Der Geist mag sich im Werk verkünden,
Das schöpferisch er Dir enthüllt,
Die Macht kann sich ein Zeugnis gründen,
Das mit Bewundrung Dich erfüllt.
Willst Du nach einem Herzen fragen,
Dem Deine Thräne nicht zu klein:
Da muß das Herz an Deinem schlagen,
Muß mit Dir dulden, mit Dir tragen,
Da muß Dein Gott Dir Christus sein.
Am Nachmittag nach eingetretener Ebbe begannen die Versuche zur Bergung
der Güter aus dem Schiffe, wobei Mander und Oswald mit beschäftigt
waren, Godber aber nicht, indem Idalia rund heraus erklärte, daß sie
seine Hülfe nicht entbehren könne, wenn die Herren eine ruhige Nacht
wünschten.
Hold war zu Maria's Wohnung gegangen, um ihr seinen Glückwunsch zu der
Wiederkehr ihres Verlobten zu bringen. Wie ganz anders traf er es da,
als er erwartet hatte. Maria in Thränen schwimmend, ihre Mutter
ängstlich um sie her trippelnd, und bald schmeichelnd tröstend, bald
eifrig darein redend von Unverstand und Wunderlichkeit.
»Gott Lob!« rief diese, als sie Hold erblickte, »Gott Lob! Herr Pastor,
daß Sie kommen! Ich weiß nichts mehr mit dem Mädchen anzufangen. Da
kommt sie diesen Morgen, deckenhoch springend, vor mein Bett gejubelt:
Godber ist da! daß ich alte Frau noch den Schreck in allen Gliedern
fühle, und nun sitzt sie, seit ich vom Strande zurückgekommen bin, bis
jetzt laut weinend und schluchzend auf diesem Flecke, weil sie sich
einbildet, die fremde Stadtdame, die wunderlich genug aussieht in
unserer Tracht, habe mit ihren langen Locken ihm den Kopf verrückt. Als
ob so ein schiffbrüchiges Milchgesicht das hübscheste und fleißigste
Mädchen in der ganzen Hallig so mir nichts dir nichts bei ihrem
Verlobten ausstechen könnte.«
Und nun erzählte sie, immer dazwischen wieder sich zu der jammernden
Maria wendend, Alles was sie von der Armen nach und nach, obwohl ohne
rechten Zusammenhang, erforscht hatte, und das freilich in ihrem Munde
und mit den mildernden Deutungen, die sie dem Benehmen Godber's
unterlegte, nicht geeignet war, den Pastor von der Untreue desselben zu
überzeugen. Doch war er auch zu sehr davon überrascht und ergriffen, ein
Herz trostbedürftig zu finden, dessen Jubel er zu einem freudigen
Dankgebet hatte leiten wollen, als daß er nicht mit mehr Ernst, denn
sonst wohl, in Maria's Vorstellungen eingegangen wäre. Er glaubte
zugleich zu ihrer Beruhigung besser wirken zu können, wenn er ihrem
aufgeregten Gefühle keinen Widerspruch entgegensetzte, und sagte daher:
»Wir wollen einmal annehmen, liebe Maria, daß Deine Liebe zu Godber
nicht _mehr_ in seinem Betragen erblickte, als darin lag, daß die
natürliche Teilnahme, die er für die durch ihn Gerettete haben muß,
weiter geht, als Du wünschen kannst, wird er nicht, wenn der erste
lebhafte Eindruck vorüber ist, zu der Treue zurückkehren, die er Dir
gelobte? Wird er nicht bald sein Herz wiederfinden, das, wie Du aus
seinen Briefen weißt, neun Jahre in der Ferne nur allein für Dich
schlug, obwohl ihm gewiß schon manche reizendere Gestalt als diese
Fremde entgegentrat?«
Maria schüttelte schweigend den Kopf.
»Wenn auch,« fuhr Hold fort, »in diesem Augenblick die Zuneigung der
jungen Stadtdame für Godber vielleicht über die Grenzen der Freundschaft
und Dankbarkeit hinausgeht, ist damit schon eine ernsthafte Liebe gewiß?
