Aus der Furche Nacht und Tau
Hebt die Lerche kühn die Schwingen,
Von der lichten Morgenau
Her den jungen Tag zu bringen.
So aus schweren Erdenleid der Glaube,
Daß dem Himmel er den Himmel raube.
Für Godber waren jene Phantasien, die ihn zuletzt ohnmächtig am Grabe
niederwarfen, der Anfang des in jenen Gegenden gewöhnlichen Fiebers, das
zwei Tage den Kranken mit Heftigkeit ergreifend, ihm den dritten Tag
Ruhe gönnt, sich auf den nächsten Fiebertag zu bereiten. Idalia zeigte
jetzt die ganze Heftigkeit ihres Charakters. Sie warf sich an Godber's
Lager nieder. Sie bedeckte seine kalten Lippen mit ihren glühenden
Küssen. Sie rief Himmel und Erde zu Zeugen an, daß sie ohne ihn nicht
leben könne, und machte sich die lautesten Vorwürfe über ihr
teilnahmloses Betragen gegen ihn. Mander sah mit Erstaunen, welche
Gewalt die Liebe über seine Tochter ausübte. Ihm war wol ihre Neigung
für den Retter ihres Lebens nicht verborgen geblieben; doch meinte er,
wenn erst die Zeit die Dankbarkeit schwäche, werde auch die Entfernung
die flüchtige Aufregung eines aus ihr hervorgegangenen Gefühls vergessen
machen. Er hatte den Jüngling, der ihm wert sein mußte, bedauert, wenn
er wahrnahm, wie dieser von Idalia's Reizen gefesselt wurde. Aber
gewohnt, seinen Kindern mehr teilnehmender Begleiter auf ihrer
Lebensbahn, als ein väterlicher Erzieher zu sein, hatte er sich
gescheut, die in dieser augenblicklichen Zuneigung so Glücklichen durch
klare Aufdeckung des wahren Verhältnisses zu stören. Jetzt freute er
sich über die Zurückhaltung; denn war Idalia's Liebe so tief und innig,
wie sie sich nun ihm zeigte, so wollte er ihrer Wahl kein Hindernis
entgegenstellen. Fehlte es ihm doch nicht an Mitteln, Godber zum Herrn
eines schönen Schiffes zu machen, und durfte er doch hoffen, bei der
erprobten Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit des jungen Mannes, wie
bei dem guten Herzen und festen Charakter desselben, in ihm einen
würdigen Schwiegersohn zu sehen, in dessen Hand Idalia's Glück fest
begründet sein würde. Bei dieser Betrachtung bedurfte es nicht erst der
flehenden Bitten seiner Tochter, ihn anzutreiben, für ärztliche Hilfe zu
sorgen. Oswald fuhr deshalb nach Husum hinüber und kam am folgenden Tag
mit dem Arzte zurück, den Idalia in der ängstlichsten Spannung erwartet
hatte. Dieser konnte, unbekannt mit dem Seelenzustande des Jünglings,
nur ein gewöhnliches Fieber in dessen Krankheit sehen und sagte, daß
jetzt allein Diät und Pflege, nach einigen Tagen erst Medicamente
nützlich werden könnten.
Idalia mußte sich mit diesem Ausspruche zufrieden geben, so schwer es
ihr wurde. Sie hatte fast die ganze erste Nacht an Godber's Bette
gewacht und konnte nur mit Mühe bewogen werden, selbst Ruhe zu suchen,
als endlich der Kranke nach den heftigsten Phantasien, in welchen sich
die Gefühle, die seine Brust bewegten, in den wunderlichsten Bildern
durch einander wirrten, eingeschlummert war. Godber's Jugendkraft schien
die Krankheit durch einen langen Schlaf überwinden zu wollen. Als er
erwachte, war der Frost des wiederkehrenden Fiebers schon vorüber und
die Hitze begann aufzusteigen, die alten Phantasien mit sich führend.
