Bringst Du zur Heimat wieder
Die alte Lieb' und Treu',
Dann laß Dich fröhlich nieder,
Es grüßt Dich Alles wieder
Mit alter Lieb' und Treu'.
Am andern Morgen war der Himmel klar und heiter. Hinter dem Deiche des
festen Landes tauchte eben die Morgensonne empor und warf neugierig ihr
Strahlenauge über die Halligen hin, um nach den Verwüstungen der
vergangenen Nacht zu sehen und zu fragen, ob noch Wesen übrig geblieben,
die ihres Lichtes sich freuten. Das Meer floß still und friedlich in
seiner gewohnten Bahn und schien den Menschen, in deren Ohr noch das
Wogengebrause der letzten Stunden nachklang, lächelnd zu sagen: Ihr habt
nur geträumt!
Godber, welcher trotz der Anstrengung, zu der ihn die im vorigen Kapitel
beschriebenen Gefahren genötigt hatten, wenig Ruhe fand, trat vor die
Thüre der freundlichen Wohnung. Die verschiedenartigsten Gefühle
bestürmten sein Herz. Da lag vor ihm der Boden seiner Hallig, nach dem
er an den blühenden Küsten Italiens, auf den reichen Fluren Hollands mit
solchem Heimweh sich gesehnt; der Boden, auf dem er allein sich
glücklich fühlen konnte, von dem sich jetzt wieder loszureißen ihm eine
Unmöglichkeit gewesen wäre. Für diese Heimat hatte er in der Fremde
gestrebt und gedarbt; der Gedanke an sie hatte ihn gespornt zur
unermüdlichsten Thätigkeit, zum willigsten Gehorsam, zum ängstlichsten
Eifer in Erfüllung aller seiner Pflichten; hatte ihn ferngehalten von
allen Vergnügungen seines Standes, ihn rastlos gemahnt zum sparsamsten
Haushalt. Jeder neue Beitrag zu seinem kleinen baaren Schatz, den er
stets bei sich getragen und daher auch jetzt gerettet, war immer der
Anfang eines lieben frohen Traumes von der Wiederkehr gewesen, dem er
sich an solchen Tagen oft Stunden lang in der Einsamkeit hingegeben. Nur
seine Begierde, sich zu unterrichten, sein Streben nach einer Bildung
über seinen Stand hinaus, konnte ihn verführen, seinen Schatz zuweilen
für diesen Zweck anzugreifen; aber er darbte dann auch nur desto
sorglicher, um solche Ausgaben bald wieder zu ersetzen. Nun hatte er es
erreicht. Dort stand seine väterliche Wohnung. Schauer des Entzückens
rieselten durch sein Gebein; Thränen der Freude brannten auf seinen
Wangen. Wer, selbst nicht Halligbewohner, diesen nackten Fleck, auf dem
das spärliche Gras von der letzten Ueberschwemmung her noch in
schlammigter Glätte niederlag, mit seinen tief ausgefurchten und
zerlöcherten Werften angesehen und dazu noch der vergangenen Nacht
gedacht hätte, die alle Lebendigen auf dieser Scholle im Meere dem
Wellentode so nahe gebracht, der würde nie geahnet haben, daß _diese_
Heimat des Jünglings Freudenthränen hervorgerufen. Aber Godber hatte um
dieses Anblicks willen neun Jahre hindurch ein Leben voll Anstrengungen
und Gefahren, voll Entbehrungen und Entsagungen ertragen; und hätte er
zwanzig Jahre so geduldet und gelitten, ihn würde die Wiederkehr auf
diese Flur damit nicht zu theuer erkauft dünken.
Und doch, ganz rein war seine Freude nicht. Er konnte sein Kniee nicht
beugen vor dem Gott, der ihn gnädiglich behütet und heimgeführt zu dem
Lande seiner Väter. Hätte er es doch gethan! Vielleicht würde er dann
ganz sein altes Herz wiedergefunden haben. Es wären die eitlen Träume
von ihm gewichen. Das Gelübde der Treue wäre der frommen Maria bewahrt
und Idalia's verführerisches Bild hätte seinen Zauber verloren.
