IX.

Die Stunde kommt, von Gott gesendet,

Das sinnentrunkne Herz wird wach,

Und jedes dunkle Blatt, es wendet

Zurück sich an den hellen Tag.

Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglückten wurden gefunden. Godber

hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines großen

Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu

sehen, ob derselbe sich nicht für ihre Absicht gebrauchen ließe, seiner

Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines

Schiffsherrn, und später fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit

davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Höhlungen

des frühern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der

aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte

Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhestätte

gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren.

»Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Särgen,« sagte

Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die nötigen Anordnungen

wegen der Beerdigung zu treffen, »nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme

ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird

auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut,

und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen!«

Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den

Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, nötigt den Hausvater, auch

daran zu denken, daß ein Sarg vorrätig sei. Unter seinem übrigen Gerät

darf auch dies ^memento mori^ nicht fehlen, so schwer und so ungern man

sich auch sonst anderswo daran gewöhnen möchte, tagtäglich mit seinem

Blick die enge Bretterkammer zu messen, die für einen unserer Lieben

oder für uns selbst bestimmt ist. An Särgen zur notwendig schnellen

Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese

wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt.

Der fast unerhörte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die

außerordentlichen Umstände, welche dies Ereignis herbeigeführt, die

besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die

ganze Feier des Tages daran zu knüpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die

drei Särge vor die Kirchthüre gesetzt, da der innere Raum zu beschränkt

war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des

Evangeliums für jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11--19,

nahm die Frage: »Wo sind aber die Neun?« als Thema aus dem Schrifttext

heraus, und die bloße Ankündigung dieses Themas mußte, so wenig auch

nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen

Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschütternd

wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen

waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglückten

neben einander, führte die Gedanken zurück auf ihre frühere

Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drängte

die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wären?

»Wo sind aber die Neun?« für die Fremden war dies Wort genug zu einer

unvergeßlichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung

dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen

der anwesenden Fremden führen wollen, denn in der Beantwortung redete er

weit weniger, als Viele seiner Zuhörer erwarten mochten, in Beziehung

auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine

Anwendungen und vergaß über die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht

aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen

Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und

Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und für sich reden zu

hören. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da

ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen

zurückgeführt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestört durch falsche

Zeichnung der Umstände ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von

Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wünschen oder

Gelübden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. -- Nach der Predigt

wurden die Särge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der

Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gängen getragen, da der

Mangel an Trägern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber

eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die große Flagge des Schiffs,

dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte über die Särge

hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor

umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die

Gruft, entglitt sie seinen zitternden Händen und von dem Fall ihrer

Stange dröhnten die Särge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich

und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurück.

Doch müssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurückgehen, um Godber's

innere Kämpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung

der ertrunkenen Gefährten war über sein Gemüt eine düstere Wolke

gezogen, die er mit der größten Anstrengung zu verscheuchen, oder

wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Züge

im Antlitz seines Kapitäns, als er neben der Leiche desselben am Ufer

unter den zerrissenen Grüften stand, schienen ihn zu fragen: »warum hat

mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen?« und als er den Blick

verstört zurückwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre

Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hören: »warum hast Du

Deine Braut verlassen, Godber?« Da ward es ihm finster vor den Augen, da

krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie

Hohngelächter in die Ohren: »Du doppelt Meineidiger!« Er eilte wie vom

Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Stätte und stand, ehe er

noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wäre diese ihm mit Thränen in

den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er

würde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut

und Bitterkeit gleich erfülltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit

ihrem gewöhnlichen holden Lächeln auf ihn zu, mit dem Lächeln, das so

oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der

Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurückstoßend auf ihn; es

widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht

ein, daß sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine

Trauer über das Geschick der Umgekommenen zeigen könne. Er mußte,

anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurückweichen. Er mußte, während

