Wie sich Licht und Schatten wende
Wechselnd in der Völker Loos,
Knechtschaft zieht die Freiheit groß,
Unrecht schlägt die eignen Hände.
Als Hold in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Mander und Oswald dort
vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken für die bewiesene Fürsorge,
teils um zu sehen, ob für ihren Aufenthalt auf der Hallig die
Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie
ihnen nicht ganz fehlen würde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe,
und das Aeußere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des
Gärtners auf ihrem ländlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war,
diente nicht dazu, ihre Erwartungen höher zu spannen. Einfachheit und
Beschränktheit schienen hier die genügsamen Schaffnerinnen gewesen zu
sein. Reinlichkeit mußte den Glanz, Nettigkeit die Schönheit, gefällige
Anordnung die Fülle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer
Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen
Stoff so lange als möglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch
kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blühten Mutter
und Tochter in der Fülle der Gesundheit: und der Eindruck, den das
herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht
allein durch die angenehmen Züge ihres Gesichtes und ihre gefällige
Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frühereren Umgang
in höheren Kreisen verratendes Wesen erhöht. Oswald ward dadurch ganz
irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte
Verdeckung der gewiß erwarteten Verstöße und durch freundliche
Herablassung zu den beschränkten Vorstellungen und trivialen
Lieblingsgesprächen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er
voraussetzte, sehr eng sei, hier großes Lob zu ernten, nun aber bald
merkte, daß es für ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den
rechten Umgangston für eine unter solchen eigentümlichen Umständen
gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete
Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schätzen wußte,
fand sich davon nicht wenig überrascht bei der ebenfalls von ihm
vorgefaßten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder überlästige
Höflichkeit zu stoßen. Nach den ersten Begrüßungen suchte er daher mit
geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob
sie sich in dieser ihrer Lage wohl glücklich fühlen könne?
»Das ist eine Gewissensfrage,« erwiderte sie lächelnd. »Wir Frauen
hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die
Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise
des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und
weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern
Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren
Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem
Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in
die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt,
wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von
den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.«
»So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem
Gatten?«
»Ich habe,« sprach sie, »nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen
Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden.
Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung,
wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an,
ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und
ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre
lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von
selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten.
Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der
Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses
hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt
und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene
Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das
häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren
Entbehrungen.«
»Aber unbegreiflich ist es mir,« sagte Oswald, »wie der Pastor sich hier
wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich
bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?«
»Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland
zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen
Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und
erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer
Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.«
»So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt
entbehren muß?« bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das
kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.
»Sie meinen,« lächelte die Pastorin, »weil Ihnen da die Titel arabischer
und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit
her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen
Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende
Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene
Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die
frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen
dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel
bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.«
»Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,« sagte Mander, »bei
dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen
Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit
der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der
Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner
Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt
ist.«
»Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,« entgegnete die Pastorin
mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als
vor fremde Ohren gehörte, »etwas für die Befriedigung des
wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und
meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten
Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr
und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die
Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in
der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt
der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe
der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast
nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.«
»Wie!« riefen Mander und Oswald erstaunt, »der Geistliche ist
verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?«
»Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir
thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintönige
Buchstabieren anhöre und dabei einen Blick auf diese Bücher werfe. Aber
Hold weiß sich ganz darein zu fügen und geht eben so munter in die
Schulstube hinein, wie er aus derselben zurückkehrt. Auf allen Halligen
ist übrigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.«
»Aber ich würde mir einen Gehülfen halten,« sagte Oswald etwas
unbedachtsam.
»Dieselbe Ursache,« erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte
und leise errötete, »welche jene Verbindung nötig macht, erspart uns
auch den Gedanken an einen Gehülfen für die Schule.«
Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser
Unterhaltung befreit, die für sie etwas peinlich geworden war, da Frauen
überhaupt noch weniger als Männer dazu geeignet sind, die beschränkte
Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als
möglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.
Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wußte
ihren Dank für Das, was auch er für ihre gastliche Aufnahme auf der
Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr
danken müßte, daß sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der
Welt draußen zu erzählen.
Während nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von
Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen
Fällen für seine Gäste hat, und was er den größten Teil der Woche
hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur genießt, hatten
die Männer im raschen Laufe des Gesprächs schon fast die ganze Erde
umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf
den luftigen Höhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der
Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in
Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die
verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie
zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht
abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben
und den entscheidenden Einfluß einer richtigen Beantwortung auf das Wol
und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen
Geistes in der seither versuchten Lösung dieser Lebensfragen bewundern,
dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lösung
gefruchtet.
Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in früheren Zeiten oft
die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der
Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten
Stände und Stämme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt
und zugleich für den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler
Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch über den
Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch
immer wieder zu derselben zurück.
Hold sagte, als er dies bemerkte:
»Es ist immer eine ärmliche Zeit, die keinen über die nächste Wand
hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brütet
einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben,
eine jämmerliche Nützlichkeitsprosa aus. Ueber dem täglichen Verkehr,
über dem Dichten und Trachten für die Duodezwelt, die für Jeden eine
andere ist, muß ein Reich aufgethan sein, das Alle zuläßt, ohne nach Paß
und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten
Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe groß zieht. Aus
diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen
Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkürlich
hineingeraten, nicht ganz als bloßen Zeitvertreib verwerfen; obwol die
Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten
gegen einander geübt wird, mir die verächtlichste Mißgeburt ist, die ich
kenne.«
»Wie!« rief Mander voll Erstaunen, »müssen Sie nicht den Staatsmann
achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Völker und Länder abwägt;
der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu kombinieren weiß und
mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen;
der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten
Stürmen steuert und auf tausend Umwegen glücklich an's Ziel führt?«
»Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,« entgegnete Hold;
»aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen
haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu
seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in
die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der
Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen
spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und
auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen
Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem
Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des
Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die
Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann,
oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große
babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker
sättiget.«
»Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im
häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die
Leitung des Geschicks der Völker übertragen?«
»Ja wol will ich das,« erwiderte Hold mit großem Eifer. »Gerechtigkeit
und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt
werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten
lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit
Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die
Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang
sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des
Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke
ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er
nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes
als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der
kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese
ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder
Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur
Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn
Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu
geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat
eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt
wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der
Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder
losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen
große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem
Meisterstück der Diplomatie.«
»Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.«
»Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin,
der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa's
schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die
Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten
gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?«
»Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,« erinnerte
Oswald. »Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die
Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der
Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven
eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am
Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.«
»Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes
Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die
natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik
seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu
solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel
tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende
Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle
nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen
einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde
bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur
Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich
zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten
und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in
welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag
nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette
aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche
Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die
diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so
sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen
begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge
hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht
der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne,
und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches
Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher,
als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller
Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?«
»Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen
Napoleon erinnern,« rief Oswald, »in welchem auch mein Vater
mitgestritten hat.«
»Gerade jener Kampf spricht für mich,« entgegnete Hold. »Es war für die
unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der
sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser
Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben
politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer,
geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die
Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen,
das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über
Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur.
Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum
Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein?
Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die
Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie
nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das
Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?«
»Sie mögen darin Recht haben,« erwiderte Mander; »jedoch werden Sie auch
zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den
Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur
durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende
Politik entgangen ist.«
»Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist,
daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die
Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt.
Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und
vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang
gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns
haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht
behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der
Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und
in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste
Treue vor Augen gehabt hätten.«
»Das möchte ich doch Keinem raten,« meinte Oswald, »so lange nicht die
Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es
nie kommen.«
»Und warum sollte es nie dahin kommen?« antwortete Hold. »Was wahr und
recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine
Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen.
Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen
finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau
und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich
zu machen für die gute Saat. Aus all' dem Irren und Wirren hienieden
wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens
hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem
Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in
den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her
wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei
Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen
Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das
andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst
nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten
übervorteilen, wie Du kannst!«
»Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,« sagte Mander
lächelnd, »nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde
nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung
der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr
erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß
eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen
Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen
deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern!
Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten
der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur
Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren,
welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der
Schwächern unter ihnen!«
»Und davon,« entgegnete Hold, »wollten Sie eine Anwendung auf die
Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das
Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die
Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche
alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das
irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den
Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit,
die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?«
»Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht
auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?«
»Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch
die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn
zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen
Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war
von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über
jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen
in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor
ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium
durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst
ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der
Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in
der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte
Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen
Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man
eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half
zum Aufbau der bessern Zeit.«
»Und doch,« bemerkte Oswald, »haben die scheinbar verderblichsten Kriege
auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.«
»Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die
Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber
dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet
werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene
heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.«
Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach
ihn hier lächelnd, indem sie sagte: »Die Dünste meines Thees würden auch
längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie
nicht so friedsamer Natur wären.«
Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gespräch
fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene
Urteil gegeben, das nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht,
und keinen Blick weit über den Anknüpfungspunkt hinüberwagt; doch hörte
er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wünsche übrig
lassenden, beschränkten Lage nur von Idealen für die Menschheit träumte,
und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als nötig war, um Hold im
Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche längst
entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.
»Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum
Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Männer der
Wissenschaft die höchste Bedeutung haben müssen.«
»Es giebt nur eine Wissenschaft,« erwiderte Hold, »von der das wahre
Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der
Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles
gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser
Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere fördert in
dem Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gott, in der heiligen Lust an
Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem
Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen
in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich
trägt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, daß sie eine Gestalt
gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.«
»Auf diese Weise,« bemerkte Mander, »hätten alle Wissenschaften nur eine
Aufgabe; während sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz
verschiedene Richtungen einschlagen.«
»Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen,« war Hold's Antwort. »Die eine
Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern
Bestrebungen der Wißbegierde sind nur die Träger der Strahlen dieser
Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie
diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden
sie sich in Wüsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber
sie werden doch auch ihr Wissen vollständiger entwickeln, klarer
durchbilden und fester begründen und dadurch reifen in der Erkenntnis
ihres wahren Berufes und in der Zurückführung alles Wissens auf die eine
Wissenschaft. Je vollständiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind,
desto sicherer werden sie auch zurückgemessen und dienen dann nur als
Wegweiser auf den rechten Weg.«
»Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.«
»Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur
die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen
hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den
Brennpunkt der einen göttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das
reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein
Theologe sein, indem er all' sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit
und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine
Hoffnung durchleuchten und durchläutern läßt von der wahren
Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott führt. Nur daß der
eigentliche Theologe nicht allein, was _sein_ Leben bewegt, sondern die
Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten
und aller Völker in das Licht und Gericht der göttlichen Weisheit stellt
und dadurch an Schärfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens
seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen
des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen
Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der
Blinden, zum Lehrer der Ungeübten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum
Tröster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgültigen
und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche für sich selber das
Heil verschmähen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach
unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der
andern Klasse gehören, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an
dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft für sich selbst je fehlen
lassen, keine Gelegenheit versäumen, zu reifen in aller Erkenntnis,
Tugend und Gottseligkeit.«
»Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden,« fragte Mander, »auf die
wir Alles zurückführen und an der wir Alles prüfen sollen?«
»Sie ist nicht da und kann nicht da sein,« entgegnete Hold, »wo Irrtum
und Täuschung wenigstens möglich sind, in keinem System der Philosophie.
Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschöpft werden.«
»Ich möchte mit der Frage des Pilatus,« sagte Mander, nicht ohne eine
schmerzliche Bewegung zu verraten, »Ihnen antworten: was ist Wahrheit?«
»Das Wort Gottes!« sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises
Kopfschütteln des alten Mander und ein fast spottendes Lächeln seines
Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhörer befriedigt
habe.
Oswald erinnerte jetzt, daß es schon spät geworden sei, und die Gäste
schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu
wiederholen.