In jedes Menschen Leben tauchen wohl solche Zauberbilder auf, die ihm
die innere Klarheit trüben und den hellen Blick rauben für die nächste
Pflicht; die, wenn sie nicht bloße Träume der Phantasie sind, sondern
vielmehr durch außerordentliche Lagen und Verhältnisse hervorgerufen
wurden, ihm als Bestimmungen seines Geschicks erscheinen. Sie gaukeln um
seine Seele wie ladende Boten eines Genusses, von dem ihn nur kleinliche
Rücksichten und Mangel an Selbstvertrauen bisher zurückhielten, und der
ihm gewiß ist, wenn er es nur wagen will, sich in seiner Kraft zu
erheben. Sie malen ihm eine Zukunft vor, gegen die Alles, was ihm
ruhiges Beharren in dem gewöhnlichen Gleise, treues Festhalten früherer
Grundsätze, williger Gehorsam unter dem seither dafür gehaltenen Gesetz
Gottes zu bieten vermag, matt und farblos, ja seiner unwürdig vorkommt.
Es ist ihm zu Mute wie Einem, der nur den Fuß vorwärts zu setzen
braucht, um einer langen Knechtschaft zu entfliehen, um in ein Paradies
einzutreten, dessen Pforte er nur zu lange schon sich selbst eigensinnig
verschloß. Er fragt sich, warum er nicht die schwachen Riegel, Pflicht
und Gewissen, ganz zurückschieben solle? Ja, es will ihn bedünken, als
seien die Riegel nur ein Ammentraum, dem er entwachsen, oder als habe er
jetzt erst in Wahrheit erkannt, was Pflicht und Gewissen eigentlich von
ihm fordern. In solchen Zeiten hat der Mensch in sich selber Nichts, was
ihm einen Halt geben oder zum Wegweiser dienen könnte. Er hat gleichsam
den gewohnten Boden unter seinen Füßen verloren, auf dem er sonst mit
Sicherheit auftrat; ihm ist das Ziel seines ganzen früheren Lebens
verrückt und seine Gedanken und Empfindungen sind doch noch nicht
heimisch geworden in der neuen Aussicht. Darum hat er keine andere
Hülfe, als die von Oben kommt. Er richte sein Sinnen und Denken hinauf
zu der festen Burg des klaren Rechtes; er hafte mit Blick und Herz an
dem ewigen Worte des Richters der Lebendigen und der Toten; er lasse die
Welt mit ihren Träumen einen Augenblick hinter sich und versenke mit
voller Hingebung sich in das Anschauen Dessen, der die fromme Brust
durch Seinen heiligen Geist zu einer Stätte der Gemeinschaft erwählet
des Himmels und der Erden. Und dieser Geist wird ihm die Erleuchtung
bringen, deren er bedarf. Die Nebelgestalten werden von ihm gewichen
sein, wenn er wieder zurückschaut auf seinen Pfad. Er wird sie erkennen
als Schatten einer im Hintergrunde lauernden Sünde und nun klar seinen
Weg wissen und ihn mit Zuversicht wandeln.
Aber Godber betete nicht, und sein Auge und seine Seele verfinsterten
sich, als sein Blick flüchtig auf Maria's Wohnung hinstreifte. Es
ergriff ihn ein Gefühl wie Gewissensangst; aber er scheute sich vor
einer klaren Rechenschaft vor sich selbst und ward froh, als die
Erinnerung an das im Sturm verlassene Wrack und die darauf gebliebenen
Leute alle andern Gedanken verdrängte. Rasch wandte er seine forschenden
Blicke nach dem westlichen Ende der Hallig und -- da lag das Schiff
gekentert nicht weit vom Strande. Er eilte geflügelten Schrittes darauf
zu. Sein Weg aber führte ihn an Maria's Wohnung vorüber, und es wurde
ihm unheimlich um's Herz, als er in die Nähe derselben kam; sein Blut
flog rascher in den Adern und färbte seine Wangen röter. Er trat
unwillkürlich leiser auf, als fürchtete er, die Verlobte mit dem
Geräusch seiner Tritte aus einem Hoffnungstraume zu wecken und in die zu
seiner Freude noch geschlossene Thür zu rufen. Wie er vorbei war, fiel
ein Stein von seiner Brust, ohne daß er bedachte, wie wenig mit einer
solchen kurzen Frist gewonnen sei. Jetzt fesselte wieder das Wrack seine
ganze Aufmerksamkeit, und bald hatte er das Ufer erreicht. Doch
vergebens strengte er seine Augen an, er sah keine menschliche Gestalt.
