Das schlanke Schiff mit seinen weißen Schwingen
Durchschäumt die Wogen, strebt hinauf, hinab;
Auf Abgrunds Tiefen muß es vorwärts ringen:
»Der Weg zum Hafen führt ja über's Grab.«
Es war ein stiller, heiterer Nachmittag am 9. September 1824; der klare
Himmel spiegelte sich in der glatten Flut des Meeres, das eben nur durch
solchen Wiederschein sich heute schöner als sonst malte, so rein und
deutlich ab, daß selbst das duftigste Wölkchen, das einen leisen
Schatten auf seine Klarheit geworfen hätte, auch auf dem Gegenbilde
sichtbar geworden wäre; aber weder Wolkenstreifen noch kräuselnde Wellen
trübten das lichte Blau.
Maria saß mit ihrer Mutter, einer betagten Witwe, in der kleinen,
niedrigen Stube ihrer Wohnung beim Spinnrade. Die höchste Reinlichkeit
und die blau und rot gemalten Wände und Fensterbänke, die mit blankem
Messing gezierte Lade, die den Hausschatz von Leinenzeug, Feierkleidern
und seidenen Tüchern enthielt und zugleich in einem Schiebfach einzelne
Kleinodien an goldenen Ringen und Ketten barg, die der Halligbewohner so
sehr liebt, gaben dem Ganzen ein freundliches Ansehen, wozu die mit
vielfarbigen Malereien geschmückten Thüren der Wandbetten besonders
beizutragen bestimmt schienen. Freilich waren die mit losen Kissen
belegten Stühle und der Tisch, der durch seine Größe den Raum der Stube
sehr beengte, nur von ungefärbtem Holze und verdankten ihre Politur
allein dem beständigen Gebrauch und der fleißig reinigenden und
glättenden Hand. Selten unterbrach ein einzelnes Wort aus dem Munde der
fleißigen Spinnerinnen die Stille, welche nur von den schnurrenden
Rädern mit ihrer eintönigen Geschäftigkeit belebt wurde. Eben so still
saß der weiße Schäferhund auf der Fensterbank und blickte mit seinen
hellen und klugen Augen durch die kleinen, in Blei gefaßten Scheiben
unverwandt auf das Meer hinaus, ohne daß sich doch dort irgend Etwas
gewahren ließ, das seine Aufmerksamkeit so rege erhalten konnte.
Doch auch Maria warf zuweilen, wenn ihre Arbeit es erlaubte, einen Blick
auf die See. Denn nach neunjähriger Abwesenheit sollte endlich in diesen
Wochen Godber wiederkehren, der nach weiten Seereisen zuletzt von
Hamburg aus geschrieben, wie er sich ein kleines Kapital erworben, um
seine väterliche Stelle auszulösen, und nun sich sehne, zu seiner Hallig
und zu seiner Maria zurückzukommen. Ihm war sie schon, nach der
Gewohnheit des Landes, seit ihrer frühesten Kindheit verlobt und hatte
ihm still und treu eine Liebe bewahrt, die freilich von jener
ungeduldigen Leidenschaftlichkeit, welche Viele ihrer Zeitgenossinnen
als eine notwendige Eigenschaft der Liebe zu betrachten scheinen, weit
entfernt war, die aber nichtsdestoweniger durch ihre Tiefe und Innigkeit
sich mit dem ganzen Dasein Maria's verschmolz, jede andere, auch nur
flüchtige Neigung gänzlich ausschloß und allen Gedanken und Empfindungen
der Jungfrau die bestimmteste und entschiedenste Richtung auf ihre
Pflichten als die Braut und künftige Gattin Godber's schon längst
gegeben hatte und erhielt. Wohl kam in den Briefen Godber's Manches vor,
das weit über die Fassungskraft seiner einfach erzogenen Braut hinaus
war, und sie konnte sich einer heimlichen Scheu vor ihm, der so Vieles
gesehen und gelernt haben müßte, da er so überklug zu schreiben
verstände, nicht immer ganz erwehren; aber er hatte doch auch wieder des
Glückes gedacht, wenn er nun die Welt gleichsam hinter sich abschlösse
und allein für seine Hallig und seine Maria lebe, um all' das bunte und
wirre Wesen und Treiben, das ihn ganz anwidere, auf dem kleinen,
friedlichen Raume, an der Seite einer geliebten, gleichgesinnten Gattin
zu vergessen. In solchen Aeußerungen fand ihr Herz sich heimatlich. Sie
zauberten ihr ein Morgenrot lieblicher Hoffnungen herauf, vor dem sie
die ihr fremde Färbung anderer Stellen seiner Briefe leicht übersah.
»Heute muß er kommen,« sprach sie zu ihrer Mutter, »mir ahnet so etwas.«
Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre
Schwestern alle auf jenen Eilanden, wußte nichts von einer Liebe, die
untreu macht den nächsten, bescheidenen Pflichten des Berufs.
»Heute möchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen,« meinte die
Mutter, »denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hörst du nicht, wie die Möven
schreien?«
»Mutter,« rief Maria, »das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so
fleißig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, fröhliches Herz
gegeben, daß ich weiß, Er thut es nicht.«
»Was thut er nicht?« fragte die Mutter.
