keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer
Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche
Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne.
Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle
der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in
die Oeffentlichkeit gebracht hatten.
Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten
Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen
könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere
Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag
gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von
Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt,
sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein
konferiert habe.
Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß
ein Anfall auf die Komtesse verübt sei.
Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause
geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem
Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen
und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder
und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre
Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager.
Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder
aufgestanden und hatte sich erholt.
Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie
beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen
sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte
gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich
hatten zu Tage treten lassen.
„Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall
betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben
so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen
Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel
anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen
öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen
Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht
für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn
von dort schon solche Beispiele ausgehen!“
Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß Komtesse
Imgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er die
Herrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei.
Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der
Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem
Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die
sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst
die volle Schönheit die Welt erhelle.
Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühenden
Sommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbe
und eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar.
Sonst trug sie keinen Schmuck.
„Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!“ flüsterte
Curbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend.
Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete,
sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger
Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein.
„Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du
das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber —“
Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich
inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten,
guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel
niederließ.
Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg
besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg
speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber
aus.
„Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!“ ermunterte sie Curbière
liebenswürdig. „Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst
sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und
vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben.“
„Ich würde sehr gern teilnehmen“ — entgegnete Imgjor, bei der Hitze die
Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm
freigebend — „aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag
halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig.“
„So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel
herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn
wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?“
„Ich hoffe es, lieber Armand.“
„Und welchen?“
„Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen.“
„Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein und
lauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die
Erdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' die
Kirchen und die vielen Prediger —“
Imgjor zog die Schultern.
„Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere
belehren zu wollen, Imgjor?“ fuhr er fort. „Wär's nicht besser, jeder
verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich
wiederhole früher Gesagtes.“
„Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt
aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur
handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige
Mißgeleitete umzuwandeln?“
„Das ist — pardon! — die stete Rede aller derer, die es für erforderlich
halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße
hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur
Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu
verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem
Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das
Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf
die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum
fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein
Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen
Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie
kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch
unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie
nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser
Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen
wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder
fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln
spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der
fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur
zuruft: „Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!“ Und so fort und so
fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit
solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche
Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung
des göttlichen Wesens empören soll!“
„Sie sprechen —“ entgegnete Imgjor voll Begeisterung, „für eine
Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher
Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber
mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die
Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja
auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der
Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das
Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach
Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!“
„Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich
wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!“ fiel nun der
Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen
hatte.
„Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen
vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten
möge.“
„Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber
Papa!“ fiel Imgjor ein. „Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf
Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das
gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes
Erbteil bewahren.“
„Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du
kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen
unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch
auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die
Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde
dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz
bringen.“
„Das kann nicht sein,“ erklärte Imgjor. „Sage dem König, daß ich fürder
nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht
mehr rückgängig zu machen — unmöglich!“
„Was heißt: kann — unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche,
wenn ich es will?“ rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld
riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß
die Gläser zitterten. „Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich
sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle,
daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du
abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen,
deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du
gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da
du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem
allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so!
Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf
Kosten der weiblichen Würde!“
„O, halt! Halt!“ rief das in ihrem Innern tief betroffene junge
Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und
richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. „Daß du das sagst — mir
—“
Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte
ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der
Brust quoll: „Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich
meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage
abstehst? Noch einmal nein, oder —“
Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts
dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er
bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider
Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm
Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen.
Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßige
Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck.
„In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen!
Ich muß aufs dringendste bitten!“ stieß er in einem schroff
entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln
suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch
fester.
Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich
mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und
hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die
Klinke faßte, sagte sie:
„Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr
meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in
anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie
immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf
materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst
du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die
Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte
dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an
mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und
besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen — Adieu!
Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!“
Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick das
Gemach.
* * * * *
In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an
demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte
ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet,
daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer
Verfügung halte.
Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert,
während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche
Selterwasser zu bringen ersuchte.
Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach
Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer
Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber
sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln
dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein
Wohlfahrtsverein begründet werde.
Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was
sie einst mit Prestö geplant hatte.
Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre
Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu
verwirklichen suchen.
Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei
diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine
Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen.
Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an
den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren
Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So
beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas
schmerze.
„Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!“
Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art
Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der
Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden
sei.
Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte,
fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm
gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen.
„Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen!
Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich
erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben
die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen
Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet
es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr
Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen,
schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf
Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der
Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!“
„Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?“ stieß Imgjor in starker Enttäuschung
heraus. „Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen
gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich,
ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit
meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe
— das meiste gab ich schon hin — bleibt mir höchstens die Möglichkeit,
noch einige Zeit zu leben!“
Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein
Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er
schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen
zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt.
„Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist — ist — garnichts zu machen!
Ich ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher
Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben
versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag
ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche
Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie
sich mit Ihrer Familie wieder einigen?“
„Nein,“ erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß
der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und
Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung
erlag.
Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt
hatte.
Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte,
da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer
ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so
rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne
materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl
hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher
freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande
sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand
hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die
Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt
aufgebaut.
Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt
vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie
ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich
bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen
gestolpert.
Jetzt stand sie — in furchtbarer Klarheit kam's über sie — wirklich dem
„Nichts“ gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte,
während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in
der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben.
Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in
ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte
sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen
und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn?
Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht
genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt?
Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand
jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch
beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben
wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet
hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen,
auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag
halten wolle.
Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte:
„Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und
glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu
dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die
Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich
aufzutreten!“
Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern.
„Ich würde,“ hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, „dann nur um den
Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen,
für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für die
Ausfälle an Einnahmen.“
„Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!“
„Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen
sollten.“
„Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?“
„Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eine
Claque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meine
Bedürfnisse aufgebracht — Ich soll doch leben — ich soll doch etwas
zurücklegen —“
„Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es
selbst?“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen
als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden.“
„Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo
es bleibt?“
„Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten
angelegt.“
„Hm — hm — aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das
heißt doch nur an sich denken.“
„Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit
Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um
durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen.“
„O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde
ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche
Vertuschung der Wahrheit!“
„Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich
hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb
erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand
Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie
belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen
gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln,
um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen.“
„Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen,“ stieß Imgjor,
ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, „aber ich will jedenfalls
meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die
Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre
Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu
verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser
Unehre sein!“
„Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit
Rechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil des
Gespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ich
mir den Betrag holen darf?“
„Wieviel verlangen Sie?“
„Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen —“
„Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein
Eigentum veräußere!“
„So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu
fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits
morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr
unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch
Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!“
„Gut!“ hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. „Sie sollen das
Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen
möchte ich nicht ferner verhandeln —“
Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone
für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon
mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur
Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein. —
* * * * *
Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer
gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer
Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch
bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der
Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde.
Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von
den Lavards geschrieben.
Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem
Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte
Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem
lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das
Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor
Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen
werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.
Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein
stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.
Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp
abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:
„Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu
dürfen —“ und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz: