X.

Es reift in stiller Hütte

In einfach frommer Sitte

Das wunderreiche Herz,

Dem Segen jede Wunde,

Dem Licht die trübste Stunde,

Dem Tau der größte Schmerz.

Maria's Benehmen in diesen Tagen war ganz der Spiegel ihres

gottergebenen Herzens. Sie erfüllte die häuslichen Pflichten, die ihr

oblagen, mit demselben Eifer und derselben Ausdauer wie früher. Wer sie

nicht, belebt von der Hoffnung einer schönen Zukunft, gekannt hatte,

konnte nicht ahnen, welchen Schmerz die Jungfrau, der dies stille,

ruhige Wesen angeboren zu sein schien, zu überwinden sich im täglichen

Gebet übte, und welcher Kraft sie bedurfte, um fest zu werden in ihrer

Erwählung, eine Magd des Herrn zu sein. Gott, der da sorget für die

gebrochenen Herzen, und Keinem mehr auflegt, als er tragen kann,

erleichterte ihr ihren Kampf durch die Krankheit, welche die Mutter

befiel. Und Maria gab, als ob sie es empfunden, daß diese Krankheit

ihrer Wunde Heilung bringen sollte, sich mit einer Sorgsamkeit und

Aufopferung der Pflege ihrer Mutter hin, daß all' ihr Sinnen und Denken

gleichsam verschlungen ward von diesem ihren neuen Beruf. Aerztliche

Hülfe bot die Hallig nicht dar; und auswärts sie zu suchen, überstieg

die Vermögenskräfte der Witwe, wenn auch nicht der Wille gefehlt hätte,

da Ruhe, Pflege und einige Hausmittel dem Halligbewohner in

Krankheitsfällen genug dünken. Hold besuchte die Kranke mehrere Male,

und wenn diese zuweilen auf Godber's Untreue zu sprechen kam, fiel ihr

Maria schnell in die Rede und sagte: »Laß das, Mutter. Ich kann Dich ja

nun besser pflegen, als wenn ich an ihn dächte.« Sprach sie mit Hold

allein, dann drang wohl noch ein Ton des Schmerzes durch; aber als hätte

er nur einen Friedensgruß aus der Höhe von den Lippen des Seelsorgers

locken wollen, ging er gleich wieder in die aufrichtige Sprache frommer

Ergebung über.

Lächeln aber mußte Hold, als Maria ihm bei einem dieser Besuche ein paar

damals vielgelesene Romane mit der Bitte gab, sie dem jungen Herrn

zurückzubringen. Er erfuhr nun, daß Oswald, vielleicht nur um eine,

seinen Neigungen entsprechende Abwechslung in die Einförmigkeit des

Lebens, zu dem er gezwungen war, hineinzubringen, die Bekanntschaft des

Mädchens gesucht, den einen Tag der Mutter eine Flasche Wein, den andern

Tag der Tochter die Bücher gebracht habe.

»Sie aber,« meinte diese, »könne eben so wenig aus seinen Reden, wie aus

seinen Büchern vernehmen. Ihr werde unheimlich dabei zu Mute; denn das

sei eben die Sprache, welche Godber in seinen Briefen auch zuweilen

geredet, und die wol die Schuld trage, daß er seine Verlobte nun

verachte;« und unbekannt mit der Blume, die durch ihren Namen die

Erinnerung fesseln soll, fügte sie mit dem scharfen Spott eines

tiefverwundeten Herzens hinzu:

»Da reden sie von Vergiß mein nicht, als ob man so Etwas abpflücken

könne, wie eine Blume, die zum Verwelken bestimmt ist. Kein Wunder, daß

sie so leicht vergessen!«

»O, diese feinen Herren,« dachte Hold beim Heimwege, »die die Fühlfäden

ihrer Lüsternheit nach jedem hübschen Gesicht ausstrecken und es nicht

merken, wenn sie die Einfalt der Unschuld vor sich haben, an der all'

ihre Gifttropfen, wie an einem Krystall, abfallen, ohne eine Spur zu

lassen. Nein, mein kluger Oswald, mit Deinen Romanen wolltest Du wol

erst geschickt den Boden bereiten für deine Liebschaft. Aber hier ist

kein Boden, auf dem solche Schlingflanzen Wurzel fassen können. Hier ist

Gottes Erdreich und nicht das faule Beet verborgen gehaltener Begierden.

Ehe Maria Dich und Dein Gift versteht und dadurch ihm die Kraft zu

schaden giebt, müßtest Du sie gar lange in Deine Schule nehmen. Und dann

noch das Vergißmeinnicht, welches in ihrem Herzen als eine Blume aus dem

Garten Gottes blüht, das pflückst Du nicht so leicht ab, das schützen

Gottes Engel vor jedem versteckten oder offenen Angriff.«

Um Mander zu schonen, wartete Hold eine Gelegenheit ab, die Bücher an

Oswald ohne Zeugen abzugeben, und sagte ihm dabei:

»Glauben Sie ja nicht, daß ich diese Schriften dem Mädchen abgenommen.

