Zu eng ward mir es in diesem Hause; und ich wandte meine Schritte auf
die Straße durch's Dorf entlang. In der Nähe einer der letzten Hütten
gellten die scheltenden Worte: »Du Bastard, komm mir nicht wieder unter
die Augen!« und eine alte, erboste Bäurin stieß die Kleine vom Wege aus
ihrer Thür. Die aber setzte sich auf einen Stein und weinte bitterlich.
Ich trat hinzu und suchte sie zu trösten, und fragte dann, ob sie von
ihren Eltern das Lied gelernt, das sie vorhin hatte aufsagen wollen.
»Von meinen Eltern?« und dabei blickte sie mich verwundert an; »die
Mutter schilt nur immer mit mir. Dem blinden Nachbar habe ich es an der
Thür abgehorcht, der singt es alle Abend.« -- »So versprich mir, jeden
Tag einen Vers aus diesem Liede für dich herzusagen, bis Du groß bist.«
Sie gab dieses Versprechen gern und weinte nicht mehr. »Hier ist auch
der Thaler,« fuhr ich fort, »als Lohn für dein Aufsagen am Fenster.« Die
Kleine griff hastig nach dem Gelde. »Dank, Dank!« rief sie, »nun kann
ich der Mutter eine Decke kaufen.« Da erfuhr ich, ihre Mutter sei schwer
erkrankt und sie ausgesandt, die Großmutter im Dorfe um eine warme.
Decke zu bitten. »Nun kann ich eine Decke _kaufen_!« mit diesen Worten
blickte sie halb trotzig nach der Hütte ihrer Großmutter auf, die sie
eben ausgestoßen. Da sah sie die Alte am Fenster und eilte freudig allen
Zwist vergessend auf sie zu, in der hochgeschwungenen Hand ihr den
Thaler entgegen haltend. Und diese Freude, wem galt sie? Der Mutter, die
immer nur schalt! -- »Hör', Kleine!« rief ich ihr nach. Und ich fragte:
»Hast Du nie Deinen Vater gekannt?« Das Mädchen blickte schüchtern um
sich her, als drohe ihr eine Gefahr; dann neigte sie sich näher zu mir
hin und flüsterte leise: »Vater ist reich und vornehm, aber ich darf ihn
nicht Vater nennen;« und noch leiser und mit einer Hastigkeit, als
fürchte sie sich vor ihren eigenen Worten, fügte sie hinzu: »Der war's,
der mir den Thaler zuwarf.«