Idalia saß bereits wieder an seinem Lager. Er blickte starr auf sie hin,
ohne eine Antwort auf ihre Frage nach seinem Befinden. Es schien, als
strenge er sich an, seine Gedanken zu ordnen, und als wäre die vor ihm
sitzende Jungfrau eine ganz fremde Gestalt, die er nicht in den Kreis
seiner Vorstellungen hinein zu bringen vermöchte. Plötzlich zuckte er
zusammen; seine Züge verzerrten sich, wie getroffen von dem Anblick
einer gräßlichen Todesgefahr, und mit dem Ausruf: »dreifach
Meineidiger!« barg er sich stöhnend in die Kissen.
Idalia konnte nur zum Teil erraten, was den Jüngling so tief erschüttert
hatte; auch war sie oft geneigt, Alles für Phantasiespiele des Fiebers
zu halten, die keinen Grund in seinen wirklichen Gefühlen hätten; doch
freute sie sich innig, als in den nächsten Tagen diese Phantasien mit
den Fieberanfällen wiederkehrten und Godber's volle Zärtlichkeit für sie
sich auf das deutlichste aussprach, weicher, hingebender als je zuvor.
Seine körperliche Schwäche milderte den Kampf in seinem Innern. Idalia's
treue Pflege rührte ihn tiefer, mit seinem Wesen übereinstimmender als
alle früheren Zeugnisse ihrer Liebe, wenn diese ihn auch
leidenschaftlicher entzückt hatten. Er gab sich gleichsam seinem Loose
hin, ohne weiter durch die Erinnerung an das Vorhergegangene zu
widerstreben. Nur an ihr haftete sein matter Blick; nur wenn sie neben
ihm saß, war er zufrieden; nur ihr Lächeln erheiterte auch sein bleiches
Gesicht. Wie ein Kind der Mutter folgte sein Auge allen ihren
Bewegungen; und mehr stumm, als wortreich, malte sich doch gerade in
seinem Schweigen die tiefste, vollste Liebe. Gleich wie die Abendröte
nach einem stürmischen Tage der wieder Lebensodem schöpfenden Natur die
lieblichste Färbung leiht, so war über Godber's Wesen nun eine ganz
eigene Milde, Zartheit und Hingebung verbreitet. Diese Wendung seiner
früher mehr heftig bewegten Gefühle ging zum Teil aus wirklich jetzt
innigerer Liebe zu Idalia, zum Teil aber auch aus der ihm freilich nicht
klar bewußten Notwendigkeit hervor, sein Dasein nun ganz mit dem ihren
zu verweben, um den Frieden seines Lebens wieder zu gewinnen.
Auf Idalia's Herz blieb diese Innigkeit Godber's nicht ohne bedeutenden
Einfluß; es hatte der wahren Liebe nie so nahe gestanden, als jetzt.
Diese ungewohnte, nie geahnte und ihrem Charakter fremde Weichheit, die
völlige Verschmelzung aller Gedanken und Gefühle mit dem geliebten Wesen
zog sie unwiderstehlich an, und sie fühlte in einzelnen Stunden
Aehnliches. In einer solchen Stunde sang sie unter Begleitung der Laute,
die sie mit hoher Kunstfertigkeit spielte, und deren Erhaltung im
Schiffbruch sie der Sorgfalt verdankte, mit welcher sie dieselbe, als
ein Mittel, mit ihrem Talent zu prunken, nach jedem Gebrauch wieder
verschloß, das folgende Lied, welches sie auf Godber's Bitte ihm nun
täglich wenigstens einmal vorsingen mußte:
Was ich einst gewesen,
Weiß ich's denn noch mehr?
Kann ich Kunde geben,
Wie ich anders _wär_?
War mir Lebenswiege
Nicht Dein erster Gruß?
Wie mir Todessiegel
Wär' Dein letzter Kuß.
Kann die Blume scheiden
Sich von Licht und Tau?
Kann die Welle steigen
Auf in's ferne Blau?
Giebt's für Dein Gebilde
Eine andre Welt,
Wo Dein Schöpferwille
Es nicht trägt und hält?