Sie gab mir sie ganz freiwillig, weil sie dergleichen nicht verstehen

könne.«

»Ich glaubte,« stotterte Oswald verlegen, »daß dem äußerlich so wol

gebildeten Mädchen eine größere innere Bildung keinen Nachteil bringen

würde.«

»Und Sie dachten,« entgegnete Hold strenge, »eben erst wegen dieser

Wolgestalt ihres Aeußern an eine innere Bildung? warum denn, wenn Sie

ihre sogenannte Bildung so hoch schätzen, gingen Sie ohne Teilnahme an

den gleich ungebildeten, aber weniger mit körperlichen Reizen

Geschmückten vorüber?«

»Es ist natürlich, daß die auch bloß äußere Schönheit ein regeres

Interesse weckt.«

»Ja wol, natürlich,« erwiderte Hold, »wenn wir gewohnt sind, uns vom

Sinnenreiz in unserm Interesse bestimmen zu lassen.«

»Sie nehmen die Sache zu ernst,« lachte Oswald, der sich von seiner

augenblicklichen Verwirrung erholt. »Als Hirte müssen Sie freilich

darauf achten, daß kein Schaf Ihrer Heerde zu Schaden kommt.«

»Also auf einen Schaden war es doch abgesehen?« fragte Hold mit scharfer

Betonung, und als Oswald, wol fühlend, wie er sich in seinem eignen

Ausdruck gefangen habe, erst nach einer Pause antwortete:

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich dem Mädchen, das, wie ich nicht

leugnen will, mir gleich beim ersten Anblick sehr gefiel, eine reichere

Bildung des Geistes und des Herzens wünschte, und darum ihr die Bücher

gab,« fuhr er fort:

»Um Maria's Willen würde ich kein Wörtchen in dieser Sache verloren

haben. Sie hat jene Unschuld, die da Gift trinken mag, und es wird ihr

nicht schaden, die auf Schlangen treten mag, und ihr Fuß wird nicht

verwundet werden; denn sie ist einfältiglich frommen Sinnes. Für ihren

Verstand ist die Sünde zu hoch und ihr Herz zu hoch für die Sünde. Aber

um Ihretwillen, junger Mann, möchte ich noch ein Wort sagen. Vergleichen

Sie sich einmal in Ihrem Gewissen mit dieser Maria. Sie wissen Vielerlei

und Maria gar Wenig. Sie kennen die Geschichte der Völker, ihre

Sprachen, ihre Sitten; Maria's Kunde von diesem Allen ist fast nur auf

den Umfang dieses Eilandes beschränkt. Sie haben Mancherlei gesehen und

erfahren, und wissen von hunderttausend Dingen zu reden, von denen Maria

nicht einmal die Namen kennt. Sie gelten durch die Feinheit Ihres

Benehmens, durch gefälligen Anstand und kluge Benutzung aller Vorteile

der Erziehung für einen gebildeten Mann; Maria geht schlicht und recht

dahin und redet, wie es ihr um's Herz ist, ohne Zier und Schminke. Sie

suchen dabei die Erholung von Geschäften in allerlei Vergnügungen,

welche die Sinne reizen und die Gelüste des sterblichen Leibes

befriedigen; Maria betet und arbeitet einen Tag wie den andern und sorgt

mit aufopfernder Liebe für die Pflege ihrer kranken Mutter. Sie nehmen

Freuden und Leiden als Spiele des Zufalls; Maria dankt ihrem Gott und

vertraut ihrem Vater im Himmel. Sie stehen hoch über ihr, so hoch, wie

die Erde mit ihren Gaben und Genüssen nur erheben kann, und --« er faßte

Oswald's Hand und schloß mit erhobener Stimme: »ich sage Ihnen, wenn Sie

an einen Gott glauben, in dem Namen dieses wahrhaftigen Gottes: Maria

steht hoch über Ihnen, denn ihr Wandel ist im Himmel!«

Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham und erwiderte mit

einer Stimme, in der Trotz und Verlegenheit sich mischten:

