heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank
aus und händigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum
Schluß bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse
Thee bereitet habe. Sie umging es, daß er sie sonst noch sprechen
wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde
hoffte sie, daß er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der
überhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der überdies nichts
erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstände sie ihres Reichtums
und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und saß
noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde
verkündet hatte. Dann aber drängte sie ihn selbst zum Gehen, und als er
dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin
sie sich wenden wolle, sagte sie: „Eine Woche brauche ich beinah' noch,
um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir
im Laufe dieser Jahre näher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine
Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im
südlichen Deutschland suchen. Was dann später geschieht, müssen Zeit und
Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, daß ich Gleichgesinnte,
Ehrliche und zugleich Begüterte finde, die sich mit mir zur
Verwirklichung von Reformen im Großen verbinden. Die Mißerfolge, die
traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, dürfen mich nicht
abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige
Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfähig. Man muß
sie nur auf den rechten Weg leiten.“
„Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß es auch fruchtbringend ist,
im Kleinen zu wirken, gnädigste Komtesse?“ wandte Kropp vermittelnd ein.
„Gewiß, Herr Doktor! Auf Rankholm, der großen Besitzung meines Vaters,
suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber
dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die
mich anwiderten. Auch andere Verhältnisse trieben mich fort, und nun —
ich erzählte Ihnen ja alles — hat sich ja überhaupt die Trennung
zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich muß mich jetzt treiben
lassen — mir bleibt keine Wahl.“
„Doch, doch, Komtesse! — Es giebt sehr viele, die namenlos glücklich
sein würden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden dürften!
Auch ich gehöre zu ihnen —“ schloß Kropp feurig und einen liebewarmen
Blick auf Imgjor richtend. „Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an,
Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name ließen mich verschweigen,
was ich für Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer
Gräfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu
meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein!
Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der
Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum
Ausdruck bringen können, was Sie edelmütig anheben. Sie haben mich
kennen gelernt. Sie wissen, daß ich nicht zu den Wortmachern gehöre, daß
ich Vernünftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht
unwert, so darf ich vielleicht hoffen, daß ich auch Ihnen nicht ganz
gleichgiltig bin —“
„Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr
Doktor!“ fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit
offenen Augen ihm zugewendet und zugehört hatte, in die Rede. „Aber ich
kann — so schmerzlich mir diese Antwort ist — die Ihrige nicht werden.
Ich will überhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde
grenzenlos betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals
wieder die Hand zum Bunde zu bieten.“
„Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten
Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die große Masse ist, wie wenig
glücklich eine Beschäftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben
im kleineren Kreise beglückt — und lehrt es nicht, daß das eben auch das
Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal
Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum:
Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Stärke
und Fülle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre
Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon
deshalb nicht, weil Sie über keine Mittel mehr verfügen, Komtesse!
Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren
Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus
diesem Wirken resultieren die großen Errungenschaften der Humanität, die
praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch
ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glücklich sein, so lange ihm
ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins
Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer
Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fähigkeit vorhanden wäre,
den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit,
sicher die Oberflächlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt,
weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen
zu träge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?“ schloß Kropp, als Imgjor
nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich
hinstarrte. Sie kämpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Für Sekunden
flog's ihr durch den Sinn, daß er die Wahrheit getroffen, und daß er der
Mann sei, durch den sie sich und andere glücklich machen könne. Aber wie
kleine Einwirkungen häufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebäude zum
Fallen bringen können, so war's hier. Als ihr Blick während des Sinnens
auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat
ihr plötzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel
Dehn ins Gedächtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein „Nein“ gesagt,
wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals
ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem
Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.
* * * * *
Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war,
wie so oft, Imgjor.
Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Gräfin noch
etwas erwarteten. Sie schöpften aus dem Umstande, daß in dem damaligen
Gespräch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse
Imgjors für Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde
durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem für ihn
günstigen Sinne rühren können. Daß in ihm die alten Gefühle nicht
erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den
Damen stattgefundenen Unterredung erklärt. Er hatte geäußert, daß ihn
eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie möglich in Imgjors
Nähe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene
verstärkt, als Lucile ihm nun auch — alle Bedenken, die sie früher mit
Rücksicht auf sich selbst abgehalten — eröffnet hatte, was in jener
Unterhaltung für ihn zu Tage getreten war.
Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen
noch um etwas zu verlängern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch
Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine
Pflegetochter wesentlich zu mildern gewußt. Er hatte in förmlicher Weise
um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis
erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.
Zunächst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plänen mit
liebenswürdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen
anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefüllt war — alle Bedenken
und eifersüchtigen Regungen abgestreift hatte, daß sie Imgjor sogleich
besuchen und ihr unter besonderer Begründung die Bitte vorlegen solle,
Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.
