Der erste Blick, der auf zum Lichte schaut,
Der erste schwanke Schritt im Staube,
Des Mutternamens erster schwacher Laut:
Giebt's eine Zeit, die sie dem Herzen raube?
An der Westküste des Herzogtums Schleswig finden sich, umflutet von den
Wogen der Nordsee, mehrere Inseln, die als Ueberreste einer
zusammenhängenden Landstrecke, welche dem Meere zum Raube geworden ist,
den Bewohner des festen Küstenlandes daran erinnern, sich mit allen ihm
zu Gebote stehenden Mitteln der Fluten zu erwehren.
Die größeren dieser Eilande sind teils durch Deiche (künstliche
Seedämme), teils durch Dünen (natürliche Höhen von Meersand) vor den
Wogen geschützt, die, täglich mit Flut und Ebbe kommend und gehend,
immer neue Versuche zu machen scheinen, die letzten Brocken ihres großen
Raubes in den gierigen Schlund des Meeres hinunterzuziehen. Bei der Ebbe
geht die See so weit zurück, daß ein meilenweiter Schlickgrund
bloßgelegt wird, der noch in kräuselnden Zügen das Bild der Wogen
darstellt, die ihn vor wenigen Stunden überfluteten. Einzelne Rinnen und
andere Senkungen werden aber auch dann nicht wasserleer, und besonders
winden sich für jene Zeit sichtbar rings um die Inseln die, mit einander
und dem zurückgewichenen Ocean zusammenhängenden, sogenannten Tiefen,
gleichsam Schlangenarme, mit denen der eine Zeit lang an andern Gestaden
kämpfende Riese die nie vergessene Beute umschlungen hält, daß sie nicht
einen Augenblick der Hoffnung sich überlasse, von ihm aufgegeben zu
sein. Diese Tiefen, welche dem einsamen Wanderer, der auf dem weichen,
feinem Fußtritt für eine kurze Zeit überlassenen Meeresgrunde Krabben,
Rochen oder einen von dem schnellen Abfluß der Wogen überraschten
Seehund sucht, auch bei der hohlsten Ebbe unüberschreitbare Grenzen
setzen, verhindern die Verbindung zwischen den Inseln zu Lande selbst
dann, wenn sie am scheinbarsten ist. Nur einzelne kleinere Eilande
erfreuen sich beim Rückgange des Meeres einer kurzen Gemeinschaft mit
einander oder mit dem festen Lande, auch ohne das umständliche Mittel
der Schifffahrt; aber wehe dem Wanderer, der zu viel dem trügerischen
Riesen vertraute! Dieser kehrt oft mit ungewöhnlicher Schnelligkeit
zurück, führet den Nebel mit sich als Bundesgenossen, und der
Schlickläufer, so nennt man den, welcher die Ebbe zu größeren
Wanderungen benutzt, siehet das heimische Gestade vor seinen Blicken
verschwinden, er fühlt die Flut um seine Füße spielen, Entsetzen sträubt
sein Haar bei diesem Spiel, er eilt mit Todesangst vorwärts, die schon
ganz gefüllten Rinnen versperren seinen Weg, er wendet sich seitwärts,
um sie zu umgehen, er verliert dadurch seine Richtung, läuft hin und
her, ist gefangen ohne Ausweg, und mit jedem Augenblick kriecht die Flut
höher an ihn hinan, sein Geschrei verhallt in der großen, weiten
Wasserwüste und wird zuletzt von den ihn überrauschenden Wogen ganz
erstickt, die bald seine Leiche bedecken; denn ein tiefflutendes Meer
ist da, wo noch vor Kurzem die Fußstapfen des Armen sichtbar waren.
Im Gegensatz der größeren, durch Deiche und Dünen gesicherten Inseln
werden die kleineren Eilande Halligen genannt. Eine solche Hallig ist
ein flaches Grasfeld, das kaum zwei bis drei Fuß höher liegt, als der
Strand der gewöhnlichen Flut des Meeres, und daher, weder durch Kunst
noch durch Natur beschützt, sehr oft, und besonders in den Wintermonaten
sogar wol zweimal an einem Tage, von der wogenden See überschwemmt wird.
