Das Meer ist hier und dort
Wie's woget und wie's weht,
Gehorsam seinem Wort,
Ein See Genezareth.
Wenden wir uns nun zu dem Schiffe, das, von des Ankers Zahn gehalten,
sich auf seiner gewählten Stelle von den Wellen schaukeln ließ, um das
Aufhören des Sturmes zu erwarten. Godber war wirklich, wie Maria es
geahnt hatte und wie die kundige Führung des Schiffes in diesen
Gewässern es erwarten ließ, auf demselben als Steuermann, und außer ihm
befanden sich der Kapitän und vier Matrosen am Bord, nebst drei
Passagieren: Herr Mander, Kaufmann aus Hamburg, zugleich Eigentümer der
Ladung, und seine schon erwachsenen Kinder, ein Sohn: Oswald, und eine
Tochter: Idalia. Nicht um der Geschäfte willen, sondern allein den
Bitten seiner Kinder zu Gefallen, die von einer Seetour sich das größte
Vergnügen versprochen, hatte Mander die Reise unternommen.
Die Hoffnung des Kapitäns, auf die, von der Mutter Maria's angegebene
Weise seinen Kurs wieder zu gewinnen, wurde getäuscht. Denn als nach
einigen Stunden die Ebbe wieder eintrat, lief das Wasser wegen des
fortdauernden Südwestwindes mit so geringer Strömung ab, daß es nicht
möglich war, mit Hülfe derselben das Schiff gegen den Wind
aufzuarbeiten, wodurch auch die Absicht Godber's, der gerade jenen
Ankerplatz vorgeschlagen, weil der Zug der abfließenden Wasser dort
sonst besonders stark trieb, vereitelt wurde. Nun trat der gefährliche
Uebelstand ein, daß das Schiff, auf seiner Stelle notgedrungen
gefesselt, bei der Ebbezeit mit seinem Boden manchen schweren Stoß gegen
den Meeresgrund auszuhalten hatte. Als darauf, nach Verlauf einiger
erwartungsvoller Stunden, die Flut wiederkehrte, und mit ihr der Sturm
in noch größerer Wut ausbrach, zeigte es sich bald, daß einige von jenen
Stößen gelöste Fugen Wasser sogen. Jetzt galt es, einen entscheidenden
Entschluß zu fassen, da auch die Dunkelheit der Nacht die Gefahr noch
vermehrte. Die angefangene Beratung zwischen Kapitän und Steuermann
wurde wider ihren Willen nur zu schnell beendigt. Ein furchtbarer Stoß,
der das Schiff in allen seinen Teilen erschütterte, als sollte es auf
einmal ganz aus einander gehen, deutete auf einen unerwarteten Fall.
»Die Ankerkette ist gebrochen!« Dieser Schreckensruf gab die Lösung des
Rätsels. »Die Taue auch?« schrie der Kapitän. Diese, viel schwächer,
aber lenksamer und dehnbarer, als die eiserne Gliederreihe, hielten
freilich für den Augenblick noch an zwei kleinen Ankern, es war aber zu
erwarten, daß der nächste Windstoß auch diesen letzten Halt nehmen
würde. »Alle Segel auf! alle Lappen bei! die Anker gekappt!« war nun,
nach schneller Uebereinkunft der Sachverständigen, das nächste Kommando;
und, die ganze Wucht des Sturmes in seine weiten Fittige fassend, die
schäumenden Wogen wie ein leichtes Schneegewölk auseinander stäubend,
flog das Schiff dem Strande zu. Ueber diesen waren freilich die Wellen
auch schon wieder mit der Flut hinübergegangen; aber der so ganz kundige
Mann am Steuer würde, obwohl die Dunkelheit die Werften nicht mehr
deutlich erkennen ließ, ihn nicht verfehlt haben. Allein zu viel war den
Masten zugemutet. Sie bogen sich, als hätten sie noch ganz die zähe,
elastische Kraft, mit der sie früher auf den Bergen der Heimat die
Gewalt der Stürme täuschten; sie strebten vorwärts, als wollten sie den
schweren Leib des Schiffes weit hinter sich lassen; doch schon kündeten
immer hellere verdächtige Laute eine Ueberspannung ihrer Kräfte. Der
Ruf: »Alle Beile, alle Messer zur Hand!« führte die Matrosen auf ihre
Posten, wo sie in ängstlicher Erwartung, mit gehobenem Arm horchten auf
