Die Stunde kommt, von Gott gesendet,
Das sinnentrunkne Herz wird wach,
Und jedes dunkle Blatt, es wendet
Zurück sich an den hellen Tag.
Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglückten wurden gefunden. Godber
hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines großen
Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu
sehen, ob derselbe sich nicht für ihre Absicht gebrauchen ließe, seiner
Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines
Schiffsherrn, und später fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit
davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Höhlungen
des frühern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der
aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte
Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhestätte
gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren.
»Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Särgen,« sagte
Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die nötigen Anordnungen
wegen der Beerdigung zu treffen, »nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme
ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird
auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut,
und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen!«
Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den
Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, nötigt den Hausvater, auch
daran zu denken, daß ein Sarg vorrätig sei. Unter seinem übrigen Gerät
darf auch dies ^memento mori^ nicht fehlen, so schwer und so ungern man
sich auch sonst anderswo daran gewöhnen möchte, tagtäglich mit seinem
Blick die enge Bretterkammer zu messen, die für einen unserer Lieben
oder für uns selbst bestimmt ist. An Särgen zur notwendig schnellen
Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese
wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt.
Der fast unerhörte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die
außerordentlichen Umstände, welche dies Ereignis herbeigeführt, die
besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die
ganze Feier des Tages daran zu knüpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die
drei Särge vor die Kirchthüre gesetzt, da der innere Raum zu beschränkt
war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des
Evangeliums für jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11--19,
nahm die Frage: »Wo sind aber die Neun?« als Thema aus dem Schrifttext
heraus, und die bloße Ankündigung dieses Themas mußte, so wenig auch
nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen
Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschütternd
wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen
waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglückten
neben einander, führte die Gedanken zurück auf ihre frühere
Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drängte
die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wären?
»Wo sind aber die Neun?« für die Fremden war dies Wort genug zu einer
unvergeßlichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung
dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen
der anwesenden Fremden führen wollen, denn in der Beantwortung redete er
weit weniger, als Viele seiner Zuhörer erwarten mochten, in Beziehung
auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine
Anwendungen und vergaß über die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht
aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen
Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und
Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und für sich reden zu
hören. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da
ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen
zurückgeführt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestört durch falsche
Zeichnung der Umstände ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von
Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wünschen oder
Gelübden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. -- Nach der Predigt
wurden die Särge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der
Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gängen getragen, da der
Mangel an Trägern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber
eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die große Flagge des Schiffs,
dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte über die Särge
hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor
umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die
Gruft, entglitt sie seinen zitternden Händen und von dem Fall ihrer
Stange dröhnten die Särge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich
und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurück.
Doch müssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurückgehen, um Godber's
innere Kämpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung
der ertrunkenen Gefährten war über sein Gemüt eine düstere Wolke
gezogen, die er mit der größten Anstrengung zu verscheuchen, oder
wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Züge
im Antlitz seines Kapitäns, als er neben der Leiche desselben am Ufer
unter den zerrissenen Grüften stand, schienen ihn zu fragen: »warum hat
mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen?« und als er den Blick
verstört zurückwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre
Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hören: »warum hast Du
Deine Braut verlassen, Godber?« Da ward es ihm finster vor den Augen, da
krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie
Hohngelächter in die Ohren: »Du doppelt Meineidiger!« Er eilte wie vom
Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Stätte und stand, ehe er
noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wäre diese ihm mit Thränen in
den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er
würde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut
und Bitterkeit gleich erfülltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit
ihrem gewöhnlichen holden Lächeln auf ihn zu, mit dem Lächeln, das so
oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der
Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurückstoßend auf ihn; es
widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht
ein, daß sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine
Trauer über das Geschick der Umgekommenen zeigen könne. Er mußte,
anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurückweichen. Er mußte, während
er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: »ist dies
herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert?«
Idalia trat stolz zurück. Sie war zu sehr an eine allvergessende
Huldigung gewöhnt, als daß sie sich hätte entschließen können, ihn
teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe für ihn eben so
dringend, als Neugierde, sie antreiben, den völlig Verstörten, der sich,
mit beiden Händen die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte,
um Aufschluß über sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre
Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere
Ecke, stützte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch
aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thräne, mit dem Schnupftuch
trocknend, nur dann und wann einen flüchtigen und verstohlenen Blick auf
Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen,
als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, daß
sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, daß es noch Etwas
gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen könne gegen die Macht
ihrer Reize; daß daher ihr Sieg noch gar nicht so vollständig sei, wie
sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren
Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer
Liebe, die nicht weniger abgöttische Verehrung, als ausschließliche
Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag
that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den
Entschluß, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte
freilich nicht so klar über ihre Empfindungen und rechnete auch der
Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse.
