können wir besprechen, dies Wort
zugleich im Sinne des Schlangenbeschwörers genommen, wir können sie
ergreifen, umfassen, uns ihrer bemächtigen mit dem Vermögen des Geistes,
das seinen Ausgang und die Spitze seiner Kraft im Worte hat. Sollte dies
Vermögen, dessen Entwickelung und Vollendung von der Sprache bedingt
wird, auch darum hinreichen, Gott eine Stätte in unserm Staube zu
bereiten, daß wir ihn betrachten, haben und halten, als einen mit der
Meßrute unserer Vorstellungen zu messenden, in den Banden unserer
Begriffe zu fesselnden, als einen zu besprechenden Gegenstand? Dürfen
wir nicht vielmehr schon im Voraus erwarten, daß wenn Er von uns erkannt
sein und unser werden will, Er auf einem andern Wege erkannt und unser
wird? Der Glaube ist nun die Art und Weise, wie Gott zu uns kommt und
wir zu Ihm kommen; er ist die Sprache, in der sich Himmel und Erde
allein verstehen, und wir heben dies Verständnis zwischen Beiden auf,
und verlernen, uns selbst und Andern verständlich zu reden, wenn wir in
der Sprache, mit welcher wir uns das Irdische gleichsam zur Anschauung
bringen, ein Mittel zur Anschauung Gottes zu haben glauben.«
»Reden Sie aber auch nicht als Prediger von Seinem Wesen, Seinen
Eigenschaften, Seinem Walten?«
»Wie ich vom Geiste rede,« sagte Hold; »nur immer in Rücksicht auf
körperliche Dinge; von seiner Unsichtbarkeit, Unteilbarkeit und in
Rücksicht auf sein Hervortreten im Glauben. Nie kann es mir einfallen,
ihn davon gesondert, als einen nackten Begriff in das Wissen meiner
Zuhörer einführen zu wollen. So auch mit Gott. Die Predigt nennt Ihn
Schöpfer, Erhalter und Regierer; sie weiset Ihn nach in allen Seinen
Zeugnissen, in der Natur, in den Fügungen des Erdengeschicks, im
Glauben, im Gewissen der Menschen, in der Offenbarung; aber auf diese
Weise ebnet sie Ihm nur die Wege zum Menschenherzen, will nicht selbst
dieser Weg sein; ja wäre nicht Gott schon vor ihr die Straße gewandelt,
dann würde ihr Ebnen und Bahnen Ihn nicht des Weges führen. Darin, meine
ich, versieht es nun eben die Philosophie. Sie stellt sich hin als Weg
zu Gott; sie greift dem heiligen Geist ins Amt und verwaltet es gar
schlecht, weil sie Sein Werkzeug, den Glauben, entweder gar nicht, oder
nur als Notbehelf benutzt, nicht als alleinige Himmelsleiter, nicht als
das alleinige Bindemittel zwischen dem, was droben ist, und dem, was
unten ist.«
»Spricht aber der Glaube klar und deutlich genug in Aller Herzen?«
entgegnete Mander. »Muß nicht die Philosophie das Heer der Irrtümer
bekämpfen, das sich in die Vorstellungen von Gott hineindrängt? Muß sie
nicht fortwährend an einem Damm gegen den Aberglauben bauen, der gleich
einem drängenden Meer immer von Neuem die Menschheit zu überfluten
droht? Hat sie darum nicht immer die Anstrengungen der edelsten Männer
beseelt?«
»Lassen Sie mich,« war Hold's Erwiderung, »auf das Letzte zuerst
antworten. War in der Rede der Propheten: »Der Herr spricht!« war in dem
Worte Jesu Christi: »Meine Rede ist nicht mein, sondern Deß, der mich
gesandt hat!« Philosophie? Ja, ist selbst nur des Sokrates Dämon, oder
ist in Platon's Mythen Philosophie? Ist nicht vielmehr in diesem Allen
der Rede von Gott das Sprechen Gottes als vorausgegangen angegeben?