Die bedeutendsten dieser Halligen sind noch keine halbe Quadratmeile
groß; die kleineren, oft nur von einer Familie bewohnten, kaum ein paar
tausend Fuß lang und breit; die kleinsten und unbewohnten dienen nur
dazu, ein wenig kurzes und feines Heu zu gewinnen, das aber sehr oft,
ehe es geborgen werden kann, von der Flut weggespült wird. Das geborgene
Heu wird in Diemen zusammengehäuft, über die ein Flechtwerk von Stroh,
an beiden Enden mit Steinen belastet herabhängt, wodurch sie eine solche
Festigkeit gewinnen, daß nur mit eisernen Spaten das zum jedesmaligen
Gebrauche Nötige abgestochen werden kann, und diese Heuberge an der
Seite des Hauses oft noch eine Zuflucht geben, wenn die Mauern vor der
Gewalt der Wellen niederbrechen. Auf künstlichen Erderhöhungen oder
Werften stehen die einzelnen Wohnungen, die selten mehr Raum auf der
sich schräge absenkenden Höhe lassen, als zu einem schmalen Gang um die
Hütte erforderlich ist. Daher trifft man denn auch auf fast allen
Halligen keinen Fleck Gartenland für ein wenig Gemüse, keinen einzigen
Strauch mit einer erquickenden Beere, keinen Baum zu einem Ruheplatz im
Schatten. Für solche Genüsse müßte die Werfte größer sein, deren
Aufführung und Unterhaltung aber schon, so klein sie ist, mehr Kosten
erfordert, als das einfache Gebäude, das darauf steht. Auf der Ebene
sproßt der Ueberschwemmungen wegen kein fröhliches Gewächs, keine
nährende Frucht. Sie ist eine Wüste, die freilich durch ihr fahles Grün,
das noch dazu vielfach von schmutziggrau überschlickten Stellen
unterbrochen wird, andeutet, wie das genügsame Schaf hier wol seine
spärliche Nahrung finden mag, die aber keineswegs jenen frischen,
duftigen Graswuchs kennt, in welchen sich behaglich die fette Kuh
hinstreckt, oder über welchem das wiehernde Roß mutwillig hin und her
sprengt. Suchst du sprudelnde Quellen, die einen Labetrunk geben
könnten, da, wo die Sonnenstrahlen, ohne durch eine buschigte
Blätterkrone gebrochen zu werden, auf das matte Grasfeld brennen? Wol
findest du vom Wellenschlag zerrissene Ufer; wol tiefe Einbrüche des
Meeres, die sich oft in langen Krümmungen weit in's Land hinein
erstrecken, als wollten sie es in noch kleinere Stücke zerteilen, um
leichter desselben Herr zu werden; wol viele stehende Lachen, ein
Nachlaß der letzten Ueberschwemmung, zur Erinnerung, daß das Land schon
halb dem Ocean gehöre und ihm bald ganz zufallen werde: aber
Trinkwasser? Auf der Werfte wird ein Behältnis ausgegraben und ringsum
mit Grassoden ausgesetzt; dahin mag sich Regenwasser von oben her
sammeln oder von den Seiten durchsickern es dient den Schafen zur Tränke
und ihren Herren zur Bereitung ihres Thees, obwol es von dem mit
Meersalzteilen durchdrungenen Boden den widerlichsten Geschmack
angenommen hat, der es für den nicht daran Gewöhnten ungenießbar macht.
Vielleicht bringt auch gar einmal ein Boot ein Tönnchen Wasser mit vom
festen Lande, und in Zeiten der Dürre kann solche Zufuhr zur
dringendsten Notwendigkeit werden. _Eine_ Freude hat doch wol der
Halligbewohner: das muntere Treiben eines täglichen und reichen
Fischfangs? Nein, nicht einmal den schönen Anblick eines in hellen,
grünlichen Wellen flutenden Meeres hat er; ein widriges, trübes Gelb in
Grau ist die gewöhnliche Farbe der Gewässer um ihn her, und vor dem
Aufenthalt in einer Meeresstrecke, die bei der Ebbe stundenweit ihren
Schlammboden aufdeckt, hüten sich die Fische und überlassen gern dem
Seehund und der häßlichen Roche allein das wenig einladende Gebiet. Und
dies Meer, das die Halligen umgiebt und so oft überwogt, und das auf
seinen verschiedenen Punkten nach den Namen der im Lauf der Jahrhunderte
darin begrabenen Landstellen und ihrer Eigner bezeichnet wird, dies an
Gaben so arme und an Raub so reiche Meer ist noch dazu fortwährend ein
Räuber, der bald mit langsamer, still untergrabender Macht, bald mit
wildstürmender Gewalt ein Stück Land nach dem andern von dem Eilande
abbricht, so daß der Halligbewohner schon die Jahre zählen kann, wann
den Hütten und den Heerden der letzte Raum genommen sein wird.