»Ein wenig Bildung mehr würde der frommen Jungfrau keinen Schaden thun.«

»Maria's Bildung,« entgegnete Hold, »ist für ihren Stand und Beruf

hinlänglich; und was ihr sonst zu wissen nützlich wäre, lernt sie

wahrlich nicht aus diesen Büchern. Ja, -- verzeihen Sie, wenn auch ich,

als ein Landsmann Maria's, schlicht und recht rede, wie mir's um's Herz

ist, -- was Sie von ihr lernen können, ist bei weitem mehr und

wichtiger, als das, was Sie ihr aus allem Ihren Wissen und aus allen

Ihren Büchern an Belehrung zu geben vermögen. Gesetzt auch, sie könnte

die Bildung annehmen, die Sie ihr darreichen wollen, was hätte sie damit

gewonnen? Unzufriedenheit mit ihrer Lage, Sehnsucht nach einem ihr

unerreichbaren Leben, und was noch schlimmer ist, Erregung von

Leidenschaften, die jetzt ihr Herz unzugänglich finden. Verloren aber

hätte sie, unwiederbringlich verloren: die Geduld und die Stille eines

in Gott ergebenen Gemütes, den Frieden einer den irdischen Schmerz

überwindenden Seele; verloren die Ruhe eines unbefleckten Gewissens und

die sichere Freudigkeit eines kindlich frommen Glaubens.«

»Wie mögen Sie diesen unschuldigen Romanen einen so schädlichen Einfluß

zuschreiben? sie sind ja nur zu einer augenblicklichen Unterhaltung

bestimmt und bilden dabei unmerklich den Verstand.«

»_Wir_ nehmen,« war Hold's Entgegnung, »solche Bücher für das, was sie

sind, für Erzeugnisse der Einbildungskraft und sind zu bekannt mit dem

Leben, das sie schildern, um mehr darin zu finden, als uns selbst, nur

in andern Kleidern. Für Maria aber würden sie eine Welt eröffnen, wenn

sie dieselbe verstehen könnte; eine Welt, die ebenso heiße Begierden

entflammen und darum ihr ebenso schädlich werden würde, wie Amerika bei

der ersten Entdeckung es den Spaniern ward. -- Doch ich vergesse, daß

Ihr Versuch für die Bildung Maria's nur eine versuchte Vorbildung für

ein ähnliches Spiel war, wie Ihre Schwester es mit Godber treibt.«

Oswald ließ sich nicht darauf ein, diesen erneuten Vorwurf noch einmal

abzulehnen. Er ergriff vielmehr mit einer Hast, die seine Freude kund

gab, auf einen andern Gegenstand das Gespräch gewandt zu sehen, die

Gelegenheit, Idalia als Streitpunkt vorzuschieben.

»Was kann sie denn dafür, wenn ihre Reize so hinreißend wirken? sie hat

schon ganz andere Männer zu ihren Füßen gesehen, als diesen Godber.«

»Was kann ich dafür!« antwortete Hold mit Spott. »Dies Wort kommt mir

vor, wie ein verlorener Posten, der auf's Geradewol dem anrückenden

Feinde entgegengeworfen wird, weil es an einer ordentlichen Wehr zur

Verteidigung fehlt. Aber es würde unnütz sein, mit Ihnen hierüber zu

reden, da Sie gerade ja schon in die Fußstapfen Ihrer Schwester getreten

wären, wenn nicht ein gebrochenes Herz, besonders wenn Gottes heilige

Engel sich darin gelagert haben, so schwer zu erobern stände, wie ein

Herz, wo Eitelkeit und Sinnlichkeit die Wache halten, dagegen leicht.«

-- Als Oswald vor Unwillen erglühend jetzt nach seinem Hute griff, fügte

der Pastor hinzu:

»Noch Eins, Herr Mander! Sie werden mich immer bereit finden zu all' der

Freundlichkeit, die wir den Gästen unserer Hallig schuldig sind. Sie

werden mich verbinden, wenn Sie durch Ihre Unterhaltung dazu beitragen

wollen, für diese Wochen mir den Genuß einer heitern Geselligkeit zu

verschaffen. Es wird mir wol thun, mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater

einmal wieder über Dinge reden zu können, die früher das Gespräch

mancher schönen Stunde mit meinen Freunden waren. Sie werden es mir aber

erlauben müssen, daß ich mich auf _meine_ Weise um Ihre Achtung bewerbe,

und daher Ihnen bei jeder passenden Gelegenheit in mir den Seelsorger

zeige. Versäumte ich dies, ließe ich Sie bei mir das Amt vergessen, das

mir von Gott vertraut ist, dann würde ich ja die Achtung eines

vernünftigen Mannes verscherzen. Gehen _Sie_ daher Ihren Weg, wie Sie

wollen. Lassen Sie _mich_ auf dem Wege, den Beruf und Gewissen mir

vorschreiben; und dabei wollen wir uns die kurzen Stunden unserer

Gemeinschaft gegenseitig zu erheitern suchen, und ich hoffe, wir werden

dann als Männer von einander scheiden, die sich gerne gesehen haben.«

Oswald war etwas verdutzt über diese Wendung und entfernte sich mit

einigen wenig sagenden, aber doch freundlich sein sollenden Worten.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 15 / 33 题