Liegt darin nicht die Weisung für unsere Philosophen, daß
Verstandeserzeugnisse keine Offenbarungen von den Tiefen der Gottheit
geben, die Niemand erforscht, denn der Geist Gottes, und wem Er es
offenbaren will? Was Sie aber von der Philosophie als Damm gegen den
Aberglauben sagen, so hat ja Der, welcher in die Welt kam, das Licht der
Welt zu sein, und dessen Lehre, Sie mögen von seiner Person denken, was
Sie wollen, der mächtigste Damm wider den Aberglauben gewesen ist,
mächtiger, kräftiger wehrend, als alle Schulsysteme zusammen, weder in
Hörsälen gelernt und gelehrt, noch die dunkle und verschrobene Sprache
der Hörsäle geredet. Er hat ja immer bezeugt, daß Er nicht aus sich
selber rede, sondern nur verkünde, was Gott ihm gegeben zu verkünden.
Was aber die Irrtümer betrifft, welche die Philosophie bekämpft, so
müssen Sie gestehen, daß sie, wie die sich einander bekämpfenden
Philosopheme schon zeigen, in ihrem Kampfe gegen diese Irrtümer selbst
die Wahrheit noch nicht gefunden hat, und oft Irrtümer hervorruft, die
noch schädlicher sein würden, als die bestrittenen, wenn das Gift nicht
eben in der schweren Zunge der geistigen Giftmischer sein Gegengift
fände. Wenigstens haben Sie selbst schon gestanden, daß die Philosophie
Ihnen den Frieden zu geben nicht fähig sei und also für Sie ihren Zweck
verfehle.«
»Das eben ist es, was mich so sehr verstimmt,« sagte Mander. »Ich kann
nicht hinleben und mich wie ein Maulwurf in die Erde hineingraben. Ich
werde von einer ruhelosen Gewalt aus diesem kleinlichen Zeittreiben, aus
diesem eklen Sinnengenuß, aus dieser niedern Weltsorge herausgetrieben
und muß immer wieder fragen und seufzen: was ist Wahrheit? und immer
wieder ausschauen und mich sehnen nach dem Licht, das wie ein Irrlicht
mich auf falsche Wege führt, nach dem Frieden, der mich lockt und mich
flieht.«
»Ei, so wirf denn einmal weg, was Du weißt und nicht weißt!« rief Hold
eifrig. »Hinweg mit dem alten Gewande all' Deines Forschens und
Grübelns! Gieb einmal wieder hin dem Vater im Himmel ein kindlich
offenes Herz, das Nichts will, als empfangen. Tauch einmal wieder empor
mit freiem Geist aus den Abgründen, in die Du Dich versenkst, und schäme
Dich des Flehens und der Thränen nicht, und wahrlich! auch Du wirst es
erfahren, daß die Sterne Augen und Thränen haben für solch ein
suchendes, sehnendes Menschenherz, daß noch immerdar Tau vom Hermon
fällt auf die Berge Zions! -- Glauben Sie mir, Mander, wir sollen nur
fernhalten, was hindert und wehret, sollen nur nicht das Glas über die
Blume setzen und meinen, daß ihre Ausdünstung sich wieder zum
erquickenden Tau für sie bilde. Nein, wir sollen die Blume hinstellen
unter Gottes freien Himmel, und die Erquickung wird ihr nicht fehlen.«
Mander fühlte sich von der begeisterten Rede des Pastors getroffen, in
seinem Auge zitterte eine Thräne, und die Rührung der Pastorin, die
ihrem Gatten die Hand drückte und sich nach einem Blick der vollsten
Liebe an dessen Brust neigte, erhöhte noch seine Gefühle. Er konnte
nicht gleich antworten, und nur als die Pastorin, wie zwischen den
beiden Männern vermittelnd, sagte:
»Es möchte dem Manne nicht immer so leicht sein, als es dem weicheren
Frauengeschlecht ist, sich und sein Wissen zu vergessen und die
Selbstthätigkeit des Geistes in die Empfänglichkeit des Herzens aufgehen
zu lassen,« erwiderte er:
»Nein, glauben Sie mir, nie sind meinem Leben solche Stunden ganz fremd
geworden, in denen alle Zweifel und Fragen überwältigt wurden vom
religiösen Gefühl, und ich habe nie aufgehört, sie als Feierstunden