Willst Du von ihr verlangen, daß sie, aus der drohendsten Todesgefahr
durch ihn gerettet, sogleich ihre Gefühle auf das Maß beschränke, das
sie in der Zukunft bewahren müssen und werden? Diese lockende Sprache
und dies verführerische Benehmen, wodurch sie Dir jetzt so viel Weh
bereitet, werden sich früh genug zu einem freundlichen Dank, zu einer
besonnenen Berücksichtigung der Verhältnisse zurecht finden, und Godber
wird, vorausgesetzt, daß Du sein Betragen an diesem Morgen recht
beurteilst, gar bald sich als das thörichte Gängelkind einer flüchtigen
Aufregung erkennen.«
Maria antwortete noch immer nicht.
»Aber was reden wir weiter davon,« schloß des Tröstenden Zuspruch; »ist
denn Dein Glaube an Godber's Liebe nicht fester, als daß ein Augenblick
ihn erschüttern kann? Ist Euer Bund nicht geschlossen unter dem
Aufschauen auf Den, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche?
Und sollte der Gott, der ihn nach neun Jahren aus jeglicher Gefahr zu
Dir heimgeführt, nun nicht auch ferner wachen, fördern und helfen zu
einem glücklichen Ende? Gieb Deine Zukunft hin in des Herrn Hand; Er
wird's wohl machen nach Seinem weisen und gütigen Rat und Willen!
Befiehl Ihm Deine Wege. Er ließ noch Keinen ohne Trost und Hoffen, der
ihm vertraute.«
»Amen!« sagte die Mutter, die ihre Hände andächtig gefaltet hatte; aber
Maria konnte nicht Amen sagen, und schluchzte nur noch lauter, bis sie
in die Worte ausbrach: »Er hat mein Gebet verworfen und mein Vertrauen
nicht angesehen!«
»Kind, frevle nicht!« rief die Mutter ängstlich, und: »Gott behalt' ihr
die Sünde nicht!« flehte sie mit emporgehobenen Händen, indem die
Thränen ihr von den gefurchten Wangen perlten.
Hold sah zu seinem Erstaunen, zu welcher Leidenschaftlichkeit plötzlich
Maria's Liebe gestiegen sei, die während der langen Trennung und bei
Godber's gefahrvollem Leben auf der See so ruhig geblieben war. --
Fließt denn nicht auch der kleine Bach der Flur, wie unter des Himmels
Stürmen, so im Sonnenschein, gleich ruhig dahin? Von einem rauhen Stein,
in seine Bahn geworfen, aber schäumt er heftig auf. -- Es konnte hier
nicht mehr die Rede davon sein, ob ihre Ansicht falsch oder wahr sei;
sondern eine rasche und starke Hülfe that ihrer Seele not. Er faßte
daher Maria's herabgesunkene Rechte und sprach in einem ernsten und
ruhigen, aber eindringlichen Tone:
»Wehe den Herzen, die an Gott verzagen, und den Händen, die nicht
festhalten! Wir aber schauen auf Jesum Christ, den Anfänger und
Vollender des Glaubens. Er kam, den Frieden zu bringen auf Erden. Er
hatte nicht, wo er Sein Haupt hinlegte. Er wurde von Seinen Feinden
geschmäht, von Seinen Freunden verraten. Er weinte blutige Thränen auf
Gethsemane, trug die wundenvolle Dornenkrone und war gehorsam bis zum
Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Er hat's vollbracht! Zu Ihm kommen die
Mühseligen und Beladenen und empfangen den Frieden, Seinen Frieden. Was
wollen wir weinen und klagen in unserm Leid beim Gedächtnis Seiner
Leiden für uns? Was wollen wir weinen und klagen um unser kurzes,
vergängliches, irdisches Teil? Haben wir denn nicht mehr empfangen, als
die Welt uns nehmen kann? Haben wir nicht Teil an Seinen Segnungen und
in diesen den Reichtum der Gottseligkeit, die zu allen Dingen nütze ist
und die Verheißung hat _dieses_ und des zukünftigen Lebens? Ich aber
hebe meine Augen hinweg von der Welt auf zu der Höhe und frage: was ist
der Mensch, o Gott, daß er mehr erbitte, als Deinen Willen, mehr
begehre, als Deine Liebe, die sichtbarlich geworden ist auf Erden, und,
selbst mit dem bittersten Leid getränkt, freundlich naht dem Herzen voll
Gram und spricht: »Sieh mich an und weine nicht! Der Himmel ist Dir
offen!« Die aber der Welt Unruhe und Kümmernis scheidet von Christo und
Seiner Liebe, die kreuzigen Ihn auf's Neue und verderben sich selber.