er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: »ist dies

herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert?«

Idalia trat stolz zurück. Sie war zu sehr an eine allvergessende

Huldigung gewöhnt, als daß sie sich hätte entschließen können, ihn

teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe für ihn eben so

dringend, als Neugierde, sie antreiben, den völlig Verstörten, der sich,

mit beiden Händen die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte,

um Aufschluß über sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre

Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere

Ecke, stützte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch

aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thräne, mit dem Schnupftuch

trocknend, nur dann und wann einen flüchtigen und verstohlenen Blick auf

Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen,

als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, daß

sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, daß es noch Etwas

gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen könne gegen die Macht

ihrer Reize; daß daher ihr Sieg noch gar nicht so vollständig sei, wie

sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren

Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer

Liebe, die nicht weniger abgöttische Verehrung, als ausschließliche

Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag

that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den

Entschluß, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte

freilich nicht so klar über ihre Empfindungen und rechnete auch der

Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse.

Godber aber schien völlig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brütete

bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kündeten einzelne

Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern.

Idalia wußte sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum

mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche überhört.

Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und

tröstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander's

emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die

Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber's über das

Geschick der schon längst verloren gegebenen Gefährten unbegreiflich,

fühlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering

dünkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten

konnte, so hatte sie _das_ doch wenigstens gewonnen, daß nicht mehr die

Eifersucht sich in ihre Betrachtungen über sein Benehmen mischte. Sie

mußte mit einem Blick in den Spiegel über sich selbst lächeln, daß sie

nur einen Augenblick hatte daran denken können, daß ein Halligmädchen

ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft

werden; zu ihren Füßen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach

langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der

Versöhnung reichen; die rechte Versöhnung sollte noch mehrere Tage

weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen möge,

zu vergessen, wie sein Glück allein von ihrer Liebe abhänge, und wie

dieses Glück mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden

müsse.

Und das nennen sie Liebe!

Für heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rückkehr machen zu

wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er

mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu

treffen. Hold nannte die Hausväter, die wohl passende Särge haben

würden, und Godber ging zu diesen. Als er später wieder zum Pastorat

zurückkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun

Gelegenheit, ein Wort über Godber's Verhältnisse zu Maria und Idalia zu

reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem

Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein

Schrei der Verzweiflung klang: »Ich weiß Alles, was Sie sagen wollen!«

ihn unterbrach und aus dem Hause stürzte.

Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rückkehr. Sie weinte jetzt

wirklich bittere Thränen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz

hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekränkten Liebe

darin sah, auch ihre Gefühle zu der Höhe der wahrhaften Liebe

steigerten.

Am andern Morgen fehlte Godber beim Frühstück, und es wußte Niemand im

Hause, ob er überhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn

zuerst wieder, wie er bleich und verstört mit der Trauerfahne an der

Werfte vor den Särgen her vorüberschwankte.

Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrücklich

jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die

beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitän und

ihren Gefährten davon zurückweisen ließen. Er wollte allein sein, allein

mit den glücklichen Toten und seinem unglücklichen Herzen. Sein Schmerz

löste sich in dieser Stille zu Thränen der Wehmut auf. Seine ganze

glückliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelübde, das er ihr

gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Träume von einer

schönen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten

unter dem geräuschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nächte am

Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Grüße aus der Heimat um den

Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat

redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an

ihm vorüber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies

Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue

gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und

Idalia's Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese

Bande zurückzuführen. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche

Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verließ er

die Totenkammer, trat leise hinaus in's Freie; und siehe! die Sterne

blickten so freundlich lächelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen

Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwärts, übersprang mehrere Gräben,

um nicht durch den Umweg über die Stege aufgehalten zu werden. Da

blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung

entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese späte Stunde. Er meinte, es

müsse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg

zurück zu seinem Gelübde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes

Geräusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer

erlaubte ihm, über die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da saß

Maria am Bette ihrer Mutter, die Hände gefaltet in den Schoß gelegt und

mit den halbgeschlossenen Augen, wie träumend, nach Oben blickend.

Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurückpressend in

der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend,

die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick hätte vergleichen können,

als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia's irdisches Schattenbild

vorgekommen wäre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom

Schlummer überwältigt ein, und Godber's Herz klopfte dann hörbar vor

Angst, daß sie fallen möchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug,

wartete er immer darauf, daß sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit

dem Ausruf: »Godber, Godber, bist Du wieder da!« zu ihm hineilen sollte.

War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur

schwer geträumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria

nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und

horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; für Godber waren

es Minuten. Der Morgen begann schon zu dämmern; für Godber war es noch

Mitternacht. Die Kühle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht,

fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken

dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingeführt. »Ach!«

dachte er, »gewiß ist die Mutter krank, und du, du allein trägst die

Schuld! Du bringst die Mutter in's Grab, und die Tochter« -- er konnte

nicht vollenden -- wird ihr nachfolgen! Hinein mußte er, zu ihren Füßen

die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben

erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thürklinke. Da krähte der Hahn

im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie

ein ertappter Verbrecher. »Petrus der Verräther!« murmelte er dumpf in

sich hinein, zog die Hand rasch von der Thür hinweg und blickte wild um

sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch

die erste Röte des Tages. Godber's hochatmende Brust sog die kalte,

schwere Luft mit vollen und raschen Zügen ein. Er fühlte auf einmal alle

Bande wieder, in die er sich verwirrt, und stürzte fort. Atemlos kam er

in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und

warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein

rascher Fußtritt stieß an einen der Särge an, dumpf dröhnten die

trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu

Boden.

Nach dieser Nacht mußte für Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll

werden. Die völlige Erschöpfung seiner Körperkräfte trug dazu bei,

seiner Phantasie volle Herrschaft über ihn zu geben. Er sah und hörte in

Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja

Maria für seine glückliche Rückkunft gebetet; hierher gedachte sie den

ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wußte ja von

seinem Gelübde; alle Blicke kündeten die tiefste Verachtung; alle diese

heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann über ihn; alle Tritte

lenkten von seiner Nähe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches

drängten sich von seinem Blick hinweg und die Töne flohen seinen

vergifteten Odem. Bei der Frage Hold's: »Wo sind aber die Neun?« grüßten

ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: »Die Neun sind

wieder beisammen!« Daß diese Worte der Predigt angehörten, konnte ihm

nicht in den Sinn kommen; er sah und hörte nur die Toten, die sich immer

näher an ihn herandrängten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine

rieselte, während heiße Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er

nach dem Schluß der Kirchenfeier in den Leichenzug als Träger der

Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand

vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer großen, schweren Woge, die

vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest

um den Stock, daß ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz

fühlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto

gewisser ward es ihm, daß er, in die Flut geschleudert, die letzte

Planke des zertrümmerten Schiffes gefaßt habe. Dreimal hatte er, von den

ängstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen müssen, und trat

nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen

vergebens an, den Abgrund zu seinen Füßen abzusehen. Immer tiefer dehnte

sich vor ihm die unergründliche Gruft. Er wäre, wie er sich immer weiter

vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestürzt,

wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust

seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurückgehalten hätten.

Da hörte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitäns Weigerung, das ihm

anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: »Es ist ein Segen bei der Treue,

wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit!« Dieses Wort schmetterte

seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit

gebrochenem Herzen: »Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und

Ewigkeit!« Jetzt schon wäre er hingesunken, wenn er sich nicht mit

schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den

Boden gesteckt war. Hold mußte ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu

senken. Er faßte sie krampfhaft an und schwankte wieder vornüber auf das

Grab zu. Da standen die drei Särge; aber wie vorher die Tiefe

unergründlich schien, so rückten nun die schwarzen Särge dicht vor seine

Augen hin. Die Deckel öffneten sich, die Toten rüttelten sich zornig

drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurück, und die Flagge fiel

aus seinen ohnmächtigen Händen auf die Särge hin.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 14 / 33 题