meines Lebens zu lieben und zurück zu wünschen. Doch, daß sie eben nur
Feierstunden in den langen Werktagen, nur Strahlen in die Nacht hinein,
nicht die Morgenröte einer schönen Zukunft waren, das ist es, was mich
betrübt, ja, mich mißtrauisch gegen sie macht. Wie denn auch diese
dunkeln, unbestimmten Gefühle, die wir nicht leiten und ordnen können,
die uns vielmehr wie eine fremde Macht fortreißen, uns unmöglich ein
auch für ruhigere Betrachtung befriedigendes Gottesbewußtsein geben
können.«
Hold's Antwort hierauf war:
»Warum nennen Sie auch Das, was in solchen Feierstunden Sie bewegt,
Gefühl? Ich würde es viel lieber eine Pfingstpredigt nennen, die der
Herr Himmels und der Erden in seinem Erbarmen über Ihren schwachen
Glauben Ihnen hält. Das Wort Gefühl läßt uns schon von vornherein an
Dunkelheit, Unbestimmtheit, Unverläßlichkeit denken; wir deuten es als
etwas uns Eigenes, ja Sinnliches. Doch erinnern Sie sich dessen, was ich
vorhin sagte von der Sprache, in der Gott seinen Kindern im Staube
offenbar wird. Nehmen Sie jene religiöse Erregung, jene andächtige Feier
in Ihrem Innern, als diese Sprache Gottes, wie Sie selbst ihren Eindruck
mit einer fremden Macht vergleichen, und Sie werden ihr mehr Vertrauen
schenken. Wenn die Brust aufwallt, wie von einem neuen, frischen
Lebensodem gehoben, wenn ein Beben durch die Gebeine geht, als spürten
auch sie die Geisternähe mit empfänglichem Sinn, wenn die Thräne in's
Auge heraufquillt aus dem innersten Herzen, wenn die Seele von einer
Fülle überströmt wird, in der sie sich so reich und so selig fühlt, wenn
der Geist frei und rein aufatmet, als sei er aller Schranken und
Schlacken bar, warum wollen wir es in solchen Augenblicken leugnen und
nicht bekennen: Der Herr spricht! Wie soll denn der ewige Geist sich dem
endlichen Geiste anders ankündigen, als durch ein solches
Insichaufnehmen, das mit einer Ueberwältigung der Staubeshülle verbunden
sein muß und daher ganz andere Empfindung erzeugt, als dieser sonst
eigen sind. Der zweideutige Ausdruck: religiöses Gefühl, nimmt solchem
Nahen und Walten des heiligen Geistes den Wert für uns und den Einfluß
auf uns zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung.«
»Könnte nicht jene Aufregung und Erhebung der Andacht auch Täuschung
sein, eine Folge unserer aus der Kindheit herübergenommenen, vielleicht
falschen Vorstellungen von Gott.«
»Ist es Menschenwerk,« antwortete Hold, »unser Selbstwerk, das uns
treibt in solchen Stunden, woher denn die über alle unsere sonstigen
Sinne und Gefühle weit hinausgehende Erhebung? Nur uns Aehnliches können
wir erzeugen, nur steigern, was wir haben, nur einen Schritt weiter uns
fortbewegen auf unserm Geleise; nicht die Tiefe überspringen, nicht das
Neue schaffen. Ich frage aber Sie, ich frage Jeden, dem einmal solche
Andachtsfeier aufging, ob er nicht ein ganz Anderer war denn zuvor? ob
der alte Mensch nicht zurücksank wie ein Gewand, und ein Neues in ihm
geboren wurde, wodurch er selbst eine neue Creatur ward voll Licht und
Leben, so lange, bis die vorige Finsternis wieder über ihn kam, und er
sich wieder erkannte in dem alten Gewande? Wer kann aber solch Neues
schaffen, als der alleinige Schöpfer?«
»Dieses Alles zugegeben,« sagte Mander: »so ist damit noch keine Frage
beantwortet. Auch bei mangelhaften religiösen Vorstellungen mögen solche
Momente der Weihe nicht fehlen. Sie sind vielleicht eine Offenbarung der
Gottheit; aber eine Offenbarung, wodurch für das Wissen von Gott Nichts
gewonnen ist.«
»Es ist wenigstens Freude, Friede, Seligkeit für Augenblicke gewonnen,