Er watete so weit als möglich auf den Schlick hinaus, ließ sein
schallendes »Halloh« ertönen; Niemand antwortete. Stumm und unbeweglich
lag der jetzt so formlose Bau vor ihm, den früher, als er noch in seiner
Schöne mit entfalteten Schwingen die Wogen rauschend durchschnitt, laute
und fröhliche Thätigkeit belebte. Godber mußte sich, nach wiederholten
Versuchen, einen Gegenlaut hervorzurufen, von dem unglücklichen
Schicksal seiner früheren Gefährten überzeugen. Es drängte sich ihm die
Vorstellung auf, ob es ihm nicht besser gewesen wäre, in den Wellen,
gleichwie sie, begraben worden zu sein, als mit dem Bewußtsein einer
doppelten Untreue zu leben: gegen ein Schiff, dessen Steuer ihm
anvertraut gewesen war, und das er, wie jeder Seemann das seine, gleich
einer Braut geliebt hatte, und gegen die Verlobte seiner frühesten
Jugend. Lange starrte er mit trübem Sinnen vor sich hin, bis beim
Rückblick auf die Begebenheiten der vergangenen Nacht Idalia's Bild vor
ihn hintrat und alle seine Gedanken und Empfindungen allein auf sich
zog. Es ergriff ihn eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu
sehen. Er klagte sich an, ihren Morgengruß nicht erst erwartet zu haben
und lenkte seine Schritte eilig zurück.
Achtlos wäre er an der Wohnung seiner Verlobten vorübergegangen, aber --
da öffnete sich die Thür; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr
erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die
Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen »Godber,
Godber, bist du da!« ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch
entgegenstreckte. Hätte er sie an seine Brust gezogen, sie würde seinen
Kuß ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Daß er es nicht
that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeußerung
der Liebe, als die größere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen
Landes in solchen Verhältnissen sie zuläßt, war die Tochter der Hallig
gewöhnt. Wußte sie doch, daß er ihr treu geblieben sei; und wenn er es
auch nicht geschrieben hätte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der
Untreue unter den in früher Kindheit schon Verlobten eben so unerhört
ist, als unter Gatten.
»Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum;
denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne
ankern sahen? -- Wo ist denn das Schiff geblieben?« Mit diesen Worten
sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnsüchtiger
Hoffnung hingeblickt hatte.
»Da!« sagte Godber und streckte seine Hand seitwärts aus nach dem Wrack.
»Herr Gott!« schrie Maria auf und wäre nun fast an die Brust des
Geliebten gesunken. »So kämpftest Du mit dem Tode, während ich so ruhig
von Dir träumte! Wir hörten wenig vom Winde in der Vorderstube und
meinten, der Sturm habe längst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl,
daß wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich hätte gern
dabei gewacht. Sie aber meinte, es könnte die in dieser Gegend fremden
Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewiß wissen
wollte, daß Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet!
Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie hätte ich geweint, wenn Du
umgekommen wärest. Gewiß, ich wäre auch gestorben!« und dabei deckte sie
die Augen mit ihrer Schürze und weinte vor Angst und vor Freude.
Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thränen des Mädchens fielen wie
glühende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein früheres
volles Gefühl für sie wieder zurück. Er umfing sie mit seinen Armen,
preßte sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen
so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia's Bild ganz aus seinem
Herzen verschwunden. Aber Maria riß sich schnell von ihm los und rief:
»Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in's Haus. Der Thee
soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor
ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet?«
Diese Frage führte Godber's Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er
fiel wieder in seinen frühern Kaltsinn gegen Maria zurück und sprach
hastig und in abgebrochenen Sätzen:
»Es sind noch Andere gerettet. -- Leb' wohl! -- für jetzt! -- Ich muß
Bescheid bringen wegen des Schiffes.«
»Warte doch!« entgegnete Maria. »Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. Laß'
mich nur erst der Mutter Nachricht bringen.«
Damit sprang sie fröhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen
Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer
Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war.
Sie gingen nun mit einander. Er mit trüben Sinnen und einsilbigen
Lippen; sie mit leuchtenden Augen und mit einer muntern, ihr sonst ganz
ungewöhnlichen Geschwätzigkeit. Sie hatte ihm ja so Viel zu erzählen,
wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, wie sie bei allen Arbeiten seiner
gedacht, wie fleißig sie gesponnen für die Aussteuer, und sie rechnete
ihm dabei jedes einzelne Stück des künftigen Haushalts vor, das sie
teils von der lieben Mutter mitbekomme, teils selbst verfertigt habe.
