Du klagst, daß Deinen Blick umfloren
Die Schatten um der Wahrheit Thron?
Dein eigen Herz hat sie geboren;
Sie sind der Sünde Frucht und Lohn.
Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glücklich gewesen zu sein,
als sie jetzt sich fühlte. Diese häusliche Geschäftigkeit, der sie sich
mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto
größeren, ja zauberischen Reiz für sie, der noch durch das Eigentümliche
ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhöht wurde. Die
Liebe löste in ihrer Brust, die früher nur Raum hatte für das
flatterhafte Wesen eines eitlen Mädchens, alle Ahnungen der wahren
Weiblichkeit und den Sinn für die Würde einer Hausfrau. Zugleich wußte
sie ja, daß sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie
geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr
die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedürfnisse und Annehmlichkeiten, die
sonst der Hallig fremd waren, für ihren Zustand zu gewinnen; sondern
gefiel sich in der Einfachheit und Genügsamkeit ihrer jetzigen Heimat,
und machte tausend, fast immer unausführbare Vorschläge, um das Ganze
noch mehr in die Form einer Gesner'schen Idylle zu kleiden. Den Rand des
sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkränzte
sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mühsam hatte am
Strande zusammensuchen müssen, weil dieser in jener Gegend auch damit
geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mußte jedoch für die verwöhnten Zungen
vom festen Lande herübergebracht werden. Den Schatten und die trauliche
Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber's Hülfe ein Zelt von
Segeltüchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur
zuließ, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie führte
auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem
Eilande vor allen Herrlichkeiten der großen Stadt rühmte, und so oft sie
eine der Eigentümlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit
den glänzendsten Lobeserhebungen anpries, fühlte sich Godber enger und
enger zu ihr hingezogen und gab sich den schönsten Träumen einer
goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit
seinem innersten Wesen verwoben, daß er Alles, was Idalia in dieser
Hinsicht sagte, nur für natürliche Anerkennung der Wahrheit, für ein
Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe
aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der
Liebe für das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle
seine andern Gedanken und Empfindungen weit überwog. Die Erinnerung an
Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurück, und kamen auch
einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so übte sich
Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, daß er
Recht behielt. Was konnte er dafür, daß er jetzt erst den Stern
gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war?
Daß er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit
einem Wesen, in welchem sein Denken und Fühlen sich wie in einem
verklärenden Spiegel abmalte, so daß er selbst dadurch zu einer nie
geahnten Höhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der
niedern Sphäre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein
müßten, wenn nicht Idalia's Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust
gerührt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.
So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den
verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen
und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen
einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der
Verhältnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht.
Darum ist es dem Menschen so not, daß er sich halte an dem festen
prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt,
weder blindlings folgen den von Außen gegebenen Eindrücken, noch es
versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad
herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bösen Geister
auf, als fände der Aberglaube seine Erklärung und Bestätigung, der die
Kreuzwege zum Tummelplatz nächtiger Dämonen macht. Sinnlichkeit,
Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu führen suchen, und
selbst mit dem besten Willen wird seine Prüfung nie eine gerechte
Würdigung Dessen sein, was sich für die eine oder andere Seite sagen
läßt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch
das Erwachen jener bösen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen
Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des
Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort
darauf nicht suchen in sich selbst, als wäre seine Brust eine Wohnung
des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wäre, es der Frage nicht
bedurft hätte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes,
wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des
göttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in
seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und
deuteln läßt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein
Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verändern und in
Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne
Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und
Nein, ohne ein Wörtchen darüber, muß allein entscheiden. Ohne einen
solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, daß jeder
Mensch seine eigene Moral hat, und daß diese Moral noch dazu ein wahrer
Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie
heute grün sehen, morgen früh für grau halten und umgekehrt. Berufst Du
dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den
Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers
vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger
Verlaß darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die
darin noch den Vorzug hat, daß sie doch wenigstens die Richtung anzeigt,
woher der Wind bläst. Also das klare, lautere, _gegebene_, nicht erst
nach den Umständen und Verhältnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz
Gottes sei Dir für Dein Wollen und Thun ein unerschütterlicher Sinai.
Vor Seiner Stimme durch die Wolken müssen alle andern Stimmen schweigen;
und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich
her, sie sind Lüge mehr oder minder, in dem Maße, in welchem sie sich
von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die
Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lächelt Dir entgegen, wenn Du es nur
einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten
Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir gefälligere Wahrheit. Schwere
Wolken dagegen hängen herab über Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und
ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nächsten
zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des
Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf daß Du das Leben gewinnest! Du
sollst Deine unsterbliche Seele beraten, daß sie bestehe vor dem Richter
der Lebendigen und der Toten. Für die Folgen da laß Ihn sorgen; sie
stehen ja in Seiner, in des gnädigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine
Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug;
wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung
der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die
Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar müssen ja auch alle
Dinge, sei's Reichtum oder Armut, Glück oder Unglück, Leben oder Tod,
zum Besten dienen dem, der da sagen kann: »Hier bin ich, Herr! Dein Wort
war meines Fußes Leuchte!«
Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten
»guten Menschen?« Woher denn bei ihnen diese vielen »unschuldigen
Schwächen,« diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein
Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich
selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und
behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin
ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wüste
einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den
Augen rückt, während sie auf blumigen Pfaden über Thal und Hügel
dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich
entfernen, daß die Mitgäste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen
erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel
des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur
Asche werden muß, nicht einmal geeignet, die dürre Stätte zu bedecken.
Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklärung unserer Zeit,
sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns
selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen
Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche
Wachsfläche verstehen, worin die äußeren Eindrücke allerlei Figuren
malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten
übereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Götterspruch
nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht
gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen
nur durch glückliche Umstände, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil
der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu
tobenden Ausbrüchen der Leidenschaften kommen läßt, davor bewahrt
bleiben, Diebe und Mörder zu heißen. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust,
Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei
gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und
es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist
kein Gesetz da, das schärfer als ein zweischneidig Schwert teilet
zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Sünde. Wie im
lauen Wasser Wärme und Kälte gemengt sind, so ist auch in unserem
selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht
angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und
bald links führt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die
Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder
ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein völliges Abirren auf
den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die
Völker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem
unnützen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne
das Wort niederleuchtet: »Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!«
dann freilich wird das weiche Wachs _unseres_ Gesetzes vor den
Flammenstrahlen _seines_ Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser
gefügiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des
Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens
hinstreifte, auf daß wir keine Entschuldigung hätten, als wäre uns
verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. -- Die
Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewöhnlich genommen wird, muß
aufhören, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch
dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den
meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebräu von Lebensklugheit,
Sorge für den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem
Teil natürlicher Gutmütigkeit, die eben so gut Charakterschwäche heißen
mag, und einem Teil Erkenntnis des göttlichen Willen, die aber nicht
recht weiß, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als
Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal
aufrüttelt, unstät im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein
Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geöffnet ist für das gegebene
Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur,
wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst
nicht! es erlaubt sich kein Urteil über die Umstände und Verhältnisse;
sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes über den Fall, der
vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die
Anläufe böser Neigungen und Begierden, daß es sein Licht und seine Kraft
nimmt aus einer Höhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst
den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fällt es der Knechtschaft
anheim; ist nur ein vielleicht hochmütiger, aber doch williger Diener
alles ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, und trägt die Livree
seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: »Gieb mir, wo ich
stehe!« dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt überwinde. Es hat
sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein
leiblich Auge das Licht von Außen her, um zu sehen. Ist denn etwa der
inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und
Seelenthätigkeiten so getrennt und gespalten, daß jede ihr eigenes
Gebiet habe, welches sich frei hält von aller Berührung und Einwirkung
der andern? Daß jede schaffet und waltet für sich, ohne von der Bewegung
der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also daß, während das Herz sich
krümmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, während die Sinnlichkeit
der bösen Lust zustrebt, während die Klugheit eigennützig rät, den
breiten Weg zu wählen, daß nun das Gewissen, ohne einen Führer außerhalb
dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einfluß dieser
Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verführerischen
Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald übertäubt werden,
wenn ihm keine Hülfe von Außen her wird? Wenn lange Gewohnheit
leichtsinnig und gleichgültig machte gegen den Weg, den wir wandeln,
wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fuß einmal so bequem und
natürlich geworden sind, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt,
andere zu wählen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche
Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schläfst? Wird es stille
stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es
reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von
Dir wäre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den
Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja,
daß Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst überwinden
sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht,
Antwort von der Frage. -- Es muß Etwas außer uns sein, wohin wir
schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist
über die Nebeldünste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht
selbst den Weg malen, den wir für den richtigen halten, sondern auf dem
er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fußes Leuchte ist, und
ein Licht auf dunklen Wegen. Es muß ein heiliger Wille uns verkündet
sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionären
Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder
gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was
er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein
Totschläger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu
sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen
erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz
Gottes: Du sollst nicht töten! vergaß, und die eigenen Ansichten und
Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht _gegen_ sein Gewissen
lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelüstens, das Treiben
in zeitlichen Geschäften, der behagliche Genuß des weltlichen Friedens
Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel öffnet, keine
ernste Frage nach den göttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung
des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in
sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt
oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des göttlichen Gesetzes
zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die
sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht
auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer höheren Welt anschlägt,
ist nur ein Nachklang des früher erkannten göttlichen Gesetzes, oder ein
Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen
aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger,
als ein Abglanz der Herrlichkeit des göttlichen Gesetzes. Ein Spiegel
ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen
Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor
hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser
Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachäffung
dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser
Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem
er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet
sich nach der Munterkeit oder Müdigkeit seiner Glieder, nach der
Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder
Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch's Leben ohne Gesetz
von Außen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen
und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Säumen und kein Wanken, da
gilt kein Fürchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein
Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen
und kein Deuteln zuläßt, das keine Vorwände und Entschuldigungen
annimmt, das keine Verführungen und Versuchungen anerkennt, das
Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der
Kraft, das ganz über unser Klügeln und Mäkeln hinausgehoben ist, werden
wir nie die Sünde überwinden, nie wandeln in rechtschaffener
Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas
Anderes sein, als ein Merken und Erwägen dieses Wortes; und redeten auch
tausend Stimmen dagegen und spräche auch die ganze Welt ihr Anathema aus
gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thränen Deines
Herzens gegen seine Erfüllung, und gelte es auch den letzten Brosamen
unseres irdischen Glückes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen
Daseins: laß fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn!
und darin beharre bis an's Ende! Das Reich Gottes muß Dir doch bleiben.
Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen.
Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit
einem Fuße noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten
hinzudrängen. Wenn er eben glaubte, daß es mit ihm ruhig auf dem Wege
fortwandle, welchen er fortan als den für ihn notwendigen, durch die
Fügungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich
zu gewöhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand
wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: »Laß Dich nicht
einen jeglichen Wind führen, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie
die unbeständigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemüt und
bleibe bei einerlei Rede!« Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als
da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrügen; und so förderte sich
auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine
wächserne zu machen, und das störrige Roß seines Gewissens in ein
folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Höhe wollte ihm
zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zügel, an
dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Führung gewohnt war, zu
leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und -- vor das
Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem
feurigen Schwert.