das nächste Kommando. »Krach! Krach!« ging es plötzlich, Sturmgeheul und
Wogengebraus übertönend, durch alle Teile des Schiffes, und die ganze
volle Takelage schmetterte schräge auf das Vorderende nieder und tauchte
seitwärts in die Wogen hinab, daß die untern, gebrochenen Enden der
Masten sich aufwärts kehrten. »Kappt! Um Gotteswillen, kappt, kappt!«
gellte die Stimme des Kapitäns den Matrosen zu, die, obgleich vom Sturz
der Masten das Schiff im ersten Augenblick so tief in die Flut
hineingedrückt wurde, als sollte es nie wieder aus dem Abgrund sich
erheben, mit bewundernswürdiger Gewandtheit, getrieben von dem
Bewußtsein, daß ihr Leben von der schnellen und sichern Ausführung
abhinge, dem Befehl volle Genüge leisteten. Da schwankte denn in dem
nächsten Momente das ganze Segelwerk, das eben noch mit seinen vollen,
weiten Schwingen und den kühnen Masten so stolz sich zu heben und so
anmutig sich zu neigen wußte, eine wirre und schlaffe Masse auf der
dunklen Oberfläche des Meeres dahin, und das völlig seines besten
Schmuckes und seines führenden Zuges beraubte Schiff ward, ein
willenloser Spielball der gewaltigen Wogen, hin und her geschleudert. Es
war aus einem scheinbar belebten Wesen voll Zier, Mut und Stärke, zu
einem stumpfen, toten Holze, zu einem lecken Wrack geworden.
In dieser Lage mußten die, deren Leben nun in offenbarer Gefahr
schwebte, einen Entschluß fassen. Sollten sie erwarten, wie der Kampf
enden würde, den Sturm und Flut um das entmastete Schiff führten, das
diese, immer unaufhaltsamer eindringend, in ihre Tiefe zu ziehen suchte,
jener, es immer gewaltsamer vor sich herschleudernd, auf Untiefen zu
zertrümmern drohte? Sollten sie es für möglich halten, mit dem leichten
Boote, da die Schaluppe an ihrem Platze, am Fuß des großen Mastes, vom
Sturz desselben zerschmettert war, die Küste zu erreichen und auf der
überschwemmten Hallig in der Finsterniß an eine Werfte zu gelangen? Die
Reisenden forderten dringend diesen Versuch. Jede Aenderung war ihnen
eine Lebenshoffnung; auf dem Schiffe zu bleiben, schien ihnen der
gewisseste Tod. Dem Kapitän erlaubte es sein Pflichtgefühl nicht, so
lange noch eine Planke zusammenhielte, seinen Posten zu verlassen. Er
wollte aber auch seinen Passagieren nicht widerstreben, und überließ es
daher seinem Steuermann, wenn dieser die Möglichkeit der Rettung auf dem
Boote für wahrscheinlicher halte, als auf dem rasierten und noch dazu
lecken Schiffe, Jene an's Land zu bringen. Godber, vertrauend auf seine
genaue Kenntnis des Fahrwassers und der Hallig, verstand sich dazu, und
ihm schlossen sich zwei Matrosen an, die, gleichwie die Andern an aller
Rettung verzweifelnd, dennoch es vorzogen, einen letzten Kampf um ihr
Leben zu wagen und kämpfend unterzugehen, als sich auf dem Wrack
unthätig und kraftlos dem Verderben hinzugeben. Konnte bisher noch eine
Hoffnung da sein, das Schiff auf die eine oder die andere Weise vom
gänzlichen Untergang zu retten, so mußte diese, so schon auf das
schwächste Vielleicht gestützt, völlig wegfallen in dem Augenblick, da
Godber, der allein mit dieser See voll Strömungen und voll Untiefen
Vertraute, dasselbe verließ. Ihm selbst flog dieser Gedanke durch den
Sinn. Schon wollte er von dem übernommenen Rettungsversuch zurücktreten;
aber die flehend bittende Idalia stand vor ihm, und -- jede andere
Bedenklichkeit mußte schweigen. Die Heckjolle wurde daher vom Spiegel
des Schiffes in's Meer gelassen, von den drei Seeleuten mit Leichtigkeit
bestiegen, und mit erfahrener Gewandtheit an die Leeseite herumgebracht.