Godber war zu Mute, als ob ein ängstlicher Traum ihn immer fester umwob
und sein Herz einschnürte; sie aber erzählte weiter, wie sie so oft den
lieben Gott gebeten, ihn glücklich heimzuführen; mit welcher Zuversicht
sie auf die Erhörung ihres Gebetes vertraut; mit welcher Inbrunst sie
nun dem Vater im Himmel danken wolle für Seine Güte und Barmherzigkeit,
der aber nicht böse werden müsse, wenn sie jetzt vor lauter Fröhlichkeit
noch nicht zu einem rechten vollen Dankgebet kommen könne. Wenn sie so
mit kindlich frommer Herzlichkeit bald mit Gott sprach, bald mit Godber
von dem ersten gemeinsamen Kirchgang, dann fiel es ihm wie Felsenlasten
auf die Brust und wie Bleigewicht in seine Füße; er mußte still stehen
und Atem schöpfen und seine Kniee drohten einzusinken. Maria bemerkte
es; aber die wahre Ursache nicht ahnend, faßte sie ihn mit der
zärtlichsten Besorgnis am Arm und schalt, daß er die Erquickung in ihrem
Hause verschmäht. Er sei ja noch so angegriffen und es sei
unverantwortlich, daß er sich nicht erst gehörig ausgeruht; aber:
»Warte nur,« fügte sie hinzu, »nun sollst Du auch in den ersten vierzehn
Tagen nicht vom bequemen Lehnstuhl aufstehen. Ich will Dich pflegen wie
ein Schoßkind. In des seligen Vaters Schafpelz mit seiner wollenen
Nachtmütze über den Ohren sollst Du wohl wieder warm werden.«
»Nein, es ist abscheulich, wie Du Deine Gesundheit durch Deine trotzige
Weigerung, bei uns einzukehren, auf's Spiel gesetzt hast!« sagte sie im
Ernst zürnend und halb weinend, als sie zu dem schmalen Balken kamen,
der, über den dort noch 16 Fuß breiten Seearm gelegt, freilich nur einem
auf solchem Schwindelpfad geübten Halligbewohner ein Steg heißen konnte,
da er, um die Schafe zu hindern, nur die scharfe Kante dem Fuße darbot.
Maria war wie im Tanze hinübergehüpft; Godber folgte ihr nur langsam und
schwankend nach.
Als sie in das Haus eintraten, fanden sie Alle um den großen Tisch beim
Frühstück, dessen ganzer Aufsatz freilich nur in Thee mit Schwarzbrot,
Butter und Schafskäse bestand. Idalia trug noch die Kleidung der Hallig;
doch hatte sie mit erfinderischem Sinn und geschmackvoller Auswahl dem
Anzug, ohne Nachteil seiner Eigentümlichkeit, manchen ihm früher
fehlenden gewinnenden Reiz gegeben. Ihr Haar, obwohl von der Stirn
weggescheitelt, war doch nur in so weit unter die kleine Haube
aufgebunden, daß noch mehrere Locken über die Schultern hinfielen. Sie
hatte auch aus dem Schmuckkästchen der Familie, dessen reiche Fülle ihre
Erwartungen bei weitem übertraf, die lange goldene Kette geborgt, die
jetzt von ihrer Brust glänzte, als oben weit und nach unten zu immer
kürzer geschnürtes Band das Mieder zusammenhaltend, nach der Weise, wie
beim Brautputz solche Ketten auf den Halligen getragen werden. Die
großen, ebenfalls goldenen Medaillons, die sonst wohl noch darüber
hängen, hatte sie mit besserm Geschmack unbenutzt gelassen. Bei Godber's
Eintritt stand sie rasch auf und trat mit dem unwiderstehlichsten
Liebreiz in allen ihren Zügen ihm entgegen, nicht mehr mit der Alles
vergessenden Leidenschaftlichkeit von gestern, sondern mit einem
Lächeln, in welchem das Bewußtsein sich auszudrücken schien, daß sie ihm
gefallen müsse. Man würde aber Idalia Unrecht thun, wenn man ihr
Benehmen gegen Godber als leere Gefallsucht auslegen wollte. Nein,
ungewohnt, die Verhältnisse zu beachten, oder die Folgen zu bedenken, wo
ihre Neigung sprach, gab sie sich auch jetzt ihrem Gefühle ganz hin; und
dies Gefühl war mehr als Dankbarkeit gegen den Retter ihres Lebens, es
war, wenn nicht volle, zu jeder Aufopferung fähige Liebe, doch eine
Aufwallung von Liebe mit allen Ansprüchen, welche die wahre Liebe auf
den geliebten Gegenstand macht. Sie wollte gefallen, um sich des
Jünglings Herz zu gewinnen, für den so Viel in ihrem Herzen sprach; und
fern war sie dem Gedanken, ihn nur als Sklaven ihrer Laune an den
Triumphwagen ihrer Reize zu fesseln, obwohl ihr ganzes Benehmen von
einer Absichtlichkeit geleitet wurde, zu welcher sonst nur eine Kokette
und nie eine wahrhaft Liebende fähig ist. Godber hing mit stummem
