Sie sprechen?“
Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne
angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins
Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von
ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.
Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und
besaß nun selbst nichts!
Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich
vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen.
Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige
bisher verschobene Fragen an Gebine.
„War jemand da, während ich fort war, Kind?“ warf sie hin.
„Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen —“
„Ein Mann oder ein Herr? — Wie sah er aus?“
„Es war — glaube ich — ein Matrose. — Ich fürchtete mich —“
Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und
unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in
Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu
schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche
Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte
ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde.
„Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?“
forschte Imgjor stark erregt.
Gebine nickte.
„Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals.“
Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte
jener in der Nacht getragen.
„Und was sagtest du, Gebine?“
„Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einem
Herrn zurück, mit einem Rittmeister.“
„Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?“ Imgjor sprach's
verwundert.
Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie
antwortete nicht.
„Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?“
„Ja — ich — hatte so schreckliche Angst — Er guckte mich so sonderbar an
— und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht
wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen.“
Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder
ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es
gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt.
Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: „In
diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine
solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit
befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr
entspringen alle anderen Laster. — Und noch eine Frage: Was äußerte der
Mann, als du dies sagtest?“
„Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre.“
„Und du? du? Was — entgegnetest du, Gebine?“
„Ich sagte — ich sagte — daß es Ihr Bräutigam wäre —“
„Aber das war ja abermals eine Lüge!“ stieß Imgjor nun zornig heraus.
„Was sind das alles für Erfindungen — für Phantasien! — Ich bin außer
mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon
belogen? Oft? — Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte
dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich
hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen,
als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte
in die Tasche gesteckt?“
„O nein — nein — ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer
nur die Wahrheit gesagt. — Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg.
Ich hatte das Geld in Papier gewickelt — ich hatte es gar nicht
nachgesehen —“
„Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast —
ich werde mich erkundigen — mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück.
Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder
von dir zurück.“
Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterte
Imgjor: „O welche Einblicke in das Innere der Menschen, — täglich,
stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?“ Und dann rief sie das
Kind heran und sprach:
„Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht
und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch
nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es:
Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen,
aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe
Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen
zu machen! So — und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich
bin dir nicht böse.“
Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sie
noch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein
Eden, ein unvergleichliches Paradies sei — in der großen Welt aber —
eine Hölle —
* * * * *
Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren
Obliegenheiten nach.
Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause
einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors
Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten
über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden
Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den
Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen.
Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie
wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein
solches aushändigen werde.
Auf dem Wege dorthin erblickte sie — und das Herz wollte ihr stille
stehen — jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht
überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen
Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch
einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine
Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden,
abgelenkt.
Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.
Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu
einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak
für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch
zufällig Doktor Kropp den Laden betrat.
Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor
ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die
Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen.
Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank,
woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den
Weg nach ihrer Wohnung zurück.
Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor
Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch
die ihrigen gewesen.
Zuletzt gelangte er — eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht
und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen
Garten zu — auf seine eigenen, von Stede bereits berührten
Angelegenheiten.
„Ich möchte,“ hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus
den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren
Gesichtes auf Imgjor, „mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der
Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne
mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor
Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö,
mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe
Kneedeholm zu haben sein werde.
Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt
niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um
Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!“
„Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu
Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten,
in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus.
Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe
gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem
Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?“
„Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte
ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich
vielleicht Ihr Herr Vater — auf Ihre Empfehlungen gestützt — mit einer
solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?“
Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den
inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen
solle.
Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen
Enttäuschung fürchtete.
Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen
jedermann eingeflößt.
Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern
werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens,
ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.
Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem
aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich
schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung.
„Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr
Doktor,“ begann sie. „Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber
leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich
lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch
einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich
noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde
verdienen können.“
„Wie? In der That?“ stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich
mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich
eine glückselige Hoffnung in ihm regte.
„Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir,
wie das alles gekommen ist!“ drängte er, während sie sich auf einer vor
dem kleinen See befindlichen Bank niederließen.
Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn
sprechen.
Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem
Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert,
daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob
sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort
müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn,
wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu
empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern
alles mitteilen.
Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.
Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch
ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln
könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte.
Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen
entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit
der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus
Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er
plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge
Mädchen an seiner Seite.
„Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich,
man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch
noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja
alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu
locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich
werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn
veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für
nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr
Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?“
„Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben — es ist
vielleicht möglich — darf, kann ich es doch nicht brechen.“
„Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch
die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir
verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag
Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu
halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!“
„O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn
nicht! Sie gehen zu weit!“ rief Imgjor. „Von dem, was er lehrt, ist er
überzeugt!“
„Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe
den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es
fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache
zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt,
diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der
Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen
Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden
muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird
sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden
Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist.“
„Nun wohlan! Ja — ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll
das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig
sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in
meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der
Erledigung harrt.“
Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter — eben waren sie an
ihrer Wohnung angelangt — mit einem freundlichen Blick Abschied.
* * * * *
Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine
erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt
worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um
einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben
beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter
Herr sie zu sprechen wünsche.
„Frage erst nach seinem Namen!“ entschied Imgjor, von einer angenehmen
Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in
der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand
danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen
ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.
Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer,
küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von
ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er,
Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht
fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu
haben.
„Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls
Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück,“ schloß der Marquis.
„Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit
Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist.
Allerdings — den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend
öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen
loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß
Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie
Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!“
Zunächst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedürfnis, mit
Curbière über den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie ließ sich
ausführlich von ihm erzählen, hörte aufmerksam zu und drückte ihm voll
Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er
in bewegten Worten betonte, daß er mit dessen Tode das bisher Beste auf
der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt hätte.