Darum gieb Ihm Dein Herz und bewahre Ihm Deine Treue; und die Stunde in
die Du gekommen bist, wird Dich nicht überwinden, sondern durch den
Schmerz der irdischen Liebe Deine Liebe zu dem Heiland nur geläutert,
erhoben und verkläret werden. Die mit Thränen säen, werden in Freuden
ernten!«
Und nun Maria's Hand in seiner gefalteten erhebend, während sie lautlos
in die Knie sank, rief er:
»Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heißt im Himmel und auf Erden,
hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen.«
Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre
Thränen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und
das Auge, in welchem noch die letzte Zähre schwamm, nach Oben richtend,
die Hände über die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck
befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone:
»Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe!« Nun gab sie voll Zuversicht
ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn
Hand zu stellen und nur für sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen
in den Tagen ihres Alters.
Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter für
seine Tröstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren
es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer
solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu
erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung
zurückhaltend, bat noch den Pastor unter der Thür, doch bei Gelegenheit
ein ernstes Wörtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich
vorgenommen.
Auf dem Heimwege dachte Hold darüber nach, warum die Hinweisung auf
Christum augenscheinlich so mächtig auf die Bekümmerte gewirkt. Er
glaubte diesen beruhigenden Einfluß nicht allein daraus ableiten zu
müssen, daß das Gedächtnis des Herrn in ein höheres Reich einführe, in
welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Träume
erscheinen, sondern auch darin finden zu dürfen, daß der Friedefürst und
Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone
erscheint.
Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als
eine Entwürdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein
kindlich gehorsames Herz sich bewahrte für das Wort des ewigen Vaters.
Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedürfnis der schwachen
Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine
Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren
Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der
niedern Luftschicht seinen Flügeln allein die Schwungkraft geben kann,
mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht
von dem: »Wer mich siehet, der siehet den Vater« ausgehet, wird der
Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist
sich aufringt, für den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern
zu dessen eigentümlichem Wesen und Sein es gehört, so daß er, wenn auch
diese Erdenhülle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklärten Leib
gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefühl der Andacht den Menschen
hinauftragen zu den himmlischen Höhen, und, den blöden Sinn
überwältigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit
und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wäre, so verliert
er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine
feste Ruhestätte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht
ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und
Gefühle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden
gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er für die
schmerzlichen Gefühle, die ihn bewegen, keinen Anknüpfungspunkt findet
und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit
er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu
ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In
Christo sind diese Enden verknüpft. In Ihm sieht der Leidende den
friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht
seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben
Blick den Sieg, der die Welt überwindet, den Frieden, der vom Himmel
stammt und zum Himmel führt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum
Vater geebnet. Sie ist kein plötzlicher Aufschwung mehr über den Abgrund
seines Kummers hinweg, sondern ein allmäliger Uebergang aus den Dornen
in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Höhe. Er trägt, indem er mit
dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit
hinauf und fühlt darum die heilende Hand näher und gewisser. Auch in
diesem Sinne ist es wahr: »Niemand kommt zum Vater, denn durch den
Sohn!«
Heiland, Deine bangen Schmerzen
Auf der dornenvollen Bahn
Lassen jedem wunden Herzen,
Ein vertrauter Freund, Dich nahn!
Heiland, Deine Siegesfreuden
In der Schmach und in der Pein,
Leuchten auf den Quell der Leiden
Mit des Himmels Wiederschein.
Tau aus ew'gem Lichtgebiete,
Zähren, wie die Erde weint:
Perlen, ihr an einer Blüte,
Trank in einem Kelch vereint;
Abgrund, den die Nacht geboren,
Kreuz, voll Marter und voll Hohn:
Zur Verherrlichung erkoren,
Lebenswiege, Friedensthron!
Ja, die Scheidung ist gefallen,
Und verklärt der Erde Leid.
Aufwärts darf der Seufzer wallen,
Gilt er auch dem Traum der Zeit.
Fand mein Schicksal andre Gleise?
Welche Wandlung ist gescheh'n?
Sieh', der Freund entführte leise
Hin mich, wo die Palmen weh'n.