Entzücken an dem Anblick der lieblichen Erscheinung. Festgebannt auf der
Stelle, wo er stand, sah er sie mit einem Blicke auf sich zuschweben,
der alle Tiefen seiner Seele durchdrang. Wie sie nun seine Hand faßte,
sie an ihre Brust drückte und mit schmelzenden Tönen und dem traulichen
Du fragte: »Godber, mein Retter, wie konntest Du uns so früh verlassen
ohne meinen Dank für den Morgen zu erwarten, den ich ohne Dich nie
gesehen?« Da wäre er fast ihr zu Füßen gesunken, und Idalia feierte den
vollständigsten Sieg, der ihr, wie das zufriedene Lächeln um ihre Lippen
verkündete, auch nicht unbemerkt blieb. An ihrer Seite mußte er sich
niedersetzen, während Maria, scheu und verlegen und plötzlich verstummt
in der Nähe der Fremden, ihr gegenüber kaum sich zu setzen wagte und nur
halbe Blicke zu Idalia aufrichtete, deren zarte Schönheit und deren ihr
wohl bekannte und doch wieder fremdartige Tracht ihre ganze
Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konnte sich eines unheimlichen Gefühls
nicht erwehren, das mehr war, als bloße Befremdung über die
ungewöhnliche Erscheinung und über das zutrauliche Benehmen der Fremden
gegen Godber. Sie mußte unwillkürlich die bei weicher Fülle schlanken
Formen und die blendenden Reize Idalia's mit dem eignen, von der Sonne
gebräunten Antlitz, den von anstrengender Arbeit zeugenden Armen und
Händen und der gedrungenen, nur Rührigkeit und Gewandtheit
versprechenden, aber keineswegs in stolzer Hoheit imponirenden Gestalt
vergleichen. Sie, unter den Halligmädchen leicht die Schönste, stellte
sich in ihrer Bescheidenheit tief unter die Fremde, tiefer wohl noch,
als sie wirklich zu stehen verdiente. Was Godber's kalte Erwiderung auf
die Aeußerungen ihrer Freude beim Wiedersehen nicht zu wecken vermocht
hatte, das drängte beim Anblick der Fremden sich ihr auf: Zweifel an des
Verlobten Treue. Und nicht Idalia's Benehmen gegen Godber war es allein,
das solchen Stachel in ihr Herz drückte, sondern die Eifersucht der
Liebe, die auch dem einfachsten Mädchen einen nicht leicht zu
täuschenden Scharfblick leiht, wenn sie mit dem Geliebten in der Nähe
eines andern weiblichen Wesens weilt, würde ihr, auch ohne die
Zutraulichkeit der Fremden gegen den Jüngling, manche ihr unwillkommene
Bemerkung aufgedrungen haben. Maria's Herz sollte bald ganz gebrochen
werden.
»Wer ist das liebe Mädchen?« fragte Idalia mit dem freundlichsten Tone,
der aber mit einem scharfen, forschenden Blicke auf Godber begleitet
war, als wüßte sie schon, wie viel ihr an der Antwort gelegen sei.
Maria errötete tief, sah aber doch dabei mit einem gewissen Trotz zu der
Fremden auf. Godber erglühte noch tiefer; sein Auge senkte sich zu
Boden, und seine Stimme zitterte, als er erst nach einer Pause
antwortete: Maria Nommens. -- Er schien noch etwas hinzusetzen zu
wollen, aber -- er schwieg. Maria horchte noch eine tötliche Minute
lang, aber -- er schwieg. Da sank sie bleich in sich zusammen, preßte
die Hand auf's Herz, in welchem alle Pulse stockten, und sah und hörte
nun nichts weiter. Daß er nicht hatte hinzusetzen können oder wollen:
meine Braut! das war für sie genug zur Entscheidung ihres Geschicks. Mit
diesem seinem Schweigen war das Glück ihres Lebens vernichtet. Sie wußte
nun, daß sie ihn verloren. Idalia ahnete wohl etwas von den
Verhältnissen. Ihr konnte die Bewegung Beider nicht entgehen; aber die
Freude, Godber für sich gewonnen zu haben, überwog fast ganz ihr Mitleid
mit der armen Maria. Auch Godber fühlte, wie er durch das Verschweigen
seines Verhältnisses zu Maria schon Alles gesagt habe, und dachte gar
nicht daran, wie ja möglicherweise sie gar keine Bedeutung auf dies
Verstummen gelegt habe. Er wagte es nicht, aufzusehen und saß in der
peinlichsten Unruhe da, woraus er erst durch die Frage Mander's: »ob er
nichts von dem Schiffe gesehen?« zu seiner Freude gerissen wurde. Er
erzählte nun, indem er aufsprang, mit einer Hast und mit einer
Teilnahme, die mit seinem bisherigen Stillschweigen über diesen
Gegenstand gar nicht zu vereinigen war, was er gesehen und wie die
Zurückgebliebenen wohl ihren Tod in den Wellen gefunden hätten.