So nur _Deine_ Gabe
Geb' ich Dir zurück,
Wenn ich liebend atme
Nur in Deinem Glück.
Godber sah in diesen und ähnlichen Ausdrücken die vollsten Beweise der
hingebendsten Liebe, und sie dienten dazu, ihn in dem Bestreben zu
bestärken, sein Verhältnis zu Maria mit dem Schleier völliger
Vergessenheit zu bedecken; wie sie zugleich ihm die unbegrenzte
Erwiderung solcher Liebe gleichsam als eine Pflicht auflegten, an deren
Erfüllung doch auch sein Herz den größten Anteil hatte.
So gingen beinahe vierzehn Tage hin, und bis auf die nach einer solchen
körperlichen und geistigen Aufregung sehr natürliche Mattigkeit war
Godber's Krankheit fast ganz vorüber, und durch sie der Bund der
Liebenden fester als je geknüpft. Zugleich gab die Weise, wie Mander
jetzt über diesen Bund sprach, der Neigung, die bisher dem freundlichen
Traum der Gegenwart als einer flüchtigen Gunst des Geschicks ohne
weitere Erwägung sich hingegeben, die bestimmte Richtung auf die
Zukunft, gab ihr den bräutlichen Charakter in seiner Entschiedenheit des
Bewußtseins.
Idalia betrachtete, obwol sie es sich gestehen mußte, daß auch in ihrer
Brust durch die Liebe zu Godber manche neue Saite angeschlagen sei, doch
diesen gegen die Worte ihres Liedes als _ihr_ Gebilde. Hatte sie ihn
nicht aus einer Beschränkung des Daseins erhoben, in der er sich früher
wolgefallen? Hatte sie ihm nicht eine neue Welt geöffnet, an deren
Pforte kaum sein kühnster Traum ihn ohne sie geführt hätte? Mußte er
nicht in ihr das Gestirn erkennen, das ihm in eine schönere,
genußreichere Zukunft hineinleuchtete, als wozu ihm seine Geburt und
sein bisheriges Leben bestimmt zu haben schien? Daß sie dies klar denken
und darnach, seltene Momente der Vergessenheit ausgenommen, ihre ganze
Stellung gegen den Jüngling beurteilen und ihr Benehmen regeln konnte,
zeigt, wie wenig ihre Brust der echten, weiblichen Liebe zugänglich war.
Vielleicht mochte ein Vorfall am neunten Tage der Krankheit Godber's
noch mehr dazu beitragen, Idalia zu einer scharfen, übersichtlichen
Würdigung ihrer Verhältnisse zurückzuführen.
Es war ein heiterer Nachmittag. Die milde Herbstsonne blickte so
freundlich und warm in die kleine, aber in ihrer lebhaften Färbung und
zierlichen Ordnung recht gemütlich ansprechende Stube hinein. Während
verschiedene Geschäfte alle übrigen Bewohner vom Hause entfernt hielten,
saß Idalia allein an Godber's Lager und bewachte seinen ruhigen
Schlummer. Sein bleiches Gesicht, von dem alle Spuren des rauhen
Seelebens verschwunden waren, während die beginnende Genesung schon ihre
erste leise Röte auf die Wangen gehaucht hatte, erschien, halbbeleuchtet
von einem schrägen Sonnenstrahl, in einem Lichte, das die männlich
schöne Form desselben auf das Anmutigste hervorhob. Sie hatte ihn noch
nie so anziehend gefunden und konnte sich nicht enthalten, mit einem
leichten Kuß seine Lippen zu berühren. Erwachte er auch nicht davon, so
mußte er diese Berührung doch gefühlt haben, denn sie schien, wie das
stille Lächeln um seinen Mund bezeugte, sich mit einem angenehmen Traum
vermählt oder diesen erst hervorgerufen zu haben. Idalia lehnte sich auf
ihren Sitz zurück und ihre Augen mit behaglicher, verschwimmender Ruhe
auf den Schlafenden richtend, fiel sie selbst auch bald in jenen
Halbschlummer, der zwischen Wachen und Träumen die Mitte hält, und in
welchem wir liebliche Erscheinungen der Phantasie bald mit
halbgeöffneten, bald wieder mit geschlossenen Augen anlächeln; gleichwie
das Kind, welches der Mutter freundlich Antlitz über der Wiege weiß, oft
in seinen leisen Träumen durch die kaum gehobenen Wimpern den Blick
durchschimmern läßt zu der Mutter auf.