Aber es bedurfte einer vollen halben Stunde, um die Andern nur erst in's
Boot hinein zu bringen; denn das leichte Fahrzeug flog bald auf dem
schäumenden Kamm einer Welle weit vom Schiffe ab, bald wieder, der
niederrauschenden Woge nach, mit solchem Schwung auf dasselbe zu, als
sollte es im nächsten Augenblick daran zerschellen. Daher mußten die
Passagiere nach mancherlei Versuchen, die eben so oft die Furcht, als
der Mangel an Gewandtheit vergeblich machte, zuletzt an Seilen
heruntergelassen werden, und schwebend, von den am Schiffe brandenden
Wogen überschäumt, erwarten, bis das Boot wieder unter ihnen war. Wurden
sie dann auch nur eine halbe Minute zu spät niedergelassen, so tanzte
das Boot schon wieder fern von ihnen auf den schwindelnden Höhen eines
Wasserberges, oder war in den Hohlen ihrem Blick entzogen, und sie
tauchten in die Salzflut unter. Mander und Oswald, deren Hoffnung, sich
auf der Jolle zu retten, bei dieser nicht erwarteten Schwierigkeit, sie
nur zu besteigen, gänzlich dahin war, fügten sich doch willenlos allen
Anordnungen. Idalia, erschreckt durch solche Vorkehrungen, weigerte sich
lange, ihrem Vater und Bruder zu folgen, und die Ungeduld, die ihr
Zaudern erregte, war wohl eine Mitursache, daß, als sie sich endlich
entschlossen hatte, das Seil, welches sie so lange halten sollte, bis
das Boot sie aufgenommen, den Händen der Matrosen auf dem Schiffe
entglitt und sie in's Meer hinabstürzte. Godber aber, der kein Auge von
ihr gewandt, sprang sogleich in die brausenden Wogen nach und hielt sie
mit starkem Arm empor. Doch auch der fertigste Schwimmer würde einem
solchen tobenden Meer keine Beute entrissen haben. Glücklicher Weise
gelang es den Leuten im Boote, das Ende des Seils zu fassen, welches um
Idalia's Schultern gegürtet war, und so wurden Beide an Bord gezogen.
Bei diesem Aufenthalt und dieser alle Sinne in Anspruch nehmenden
Thätigkeit war es nicht leicht, die rechte Richtung nach dem kleinen
Fleck Landes, von dessen Auffinden ihre einzige Hoffnung abhing, wieder
zu gewinnen. Nur Godber, dem die Lage der Häuser auf der nahen Hallig
genau bekannt war, und der während des Tages fast keinen Blick von der
lieben Heimat gewandt hatte, vermochte in der trüben Finsterniß, die
Alles einhüllte, an einzelnen ihm allein bemerkbaren, dunkleren Flecken
sich zu vergewissern, welche Richtung einzuschlagen sei. Ein
gegenseitiges: Lebewohl! und: Behüt' euch Gott! riefen sich die
Abfahrenden und Zurückbleibenden noch zu, und bald hatte sie die dunkle
Nacht und die wogende See so weit von einander geschieden, daß kein
Zusammentreffen, wenn es auch versucht worden wäre, mehr möglich war.