Doch glücklich die Hallig, wenn hiemit ihr Bild vollständig gezeichnet
wäre! Aber es bleibt noch eine furchtbare Seite übrig. Zur Gewohnheit
sind die Ueberschwemmungen geworden, die, alles flache Land überwogend,
an die Werfte hinaufsteigen und an die Mauern und Fenster der Hütten mit
ihrem weißen Schaum anschlagen. Da blicken denn diese Wohnungen aus der
weiten, umrollenden Wasserfülle nur noch als Strohdächer hervor, von
denen man nicht glaubt, daß sie menschliche Wesen bergen, daß Greise,
Männer, Frauen und Kinder unterdessen vielleicht ruhig um ihren
Theetisch hersitzen und kaum einen flüchtigen Blick auf den umdrängenden
Ocean werfen. Manch' ein fremdes, aus seiner Bahn verschlagenes Schiff
segelte schon in solchen Zeiten bei nächtlicher Weile über eine Hallig
weg und die erstaunten Seeleute glaubten sich von Zauberei umgeben, wenn
sie auf einmal neben sich ein freundliches Kerzenlicht durch die hellen
Fenster einer Stube schimmern sahen, die halb von den Wellen bedeckt,
keinen andern Grund als diese Wellen zu haben schien. Aber es bricht der
Sturm zugleich mit der Flut auf das bange Eiland ein. Die Wasser steigen
gegen zwanzig Fuß über ihren gewöhnlichen Stand hinauf. Die Wogen dehnen
sich zu Berg und Thal, und das Meer sendet in immer neuen, langen Zügen
seine volle, breite Gewalt gegen die einzelnen Werften, um sie aus
seiner Bahn wegzuschieben. Der Erdhügel, der nur eine Zeit lang zitternd
widerstand, giebt nach; bei den unausgesetzten Angriffen bricht ein
Stück nach dem andern ab und schießt hinunter. Die Pfosten des Hauses,
welche die Vorsicht eben so tief in die Werfte hineinsenkte, als sie
darüber hervorstehen, werden dadurch entblößt; das Meer faßt sie,
rüttelt sie. Der erschreckte Bewohner des Hauses rettet erst seine
besten Schafe hinauf auf den Boden, dann sieht er selbst nach; und hohe
Zeit war es! Denn schon stürzen die Mauern, und nur noch einzelne
Ständer halten den schwankenden Dachboden, die letzte Zuflucht. Mit
furchtbarem Siegesübermut schalten nun die Wogen in dem untern Teil des
Hauses, sie werfen Schränke, Kisten, Betten, Wiegen mit wildem Spiel
durch einander, schlagen sich immer freieren Durchgang, um Alles
hinauszureißen auf den weitern Tummelplatz ihrer unbändigen Kraft, und
der Stützpunkte des Daches werden immer weniger, des Daches, dessen
Niedersturz rettungslos einer noch vor wenigen Stunden in häuslicher
Geschäftigkeit mit einander wirkenden, oder im sanften Arm des
Schlummers neben einander ruhenden Familie ein schäumendes Grab
bereitet. Aengstlich lauscht das Ohr, ob nicht das Brausen des Sturmes
abnehme; ängstlich pocht das Herz bei jeder Erschütterung; immer enger
drängen die Unglücklichen sich zusammen. In der Finsternis sieht Keiner
das entsetzenbleiche Antlitz des Andern; im Donnergeroll der tobenden
Wogen verhallt das bange Gestöhn; aber Jeder kann an seiner eigenen Qual
die marternde Angst seiner Lieben ermessen. Der Mann preßt das Weib, die
Mutter ihre Kinder mit verzweiflungsvoller Todesgewißheit an sich; die
Bretter unter ihren Füßen werden von der drängenden Flut gehoben; aus
allen Fugen quellen die Wasser auf; das Dach wird durchlöchert vom
Wogensturz; ein irrer Mondstrahl dringt durch die zerrissenen Wolken,
fällt hinein auf die Jammerscene, die, von seinem bleichen, zuckenden
Lichte beleuchtet, in all' ihrer Furchtbarkeit erscheint und die
angstverzerrten Gesichter einander spiegelt. Da kracht ein Balken. Ein
furchtbarer Schreckruf! Noch eine martervolle Minute! Noch eine! Der
Dachboden senkt sich nach einer Seite; ein neuer Flutenberg schäumt
herauf, und im Sturmgeheul verhallt der letzte Todesschrei. Die
triumphierenden Wogen schleudern sich einander Trümmer und Leichen zu.
