de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und
sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon
von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief
verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:
„Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich
werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen.“
Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.
Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende
Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des
Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden
Speisen und seltenen Weinen beisammen.
Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:
„Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich
mit dem jungen Grafen Kilde unterhält.“
Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren
Menschenbeglückungskittel abthun würde!“
„Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?“
„Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch
verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit —“
„Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen
ganz superben Geschmack besaß?“
„Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr
vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln
der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in
Amerika aufhalten.“
„Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden.“
„Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher
Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn
auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur
durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe,
der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und
uns besuchen will —“
„Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?“
„Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis
von Curbière kennen gelernt habe.“
„Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht
eifersüchtig zu werden vermag?“ warf Curbière liebenswürdig neckend hin.
Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:
„Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je
dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei
mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards —“
In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter
gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden
Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu
ihnen herüberdrangen.
Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte:
„Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum
in solchem Alter —“
„Ja, und wie man sie lieben und achten muß!“ fiel Lucile ein. „Ich habe
erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie
besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich
unvergleichlich bewährt.“
Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:
„Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?“
Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sich
Rechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte.
„Weshalb fragst du?“ stieß sie heraus.
„Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde —“
Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte,
erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit
zärtlichem Ausdruck fort:
„Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir
also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!“
* * * * *
Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor — es war halb drei Uhr
morgens — vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt
bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren
jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich
das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten
Empfindungen, die Treppe hinauf.
Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide
außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt.
Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne
starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener
Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von
einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor
in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte.
Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte
wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben
den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.
Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern.
Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in
Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht,
der seine Hand vergeben und den sie — Scham, Reue und Auflehnung gegen
sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele — wegen seiner
Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.
Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden.
Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer
Schwester.
Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich
vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich
doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß
nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß
sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß
ihr Herz unwillkürlich — ihr unbewußt — Nahrung suchend, nach diesem
Ersatz gegriffen habe.
Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen
der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen
gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie.
Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele,
mußte sie zurückerlangen.
Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit
eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten
Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu
verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen,
das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören.
Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden
Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder
untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat?
Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie
schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer
armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich
der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen!
Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!
Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend
machen konnte.
Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die
Erinnerung an Prestö.
Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden
Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.
Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der
die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da
er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des
Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu
warnen, wieder in ihr aufgestiegen.
Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und
sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor
erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie
beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war
Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen. —
Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren,
dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem
Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel,
einer marmornen Psyche.
Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das
auf ihrem Tisch lag.
„Was ist Glück?“ lautete der Titel.
Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst
herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit
Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung — und sie brachte
Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt
glücklich?
Sie schüttelte wehmütig den Kopf.
Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte.
Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die
Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit
Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie
stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß
Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg
einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch
so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und
von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge
herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind.
Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als
Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens
das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft
erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe,
daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre!
Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind — und immer noch ein
solches an mangelnder Erfahrung — bitterlich geweint.
Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit!
Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn
sprechen zu hören vermeint:
„Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten,
jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und
gegenseitigen Bevormundungssucht.
Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen,
welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben,
sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur
Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der
Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln,
selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden,
begründen und Resolutionen fassen.
Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe.
Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit
Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein
Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände
können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen
Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise
seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem
Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten,
also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die
schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die
sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge,
nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und
Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen
und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen.
Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um
seine Existenz mit.
Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe
sich umschauen.
Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt,
ist das Beginnen von Thoren.
Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer
Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand
keine Antwort darauf.
* * * * *
Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger
häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer
Bestürzung, daß sie bestohlen worden war.
Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um
einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu
unterstützen.
Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend
vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer
betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein.
Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil
sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen
und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.
Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach
beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos
erregte.
Das Schreiben lautete:
„Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort,
als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf
dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu
befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz — etwas aus dir
macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich
nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und
belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem
Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich
verunehrt wird.
Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die
Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille
deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun,
und man weiß auch — warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit
den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen
sind!
Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die
Flucht ergreifen mußt!“
Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die
stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht
aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen
gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre
unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.
Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So
urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!
Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief
in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen.
Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst
und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um
die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede
herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und
Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen
vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren
Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege
versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt
unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das
Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte,
der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in
eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen
wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier! —
Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu
anderen, zu den alten Entschlüssen.
Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller
Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal
als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in
Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden
herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten
würde. Ja, dazu war sie entschlossen! —
Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der
einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer
huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach
solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde
nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer
Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: „Kommet her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ und nur durch praktisches
Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine
Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen
seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und
weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber
eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners
angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst
blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und
dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier,
umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit
ihm ausgetauscht.
Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der
letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn
lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.
Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit
einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin
wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.
„Mir ging es wie Ihnen, Komtesse,“ erklärte er. „Ich habe wohl
hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.
Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß
ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:
„So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches
Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid
Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als
Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid,
welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste
stellen!
Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert
zuletzt, wo ihr zu bitten habt.
Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet,
plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht
mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton:
Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in
dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel
bessere Speise.
Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:
„Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden,
welch' eine Unwürdige du bist!“
Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten
würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt
ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere
Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch
sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich
aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie:
So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so
einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es
giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das
und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.
Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie
weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden. —
Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch
die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie
entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das
sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich
nicht damit begnügen, blos zu sein.“
Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort,
das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so
verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als
Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des
schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der
Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach,
sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen.
„Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich
aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren,
Stärkeren senden.“
Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder
einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines
Marquis von Curbière auf.
Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.
Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der
Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber
eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein
ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht
rühren, die Muskeln nicht anstrengen!
In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed
den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die
neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.
Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal
wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß
zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der
Kronprinzeßgade.
Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser
und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf
sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie
ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell
nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend
benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem
Widerstand, ihren Leib.
„Sie sind doch Grevinde!“ flüsterte er, sie fester und fester an sich
ziehend. „So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch
einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir
versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der
Glückliche!
Ich bitte, mein süßes Kind — komm mit — komm mit auf die Bank! Laß uns
plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!“
Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte
schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob
er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der
Halbohnmächtigen unter den Bäumen.
* * * * *
Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich
sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen
Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf
Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem
silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende,
einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck
ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des
Schlosses.
Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert
zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen
schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine
kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden
Wachskerze entzündet hatte.
Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei Hofe
Stattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die
Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung
seines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch,
Einladungen empfangen hatten.