Alle beschlossen jetzt nach dem Wrack hinzuwandern. Maria folgte allein
und langsam nach. Sie sah nur noch, wie an dem oben bezeichneten Steg
Idalia vor dem Schwindel erregenden Uebergang zurückbebte und nach
mehreren vergeblichen Versuchen, von Godbers Hand geführt,
hinüberzugehen, zuletzt ihren Arm um seinen Nacken schlang, und so, von
ihm getragen, das jenseitige Ufer erreichte. Nun flossen ihre Thränen
ungehemmt. Sie dachte nicht mehr daran, den Andern zu folgen, sondern
wankte, bei ihrer Wohnung angekommen, die Werfte hinauf und warf sich
laut weinend auf ihren Sitz nieder.
Maria blieb mit ihrem Schmerz allein. Ihre Mutter hatte die Neugierde an
den Strand geführt, wo schon fast alle Bewohner der Hallig versammelt
waren.
Als Godber sich mit den Freunden dazu gesellte, wurden nach der ersten
herzlichen Begrüßung des glücklich Wiedergekehrten Anstalten gemacht,
ein Boot über den Schlick hinauszuziehen bis dahin, wo das Wasser tief
genug ward, es mit seiner Bemannung zu tragen. Von dieser wurde das halb
mit Wasser gefüllte Wrack bestiegen, und auf das Genaueste untersucht.
Wie von lebenden Wesen fand man auch von Leichen keine Spur.
Wahrscheinlich war beim Kentern des Schiffes der Kapitän mit seinen
Leuten durch die Gewalt der Wogen vom Verdeck hinweggerissen, und es
stand zu erwarten, daß in einer der nächsten Flutzeiten die Leichen ans
Land getrieben werden würden. Einiges Wertvolle wurde sogleich
mitgenommen, und Godber vergaß nicht, für Idalia eine Kiste mit
Südfrüchten und einen Korb, worin ein paar Bouteillen süßen Weins
verpackt waren, beizufügen. Die Bergung der übrigen Ladung, die
größtenteils aus Fässern mit Wein und aus Citronenkisten bestand, wurde
dadurch vorbereitet, daß mehrere Schiffsseile, um die Stümpfe der Masten
und um andere Teile des Wracks geschlungen, mit dem andern Ende am
Strande befestigt werden sollten.
Während die Zurückgekommenen Alles berichteten, wie sie Schiff und
Ladung gefunden, und Mander, der Vater, dann mit den Leuten um den
Berglohn sprach, worüber sie aber zu seiner Verwunderung jede
eigentliche Unterhandlung verwarfen und Alles in seinen guten Willen
stellten, wobei sie ihm ihre besten Dienste mit einer Herzlichkeit
gelobten, die für die Aufrichtigkeit ihrer uneigennützigen Gesinnung
sprach, hatte Idalia, mit Hülfe ihres nach einer, wie er sagte,
menschlichen Erquickung begierigen Bruders, das Kästchen mit Apfelsinen
und eine Flasche Wein geöffnet, aus welcher Oswald sogleich ein paar
kräftige Züge that. Darauf schälte sie mit ihren weißen Fingern eine der
süßen Früchte ab, teilte sie mit gewandter Kunsterfahrung in zwei
Hälften und bot Godber mit dem freundlichsten Dank für seine
Aufmerksamkeit die eine Hälfte. Lächelnd schlürfte auch sie dann aus der
Flasche und reichte sie ihm mit der Bitte, den labenden Trunk nicht zu
verschmähen, wenn er auch dadurch mit ihren Lippen mittelbar in
Berührung käme. Des beglückten Jünglings Lippen waren wie festgebannt
auf der Stelle, wo ihr Mund gesogen, und erst Idalias Frage: warum er
nicht daran gedacht habe, lieber ihren Koffer mit ihren Kleidern
mitzubringen? riß ihn aus seiner Begeisterung.