Mander saß mit Oswald und Idalia platt auf dem Boden des Bootes, und
diese drei schreckten nur dann und wann in die Höhe, wenn eine
aufbrandende Woge ihren Schaumwall über das Boot hinschleuderte und es
in die Tiefe hinunterzuschwemmen drohte. Die Matrosen ruderten, obwohl
hoffnungslos, doch mit ruhiger, gleichmäßiger Anstrengung, als ob keine
Todesgefahr sie umgebe. Godber führte mit kraftvollem Arm das Steuer, in
künstlichen Wendungen dem Abbruch der niederstürzenden Flutmassen
auslenkend, und den am wenigsten gefährlichen Weg durch die wogenden
Thäler und auf den schwankenden Höhen mit dem Scharfsinn und der
Erfahrung eines auf den Wellen großgewiegten Seemanns für sein schwaches
Fahrzeug suchend. Dabei beachtete er mit durchdringenden Augen sorgsam
die Ferne, wenn eine Welle, die das Boot emportrug, eine weitere
Aussicht als von Woge zu Woge möglich machte. Aber die Finsterniß
lagerte sich immer dichter und undurchdringlicher über das tobende Meer
hin, und nur an dem kürzeren Schlag der Wellen unterschied er nach zwei
Stunden der angestrengtesten Arbeit seiner Ruderer und der
ungeduldigsten Aufmerksamkeit von seiner Seite, daß das Boot auf das
überschwemmte Land der Hallig gekommen sei. Ein unter dem Wasser
verborgener Pfahl oder Ueberrest einer alten Werfte konnte jetzt den
Nachen kentern und Allen Verderben bringen. Mit dem gespanntesten Blick
forschte Godber daher nach beiden Seiten hin, ob nicht ein Streif hohler
gehender Wogen ihm einen schmalen Seearm bezeichne, von dem er wußte,
daß er sich an dieser Seite des Landes weit in dasselbe hinstrecke. Gott
schärfte seinen Blick und leitete sein Steuer. Er fand jene Einfahrt, wo
dem minder Kundigen Alles ein Wogenschwall zu sein schien. Nun forderte
er den jungen Mander auf, das Steuer zu nehmen. Dieser aber war gänzlich
von Todesangst erstarrt und aller Kraft des Handelns völlig beraubt, daß
er bei dem Anruf regungslos sitzen blieb. Williger fand Godber den
Vater, der wenigstens halb bewußtlos sich zum Steuer hinsetzte, aber
auch wohl ohne Nachhülfe der Matrosen, die mit ihren Rudern zur Lenkung
der Jolle beitrugen, wenig geleistet haben würde, die schnell auf
einander folgenden Befehle Godber's, der sich auf das Vorderende des
Nachens mit einem langen Handstock gestellt hatte, rasch in's Werk zu
setzen. Da Niemand auf dem Boote Kunde hatte von der Einfahrt, in
welcher es sich nun fortbewegte, sondern Alle meinten, noch die tiefe
See um sich zu haben, so verstand auch Keiner den Zweck der Anordnungen
Godber's, seiner bald rechts bald links gebietenden Befehle; aber der
alte Mander gehorchte wie ein Sklave, der sich kein eigenes Denken und
Wollen erlauben darf, die Matrosen als Leute, die gewohnt sind, ihr
eigenes Urteil ganz dem strengsten Gehorsam unterzuordnen. Auf diese
Weise ging es bald mit dem Winde, bald hart an dem Winde noch anderthalb
Stunden fort, ohne daß sie darum eine bedeutende Strecke vorwärts
gekommen wären, denn die oft so plötzlichen Wendungen brachten immer
einige störende Verwirrung in den Gang des Bootes, und die Kräfte der
Ruderer waren beinahe erschöpft. Da führte eine neue kurze Wendung das
Fahrzeug wieder in eine andere Richtung, und als ob sie plötzlich fast
ganz aus dem Bereich des Windes herausgekommen wären, hörten sie nur
noch sein Sausen, fühlten es aber nicht mehr, und die Wogen, deren
Rauschen noch beinahe lauter als vorher an ihr Ohr schlug, spielten doch
viel ruhiger um den Nachen. An dieser Stelle konnte der kleine Anker
wohl halten, den sie auf Godber's Befehl sogleich auswarfen und die
Ruder einlegten.