und die Gewißheit, daß Gott Wege hat zum Menschenherzen, die nicht wie
unsere Wege zu Ihm voll von Steinen des Anstoßes sind. Es ist das
Vertrauen gewonnen, daß Er Sein Kind im Staube nicht lassen wird in
Irrtum und Verblendung, sondern aus Seiner Fülle geben wird, was
demselben zu wissen not ist, um der rechten Empfänglichkeit für Seinen
heiligen Geist nicht zu ermangeln, um aus jenen Weihestunden die rechte
Frucht mit in's Leben hineinzunehmen. Ja, Seine freie Gabe soll es sein,
was wir von Ihm wissen, nicht das zweifelhafte, schwankende, trügliche
Ergebnis unserer Forschungen.«
»Ist aber nicht auch die Vernunft Gottes Gabe?« bemerkte Mander. »Und
wenn wir sie als das Mittel unserer Erkenntnisse von Gott annehmen, so
leiten wir damit ja all' unser Wissen in den göttlichen Dingen, wenn
auch nicht unmittelbar, doch am Ende nur aus einer und derselben Quelle
mit den Offenbarungsgläubigen ab.«
»Dem Licht des Tages,« entgegnete Hold, »dankt unser Auge das Vermögen
zu sehen; will es aber in die Sonne schauen, dann sinkt es geblendet
zurück. Es war vorzüglich unserer Zeit vorbehalten, eine Offenbarung
Gottes an die Menschen außerhalb der Grenzen der Vernunft zu leugnen.
Wir treffen das: Der Herr spricht! sonst in allen Religionen der Erde.
Wollen Sie mir dagegen bemerken, das komme daher, weil die ungebildete
Vernunft über ihren selbstgemachten Gewinn erstaunt und sich nicht
selbst die Ehre zuzuschreiben wagt, oder weil die einzelnen Weisen
meinten, eine göttliche Autorität erlügen zu müssen, um Leiter des
blinden Volkes zu werden, so kann ich ebenso wahrscheinlich sagen: es
kommt daher, weil man eben wußte, eine göttliche Offenbarung empfangen
zu haben. -- Doch warum reden wir denn über diese Dinge? Ist es nicht,
weil Sie die Höhen und Tiefen, die Länge, Weite und Breite des Gebiets
der Vernunft durchwandert haben und nun kommen und fragen: was ist
Wahrheit?«
»Wandeln aber nicht so Viele in Frieden ihren Weg und halten sich an die
Vernunftreligion?«
»Nennen Sie diese unbestimmten Ideen von Gott, Freiheit des Willens und
Unsterblichkeit Vernunftreligion, so vergessen Sie nicht, daß es eben
noch ausgemacht werden soll, ob diese Ideen denn Gaben der Vernunft
sind, und nicht vielmehr ein Raub an der Offenbarung begangen. Und woher
denn der Friede dieser Vielen? Eben weil sie gar keine weitere Nahrung
suchen über diese zufällig aufgerafften Brosamen hinaus, oder weil sie
ihre Vernunft, die nach hellerem Lichte aus dem Halbdunkel hinausstrebt,
ängstlich in Zügel halten, als wäre sie ein scheues Roß, das mit seinem
Vorwärtsrennen den Reiter in einen Abgrund stürzen könnte. Wie oft hört
man das Wort: >Darüber muß man nicht weiter nachdenken, sonst könnte man
den Verstand verlieren.< O, du gerechter Himmel! Ueber das Band, das
mich halten soll in der Gemeinschaft mit dem Ewigen, über das Licht, das
mein Leben auf Erden verklären soll zu einem Wandel der Kinder Gottes,
über den Pfad, der mir die Brücke bauen soll über der Zeit
Vergänglichkeit und des Todes Verwesung hinweg zum ewigen, seligen
Leben: darüber sollte ich mich scheuen, weiter zu denken? in diesen
Dingen klar zu schauen mich fürchten? vor tieferem Aufschluß mich
ängstlich zurückziehen? Wo es sich um die Anbetung Gottes im Geist und
in der Wahrheit handelt, wo mein eigentliches Sein, meine Zuversicht im
Leben und im Sterben, mein Heil in Zeit und Ewigkeit in Frage steht: da
sollte ich mir das Schicksal der Mücken zur Warnung dienen lassen, die
ihre Flügel an den Flammen versengen?«