»Ach,« sagte er, »ich möchte Sie nie in einer andern Kleidung sehen, als
in dieser Kleidung meiner Heimat.«
Er errötete selbst vor dem Geständnis, das in diesen Worten lag; Auch
Idalia's Wangen färbten sich höher, und erst nach einer Pause erwiderte
sie mit leiser Stimme, indem sie sich voll Anmut zu ihm neigte:
»Ich werde keine andere mehr tragen, so lange es Dir Freude macht. Aber
Ihr seid auf diesem Eilande, wie ich glaube, Alle mit einander verwandt
oder verschwägert, denn ich habe noch keine andere Anrede gehört, als
das liebe Du. Nimmst Du mich nun als ein Mädchen Deiner Hallig an, warum
denn mir allein das kalte Sie?«
Ueberraschung und Schauer des Entzückens verschlossen Godber den Mund.
Eine Sekunde noch ruhte sein Auge fragend an ihrem Blick; doch der
weiche Anhauch einer tiefern Empfindung lag zu deutlich in diesem
freundlichen Lächeln, in dieser lieblichen Stimme. Er konnte nicht
länger zweifeln an der Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen. Als jetzt
die langen, seidnen Wimpern sich niedersenkten, um gleichsam das Auge zu
strafen, weil es zu viel verkündet, als die enger angezogenen Lippen die
Furcht, mehr zu sagen, und zugleich die Erwartung, wie das Gesagte
aufgenommen würde, anzudeuten schienen, da riß es ihn allmächtig hin zu
ihren Füßen. Sie aber scheute die Nebenstehenden, und schnell besonnen,
obwohl überrascht durch die leidenschaftliche Bewegung des jungen
Mannes, ergriff sie seine Hand, und mit einer leichten Wendung von ihm
führte sie ihn in seine Schranken zurück. Wer aber konnte es dem
Liebetrunkenen wehren, in ihren Händedruck, wie in den Blick, der diesen
begleitete, ein antwortendes: »Dein!« hineinzulegen? Sie rief nun ihren
Vater herbei und forderte ihn auf, an der Labung Teil zu nehmen, mit
welcher Alicante den Strand einer Hallig bedacht.
Wundern wir uns nicht, daß Idalia die volle Gewißheit ihres Sieges über
das Herz des Jünglings, an dem sie schon auf dem Schiffe mit
Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihre Reize auf ihn machten, bemerkt
hatte, so schnell und mit einem kaum jungfräulichen Entgegenkommen
herbeiführte. Es lag ganz in ihrem Charakter, an jenem Hangen und Bangen
der ahnenden Liebe keinen Geschmack zu finden. Sie wollte, was sie
wünschte, rasch entschieden sehen, ohne das ihr langweilige Schweben
zwischen Fürchten und Hoffen, und dazu drängte sie noch die
wahrscheinliche Kürze ihres Aufenthalts auf der Hallig, wodurch sie
fürchten mußte, nach wenigen Tagen vielleicht auf immer von Godber
getrennt zu werden, den sie, so weit ihr selbstisches Gemüt lieben
konnte, wirklich liebte! Auch war durch frühzeitige Romanlektüre jenes
zarte, scheue Wesen längst abgestreift, das, gleichwie der weiche,
duftige Schmelz auf dem Farbengewande der Blume, diese Farben mildert
und dadurch verschönt, so den Empfindungen der Jungfrau jenen keuschen
Sinn leiht, der mehr ist, als erlernter Anstand, der eben zu ihrem
eigentümlichsten Sein gehört und ihr den höchsten Reiz giebt, dessen
Nachäffung zur widerlichsten Ziererei wird.