Staunend über die rätselhafte Veränderung ihrer Lage, blickten die
seeerfahrenen Matrosen und der alte Mander, während seine Kinder sich
erst allmälig aus ihrer starren Angst erhoben, in die Nacht hinaus; aber
Alles um sie her war so schwarz verhüllt, daß sie kaum sich einander,
viel weniger irgend Etwas außerhalb des Bootes erkennen konnten, und
fragend wandten sich Alle an Godber. Er allein, der sie so wunderbar
geführt, mußte Auskunft geben können. »Wir sind zur Stelle!« rief
dieser, sprang auf Idalia zu, löste das Seil, mit dem sie noch immer
umgürtet war, von ihren Schultern, schlang das eine Ende um seinen Leib,
band das andere Ende in einem Ring der Jolle fest, lehnte seine Stange
schräge aus von dem Boot und sprang mit einem mächtigen Satz in die
Finsternis und in die Wogen hinein. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr
Allen. Dann standen sie einige Minuten lang in stummer Erwartung, wie
dies ihnen ganz zwecklos dünkende Wagestück Godber's enden werde. Schon
gaben sie ihn verloren, und damit sank wieder jede Hoffnung, aus dem
Schrecken dieser Nacht gerettet zu werden. Plötzlich schallte ein lautes
Halloh! Halloh! wie aus den Wolken her über sie hin. Die Matrosen
antworteten unwillkürlich dem ihnen gewohnten Ruf, obwohl sie nicht
begreifen konnten, woher die Stimme so nahe, und doch wieder so hoch von
oben her, als ob ein Riese neben ihnen stände. Vergebens strengten sie
ihre Blicke an; ihr sonst so scharfes Auge für alle Gegenstände auf dem
Meere sah Nichts, als die undurchdringlichste Nacht. Wieder gingen
einige Minuten der gespanntesten Erwartung vorüber. Siehe, da glänzte
plötzlich ein freundliches Licht durch die Fenster einer friedlichen
Wohnung dicht über ihnen auf sie herab, und nach dem ersten regungslosen
Erstaunen begrüßten die Matrosen dessen Erscheinen mit einem jubelnden
Hurrah! während die Andern mit Thränen der Freude einander in die Arme
sanken. Die ganze Lage der Dinge war jetzt klar. Der Nachen ankerte
neben einer bis zur halben Höhe von den Fluten bedeckten Werfte und ward
durch dieselbe und die darauf stehende Wohnung vor dem Winde geschützt,
während noch rings umher der Sturm in gleicher Stärke auf den Wellen
tobte und scheinbar noch wilder brauste, indem die an der Werfte vorbei
brandenden Wogen eine kleine Strecke hinter dem Boote gegen einander
aufwirbelten. Das eine Ende des Seils, das Godber mit hinaufgenommen,
hatte er schon an den Thürpfosten befestigt, zog daran das Fahrzeug so
nahe wie möglich zu sich und bildete damit zugleich eine ausreichende
Handhabe für die Aufsteigenden, so daß in wenigen Augenblicken sich alle
in dem sichern Schutz des Hauses befanden.