Godber aber schien völlig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brütete
bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kündeten einzelne
Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern.
Idalia wußte sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum
mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche überhört.
Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und
tröstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander's
emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die
Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber's über das
Geschick der schon längst verloren gegebenen Gefährten unbegreiflich,
fühlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering
dünkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten
konnte, so hatte sie _das_ doch wenigstens gewonnen, daß nicht mehr die
Eifersucht sich in ihre Betrachtungen über sein Benehmen mischte. Sie
mußte mit einem Blick in den Spiegel über sich selbst lächeln, daß sie
nur einen Augenblick hatte daran denken können, daß ein Halligmädchen
ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft
werden; zu ihren Füßen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach
langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der
Versöhnung reichen; die rechte Versöhnung sollte noch mehrere Tage
weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen möge,
zu vergessen, wie sein Glück allein von ihrer Liebe abhänge, und wie
dieses Glück mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden
müsse.
Und das nennen sie Liebe!
Für heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rückkehr machen zu
wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er
mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu
treffen. Hold nannte die Hausväter, die wohl passende Särge haben
würden, und Godber ging zu diesen. Als er später wieder zum Pastorat
zurückkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun
Gelegenheit, ein Wort über Godber's Verhältnisse zu Maria und Idalia zu
reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem
Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein
Schrei der Verzweiflung klang: »Ich weiß Alles, was Sie sagen wollen!«
ihn unterbrach und aus dem Hause stürzte.
Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rückkehr. Sie weinte jetzt
wirklich bittere Thränen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz
hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekränkten Liebe
darin sah, auch ihre Gefühle zu der Höhe der wahrhaften Liebe
steigerten.
Am andern Morgen fehlte Godber beim Frühstück, und es wußte Niemand im
Hause, ob er überhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn
zuerst wieder, wie er bleich und verstört mit der Trauerfahne an der
Werfte vor den Särgen her vorüberschwankte.
Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrücklich
jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die
beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitän und
ihren Gefährten davon zurückweisen ließen. Er wollte allein sein, allein
mit den glücklichen Toten und seinem unglücklichen Herzen. Sein Schmerz
löste sich in dieser Stille zu Thränen der Wehmut auf. Seine ganze
glückliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelübde, das er ihr
gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Träume von einer
schönen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten
unter dem geräuschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nächte am
Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Grüße aus der Heimat um den
Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat
redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an
ihm vorüber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies
Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue
gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und
Idalia's Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese
Bande zurückzuführen. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche
Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verließ er
die Totenkammer, trat leise hinaus in's Freie; und siehe! die Sterne
blickten so freundlich lächelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen
Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwärts, übersprang mehrere Gräben,
um nicht durch den Umweg über die Stege aufgehalten zu werden. Da
blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung
entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese späte Stunde. Er meinte, es
müsse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg
zurück zu seinem Gelübde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes
Geräusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer
erlaubte ihm, über die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da saß
Maria am Bette ihrer Mutter, die Hände gefaltet in den Schoß gelegt und
mit den halbgeschlossenen Augen, wie träumend, nach Oben blickend.
Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurückpressend in
der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend,
die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick hätte vergleichen können,
als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia's irdisches Schattenbild
vorgekommen wäre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom
Schlummer überwältigt ein, und Godber's Herz klopfte dann hörbar vor
Angst, daß sie fallen möchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug,
wartete er immer darauf, daß sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit
dem Ausruf: »Godber, Godber, bist Du wieder da!« zu ihm hineilen sollte.
War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur
schwer geträumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria
nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und
horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; für Godber waren
es Minuten. Der Morgen begann schon zu dämmern; für Godber war es noch
Mitternacht. Die Kühle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht,
fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken
dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingeführt. »Ach!«
dachte er, »gewiß ist die Mutter krank, und du, du allein trägst die
Schuld! Du bringst die Mutter in's Grab, und die Tochter« -- er konnte
nicht vollenden -- wird ihr nachfolgen! Hinein mußte er, zu ihren Füßen
die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben
erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thürklinke. Da krähte der Hahn
im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie
ein ertappter Verbrecher. »Petrus der Verräther!« murmelte er dumpf in
sich hinein, zog die Hand rasch von der Thür hinweg und blickte wild um
sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch
die erste Röte des Tages. Godber's hochatmende Brust sog die kalte,
schwere Luft mit vollen und raschen Zügen ein. Er fühlte auf einmal alle
Bande wieder, in die er sich verwirrt, und stürzte fort. Atemlos kam er
in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und
warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein
rascher Fußtritt stieß an einen der Särge an, dumpf dröhnten die
trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu
Boden.
Nach dieser Nacht mußte für Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll
werden. Die völlige Erschöpfung seiner Körperkräfte trug dazu bei,
seiner Phantasie volle Herrschaft über ihn zu geben. Er sah und hörte in
Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja
Maria für seine glückliche Rückkunft gebetet; hierher gedachte sie den
ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wußte ja von
seinem Gelübde; alle Blicke kündeten die tiefste Verachtung; alle diese
heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann über ihn; alle Tritte
lenkten von seiner Nähe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches
drängten sich von seinem Blick hinweg und die Töne flohen seinen
vergifteten Odem. Bei der Frage Hold's: »Wo sind aber die Neun?« grüßten
ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: »Die Neun sind
wieder beisammen!« Daß diese Worte der Predigt angehörten, konnte ihm
nicht in den Sinn kommen; er sah und hörte nur die Toten, die sich immer
näher an ihn herandrängten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine
rieselte, während heiße Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er
nach dem Schluß der Kirchenfeier in den Leichenzug als Träger der
Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand
vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer großen, schweren Woge, die
vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest
um den Stock, daß ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz
fühlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto
gewisser ward es ihm, daß er, in die Flut geschleudert, die letzte
Planke des zertrümmerten Schiffes gefaßt habe. Dreimal hatte er, von den
ängstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen müssen, und trat
nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen
vergebens an, den Abgrund zu seinen Füßen abzusehen. Immer tiefer dehnte
sich vor ihm die unergründliche Gruft. Er wäre, wie er sich immer weiter
vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestürzt,
wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust
seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurückgehalten hätten.
Da hörte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitäns Weigerung, das ihm
anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: »Es ist ein Segen bei der Treue,
wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit!« Dieses Wort schmetterte
seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit
gebrochenem Herzen: »Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und
Ewigkeit!« Jetzt schon wäre er hingesunken, wenn er sich nicht mit
schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den
Boden gesteckt war. Hold mußte ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu
senken. Er faßte sie krampfhaft an und schwankte wieder vornüber auf das
Grab zu. Da standen die drei Särge; aber wie vorher die Tiefe
unergründlich schien, so rückten nun die schwarzen Särge dicht vor seine
Augen hin. Die Deckel öffneten sich, die Toten rüttelten sich zornig
drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurück, und die Flagge fiel
aus seinen ohnmächtigen Händen auf die Särge hin.