Dennoch liebt der Halligbewohner seine Heimat; liebt sie über Alles, und
der aus der Sturmflut Gerettete baut sich nirgends sonst wieder an, als
auf dem Fleck, wo er Alles verlor, und wo er in Kurzem wieder Alles, und
sein Leben mit, verlieren kann.
Wir bewundern den Sohn der afrikanischen Wüste, der sein Zelt aufschlägt
unter der Glut einer versengenden Sonne, in der Mitte einer
unübersehlichen, brennenden Sandstrecke. Er hat doch ein weites Gebiet,
das er nach allen Richtungen hin auf seinem flüchtigen Renner
durchstreift. Er hat doch seine Oasen, diese Inseln des Sandmeeres, wo
er im Schatten der Palme die Quellen sprudeln hört und Lieder singt zur
Ehre der Wüste, oder den wunderreichen Erzählungen eines vielgereisten
Karawanenführers horcht. Die Heimat, die er liebt, ist doch nicht ohne
Abwechslung, sein Leben nicht ohne Veränderung. Er schleppt sich nicht
hin in steter Einförmigkeit des Daseins, findet doch Raum für seine
Kraft, und hat doch Fernen, denen der Reiz der Neuheit nicht ganz fehlt.
Der Halligbewohner übersieht mit einem Blick alle seine nahen Grenzen,
sein Thun und Treiben ist dasselbe einen Tag wie den andern, außer daß
eine seltene Fahrt ihn zum Verkauf der Wolle seiner Schafe nach dem
festen Lande führt; und er fühlt sich bei seiner Abgeschiedenheit vom
Menschenverkehr fremd unter Fremden, sobald er seine Scholle im Meere
notgedrungen einmal verlassen hat. Alle seine Freuden und Genüsse
bleiben wie seine Arbeiten in einem kleinen Umfang beschränkt, ohne
lebhaften Reiz, ohne die Spannung einer Ungewöhnliches erwartenden
Aussicht. Ein bei der geringen Zahl der Bewohner oft erst nach Jahren
auf der Hallig wiederkehrender Hochzeitstanz gehört zu seinen höchsten
Vergnügungen.
Die Gefahren selbst, denen der Halligbewohner ausgesetzt ist, entbehren
den einzigen Reiz, den die Gefahr haben kann, den Gegenkampf. Mag der
Sand der Wüste, vom Sturm aufgewirbelt in die Wolken, als sollte das
Gewölbe des Himmels auch eine Sahara werden, daherjagen und Zeltdörfer
und Karavanenzüge in sein heißes, erstickendes Bett begraben: die
Möglichkeit der Flucht ist doch gegeben, und die Menschen versuchen auf
Rossen und Kamelen mit dem Sandsturm in die Wette zu jagen; und oft
gelingt es ihnen, dem drohenden Verderben zu entgehen. Der
Halligbewohner hat seinen Feind rund um sich; erhebt _der_ sich in
seiner schauervollen Macht, so muß er, hülfloser als ein Kind auf dem
Wege des tobenden Stieres, sich diesem Gewaltherrscher hingeben und
zitternd erwarten, ob er mitleidig schonend vorüberziehe oder in blinder
Wut alles niederwälze; er muß Leben oder Tod als ein willenloses
Schlachtopfer annehmen, ohne Hand oder Fuß zur völlig unmöglichen, weder
Gegenwehr noch Flucht zu regen. Verstand und Kraft sind ihm unnütz; nur
Ergebung ist sein Loos in dem vollen Bewußtsein seiner Ohnmacht.
