Nach Tisch, während wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame

Etienne an Imgjor heran, prüfte eine Handarbeit, mit der sie beschäftigt

war, lobte die Sorgfalt der Ausführung und fragte sie, ob sie nicht Lust

habe, sie einmal in Paris, wo sie fürder wohnen werde, zu besuchen. Sie

habe dort ein sehr schönes Haus, und sicher würde sich Imgjor

vortrefflich in der Stadt des Vergnügens amüsieren.

Es folgte dann noch eine Beschreibung der Räume und der kostbaren

Einrichtung, und überhaupt war sie bemüht, Imgjor einen möglichst

großartigen Eindruck von ihren Einkünften und ihrer gesellschaftlichen

Stellung beizubringen.

Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu

gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fähigkeit, Charaktere zu

beurteilen. Es war mir unbegreiflich, daß sie nicht erkannt hatte, daß

dergleichen für dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen

einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde.

Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht.

Ihre Pflicht stellte sie stets über das Vergnügen, und auch die Freuden

des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten,

treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit

Tieren, mit Vögeln, Pferden und Hunden, die sie zärtlich liebte und

pflegte.

Tanzen, Kokettieren, den Großen nachzumachen, früh schon die Dame zu

spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen

Vergnügungen nachzujagen, hatte für Imgjor keinen Reiz.

Und demgemäß antwortete sie auch.

„Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!“

entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese

Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den

Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das „du“ und die „Tante“ dabei

außer acht. —

„Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen,

zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere

größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits

für vollendet?“ warf die Frau, hämisch im Ton, hin.

Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese

offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu

bezähmen.

Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft

fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.

Sie warf schroff gereizt hin:

„Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?“

„Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in

Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn

ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für

mich!“

Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht

altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung

über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und

einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf

auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit

boshaft funkelnden Augen herausstieß: „Na ja! Dann mache, wenn du alles

besser weißt, wie du's willst!“ Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich

mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein

Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn

wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.

Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir,

neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte,

die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen,

den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen

aufzuräumen.

Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend

zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in

ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch

möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen,

nahm sie gar keine Rücksicht.

Sie folgte einerseits rücksichtslos ihren eitlen Plänen, nämlich den

Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen,

und andererseits ihrem rachsüchtigen Bestreben, mir möglichst

unangenehme Empfindungen zu bereiten.

Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gerügt hatte, wußte

sie mich einverstanden. Das genügte, um den schon in ihr lodernden,

heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen.

Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf

geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu

rüsten anschickten, erklärte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben

zu wollen.

Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen

Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemächer zu geleiten, und begab

sich, — mir in der gereizten Stimmung, die ihn während dieser Zeit

stetig beherrschte, nur eine kühle, gute Nacht wünschend, — ebenfalls in

seine Räume.

Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs

Horchen, und sobald ich hörte, daß die Jungfer sich wieder aus Madames

Gemächern entfernt, ich auch abgewartet, daß Frederik die Lichter im

Flur und auf den Korridoren gelöscht hatte, entzündete ich eine

Wachskerze, schritt an die Thür meiner Widersacherin und klopfte.

Ein lebhaftes: „Wer ist da?“ erfolgte.

„Ich, Lucile, bin's! Bitte, öffnen Sie!“ gab ich zurück.

„Ah! Sie, liebe Gräfin! Ich komme gleich —“

Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir

Gehör zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenüber. —

Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehässig, aber

entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden,

wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte,

wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende

Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie

spiele. —

Ich deckte ihr rücksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum

auch Brücken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen

strebte.

Aber ich nahm auch von der Thatsache, daß sie ihres Kindes Herz schon im

Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren

Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurück.

Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, daß ich eher sie oder mich

töten, als daß ich es — schon um der Kinder willen leiden werde —, daß

mein Mann zu ihr zurückkehre, eine erhebliche Geldsumme für ihren

Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an.

Noch zögerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen

sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte,

wie thöricht eifersüchtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber,

als ich ihr einen großen Teil des von mir in die Ehe gebrachten

Vermögens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe löschte

alle wirklichen und komödienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem

Regenguß aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten

Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklärte, ihr die Hälfte gleich

anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznießung der Zinsen werden

solle, erst nach einer Prüfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn

sie sich während dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer

Tochter ohne meine Zustimmung wieder nähere, gehe sie desselben

verlustig.

Schon am nächsten Tage verließen wir zusammen Rankholm, und begaben uns

nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier ließ ich nach genauer

Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in französischer Sprache

entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart

waren.

Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir

ihn beide, reichten uns wie zwei kühle Geschäftsleute die Hand und

fuhren am folgenden Morgen, — jeder den Abend allein im Hotel

zubringend, — unseren verschiedenen Zielen zu.

Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind,

nach Paris zurück, und ich trat am Spätnachmittag meinem Manne in

Rankholm wieder gegenüber.

Ich fand zu meiner glücklichen Befriedigung keinen Zürnenden, sondern

einen durchaus sanft Gestimmten. Er schloß mich unter der Versicherung

seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes für mein

energisches Verfahren zärtlich in die Arme, erklärte, daß er schon am

Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurückgekehrt und jetzt

förmlich wie erlöst sei.

Der Zauber war gewichen. Geradezu dämonisch hatte sie ihn umstrickt. Als

ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein

Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfüm, als dieses Girren

und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Künste auf ihn nicht

mehr wirkten.

So, lieber Graf, das ist in großen Zügen der Bericht, aus dem Sie

ersehen werden, daß Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich

gegen ihre Freunde und die Verhältnisse auflehnen, sich aber wieder

besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand

zurückzugewinnen vermögen. Auch ich habe mir mein Glück suchen müssen,

und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte für ihn, Lavard,

für das Kind, das ich wahrhaft liebte, und für mich selbst!

Mein Schlußwort soll sein:

Möchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise

irregeleitete Mädchen heimzuführen, ihr das Glück zu verschaffen, was

wir ihr alle sehnsüchtig wünschen!“

Graf Dehn hatte mit außerordentlicher Spannung und mit steigender

Bewunderung den Ausführungen der Gräfin zugehört. Als sie die letzten

Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drückte einen

Kuß darauf.

„Ihnen, Frau Gräfin, nahe bleiben zu dürfen, ist fast so viel, wie der

Wert, einer Imgjor Gatte zu werden —“ stieß er warmherzig heraus.

Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem

alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurück.

Und nun wußte er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rätselhaft

erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht

auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Spürendes, ein Bestreben, das

Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre

Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte.

* * * * *

In einem Gehölz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich

neben einer Höhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam,

idyllisch, umschlossen von hohen, grünen Fichten auf der einen Seite,

und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebüsch auf der anderen,

ein blauer, stiller See. Libellen umschwärmten ihn, und tausend andere,

die Wonnen des Daseins genießende, geflügelte kleine Geschöpfe führten

schwebende Tänze über seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine

entzückende Flora hatte hier eine Heimstätte gefunden. Immer neue

Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und süße Düfte berauschten die

Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich

durchbrochenen Rücksitzen versehenen Waldbänken niederließen.

Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener

Granitstein, auf dessen glatt polierter Fläche zahlreiche Namen in

deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren

Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen

oder mit ihren Herzen gefunden hatten.

Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher,

und ein ähnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete

auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben — es war um die

Nachmittagsstunde — aus dem Gehölz hervortrat und sich einer der Bänke

näherte. Seine Gedanken waren so ausschließlich auf einen Punkt

gerichtet, daß er mit bewußten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm,

daß seine Augen alle die Schönheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch

aufsogen.

Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch

fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gespräch

darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, daß sie am Abend,

den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen würde.

Unerfüllte Sehnsucht macht krank. Von der Höhe der Erwartung

herabgestürzt zu werden, völlig in Ungewißheit zu schweben, ist für die

stärksten Naturen ein qualvoller Zustand.

Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die

Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon

sorgsame Hände die Räume für die Kommende neuerdings in Stand gesetzt

hatten, der Schlüssel an dem versteckten Haken hinter der Thür. Graf

Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemächer zu öffnen.

Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberührten

Gegenständen, auf den Möbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den

seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhängen. Ein eigener Duft

von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne,

ein berückender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist

entströmt war, haftete noch in den Räumen. Und zu Seiten standen die

Flügelthüren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken

Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnsüchtig angezogen, auch in

dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter

Seide, die Polsterstühle waren mit weißem Rips bezogen, und alle übrigen

Möbel trugen eine blitzend weiße, mit zarten Goldlinien geschmückte

Farbe.

Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen,

weiblichen Wesens! Nur über dem Ruhelager eines solchen konnte so viel

saubere, gleichsam unschuldige Schönheit ausgebreitet sein. Und daneben

ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weißer

Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf

rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute,

lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter

ihnen blaute der Horizont, und über allem lag ein stillseliger Friede.

War's möglich, daß irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes

Mädchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen

Nächten neben in Schmerzen stöhnenden Kranken zu wachen, Wunden zu

verbinden, in schmutzige Hütten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen,

sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf

seine Schultern zu nehmen?

