offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie,
mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in
unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen
prügelte.
In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang
blitzschnell die Treppe hinab, riß mit kühn erfolgreichem Ruck den Mann
zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger
entrüstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schäme, sich so gegen die
Schwächere und Wehrlose zu vergehen?
Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr
Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk draußen sich
noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrängt, den Erfolg
beobachtete, ergriff das Weib plötzlich ein weit größerer Ingrimm gegen
jene draußen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.
Statt „Grevinde“ durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen,
reckte sie sich zornsprühend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn
sie sich von ihrem Mann prügeln lassen wolle und unterstützte diese
herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thür gerichtete Geste,
welcher der dadurch versöhnte Hausherr sich beeilte, noch einen
besonderen, fast thätlichen Nachdruck, zu verleihen.
Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flüchtete, stieß sie auf
diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten
Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und
während das geschah und die Ehegatten, zur völligen Abwehr gegen die
Leute draußen, die Thür verrammelten, drängten die hinteren Reihen des
Mobs nach vorn und die der Thür zunächst Stehenden rückwärts. Und
dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drängen, Stoßen und Treten,
trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, daß sie nach
Räumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit
noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede
geschafft, und eine halbe Stunde später stand mit tief bedenklicher
Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an
das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.
* * * * *
Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen
erschienen, und mit seinen stahlhellen Lüften, seiner Farbenpracht in
den Wäldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen
Abendsonnenniedergängen auch in Rankholm eingezogen.
Wenn sich in der Frühe die ersten Lichtströme über die Erde ergossen,
schwammen Schloß, Park und Gärten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber
der Kampf zwischen der siegreichen Himmelskönigin und den zarten Nebeln
durch ein plötzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale
entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade
von solcher unermeßlicher Schönheit, daß die Gegend alle Reize der drei
Jahreszeiten: die grüne Pracht des lebensprühenden Frühlings, die Fülle
des blütenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des
farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.
Und alles war wie ehedem.
In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefüllten Kabinett ruhte bei
geöffnetem Fenster auf dem Sofa die Gräfin Lavard und las in einem Buch.
In seinem geräumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit
seinen Beamten beschäftigt, Lucile hielt sich, an Curbière schreibend,
in ihren Gemächern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten
Mauern eingeschlossenen Schloßhof jene sanften Hausgeister, die von dem
Streit und Getümmel draußen in der Welt nichts wußten.
Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des
Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang
zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach
Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin.
Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute
benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen.
Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen,
schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in
Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen
vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig
zurückzugewinnen.
Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder
eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor
gekommen, — führten von selbst einen Ausgleich herbei.
Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie
hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.
„Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor?
Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum —“ hatte Lucile
eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus
den Augen gestürzt. —
Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten
forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:
„Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich
meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen
schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und
Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn
betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich
will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig
würdigen.
Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen
aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und
Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden.
Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.
Zur Einleitung —“ hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb
ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor — „betrachten Sie sich dieses
Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu
gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit
meinem Ich zu bestehen hatte —“
Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem
Munde ein Laut bewundernden Entzückens.
Imgjor wars, aber in noch höherer Vollendung. Ein so süßes, engelhaftes
Lächeln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher
schmachtender Glutblick drang aus den Augen, daß man sich von dem
Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostüm erinnerte sie an
die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit
Rosenbändern, hob ihre überaus zarte Figur. Um ihren vollendet
gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer
Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saßen neben Blumen
kleine blaßblaue Schleifen. Alles aber wurde übertroffen durch die
Pracht ihrer schneeigen Büste, die blendenden Farben, den durchsichtig
weißen Schmelz ihrer Zähne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen
Hände.
„Nicht wahr? Sie war schön? Man kann etwas gleiches nicht sehen —“ stieß
die Gräfin in neidloser Bewunderung heraus.
„Und ich kann hinzufügen: sie war wirklich noch schöner. Man lag, wenn
sie sprach und lächelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht
der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie,
sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.
Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schönheit gefährlich, sondern
ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgüte,
Trotz, liebenswürdige Naivetät und schlaue Berechnung saßen zugleich in
ihr und gelangten, den Umständen nach, zum Ausdruck.
Man hätte sie küssen und sie ohrfeigen mögen, einmal wegen ihrer
bezaubernden Liebenswürdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen
Starrsinns.
Doch nun hören Sie, wie alles verlief.
Ich lernte meinen Mann, der damals der französischen Gesandtschaft
attachiert war, in dem Hause des russischen Fürsten Betzkoy kennen,
verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen
unserer ersten Begegnung seine Braut.
Meine Eltern waren überaus glücklich über diese Verbindung, und meine
Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem
mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nähe von Paris
befindlichen Landsitz ein.
Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe
seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend,
machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter
Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend
belegenen Güter zurückgezogen hatten, fanden aber auch die beste
Gelegenheit, unsere Charakter zu prüfen, ihnen gegenseitig gerecht zu
werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, daß
Lavard ein leicht entzündliches Herz besaß, und daß ich infolgedessen
nicht die erste sei, der er sich genähert.
