So güterreich,
Und doch so arm;
So künstlich heiß,
Und doch nicht warm;
So überfein,
Und doch so roh;
Genuß und Spiel,
Und nimmer froh;
Nur Glanz und Pracht,
Kein Morgenrot:
Fehlt da zum Schluß
Denn noch der Tod?
Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold
eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf
der Hallig angestellt, doch schon aus Maria's Erzählungen kannte,
freundlich begrüßte.
Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht geräumig
genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere
der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben
Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mußte. Als nun Godber
mit dem Vorschlage hervortrat, seine väterliche Wohnung, die ja ganz
unbesetzt sei, mit den notwendigsten Möbeln und Geräten für Alle
einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum für
die zu bergende Ladung darböte und die Anwesenden auf das
Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen,
entschied sich Idalia sogleich für die Annahme. Sie sprach unter
fröhlichem Händeklatschen laut ihren Jubel darüber aus, dort als
regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes
häusliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander
fand es aber passend, eine ältere und erfahrenere Martha um ihre
Mithülfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia,
nebst einer bejahrten und verständigen Frau von der Hallig, in Godbers
Wohnung ein und die Andern verfügten sich nach ihren verschiedenen
Häusern, um dort das Notwendigste für die ersten Bedürfnisse der fremden
Familie auszuwählen.
Für diesen Tag war Idalia vollauf beschäftigt, um, so weit es die
Umstände erlaubten und die empfangenen Sachen es zuließen, Alles auf das
Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mußte hier ein
Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerückt werden, und
es gehörte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um
ihrer Gefährtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden
Veränderungen nicht den übernommenen Dienst zu verleiden. Godber
lächelte innig vergnügt über diese Geschäftigkeit, und putzte nach
Idalia's einander drängenden Anordnungen an der Reinigung und
Ausschmückung der Stuben mit, als gelte es, die Kajüte des Kapitäns für
den Empfang vornehmer Gäste zu bereiten. Mander selbst freute sich über
dieses früher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem
Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, daß der
Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt würde, und verglich seine
Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput
vorwarf: »Sie werden ja immer confuser!« rasch antwortete: »Nein, ich
ordne nur meine Gedanken!«
Es möchte hier Zeit sein, einen nähern Blick auf des jungen Mander's
Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und
ärmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens
Einfluß hat, und die der Erhebung über die Welt des Genusses nicht fähig
sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, daß unser Urteil
über ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststände. Vielmehr, obwol
beinahe zwei Jahre jünger als seine dreiundzwanzigjährige Schwester, war
doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens,
sondern wie sie Berechnung und Gefühl also verschmolz, daß auch der
erfahrenste Menschenkenner oft schwer hätte unterscheiden können,
wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst
jene Unterscheidung nicht leicht möglich gewesen wäre, so vereinte sich
bei ihm ein Herz, fähig der wärmsten Empfindung für alles wahrhaft Große
und Schöne, mit der fast ausschließlichen Richtung seines Lebens auf das
sinnliche Gefallen und körperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose
Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob
er nichts Höheres kenne über des Leibes Wolsein und der Sinne Ergötzung
hinaus; nein, er gehörte zu dem Schwarm junger Großstädter, die es
Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens
in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an
Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Bälle und Liebschaften Raum haben.
Er war noch zu jung, als daß jene Philosophie, die Ausgeburt eines
gefallenen Geistes, der das Gemälde seiner Erniedrigung übertünchen und
die Stimme des Gewissens übertäuben wollte, dadurch, daß er für seine
Tierheit den Namen System mißbrauchte, in ihm so feste Wurzel gefaßt
haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu überwuchern und zu
ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jünger zu den Füßen dieser
Seelenverkäuferin gewesen, um sich nicht selbst zu überreden, daß er
ganz das sei, wofür er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das
Ansehen behaupten zu können, ein Meister in der Kunst der Erbärmlichkeit
zu sein. Natürlich mußten Stunden im Leben, wie die auf der stürmenden
See, ihm seine Blöße zeigen; aber eben darum bemühte er sich nur desto
mehr, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen und den Eindruck, den in
solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf
ihn und Andere gemacht haben könnte, durch eine schnelle Rückkehr in das
alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des
gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach.
Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus
dem drohendsten Untergang mehr eine widernatürliche Anspannung seiner
Kräfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere überreden mochte,
ein Zeugnis seines leichten Sinnes.
Es gehört die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu
wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen
und Herren, denen im Besitz und Genuß aller Güter des Lebens nur Eines
fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt
sich die Wahrheit des Wortes Christi: »wer nicht glaubet, ist schon
gerichtet!« Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der
Fülle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwünschung wirkt schon die
Zeichnung eines ihrer »himmlischen« Tage auf das Gemüt. Diese
stundenlange Toilette mit allen ihren jämmerlichen Künsten und dabei das
Entzücken über eine wolgelungene Schleife, über die Zier eines
neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel,
dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche
gegeben oder angenommen, Gespräche in nichtsmeinenden und nichtssagenden
Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper,
an dem letzten Ball mit einer Zähigkeit haftend, als ob man sich es
bewußt wäre, daß darüber hinaus aller Gedankenvorrat erschöpft sei.
Glücklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman,
oder ein Körnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden
fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlösen und
das Lob eines interessanten Gesprächs auf die Sprecher zurückspiegeln.
Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute
Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und
Cholera, Volksaufständen und Militärparaden in demselben Gemenge zu
reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo
die schmelzendsten Töne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der
zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf
die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein
auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, während
dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den
Staub einer schwindsüchtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte
Fünkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das künstlich
erregte Blut mit dem künstlichen Eise wieder zu dämpfen. Und dieses
Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Glätte
und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen,
sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und
Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und
roheste Uebertreter aller göttlichen und menschlichen Gesetze noch ein
Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er
auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und
umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom
Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes
Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken
soll, da muß auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht
ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfüllten
Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen
feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre
Leichengerüche zu als Nahrung für Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben
entgegen, so wenden sie sich verächtlich ab, als hätten sie Moder und
Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre
Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit.
So sind sie, wenn auch für den nur obenhin Schauenden mit lieblicher
Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume
des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne
Sehnsucht wieder hinauf zu der grünen, frischen Krone.
Hold mochte, als er später den jungen Mander näher kennen lernte und
sich die eigenen in großstädtischen Kreisen gemachten Erfahrungen
vergegenwärtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht
haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas
auffallenden Titel: »Gesichte« gegeben hat, und woraus wir vielleicht
noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem
auch folgendes Gesicht:
Ich sah ein kleines Mädchen mit allen Zügen des Hungers auf den bleichen
eingefallenen Wangen und mit der Blöße der tiefsten Armut angetan, am
Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwölf Jahre sein, aber ihr Körper
war klein und schlaff, wie das kränkelnde Gewächs eines Treibhauses. --
Und ein Weib, reinlich aber ärmlich gekleidet, am Busen einen lächelnden
Säugling und an der Hand einen hüpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem
Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mädchens am Wege; sie
ließ die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie
ging vorüber und schritt über einen Steg auf das Feld zu einem
arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schweiß von
der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, während der Knabe
für ihn die Flasche aus der nahen Quelle füllte. Da sah das Mädchen am
Wege hinüber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hälften und
trat hin und gab der Hungrigen die eine Hälfte. Sie dankte ihm mit der
Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der
Blick des Mannes noch einmal über die ganze Gestalt hin und er legte nun
auch die andere Hälfte des Brotes in ihren Schooß. Das Mädchen vergaß
ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er über den Graben
zurückschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand über die Augen, als
weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schürze sorgsam den Schweiß von
seiner Stirne, und es schien mir auch, daß sie ihn küßte. Da setzte er
sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen
stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lächelnden Säugling.
Eine Karosse fuhr unterdessen vorüber auf dem Wege, und die darinnen
wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hörte nur
noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme
Stück: die Waise.