Befremdet, aber noch ungewiß, ob sie wache oder träume, erhob Idalia
sich aus diesem Schlummer, als sie eine dunkle Gestalt am Ende des
Bettes stehen sah, die mit unverwandtem Blick sie und Godber betrachtete
und bei Idalia's Aufschauen den Finger auf den Mund legte, mit einer
leisen Neigung gegen Godber, seinetwillen um Schweigen bittend. Es hätte
vielleicht dieser Weisung kaum bedurft, da die unerwartete Erscheinung
Maria's, denn diese war es, wie lähmend auf ihre Nebenbuhlerin wirkte;
wozu noch das von Nachtwachen und Seelenschmerz in eine Totenblässe
verwandelte Gesicht der Verlassenen nicht wenig beitrug, sowie die ganze
auf tiefe Trauer deutende Kleidung derselben. Besonders aber gab das
schwarze Tuch, welches um den Kopf geschlungen, Stirn und Kinn fast ganz
verhüllte, und die bleichen Wangen und den matten Glanz der Augen noch
mehr hervortreten ließ, dieser Erscheinung etwas Schauerliches. Maria
hatte den einfachen Goldreif, den Godber noch immer von ihr trug, mit
vorsichtiger Berührung von seinem Finger abgestreift und barg ihn in die
Falten ihres Busentuchs. Dann zog sie den Verlobungsring an ihrer Hand
langsam ab und neigte sich gegen Idalia hin, als wollte sie denselben
ihr geben. Dabei bewegten sich ihre Lippen in dem Versuch, einige Worte
zu lispeln; aber die Zunge versagte den Dienst, nur ein hörbarer Seufzer
drängte sich aus ihrer Brust, eine heiße Zähre fiel auf Idalia's Hand
und der Ring in deren Schooß. Maria aber wandte sich rasch, warf aber an
der Thür noch einen langen, schmerzlichen Blick auf Godber hin, sah dann
mit einem vertrauensvoll bittenden Lächeln Idalia an, als wolle sie ihr
damit Godber's Glück an's Herz legen und -- war verschwunden.
Idalia saß noch lange auf derselben Stelle, ehe eine klare Vorstellung
über das Geschehene sich aus ihren irren Gedanken und wechselnden
Gefühlen losrang. Daß sie das Herz eines liebenden Mädchens gebrochen,
war ihr nun zur vollen Gewißheit und ihr Mitleid im höchsten Grade rege
geworden. Zugleich fühlte sie sich unangenehm in der freien Leitung
ihres eigenen Herzens auf gewisse Weise dadurch beschränkt, daß es ihr
eine notwendige Pflicht geworden war, eine solche Liebe, wie Maria kund
gab, dem Jüngling zu ersetzen, welchen sie jener entzogen. Stimmte auch
diese Pflicht mit ihren Neigungen überein, so war sie doch nun eine
Fessel und darum für diese Neigung nach ihrem Charakter weniger zu einem
Sporn, als zu einem Rückhalt geeignet. Auch verbarg sie vor Godber den
empfangenen Ring und verschwieg ihm sorgfältig das Erscheinen Maria's an
seinem Lager. So brachte sie die Unbehaglichkeit einer Verheimlichung in
ihr Verhältnis zu ihm. Sie mochte heimlich fühlen, daß _ihre_ Liebe
nicht jeder Prüfung gewachsen sei; wie konnte sie das rechte, volle
Vertrauen zu _seiner_ Liebe haben?
