Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen;
und ich bin erst zwanzig Jahr alt!
Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten.
Sie werden doch das, daß Sie Deutsch können, nicht zu Ihrer
Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.--
Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu können?
Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es wäre ein verdammter Streich, wenn
ich Kalmuckisch redete und wüßte es nicht.
Damis. Unter können und können ist ein Unterschied. Du kannst
Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Tönen ausdrücken, die
einem Deutschen verständlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in
ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das
ist: du weißt nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh
oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich
ist; du weißt ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von
ihr.
Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur
auf Ihr "das ist" ankäme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch
ab, daß ich essen könnte.
Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so
kannst du es auch nicht.
Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht?
Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden,
in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst
nicht essen, das ist: du weißt die mechanischen Gesetze nicht, nach
welchen es geschiehet; du weißt nicht, welches das Amt einer jeden
dabei tätigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der
Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der
Platysmamyodes, ob--
Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein
Magen etwas davon erhält und ob mir's bekömmt.--Aber wieder auf die
Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, daß ich eine verstehe, die Sie
nicht verstehen?
Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstünde?
Anton. Ja; raten Sie einmal.
Damis. Kannst du etwa Koptisch?
Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht.
Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wüßte nicht woher.
Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er
besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache.
Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein
Vetter?
Anton. Daß ich nicht gar ein Jude wäre! Mein Vetter war ein Wende;
ich kann Wendisch; und das können Sie nicht.
Damis (nachsinnend). Er hat recht.--Mein Bedienter soll eine Sprache
verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache?
Ich erinnere mich, daß ihre Verwandtschaft mit der hebräischen sehr
groß sein soll. Wer weiß, wieviel Stammwörter, die in dieser verloren
sind, ich in jener entdecken könnte!--Das Ding fängt mir an, im Kopfe
herumzugehen!
Anton. Sehen Sie!--Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn
verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst.
Wir wollen fleißig miteinander wendisch parlieren, und--Kurz,
überlegen Sie es. Ich vergesse über dem verdammten Plaudern meinen
Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren
Diensten.
Damis. Bleib itzt hier; bleib hier.
Anton. Aber Ihr Herr Vater kömmt. Hören Sie? Wir könnten doch nicht
weiterreden. (Geht ab.)
Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestört lassen wollte. Glaubt er
denn, daß ich so ein Müßiggänger bin wie er?