Hier mit der gutmütigsten Gastfreiheit aufgenommen und mit dem
geschäftigsten Eifer erquickt, gewannen sie Zeit, ihrem frohen Erretter
den freudigsten Dank darzubringen, den die Matrosen mit einem warmen,
festen Händedruck und einem: »Du bist ein braver Steuermann!« kurz und
bündig abmachten. Der alte Mander sagte ebenfalls nur wenige Worte und
saß dann stumm und sinnend da. Oswald konnte nicht Redensarten genug
finden, um seine Dankbarkeit auszusprechen, dabei war er lustig wie ein
Kind, lachte und scherzte über die geliehenen Kleider, in die sie
angethan waren, und die freilich nicht eben im Modeschnitt anpaßten,
aber doch eine behagliche Wärme den Durchnäßten bereiteten. Idalia, die
sich im Nebenzimmer umgekleidet, trat jetzt herein, und während Oswald
sie jubelnd umfaßte und sich totlachen wollte über ihren Anzug, in
welchem, wie er meinte, sie notwendig auf dem nächsten Maskenball in
Hamburg Furore machen müsse, starrte Godber sie als eine Erscheinung an,
die mit dem seligsten Entzücken alle seine Nerven durchbebte. Sie war
eine Jungfrau seiner Heimat. Dies glattgescheitelte Haar, von der
kleinen Haube nur ein wenig bedeckt, dieses grüne Mieder mit seinen
kurzen Aermeln, dieses nachlässig in einen Knoten geschlungene Tuch von
bunter Seide, dieser gestreifte Rock, der nicht so lang war, die blauen
Strümpfe zu verbergen, dieser Anzug hatte die prunksüchtige
Großstädterin zu einer bescheidenen Erbin seines Stammes umgeschaffen.
Aber diese hohe, weiße Stirn, diese glänzend braunen sprechenden Augen,
diese feinen Gesichtszüge und die zartgeröteten Lippen und Wangen, diese
lieblich gerundeten Arme mit der kleinen zierlichen Hand: nein! sie war
das himmlische Bild einer irdischen Tochter der Hallig. Er war noch
verloren in ihrem Anblick, als Idalia sich endlich frei machte von den
Spässen ihres Bruders und nun, von ihrem lebendigen Gefühl hingerissen,
Alles um sich her vergessend, auf Godber zueilte, mit dem
leidenschaftlichsten Ungestüm sich an seine Brust warf und ihn mit ihren
Thränen und ihren Küssen bedeckte. Er war ihr ja nachgesprungen in die
grausige Tiefe; er hatte durch seine kluge und kühne Führung sie und
ihren Vater und Bruder gerettet! Wie konnte sie daran denken, daß die
ungehemmte Aufwallung ihrer Dankbarkeit die Grenzen überschritt? Wie
konnte sie, die nie gewohnt war, ihre Lebhaftigkeit nur aus Rücksichten
auf Andere in das Geleis des Gewöhnlichen zu zwingen, in diesem
Augenblick zurückhaltender sein, als das Gefühl ihres Herzens sprach?
Einen Geist, wie der ihre war, der jeden Funken der Empfindung sogleich
zur hellen Flamme anfachte, hatten die Stunden der Schrecknis auf die
furchtbarste Höhe der Angst gesteigert, und so mußte ihn auch die Freude
der Errettung Alles überwältigend fortreißen. In den süßesten Tönen, die
kaum zu Worten wurden, und die sich in immer von Neuem wieder
hervorbrechende Thränenströme auflösten, dankte sie Godber für ihr
Leben; und so oft ein Gedanke ihr den Tod in den tobenden Fluthen wieder
vormalte, dem sie entgangen, schauderte sie vor dem Schreckensbilde
zusammen und klammerte sich fester um den Hals des Retters, als sollte
er sie noch einmal aus der grauenvollen Tiefe ziehen. Und Godber -- da
stand der männlich schöne Jüngling mit bebendem Entzücken, wie Einer,
dem plötzlich die Pforte eines neuen, nie geahnten, seligen Daseins
aufgethan ist. Ach! der Hoffnungsstern der armen Maria war untergegangen
in der Stunde, in welcher endlich ihr langersehnter Verlobter den
heimischen Boden betrat.