„Sie haben Lucile dafür gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal
schon vorher mitleidig für Sie bedacht, Ihnen für das, was es Ihnen
nehmen mußte, einen Ersatz zu gewähren.“
Curbière bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem,
alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein
kurzes, zerstreutes: „Gewiß — allerdings!“
„Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben,“ lenkte Imgjor rasch und
umsichtig ab. „Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich
unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater!
Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei
denn —“
„Nun, Imgjor?“ Curbière sprach's gespannt.
„Daß ich allem entsage, und für immer nach Rankholm zurückkehre. Und
eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren
Anlaß habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Plätzchen
sehne, wo ich als Kind glücklich war. Ich kann eben nicht im Ueberfluß
und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!“
„Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?“
„Nein — hier haben mir Verleumdung und Mißgunst den Aufenthalt unmöglich
gemacht. Ich wüßte nur einen Ort, wohin ich paßte —“
„Und der wäre?“
„Ich möchte nach Paris. Da, glaube ich, würde ich in Thaten umsetzen
können, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden für mich, und
finde ich solche, die gleich mir denken!“
Im ersten Augenblick belebten sich Curbières Augen. Sie sprach mit
solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte
ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war
verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wußte, daß
sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen würde. In
diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen
überzeugend widerlegt hatte, schloß er: „Und wollen Sie uns ein Opfer
bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurückgeben, so heiraten Sie
den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern
eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm
zurück. Daß er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, weiß ich.“
Imgjor hatte mit Leichenblässe im Angesicht die letzten Worte vernommen,
auch hatten ihre Hände unwillkürlich nach einem Stützpunkt gegriffen. Da
war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch
diese Versuchung!
Aber kurz war nur ihr Kampf. Prestö hatte sie geliebt, weil sie gehofft
hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu können. Axel Dehn liebte
sie mit der Stärke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein
lebhaftes Interesse für den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er
neben seiner weltmännischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt
hatte, daß er ein Mann von Verstand und Geist war, und daß er zugleich
ein edles Herz besaß. Aber Prestö hatte sie inzwischen hassen gelernt,
Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben — und Curbière gehörte ihrer
Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbière mit einem
Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, daß sie sich nur mit der
ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschäftigte, sagte sie: „Ich
vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg wählten. Es wäre ja
auch möglich gewesen, daß Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das
Gegenteil bewirkt hätten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen
habe, noch etwas Schweres aufgebürdet. Sie haben aber meine Freundschaft
angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich
verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn
zu heiraten, vermag ich nicht zu erfüllen. Ich werde nie heiraten, weder
ihn, noch einen anderen!“
Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, daß
der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen
Händedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging
er. Sie aber sank, während das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe
verklang, in tiefem innerem Verstummen zurück.
* * * * *
Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der
Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon
auffallend, daß sie eine Anzahl Frauen und Männer, lebhaft sprechend,
auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage,
ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, daß den Alten in der Frühe der
Schlag gerührt habe.
Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis
erhalten. Sie habe geglaubt, daß er schon fortgegangen sei, als sie
einen schweren Fall in der Küche gehört. Imgjors erster Gedanke bei
diesem Unglück war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe
werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum
Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwägung richteten sich ihre
Vorstellungen auf das Nächstliegende. Der Mann mußte beerdigt werden.
Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich
sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwäscherin zu bestellen und einen
Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das
geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und
erklärte ihr möglichst schonend, daß sie nunmehr in das Armenfrauenhaus
übersiedeln müsse. Auch eröffnete sie ihr, daß sie, Imgjor, demnächst
Kopenhagen verlassen würde und persönlich in keiner Weise mehr für sie
zu sorgen im stande sei.
Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, während Thränen
aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die
Küche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war
erschütternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem
Fußboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlaßte Imgjor
durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklärte sie der
alten Frau, ihr für die nächsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie
beschloß, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberführung in das
Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem
die Alte dazu mit tief gerührten Gefühlen genickt, nahm Imgjor von ihr
Abschied.
„Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit
Geduld! Viele haben es noch weit schwerer —“
Und die Alte nickte abermals, während sie Imgjors Hände mit ihren
mageren Fingern fest umklammerte.
„Gott segne Sie, Komtesse!“ schluchzte sie. „Ich werde immer an Sie
denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie,
als einen menschlichen Engel, herabflehen!“
Imgjors Augen wurden naß. Alle Mühsalen, aller Undank waren vergessen,
den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren
geprüftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch
Dankgefühle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Händedruck, sagte sie:
„Geld und mein Mädchen werde ich Ihnen schicken. So ist für alles
gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schütze Sie, meine gute Alte!“
Und: „Adieu! Adieu!“ schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein
mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.
Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich
mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heißen Drange
nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfängliche, doch
noch Dankbare. So überlegte sie abermals.
Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte,
wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um
verabredetermaßen über seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten.
Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon,
bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.
„Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurück,“
entgegnete der Doktor, Platz nehmend. „Er wolle,“ erklärte er, „mit
Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben
Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm
den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklärte, daß ich in einer der
Kopenhagener Zeitungen veröffentlichen würde, welchen Charakter die
Forderungen hätten, die er an Sie, gnädigste Komtesse, in dieser
Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krümmend, nach. Aber eine Flut
von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich
ihm, nach einer nochmaligen, gründlichen Abfertigung den Rücken kehrte.“