Dieses schöne Erbteil, dieser nie wieder zu gewinnende Dufthauch der
jungfräulichen Weiblichkeit geht wenigstens immer Euren Töchtern
verloren, sorglose Eltern, die Ihr ihnen ohne Ausnahme fast Alles zu
lesen verstattet, was die belletristische Literatur darbietet. Mit Euren
Anstandsregeln, mit Euren Klugheitsvorschriften, mit Euren Ehrbegriffen
könnt Ihr nur übertünchen, nicht jene Weihe der sich ihrer selbst
unbewußten Unschuld wieder neu schaffen, welche das ganze Wesen und Thun
wie mit einem Odem aus reineren himmlischen Gefilden beseelt und in
welcher die Jungfrau an das Wort des Herrn von den Lilien erinnert: »Ich
sage Euch, daß auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet
gewesen, als derselben eine.« Mit dem Verlust dieser Mitgabe für's Leben
ist aber nicht allein jene Lieblichkeit verloren, die durch keine noch
so blendende Schönheit, von keiner noch so glänzenden Bildung ersetzt
werden kann; es ist auch damit zugleich jeder wüsten Leidenschaft ein
freier Eingang geöffnet, wodurch so leicht ein Betragen hervorgerufen
wird, das aller Eurer guten Lehren spottet und Euer graues Haar mit
Schanden in die Grube bringt. Ihr pfleget Eure Blumen und bewahret sie
sorgsam vor dem Nachthauch und dem scharfen Mittagsstrahl, und Eure
Töchter setzet Ihr durch Romanlektüre in eine Welt hinaus, in welcher
die schwüle Stickluft lüsterner Begierden und der helle Brand wilder
Leidenschaften fast allein das bewegende Triebrad sind, und welche um so
gefährlicher ist, weil sie durch ihre reizende Hülle gefällt und der
Phantasie noch immer eine weitere Ausmalung übrig läßt. Die Religion,
die allein noch wehren könnte, ist dabei zu einer Blumenkönigin
umgewandelt, die, mit heitern Kränzen geschmückt, dem frivolen Spiel
freundlich zusieht und nur Liebe, Güte, Milde, Duldung und Nachsicht
atmet.
Das Auge der Jungfrau, wie auch des Weibes, sollte überhaupt weniger
aufgetan sein für den großen Markt der Leidenschaften in der Welt; sie
sollten mehr in harmloser Unbekanntschaft mit dem Irren und Wirren der
Menschheit ein ungetrübtes Gefühl für alles Wahre, Gute und Schöne sich
in einem stillen, frommen Gemüt bewahren, ohne erst, wie der Mann, sich
in scharfem Unterscheiden und Zerlegen zu üben, und im besten Falle mit
langsam verharrschenden Narben aus dem Kampfe zurückzukehren. Ihre ganze
bescheidene Stellung in der Welt, ihre feinere Körperbildung und ihr
ihnen angebornes, zarteres Gefühl, wodurch sie mehr der vor jeder leisen
Berührung erbebenden Sinnpflanze, als dem in Stürmen aufwachsenden Baum
mit harter Rinde zu gleichen bestimmt sind, weisen sie auf ein
Stillleben hin. Dagegen führt, wenn nicht die Wirklichkeit, doch ihre
jetzt gewöhnliche Lektüre sie in ein Gebiet, das ihnen besser
verschlossen geblieben wäre, und sie werden in Lagen versetzt, die, wenn
sie auch nur erträumt sind, dennoch eine glückliche Binde von ihren
Augen nehmen, sie zur Unzufriedenheit mit ihrem Loose führen, und eine
Frucht der Erkenntnis geben, wie die der Eva nach dem Sündenfalle,
wodurch ein Paradies verloren ging.
Fern sei es, bei der Bildung des weiblichen Geschlechts nur an den Herd
und die Wiege zu denken; aber gewiß ist jede Bildung desselben, die den
Herd und die Wiege unleidlich macht, eine verkehrte. Fern sei jene
Oberflächlichkeit, welche nur die Versuche zu schimmern nährt; aber doch
möge ihr Geist mehr an den Resultaten der Wissenschaft reifen, als daß
er in die Tiefen aller Gründe und Beweise sich verliere. Fern sei jenes
Weben und Schweben in bloßen Gefühlen ohne Halt und Kraft; aber doch
gehe das feinfühlende Herz dem überlegenden Verstande voran und merke
das Falsche und Sündliche eher, als jener es durchschaut, habe den
Willen schon dem Wahren, Guten und Schönen zugelenkt, während jener noch
das Für und Wider abzuwägen nicht fertig ist. Und über dieser Bildung
schwebe, sie mit ihrem milden Lichte durchdringend und verklärend, die
Religion als die himmlische Jungfrau, um welche die Ahnung einen
duftigen Rosenschleier webt, dessen geheimnisvoller Zauber nicht zur
Enthüllung entflammt, sondern nur eine heilige Sehnsucht und Liebe
nährt. Nur dem Manne mag, dem Weibe sollte nie die Religion als
Theologie erscheinen, als jene strahlende Königin, die ihres Thrones
Stufen von den Trümmern des Aberglaubens, Unglaubens und der
Zweifelsucht erbaut.