Maria wäre wohl kaum je dahingekommen, auf die obenerzählte Weise Idalia
an sich zu erinnern, wenn nicht der Tod ihrer Mutter alle ihre Gefühle
noch höher aufgeregt, als sie es schon durch die Untreue des Verlobten
waren, und ihr eine Spannung gegeben hätte, die sie aus dem einfachen
Geleise ihres sonstigen Ganges hinaustrieb.
Der Arzt, der um Godber's willen die Hallig besuchte, hatte auf Hold's
Bitte auch nach der kranken Witwe gesehen, obwohl ihre Unpäßlichkeit für
wenig gefährlich gehalten wurde. Wie erschrack Hold, als der Arzt ihm
erklärte, daß hier alle Hülfe zu spät komme, und die Alte ihrer
Auflösung rasch entgegengehe. So sollte denn Maria ganz verwaist in
ihrem Schmerze dastehen? Ihr schwererkämpftes Vertrauen zu der
väterlichen Führung Gottes sollte durch einen neuen Schlag erschüttert
werden? Hold suchte sie auf den ihr drohenden Verlust so schonend als
möglich vorzubereiten. Sie nahm zu seiner Verwunderung die allmälige
Mitteilung des ärztlichen Ausspruches mit Gelassenheit auf. Konnte ihr,
nach dem Schmerze, den sie überwunden, noch Etwas zu schwer zu tragen
sein? Sie schien gleichsam dem Himmel trotzen zu wollen, sie noch härter
zu treffen. Nur als Hold sie darauf aufmerksam machte, wie wenig eine
solche Ergebung diesen Namen verdiene, wie sehr sie sich darin
versündige, den Schmerz nicht fühlen zu wollen, den ihr der himmlische
Vater auf's Neue bereite; als er mit scharfem Worte diese Gelassenheit
eine unchristliche, heidnische nannte, da brach sie in Thränen aus und
fragte wehmütig: »Was wollen Sie denn von mir?«
»Ich will,« antwortete Hold, »ein offenes Gemüt, wo der warme
Sonnenstrahl der göttlichen Barmherzigkeit, die sich auch im Leiden
offenbaret, eine fruchtbare Stätte findet; keine eisige, verschlossene
Brust, an welcher die Stürme vorüberwehen, ohne sie zu berühren. Ich
will kindlichen Gehorsam und nicht eigensinnigen Trotz. Ich will Leben
und nicht Tod. Der Herr soll Deine Thränen sehen und Deine Seufzer
hören, daß sich darin kund gebe Deine Demut und Dein Getroffensein von
Seinen Schlägen. In Seinen Himmel hinauf soll Dein Gebet und Flehen
dringen um Kraft und Stärke. Du sollst nicht schweigen vor Ihm, als
hättest Du schon, was du bedarfst. Du sollst lernen von dem Anfänger und
Vollender des Glaubens, dem es ein Geringes gewesen wäre, sich jenen
kalten, harten Gleichmut anzueignen, mit dem Du tragen und dulden
willst, der aber weinte und betete: »Vater ist's möglich, so gehe dieser
Kelch an mir vorüber!« Siehe Maria, es ist ein Geist über Dich gekommen,
der nicht der rechte ist, so sehr er sich auch rühmen mag seiner Geduld
und Stille. Laß uns, die wir einen Vater im Himmel haben, auch zu diesem
Vater kommen in der Traurigkeit, wie in der Freude. Wir wollen traulich
mit Ihm reden, mit der Kinder Offenheit und Herzlichkeit; wollen Ihn
fragen, und Er soll sich verantworten und uns offenbaren, warum Er das
gethan! Und gewiß, wir werden eine Antwort erhalten, wie der Heiland sie
erhielt, als er rief am Kreuze zum Himmel auf: »Gott, mein Gott! warum
hast Du mich verlassen?« und die Antwort hatte, als Er im Verscheiden
betete: »Vater in Deine Hände befehle ich meinen Geist!« Geh' in Dein
Kämmerlein und weine Dich aus vor dem Vater in der Höhe, daß Deine
