V.

So güterreich,

Und doch so arm;

So künstlich heiß,

Und doch nicht warm;

So überfein,

Und doch so roh;

Genuß und Spiel,

Und nimmer froh;

Nur Glanz und Pracht,

Kein Morgenrot:

Fehlt da zum Schluß

Denn noch der Tod?

Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold

eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf

der Hallig angestellt, doch schon aus Maria's Erzählungen kannte,

freundlich begrüßte.

Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht geräumig

genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere

der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben

Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mußte. Als nun Godber

mit dem Vorschlage hervortrat, seine väterliche Wohnung, die ja ganz

unbesetzt sei, mit den notwendigsten Möbeln und Geräten für Alle

einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum für

die zu bergende Ladung darböte und die Anwesenden auf das

Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen,

entschied sich Idalia sogleich für die Annahme. Sie sprach unter

fröhlichem Händeklatschen laut ihren Jubel darüber aus, dort als

regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes

häusliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander

fand es aber passend, eine ältere und erfahrenere Martha um ihre

Mithülfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia,

nebst einer bejahrten und verständigen Frau von der Hallig, in Godbers

Wohnung ein und die Andern verfügten sich nach ihren verschiedenen

Häusern, um dort das Notwendigste für die ersten Bedürfnisse der fremden

Familie auszuwählen.

Für diesen Tag war Idalia vollauf beschäftigt, um, so weit es die

Umstände erlaubten und die empfangenen Sachen es zuließen, Alles auf das

Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mußte hier ein

Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerückt werden, und

es gehörte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um

ihrer Gefährtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden

Veränderungen nicht den übernommenen Dienst zu verleiden. Godber

lächelte innig vergnügt über diese Geschäftigkeit, und putzte nach

Idalia's einander drängenden Anordnungen an der Reinigung und

Ausschmückung der Stuben mit, als gelte es, die Kajüte des Kapitäns für

den Empfang vornehmer Gäste zu bereiten. Mander selbst freute sich über

dieses früher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem

Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, daß der

Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt würde, und verglich seine

Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput

vorwarf: »Sie werden ja immer confuser!« rasch antwortete: »Nein, ich

ordne nur meine Gedanken!«

Es möchte hier Zeit sein, einen nähern Blick auf des jungen Mander's

Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und

ärmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens

Einfluß hat, und die der Erhebung über die Welt des Genusses nicht fähig

sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, daß unser Urteil

über ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststände. Vielmehr, obwol

beinahe zwei Jahre jünger als seine dreiundzwanzigjährige Schwester, war

doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens,

sondern wie sie Berechnung und Gefühl also verschmolz, daß auch der

erfahrenste Menschenkenner oft schwer hätte unterscheiden können,

wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst

jene Unterscheidung nicht leicht möglich gewesen wäre, so vereinte sich

bei ihm ein Herz, fähig der wärmsten Empfindung für alles wahrhaft Große

und Schöne, mit der fast ausschließlichen Richtung seines Lebens auf das

sinnliche Gefallen und körperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose

Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob

er nichts Höheres kenne über des Leibes Wolsein und der Sinne Ergötzung

hinaus; nein, er gehörte zu dem Schwarm junger Großstädter, die es

Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens

in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an

Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Bälle und Liebschaften Raum haben.

Er war noch zu jung, als daß jene Philosophie, die Ausgeburt eines

gefallenen Geistes, der das Gemälde seiner Erniedrigung übertünchen und

die Stimme des Gewissens übertäuben wollte, dadurch, daß er für seine

Tierheit den Namen System mißbrauchte, in ihm so feste Wurzel gefaßt

haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu überwuchern und zu

ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jünger zu den Füßen dieser

Seelenverkäuferin gewesen, um sich nicht selbst zu überreden, daß er

ganz das sei, wofür er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das

Ansehen behaupten zu können, ein Meister in der Kunst der Erbärmlichkeit

zu sein. Natürlich mußten Stunden im Leben, wie die auf der stürmenden

See, ihm seine Blöße zeigen; aber eben darum bemühte er sich nur desto

mehr, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen und den Eindruck, den in

solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf

ihn und Andere gemacht haben könnte, durch eine schnelle Rückkehr in das

alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des

gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach.

Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus

dem drohendsten Untergang mehr eine widernatürliche Anspannung seiner

Kräfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere überreden mochte,

ein Zeugnis seines leichten Sinnes.

Es gehört die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu

wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen

und Herren, denen im Besitz und Genuß aller Güter des Lebens nur Eines

fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt

sich die Wahrheit des Wortes Christi: »wer nicht glaubet, ist schon

gerichtet!« Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der

Fülle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwünschung wirkt schon die

Zeichnung eines ihrer »himmlischen« Tage auf das Gemüt. Diese

stundenlange Toilette mit allen ihren jämmerlichen Künsten und dabei das

Entzücken über eine wolgelungene Schleife, über die Zier eines

neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel,

dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche

gegeben oder angenommen, Gespräche in nichtsmeinenden und nichtssagenden

Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper,

an dem letzten Ball mit einer Zähigkeit haftend, als ob man sich es

bewußt wäre, daß darüber hinaus aller Gedankenvorrat erschöpft sei.

Glücklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman,

oder ein Körnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden

fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlösen und

das Lob eines interessanten Gesprächs auf die Sprecher zurückspiegeln.

Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute

Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und

Cholera, Volksaufständen und Militärparaden in demselben Gemenge zu

reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo

die schmelzendsten Töne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der

zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf

die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein

auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, während

dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den

Staub einer schwindsüchtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte

Fünkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das künstlich

erregte Blut mit dem künstlichen Eise wieder zu dämpfen. Und dieses

Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Glätte

und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen,

sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und

Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und

roheste Uebertreter aller göttlichen und menschlichen Gesetze noch ein

Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er

auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und

umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom

Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes

Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken

soll, da muß auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht

ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfüllten

Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen

feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre

Leichengerüche zu als Nahrung für Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben

entgegen, so wenden sie sich verächtlich ab, als hätten sie Moder und

Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre

Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit.

So sind sie, wenn auch für den nur obenhin Schauenden mit lieblicher

Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume

des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne

Sehnsucht wieder hinauf zu der grünen, frischen Krone.

Hold mochte, als er später den jungen Mander näher kennen lernte und

sich die eigenen in großstädtischen Kreisen gemachten Erfahrungen

vergegenwärtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht

haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas

auffallenden Titel: »Gesichte« gegeben hat, und woraus wir vielleicht

noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem

auch folgendes Gesicht:

Ich sah ein kleines Mädchen mit allen Zügen des Hungers auf den bleichen

eingefallenen Wangen und mit der Blöße der tiefsten Armut angetan, am

Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwölf Jahre sein, aber ihr Körper

war klein und schlaff, wie das kränkelnde Gewächs eines Treibhauses. --

Und ein Weib, reinlich aber ärmlich gekleidet, am Busen einen lächelnden

Säugling und an der Hand einen hüpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem

Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mädchens am Wege; sie

ließ die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie

ging vorüber und schritt über einen Steg auf das Feld zu einem

arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schweiß von

der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, während der Knabe

für ihn die Flasche aus der nahen Quelle füllte. Da sah das Mädchen am

Wege hinüber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hälften und

trat hin und gab der Hungrigen die eine Hälfte. Sie dankte ihm mit der

Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der

Blick des Mannes noch einmal über die ganze Gestalt hin und er legte nun

auch die andere Hälfte des Brotes in ihren Schooß. Das Mädchen vergaß

ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er über den Graben

zurückschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand über die Augen, als

weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schürze sorgsam den Schweiß von

seiner Stirne, und es schien mir auch, daß sie ihn küßte. Da setzte er

sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen

stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lächelnden Säugling.

Eine Karosse fuhr unterdessen vorüber auf dem Wege, und die darinnen

wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hörte nur

noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme

Stück: die Waise.

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee · 第 7 / 33 题