Und nicht etwa die Unbekanntschaft mit den Vorzügen anderer Länder ist
es, was dem Halligbewohner seine Heimat lieb macht. Nein, er hat die
fruchtbarsten, reichsten Strecken vor seinen Augen. Hinter den Deichen
des festen Landes in seiner Nähe ist ein Boden, der seinen Bewohnern
einen Ueberfluß bietet wie wenige Länder der Erde ihn haben. Da reift
das schwere Korn; da streckt sich der breite Stier in den duftigsten
Klee; da erheben sich große und schöne Bauernhöfe, deren Bewohner, mit
allen Genüssen des Lebens vertraut und im Gefühl ihrer Wichtigkeit, mit
Stolz sich Bauern nennen. Oft auch, und früher noch mehr als jetzt,
führt den Halligbewohner in seiner Jugend und Mannheit der Dienst auf
Schiffen in ferne Lande. Durch seine Genügsamkeit und Rechtlichkeit auch
in der Fremde schwingt er sich zum Schiffsherrn auf; die reichsten
Handelsplätze, die herrlichsten Gegenden werden ihm bekannt wie die
eigene Heimat. Aber er hat Alles gesehen, Alles verglichen, und -- Alles
vergessen. Er kehrt mit seinem Ersparten heim zu seinem geliebten
Eilande, heim zu diesem trostlosen Boden, zu diesem gefahrvollsten Fleck
der Erde, zu dieser Oede voll Entbehrung und Entsagung, und dankt Gott,
daß seine Hallig noch nicht weggespült ist; und kaum hat er sich da
wieder eingerichtet, so ist er in seinem Wesen und seinen Neigungen wie
Einer, der nie die Welt sah.
Es ist auch nicht die Freiheit, die dem Halligbewohner seine kleine
Heimat, wie dem Mauren die Wüste, zum Paradiese macht. Er fühlt vielmehr
den Druck der Civilisation mit Abgaben, Zöllen und dergleichen, und
benutzt dagegen wenig von ihren Vorteilen: von Sicherheit des Eigentums,
-- ihn schützt ja schon genug seine Armut und seine Wogengrenze -- von
allgemeinem Verkehr, -- zu ihm führt keine gebahnte Straße, -- von
vermehrten Kenntnissen, -- zu ihm verirrt sich selten eine andere
Schrift als Bibel und Gesangbuch, -- von heiteren Künsten, -- die Kunst
dringt nicht zu seinen Hütten. Nicht einmal die Geselligkeit, die er
haben könnte, gilt ihm etwas. Er ist meistenteils wenig gesprächig, lebt
gern auf seiner Werfte für sich, und obwohl sein Prediger oder Priester,
wie er ihn nennt, von ihm sehr geehrt wird, so gelingt diesem doch nicht
leicht, es zu einer herzlichen Gemeinschaft zu bringen; da er, besonders
bei dem weiblichen Geschlecht, außer im Religiösen, den völligen Mangel
eines Anknüpfungspunktes an seine Bildung erkennen muß, und seine
hochdeutsche Sprache ihn der friesisch sprechenden Gemeinde entfremdet.
Nur auf diesen Eilanden hat nämlich das Friesische, das dem Englischen
nahe verwandt ist, und worauf der deutsche Sprachforscher mehr, als
bisher, sein Augenmerk richten sollte, noch fast seine ganze
Eigentümlichkeit sich bewahrt, während es auf den Küsten des festen
Landes schon nahe daran ist, in ein bloßes Gemisch auszuarten.
Eine dieser Halligen, von welchen wir im Obigen ein allgemeines und der
Wahrheit getreues Bild zu zeichnen versucht haben, ist der Ort der
nachfolgenden Handlung. Sie war damals, im Sommer des Jahres 1824, von
ungefähr fünfzig Menschen in neun Hütten, auf sechs über die Fläche
einer kleinen Viertelmeile zerstreuten Werften bewohnt, welche sich
durch Schafzucht kärglich, aber für die geringen Bedürfnisse
ausreichend, nährten. Eine, wenig vor den andern Wohnungen
ausgezeichnete, neue Kirche, nachdem 1816 die alte, und 1821 wieder eine
eben aufgebaute vom Meere weggerissen war, diente den gottesdienstlichen
Versammlungen der frommen Gemeinde.