Thränen nicht mehr wie brennende Tropfen auf eine dürre Stätte fallen,
sondern zum himmlischen Tau werden, der die Wunden Deines Herzens
kühlt.«
Maria's Thränen flossen stärker, und sie sagte endlich: »Ich verstehe es
nun an mir selber, was es heißt: Herr, ich glaube! hilf meinem
Unglauben!«
»Ja, so ist es,« erwiderte Hold. »Das Verständnis der Schrift geht uns
immer erst allmälig auf. Sie würde uns stets ein Buch mit sieben Siegeln
bleiben, wenn die Erfahrungen unseres Lebens nicht hinzukämen und uns
offenbarten die Offenbarungen Gottes in ihrer Fülle, als Worte der
Wahrheit und des Heils. Wir leben uns in die Schrift hinein, und dadurch
wird sie uns wieder zu Licht und Leben. Das bloße Hineinlesen läßt uns
vielfach in der Dunkelheit selbst da, wo wir meinen, klar zu sehen. So
klopfe auch Du nur mit Deinen Erfahrungen, und mit Allem, was Dir noch
bevorstehen mag, an diese heilige Pforte an und sie wird Dir aufgethan
werden. Ein reicher Schatz des Trostes wird Dir offen liegen, und eine
Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters wird Dein werden, die da
traurig ist und doch fröhlich, die da zaget und doch überwindet, die da
schmerzlich fühlt, was genommen, und doch selig ruhet in Gott, der es
genommen.«
Maria's Mutter starb, wie sie gelebt, still und fromm. Sie empfing das
heilige Mahl, nicht zu einem bis auf die Todesstunde vorbehaltenen
Ruhekissen des wunden Gewissens, sondern als letzte Versiegelung eines
Glaubens, in welchem sie treu beharret bis ans Ende. Ihr Alter machte
sie unfähig, die Tiefe der Wunde zu beurtheilen, an welcher ihre Tochter
blutete. Weil am Rande des Grabes ihre Gedanken abgelenkt waren von den
irdischen Dingen, und die Eitelkeit unserer zeitlichen Wünsche und
Hoffnungen in solcher Nähe der ewigen Heimat ihr klarer vorstand,
vermochte sie sich nicht mehr in die Gefühle eines jugendlichen Herzens
hineinzuversetzen, das seine Ansprüche auf das Glück dieser Welt nicht
so leicht aufgiebt. Daher fürchtete sie auch nichts für ihre Tochter, um
so mehr, da sie in dem religiösen Sinn derselben eine sichere Gewähr
sah, daß ihr der Trost aus der Höhe nicht fehlen werde, Alles zu
überwinden. Ihr letztes Wort an Maria war die Ermahnung: »Bleibe fromm
und halte Dich recht, denn solchen wird es zuletzt wohlgehen!« und sie
verschied mit dem Ausruf: »Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!«
So endete eine Frau, die manches Herbe in ihrem Leben erfahren, aber
ihren festen Glauben und innern Frieden nie verloren. Sie schied aus
einer Welt, in der sie nur gar Wenige gekannt hatten, und in der sie
fast allein von ihrer Tochter vermißt wurde; und doch möchte Mancher,
dessen Leben Millionen bewunderten und dessen Nachruhm Millionen feiern,
diese an Geist und Gut arme und in ihrem kleinen Kreise bald vergessene
Witwe um ihren Platz am Throne Gottes beneiden. Wen sein Beruf oft an
Sterbelager führte, und wem da Gelegenheit ward, ein einfach
christliches Gemüt in der Abschiedsstunde von einem ebenso einfach
stillen Leben zu beobachten, dem ist jeder Prunk irdischer Größe
widerlich, selbst da, wo er wahres Verdienst zur Folie hat, und wo dies
Verdienst fehlt, kostet es ihm Mühe, sein Mitleid nicht in Verachtung
übergehen zu lassen.