»Er läßt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er läßt nur die Winde
los, daß sie die Segel straffer füllen und ihn recht schnell heimtragen
zu mir -- zu uns.«
»Er mache es nach seinem Wohlgefallen,« sagte andächtig jene. »Was Gott
thut, das ist wohlgethan! -- Komm, der Spitz ist schon vom Fenster
gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. Laß uns die Schafe
eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht.«
Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es
durch seine Beobachtung der gewöhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur
seinen reizbaren Nerven merkliche Veränderung der Luft, die Witterung
von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprüngen vor ihnen
voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und
entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Stößen die ersten Boten des
Sturmes über die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken
langsam wieder herab, als seien sie zu träge, um sich zum Kampf zu
erheben. In Südwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin
warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewölke
hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe
eine Viertelstunde lang weder in der Höhe, noch in der Breite wuchs,
sondern gleichsam nur als Vorwacht über die See hinlugte. Plötzlich
rauschte ein neuer stärkerer Luftstrom daher, der aber mit noch
unsicherem Fuß über das Meer wandelte, so daß nur hier und da eine
einzelne Welle vor ihm aufschäumte; und Alles ward wieder still. Nun
aber, wie gehoben von einer nachdrängenden Macht, tauchten schwarze
Wolkenmassen empor und verhüllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller
und heftiger folgten die Windstöße einander, immer unruhiger schüttelten
die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das düstere, schwere
Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer
weiter und weiter über den noch lichten Himmel streiften, und deren
mächtige Schatten über den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf
ihm gebahnten Straßen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich
zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten
in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre
Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Höhe
herab, daß sie, vor Grimm schäumend, gleich stürzenden Gebirgen
niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch höher sich zu erheben; und
immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit
dumpfem Rauschen.
Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und
Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das
bereits über das Land hinausgetreten war und die einzelnen Hütten durch
seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug höher
auf, einen weißen Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer
hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund
niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren.
»Ein Schiff, Mutter!« rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter
heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie
aber anfangs mit ihren vom Alter geschwächten Augen nichts entdecken
konnte. Aber näher und näher kam es; erst wie ein weißer Fittig, der
einer verspäteten Möve anzugehören schien, die bald einen Ausweg durch
das dunkle, drückende Gewölbe über ihr zu suchen bemüht war, bald in die
verschlingenden Wellen untertauchte. Allmählig entfalteten sich die
Formen von Segeltüchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich
konnte man den ganzen schönen Bau beobachten, wie er jetzt, völlig auf
eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen
niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den
flüchtigen Kuß den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und
wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend
entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der
leichte Kiel mit seinen glatten Wänden und seinen schlanken Masten, mit
seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und
seiner vom Meeresgruß dunkler gefärbten Segelfülle aus dem Ocean hervor
und wiederholte stets auf's Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei
mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener
Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers
verfolgend.
»Sie haben einen guten Steuermann,« sagte die Mutter; und: »Godber!«
tönte es leise von Maria's Lippen nach.
Jetzt machte das Schiff eine neue Wendung, die es glücklich durch zwei
einander beinahe berührende Untiefen hindurchbrachte, und trat aus dem
schäumenden Schwall der brandenden Wogen eben siegesfroh in die dunklere
Flut hinein.
»Steuer in Lee!« kreischte die Mutter, als könnte sie mit ihrem im Sturm
verhallenden Kommando das Schiff regieren; aber links drehte es sich und
jeden Augenblick erwarteten die ängstlichen Zuschauer, daß es nun an die
ihnen bekannte gefahrvolle Stelle kommen würde, wo es bei der geringsten
Abweichung zur Linken oder zur Rechten auf den dort zu beiden Seiten der
Tiefe mehr als anderswo erhöhten, jetzt freilich auch von der Flut
überdeckten Grund stoßen mußte. Doch plötzlich fielen alle schon lange
gerefften Segel gänzlich von den Masten ab, daß diese mit ihren nackten
Spieren verdorrten Fichten glichen, durch die die Wucht des Sturmes
unschädlich hinstreift, und das schwankende Schiff bewegte sich langsam
in einem Halbkreis herum, so daß das Boogspriet nun gegen den Wind
stand, nachdem es so lange die Richtung mit dem Winde angedeutet.
»Sie haben Anker geworfen;« rief Maria erfreut, und die alte kundige
Witwe bemerkte:
»Wenn sie, wie ich glaube, nach Husum wollen, so können sie nun wieder
mit der eintretenden Ebbe in den rechten Kurs kommen, von dem sie vor
dem Sturm zu weit nach Norden abgetrieben sind.«
Von ihrer Furcht für die Seefahrer befreit, gingen die Beiden in ihre
Wohnung. So lange die Tageshelle es erlaubte, warf Maria noch manchen
Blick aus dem Hinterstübchen zu dem Schiffe hinüber, das bei nun
eingetretener Ebbe ruhig auf seinem Platze liegen blieb, ohne daß man
vom Lande aus irgend eine Bewegung auf demselben bemerken konnte. Als
die Abenddämmerung die Aussicht hinderte, spann sie wieder ungestörter
an der Seite ihrer Mutter fort, wobei zwischen den Beiden Manches über
die Aussteuer und künftige Einrichtung verhandelt wurde. Denn auch die
Mutter war durch Maria's Zuversicht allmählig mit dem Gedanken vertraut
geworden, daß Godber auf dem Schiffe sei. Mit freundlichen Hoffnungen
gingen sie dann, später als sonst, zur Ruhe; jedoch nicht eher, als bis
sie andächtig mit einander mit folgendem kurzen, kunstlosen Versgebet
sich dem Schutze des Höchsten empfohlen:
In Sturm und Wellenbraus
Behüte Gott, mein Leben
Und um mein schwaches Haus
Laß Deine Engel schweben,
Daß sich die wilden Wogen scheu'n
Wie Lämmer vor dem starken Leu'n.
Doch hast Du andern Sinn,
Naht mir ein jähes Ende:
So nimm mich gnädig hin
In Deine Vaterhände;
Und Todesflut und Christi Blut
Mach' es mit meinen Sünden gut.