Sie ließ sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen
erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und
fand ihre Schwester in der vordem erwähnten Gemütsverfinsterung an ihrem
Arbeitstisch.
Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen
Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und
verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas
hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern
Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor,
und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung
erbittend, über die Straße an das Krankenbett einer armen Frau.
Und weil Imgjor ein längere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf
dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand
herrührende, offenbar für das Tagebuch bestimmte, zufällig hier
hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie
lauteten: „Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige
Unvorsichtigkeit sind genügend, um einem Menschen für immer bei der
Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrücken.
Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehört Glück, aber auch
dazu, für etwas anderes zu gelten, als man ist.“
Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben,
die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: „Gehemmte
Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie
dort unter kämpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der
Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmählich unter dumpfen Qualen
die Seele.“
Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.
„Ich komme,“ hub Lucile an und richtete einen liebenswürdigen Blick auf
ihre Schwester, „um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn möchte dich
sprechen! Er beruft sich darauf, daß du ihm einst eine Unterredung
zugefügt habest, und daß er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht,
noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn
empfangen, liebe Imgjor?“
Zunächst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfärbten sich. Wie von
einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die
Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflächen.
„Wann wünscht Graf Dehn die Unterredung?“ warf sie tonlos hin. „Und wo?“
„Nun — bei dir — oder besser — bei uns!“
Imgjor schüttelte den Kopf.
„Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch für alle
Zeiten auseinandergesetzt.“
„Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, öffentlich zu
sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder versöhnlich gestimmt. Du
wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn —“
„Ja, ich weiß: Wenn ich allem — allem entsage! — Ach, Lucile —“ setzte
das seelisch tief bedrückte, junge Mädchen an, brach in Schluchzen aus
und fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefühlen übermannt, neben
ihrer Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile
mit rührender Güte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und
fand wieder Halt und Fähigkeit zum Sprechen.
„Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!“ stieß Imgjor heraus,
hielt in der Beklemmung den Atem an und ließ ihn dann langsam wieder der
Brust entweichen.
„Und doch schwöre ich dir, daß ich Euch allen die die größten Opfer
bringen würde, die ein Mensch zu bieten vermag, daß ich Euch über alles
liebe! Wie viele Nächte habe ich durchgeweint, daß ich so beschaffen,
daß ich nicht bin, wie Ihr wünscht! Ach, könnte ich diesen Drang nach
Höherem, Befreiendem, könnte ich dies Allgemeingefühl für meine
Schwestern und Brüder in der Welt aus meiner Brust reißen, mich, wie
andere, in engeren Grenzen glücklich fühlen, dort für meine Art volle
Befriedigung finden, ich würde Gott auf den Knieen danken! In solchem
Sinne — ich bitte — Lucile — fasse mein Naturell auf und so mühe dich,
den Eltern immer wieder mein Wesen zu erklären. Denket, daß der Schöpfer
_Euch_ so erschaffen hätte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen.“ —
„Ja — ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile
mir eine Antwort für Graf Dehn —“
„Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur weiß ich
nicht, wo es geschehen kann! Er muß also warten oder hierherkommen. Wann
wollt Ihr reisen?“
„Die Trauer macht es erforderlich, daß wir wieder nach Rankholm
übersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch
aufgeschoben. Wir möchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man
schon beginnt. Auch andere Gründe sprechen dafür, nachdem Curbière
abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit
ausdehnen und dann — nach der Lausitz zurückkehren. Er hat die Absicht,
jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu übernehmen.“
„Was will er denn noch hier?“ Imgjor sprach's mit ihrer alten
Schroffheit.
Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstück, das sie in dem
Buch gefunden, und sagte: „Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was
du geschrieben hast, Imgjor!“
Und Lucile las: „Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer
Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kämpfendem Schwelen, unheimlichem
Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter
dumpfen Qualen allmählich die — Seele.“
Imgjor schloß erst die Augen. Blässe zog über ihre Wangen. Dann neigte
sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: „Also
morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann
für immer einen Abschluß erhalten.“
Lucile sah erschrocken empor. Einen so düsteren Klang hatten die Worte.
Aber als sie in Imgjors Zügen forschte und dort einen Ausdruck sanfter
Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.
Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.
* * * * *
In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu
der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er
sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.
Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog
ein Zittern durch des jungen Mädchens Körper, und zunächst fehlten ihr
die Worte.
Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gespräch den Charakter
nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit
sanfter Unterordnung im Ton:
„Ich bitte Sie inständig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu
erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine
Krankenpflege meiner Kräfte so sehr beraubt, daß ich nicht fähig bin —“
Hier stockte sie, ihre Hände griffen nach der Lehne eines Stuhles und
fernere Worte versagten.
Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie stützen. Aber sie gewann dann
doch ihre Kraft zurück und sagte, während sie ihn durch eine Bewegung
ersuchte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, nunmehr fest:
„Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir führt! Ich weiß, die
Höflichkeit, — die Rücksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten
Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich
entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und
glücklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen — falls Sie einen
Wunsch haben — solchen erfüllen kann! Ich vergaß nie und werde niemals
vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind.
Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine
Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung
habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, daß ich die Schuld
nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingeständnis und die Bitte, mir zu
verzeihen, entgegen! Und nun? Ich höre!“
Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurück auf die
Vorgänge in Rankholm, erörterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die
Gründe, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklärte, daß er keinen Tag
verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und daß er nun, von Sehnsucht
getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.
„Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der
ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mädchen mein Herz
schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir
nicht ein wenig gut sein könnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine
Besitzung zu folgen, um ein Glück zu finden, das in gegenseitiger
Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nächstenliebe einen
wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall — ich bitte,
ich beschwöre Sie — entsagen Sie Ihren jetzigen Plänen! Begnügen Sie
sich mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben
müssen, daß nicht wir die Welt regieren können, sondern nur ein Werkzeug
sind, um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken.
Thuen Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rücksicht so sehr verdienen,
— zu beweisen, daß Sie nicht undankbar sind.
Ihr Pflegevater — es ist ersichtlich — wird sich innerlich und
körperlich aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten für Sie
und die Familie verbundene öffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die
Gräfin leidet unter diesen Verhältnissen mehr, als sie es ausspricht.
Nur die Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hält sie ab,
sich anders zu geben, und stärker auf Sie, Komtesse, einzuwirken!
Wahrlich, wir könnten alle von ihr lernen!“
Imgjor hatte aufmerksam zugehört. Nicht einmal war ein abweisender, oder
spröder Ausdruck in ihre Züge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer
Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzähle,
sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.
Sie streckte ihm auch mit einem rührenden Blick die Hand hin, drückte
die seinige fest, und sagte:
„Ich wußte, Graf Dehn, daß Sie gerade so sprechen würden. Deshalb wird
es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie
nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhöhen
könnte — ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie
werden gleich verstehen, aus welchen Gründen ich es unterlassen muß — so
hätten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen können, der meine
Empfindungen für Sie stärker zu erhöhen imstande gewesen wäre! Meine
Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene
Füße zu stellen. Gelingt er, muß ich mir selbst treu bleiben. Ich kann
nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschluß ist unbeugsam!“
Und er fügte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz
zermalmte. Und dann sprach er: „Wohlan denn! Ich habe dann nur den
innigen Wunsch, daß sich verwirklichen wird, was Sie soeben
ausgesprochen haben! Mögen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie
befriedigt, der Sie wahrhaft glücklich macht! Leben Sie wohl — Komtesse
— Imgjor — Imgjor — teure Imgjor“ —
Und dann geschah doch etwas.
Sie brach in Thränen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick
lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewußtsein
zurückgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im
Ton: „Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!“
Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gönnte sie ihm, dann that
er, wie sie wünschte.
Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurück und
überdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei
der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade
das als nebensächlich hinzustellen, sich zwingen wollte.
Sie war demnächst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte — vielleicht, um
sie dadurch eher gefügig zu machen — die sonst am ersten des Monats ihr
stets überwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang
auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre
Pretiosen und ihre seidenen Gewänder zu verkaufen, widerstrebte ihr,
weil sie fürchtete, sich dadurch bloßzustellen. Und wenn beides dahin
war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits
Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr früher fremd gewesen waren. Die
Begräbniskosten für den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch
Imgjors Bemühungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war,
hatten das Geringe, was sie noch besaß, bis auf ganz weniges
geschmälert, und die Bank mußte überdies noch befriedigt werden.
Täglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe für
gute Zwecke.
Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach
ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.
Auch die Miete für die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte
Steuern von ihr.
Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem — nichts
stand! Eine angstvolle Unruhe überkam sie. Man würde sie am Ende auch
noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen würden gar
verkünden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie
eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen
wollen!
Und eben diese Lebenssorgen drängten zum erstenmal die Gedanken an die
Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfüllten und deren
Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklärt hatte, völlig zurück!
Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte
plötzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie
früher flüchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen
dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem
Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn,
obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, für immer von
sich gestoßen!
Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.
Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren
alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie
schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!
Jedes Menschenherz war — so überlegte Imgjor — zu rühren, wenn nur der
Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.
Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an
Rankholm.
Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend! — Eine namenlose
Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen
Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr
Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der
gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken. — — —
* * * * *
Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung
bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen
Briefes eine Ablenkung.
Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der
Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung
gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit
in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken
der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem
sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu
Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt
werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit
und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf
sie einzuwirken suchen.
Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten,
welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden
konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen.
Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.
Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der
Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in
Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich
beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm
aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden
später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den
übrigen trennend, den Rückweg an.