Er sprach auch mit voller Offenheit über früheres. Er betrachtete mich
nicht als eine prüde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war:
ein mit den wirklichen Lebensverhältnissen vertrautes weibliches Wesen,
das sehr wohl wußte, daß Männer und oft auch Frauen Versuchungen
unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den
Altar treten.
Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu
dem Besitz gehörenden Pachthofes saß, wo wir, nach unserm anstrengenden
Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er
plötzlich das Gesprächsthema, sah mich ungewöhnlich zärtlich an, faßte
meine Hände und sagte:
„Ich habe eine Bitte an dich, eine große Bitte, Lucile! Willst du sie
mir gewähren?“
„Gewiß, mein teurer Freund, wenn ich es vermag —“ entgegnete ich ohne
Besinnen.
„Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Großes,
sehr Großes! Es gehört eine opferstarke Liebe dazu!“
„Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin, Lavard —
sprich also — natürlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von einem
Mädchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen
widerstreitet —“
Ich weiß nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschränkung
gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, daß Lavard trotz meiner
wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.
Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie
ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags,
kurz vor unserer Rückkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den
Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewähren, worum er
mich ersuchen werde.
Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung
verriet, insbesondere aber, weil es mich drängte, ihm zu beweisen, wie
sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hören, ein unbedingtes
ja!
„Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Ich
schwöre es dir!“
Nun schnellte er empor, umfaßte mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit,
zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und
sagte:
„Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nähterin der Vorstadt St.
Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist,
Lucile —
Du begreifst, daß ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, daß ich
die Beziehungen zu ihr wieder gelöst habe, weil ihr Charakter ein
Zusammenleben unmöglich macht. Ich würde sie sonst trotz ihres einfachen
Standes und anderer Umstände vielleicht geheiratet haben.
Es liegen die Dinge nun, wie folgt:
Sie erklärt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu
wollen, wenn du dich entschließest, sie zu empfangen und ihr eine noch
zu erörternde bindende Zusicherung zu geben.
Natürlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.
Mich treibt mein Ich, mich veranlaßt die Erinnerung an die Tage, die ich
glücklich mit ihr verlebte, aber mich veranlaßt auch ein bestimmter
Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte
zusammenhängt: alles zu thun, was eine freundliche Lösung unserer
Beziehungen herbeizuführen vermag!“
„Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hören!“
„Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes
geworden. Sie verlangt von uns — und deshalb will sie dich sprechen —
die Auferziehung ihres Kindes und die Sorge für dieses bis zu einem
gewissen Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir
sollen ihr's für eine namhafte Summe abkaufen —“
„Ah — ah — welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde!
Hinter diesen engelhaften Zügen sucht man etwas anderes! Und alles hätte
ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem
eine starke Selbstverleugnung gehört, Lavard. Und was wird sonst noch
folgen?“ rief ich, meine Erregung nicht verbergend.
Lavard bewegte die Schultern.
„Die Dinge liegen nicht so ungünstig! Sie ist nicht schlecht. Aber
lassen wir das jetzt, und überlasse auch die Erledigung der materiellen
Dinge mir, Lucile. Gewähre nur zunächst, warum sie dich bittet —“
Ich zögerte. Dann sagte ich:
„Eines habe ich gewährt, ich versprach die Erfüllung eines Wunsches. Du
stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.
Du willst gewiß, daß ich dieses Kind, als unseres annehme — es nach
außen so hinstelle —“
„Ja, Lucile! Wir gehen für die Zeit eines Jahres oder länger auf
Reisen. Wenn wir zurückkehren, erklären wir, daß wir unterwegs dies Kind
gefunden und in unsere Obhut genommen haben, daß Mitleid unsere
Triebfeder war — für alles übrige wollen wir die Zeit sorgen lassen.“
„Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard?
Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird — durch deinen
Reichtum unterstützt — dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um
das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen
leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten
Fährnissen behüten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures
Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?“
„Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon
sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weißt
du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich
dich schätze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich
unabwendbare Pflichten!“
Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern
ich war auch später einige Zeit in ihrer Nähe. Wir trafen sie in dem
französischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Kräftigung ihrer
Gesundheit gesandt hatte.
Während dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten
Eigenschaften schätzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie
verlangte.
Wenig später — das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung
Stattgefunden — wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf
eine fast fünfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann,
mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in
unsere Hände gelangten Kinde nach Rankholm.
Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenüber, wie wir es besprochen
hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen
Monaten war überhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und
allmählich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.
So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich muß
gestehen, daß er mir in den zwölf Jahren, während welcher Zeit wir von
der Mutter niemals wieder hörten, täglich seine Erkenntlichkeit in
rührendster Weise an den Tag legte.
Dann aber erschien plötzlich, fast ohne vorherige Anmeldung,
Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurückzufordern, und nun begannen die
Kämpfe zwischen uns dreien.
Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff über den Schloßhof zu
schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertönte gleich darauf schon das
Läuten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das
Schloß, betrat meine Gemächer, wartete hier und überließ es meinem Mann,
Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu
empfangen.
Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte
womöglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich
nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr
vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht
über uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung
geschehen. Eine eigentliche Annäherung sollte nicht stattfinden. Wir
wollten sie bewegen, daß sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt
und gegen eine einmalige Abfindungssumme für immer überlasse. Lucile
hatten wir schon in der Frühe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie
sollte von diesem Besuch überhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte
damals mit ihrer Erzieherin dieselben Räume, die sie jetzt inne hat, und
nur hatten angeordnet, daß sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.
Dies war nicht auffallend, da solches häufiger geschah. Ich hielt Imgjor
überhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte,
weil ich immer darauf bedacht sein mußte, des Kindes sehr stark
ausgeprägten Drang nach Selbständigkeit zu dämpfen.
Diese meine große Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte
Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenüber getadelt,
Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggründe nicht kannte. —
Doch nun zurück zu dem plötzlich erschienenen Besuch.
Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie
mir in meine Gemächer brachte.
Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt,
beschäftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner
ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, daß sie
Schwierigkeiten erhob, unsere Wünsche zu erfüllen. Sicher weigerte sie
sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewährung von unerfüllbaren
Forderungen abhängig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend
früher bewiesen.
Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb
gewonnen, daß ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich
bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, daß ihre
Entfernung den Anlaß zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es
beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.
Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben.
Ich wünschte insbesondere, daß Lavard dem Einfluß dieser Person, die,
wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert
hatte, für immer entzogen werde.
Mein Erstaunen maß sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir
gegenübertrat.
Sie war zwar noch immer blendend schön, aber sie besaß nichts von dem
Wesen einer anständigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das
vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostüm war übertrieben modern,
stark parfümiert, und lächerlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck
behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lächeln verbarg sich
etwas, das den Weltkundigen nicht täuschte.
Und wirklich besaß sie keine echte Empfindung, ihr Gemüt war verdorrt,
sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.
Es wäre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.
Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste
Schwierigkeit. Der große Reichtum meines Mannes konnte noch größere
Ansprüche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr
überhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard
wieder in solche Fesseln zu schlagen gewußt, daß er völlig Wachs in
ihrer Hand geworden war.
Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abfälligen
Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, völlig überflüssig, daß sie
nach Oerebye übersiedelte Er verlangte von mir, daß ich sie wochenlang
auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere
Gastfreundschaft und unsere Rücksicht; man müsse der Mutter für eine
zeitlang ihr Kind gönnen.
Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht
mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurück. Imgjor näherte sich der
schönen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron
von Etienne in Brüssel, als welche sie sich auch Imgjor im
Einverständnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.
Zuletzt war mein Entschluß gefaßt.
In einer Scene, der Lucile zufällig beiwohnte, erklärte ich Lavard, mich
von ihm trennen und zu meiner Familie zurückkehren zu wollen, wenn die
Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.
Lucile führte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf
Eifersucht zurück. Sie nahm für ihren Papa Partei, schalt mich des
Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach,
da ich meinem Kinde nicht eröffnen konnte, wie die Dinge standen.
Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, daß ich eine Nacht mit dem
fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemächern, die jetzt meine
Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag
war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, daß man sich nicht einmal
zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.
Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frühstück auf
einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame
Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten
zwischen sich und den Kindern herbeizuführen.
Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle
Gegenstände aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren
bescheidenen Abwehr, aufdrängte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du
und Tante zu nennen.
Die Mädchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten
natürlich an. Und dies du machte beide natürlich freier gegen den Gast,
namentlich die jüngere Lucile. Infolgedessen ließ diese auch eine
Aeußerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben würde. Sie
wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor
gefürchtet, auf die große Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.
„Ihr seht wie Schwestern aus!“ betonte sie lebhaft und richtete auch
ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.
In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie
irgendwie mit uns in eine nähere Beziehung zu bringen vermochte, danach
griff sie begierig!
Sie wollte nicht nur die größten materiellen Vorteile daraus ziehen, daß
sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte, — ihrer
abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend — auch danach, neben uns eine
gleichberechtigte Rolle zu spielen.
Auf ihre Tochter war sie bald maßlos eitel und überlegte dann, ob sie
sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht
verhüllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie, — man sah's — ein durch
die Einsicht in ihre eigene Unwürdigkeit noch mehr geförderter Ingrimm
gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter,
dessen ungewöhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende
Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mißtrauen gegen ihre
aufdringlichen Liebenswürdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie
nicht bezähmen konnte.
Und eben dieses Gemisch von Gefühlen und Stimmungen, aber vielleicht
auch die Erwägung, daß es ihren Zwecken förderlich sei, uns in steter
Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles
Aeußerungen aufzunehmen, statt mit einem flüchtigen Wort darüber
fortzugehen.
Sie sagte überlegen lächelnd:
„So, findest du das? Nun, wer weiß, ob die Etiennes und die Lavards
nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind, — ob sich solches nicht, wenn
wir einmal gründlich nachforschen, — herausstellen würde —“
Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag,
flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wußte ein anderes
Thema zu berühren.