Weiter ging ich und sah nur noch, wie der Mann im Felde freundlich
nickte, als ich dem armen Mädchen, schamrot über die geringe Gabe, zwei
Silberstücke gab. Wie viel mehr hatte er gegeben! -- Immer schöner
entfaltete sich die Gegend vor meinem Blicke. Wie ein Garten Gottes lag
sie da, gekleidet in Seiner Schöne, erfüllt mit dem Reichtum Seiner
Herrlichkeit, träufelnd von dem Segen Seiner Güte und duftend in dem
Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schützender Gebirge, deren freie
Gipfel aus der Tannenwaldung sich erhoben, hier das weiche Grün
kräuterreicher Weiden, auf denen die gesättigte Kuh ihre breiten Glieder
in den Klee streckte, während das mutige Roß im geflügelten Lauf seine
Kräfte übte. Tiefer hinab der schlängelnde Strom, dem fremden Segler
nach den Gefahren des Oceans eine willkommene Straße und dem Fischer am
Ufer eine Quelle genügsamen Reichtums. Weiter ging ich, doch nur bis zu
der breitästigen, dichtbelaubten Eiche am grünen Hügel. Da drang es, wie
eine Stimme aus der Höhe überwältigend in mein Herz: »Sehet und
schmecket, wie freundlich der Herr ist!« Mein Fuß hatte in diesem Tempel
Gottes den Altar gefunden, an welchem Keiner vorübergehen kann, ohne ein
Opfer der Bewunderung und des Dankes gegen Den, dessen Werke so groß und
so viel, der sie alle weislich geordnet und die Erde erfüllet mit Seinen
Gütern! Und es dauerte lange, ehe ich, froh und verklärt, wie Einer,
dessen Glaube zum Schauen geworden ist, dem Hause am Fuße des Hügels
mich nahte. Mit seinen roten Ziegeln ragte es weit über die schattenlose
Anpflanzung ausländischer Sträucher hervor, und in seiner Größe
verdeckte es fast ganz das dahinterliegende Dorf. Die Inschrift: »Zum
ländlichen Vergnügen,« prangte in goldenen Buchstaben über der Thür. Auf
dem Vorhofe hielten mehrere Karossen, und reichbordirte Livreebediente
zechten und lärmten auf der nahen Kegelbahn. Die Gäste drinnen aber
vergnügten sich mit lautem Geräusch am Billard, und als ich ein stilles
Nebenzimmer suchte, trafen mich die finstern Blicke gestörter
Kartenspieler. Vor ihrem unfreundlichen Murren flüchtete ich in eine
andere Stube. Hier aber saßen viele Herren und Damen und blätterten in
Journalen und Modezeitungen, bis die Abbildung eines Pariser
Maskenanzuges alle Blicke auf sich zog, und allerlei sehnsüchtige
Ausrufungen und witzige Bemerkungen hervorriefen. Doch störten diese die
eine junge Dame nicht, die selbstgefällig eine Arie aus Fra Diavolo am
Fortepiano mit heller Stimme sang. Wie sie aber aufstand, drängte sich
Alles an sie heran, ihrem entzückenden Gesange und kunstreichen Spiele
zu huldigen.
Da kam mir der Garten Gottes rings um dies »ländliche Vergnügen« her in
den Sinn, und ich dachte: »sie sind schon gerichtet!«
Plötzlich rief eine Stimme aus dem Fenster: »Singe Du uns auch einmal
etwas vor!« und als Alle nun sich dahin wandten, blickte auch ich mit
auf die Straße. Da stand das Mädchen vom Wege. Sie hatte auf den Gesang
gehorcht und wollte sich eben scheu wegschleichen, erschreckt über die
Aufmerksamkeit, die sie erregte. Doch der eine Herr zeigte ihr eine
Silbermünze und befahl ihr zu bleiben und zu singen; während der Reiter,
den ich vom Wege her wieder unter den Gästen erkannte, mit finsteren
Augenbrauen und drohender Stimme ihr zurief: »Pack' Dich, Dirne!« »Nein,
sie soll singen!« forderten die Uebrigen. Der Reiter aber warf einen
Thaler vor sie hin auf die Straße und schrie noch einmal: »Weg mit Dir!«
Da riefen die Andern einen Diener, der ihr den Weg versperren mußte, und
wollten sich den köstlichen Spaß nicht nehmen lassen, den Knittelvers
irgend eines Gassenliedes von den Lippen der zagenden Unschuld zu hören.
»Ich kann nicht singen,« stammelte ängstlich die Kleine. »So sag' uns
ein Lied her, das Du weißt! Eher darfst Du keinen Finger nach dem Thaler
ausstrecken.« Das Mädchen blickte nach dem Gelde, das zu ihren Füßen
lag, dann nach dem Reiter, der sich aber mürrisch vom Fenster weggezogen
hatte, und begann endlich mit zitternder Stimme:
Wer nur den lieben Gott läßt walten
Und glaubensvoll -- --
Aber bei dem schallenden Gelächter, das diese Worte hervorriefen,
schreckte das arme Mädchen zusammen; in ihre Wangen schoß die volle Glut
der Scham auf, und wie ein gejagtes Reh floh sie über die Straße hinweg.
Den Thaler nahm der Diener zu sich und eilte der Schenkstube wieder zu.
Die aber drinnen flehten nach diesem Intermezzo bei der Kunstbegabten um
eine Arie aus: Robert der Teufel.