Wonach Millionen mit den Händen begierig greifen würden, nach einem

solchen Wohlleben, einer solchen Heimstätte, einer solchen Welt des

Reichtums, der glücklichen Beschaulichkeit und erquicklichen

Abwechslung, — das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als

unnützen Tand von sich geworfen!

Und doch liebte sie die Genüsse: die Natur, die Musik, die schönen

Künste, doch saß sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die

Gegend, faßte, selbst kutschierend, die Zügel und durchmaß das

Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wäldern, Auen und Seen!

„O, Imgjor, Imgjor, du rätselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes,

aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurückkehrendes Herz!“

Und niederknieend in diesen, für ihn heiligen Räumen, flüsterte der

Mann: „Gieb ihr, gütiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern

und ihre Gesundheit zurück! Schaffe ihr auch ein frohes Genügen hier,

die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, daß zwar der

Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht

thöricht greifen soll!“ —

Während Graf Dehn jetzt hier auf der Bank saß und die Erinnerungen an

die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste

vorüberziehen ließ, überlegte er die Möglichkeit eines Erfolges seiner

Werbung oder einer endgiltigen Enttäuschung.

Imgjor Lavard war stillschweigend ausgesöhnt mit den Ihrigen. Alles

wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit

gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik.

Die Vögel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon

gen Süden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen,

und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten

Frühmorgen vom Park aus durch sanfte Töne begrüßen sollte.

Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnsüchtige, Friedensuchende,

oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der großen

Welt in Verbindung hielt?! Niemand wußte es in Rankholm, und auch Graf

Dehn wußte keine Schlüsse auf ihr Herz zu ziehen. —

Langsam wanderte er nach dem Schloß zurück. Jetzt sah er, was um ihn her

vorging.

Als er aus dem Gehölz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben

zur Rüste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und

Felder, daß er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tönte das

Kirchenglöcklein durch die Stille, fröhliches, einmaliges Hundegebell

erklang, und auch das sehnsüchtige Brüllen nach Hause wandernder Rinder

schlug an sein Ohr.

Das waren die Laute des Landes!

Erst um die Dämmerstunde gelangte er wieder in das Schloß.

Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, daß Frederik und zwei

der Diener an Gepäckstücken vor der großen Treppe beschäftigt waren und

daß die Thür zur Halle offen stand. —

„Wer ist's, Portier? Die Komtesse?“.

„Ja! Zu Befehl, Herr Graf!“

Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend!

Sturmschnell betrat er die Hintergemächer. Lautes Sprechen drang aus

dem Kabinett der Gräfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch

mit klopfendem Herzen betreten hatte.

Und wieder klopfte es heute aus anderen Gründen so ungestüm, daß ihm

plötzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick — Imgjor

gegenüberzutreten.

Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine

Gemächer, riß die Fenster auf und holte tief, tief Atem.

So verharrte er wohl zehn Minuten.

Und dann hörte er Geräusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen,

und dann sagte die letztere:

„Nein, nein — danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei

Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe — in fünf Minuten bin ich wieder

bei euch. — Lasse nur anrichten, daß Papa nicht länger zu warten

braucht!“

Und nun Schritte — ihre Schritte empor!

Ah, wie ihm das Herz hämmerte, — wie die Glieder flogen, wie ihn alles

zu ihr hintrieb!

Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Räumen sich dehnender

Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, öffnete er die

Thür, zog ihre Gewalt mit seinen sehnsüchtigen Augen an sich und —

stürzte an ihr nieder.

„Imgjor! Imgjor!“ bracht aus der heißarbeitenden Brust. Im Nu hatte er

sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach.

Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte:

„Liebst du mich, Imgjor?“ aus der trunkenen Brust zitterten, da riß sie

ihn an sich.

„Ach — du fragst — teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut,

deine bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurückgegeben der

Vernunft und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller

Schroffheiten beim ersten Sehen!“

Und der berauschte Mann stöhnte auf und zog das blasse, schöne Geschöpf

an das Fenster.

„Hier vor Gottes unvergänglicher Natur schwöre ich dir, daß ich dich zu

beglücken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn

wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurück, du,

Imgjor Lavard?“

„Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort:

Wie Ueberfüllung strenge Fasten zeugt,

So wird die Freiheit, ohne Maß gebraucht,

In Zwang verkehrt!

Hier in diesem Eden der Schönheit und des Friedens, hier bei denen,

deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte,

wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns — und anderen

leben! Und nun küsse mich noch einmal, und dann will ich vor dir

niederknieen und deine Hände voll Dank berühren, daß du einen solchen

Reichtum an Nachsicht und Geduld mit deiner — deiner Imgjor gehabt!“

Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann

hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemächern empor. —

Grevinde · 第 16 / 16 段