»Aber ist dies nicht oft das Schicksal Derer geworden, die weiter
forschten?« meinte Mander. »Wenn sie es auch nicht selbst empfunden
haben in der Leidenschaft für ihre glänzenden Systeme, so spricht es
sich doch aus in dem schnellen Wechsel derselben, in den Widersprüchen,
die darin offenbar werden, in dem geringen Einfluß ihrer Weisheit, die
kaum in wenigen Jüngern fortlebt und sich in denen schon anders
gestaltet, als sie aus dem Haupte des Meisters, eine scheinbar so wol
gerüstete Minerva, hervorging.«
»Was bedürfen wir weiter Zeugnis?« erwiderte Hold. »Sind wir nicht zu
der Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung gekommen?«
Vielleicht hätte das Gespräch noch bis tief in die Nacht hinein
gedauert, wenn nicht Oswald gekommen wäre, um seinen Vater abzuholen, da
es schon sehr spät geworden war. Die Pastorin gestand, daß sie sich
freue, die Fortsetzung einer solchen Unterhaltung verschoben zu sehen,
da sie nicht lassen könne, zuzuhorchen und doch merke, wie solche
Untersuchungen erkältend auf ihr Herz wirkten.
Oswald sagte lachend: »Gewiß läßt mein Vater sich noch von Ihnen
bekehren, Herr Pastor. Aber ehe ich vor Bileams Esel meine Kniee beuge,
müßte mein Haar so grau werden, wie die Haut des Esels vermutlich war.«
Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und hätte ihm mit hartem
Wort seinen unziemlichen Spott verwiesen, wenn nicht Hold rasch das Wort
genommen:
»Halten Sie Ihrem Sohn ein wenig Derbheit zu Gute. Er giebt nur auf
seine Art wieder, was er in meiner Art davon bei unserer letzten
Unterredung hat erfahren müssen. Uebrigens möchte ich,« fuhr er, zu dem
über diese Anspielung lächelnden, aber doch errötenden Oswald gewendet,
fort, »daß Ihr Haar recht bald so grau würde, wie Sie es haben wollen,
um Ihr Knie zu beugen, wenn auch nicht vor Bileams Esel, doch vor Dem,
den ein gleiches Tier trug, als Er einzog in Jerusalem, keinen
gezwungenen, sondern einen freiwilligen Segen zu bringen, nicht einem
Volke, sondern allem Volke.«
»Verzeihen Sie, Herr Pastor,« erwiderte Oswald, »wenn ich mich zu hart
ausdrückte. Aber es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie vernünftige
Menschen keinen Anstoß an solchen Erzählungen im sogenannten Worte
Gottes finden.«
Hold antwortete: »Halten Sie den Spruch: >Du sollst lieben den Herrn,
Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte;<
oder den andern: >Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was
keusch, was lieblich, was wollautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein
Lob: dem denket nach,< für gute und reine Lehre?«
»Ja, gewiß.«
»Nun, dann thun Sie, was diese Sprüche sagen. -- Wie würden Sie einen
Menschen nennen, der an einer mit köstlichen Speisen reichbesetzten
Tafel deswegen vorüberginge, weil er ein Gericht bemerkt, an dem er
keinen Geschmack finden kann?«
»Ich werde mich wol hüten,« lachte Oswald, diesen Menschen einen Narren
zu heißen; sonst schickten Sie mich mit der Extrapost meines eigenen
Wortes in's Tollhaus. Aber Sie werden doch auch zugeben, daß Ihre
verfängliche Frage eben nur ein Ausweichen und kein Antworten ist.«
»Lassen Sie mich bei dem Bilde bleiben,« entgegnete Hold. »Der Gast, der
sich an die für ihn bereitete Tafel setzt und seinen Hunger und Durst an
den Speisen, die er loben muß, stillet, der mag wol fragen, was es mit
der einen Speise bedeute, die ihm geschmacklos vorkommt. Wer aber um
ihretwillen alle andern auch verschmäht, der hat kein Recht zur Frage.«
»Abgeführt!« rief Oswald, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte
sich mit seinem Vater.