„Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da

ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine

friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein

Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber

ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen,

diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im

großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der

weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist.“

„Sie wolle,“ schaltete ich ein, „aber doch nicht auf eine Verbindung

mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er

nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge,

der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich

machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen

Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die

Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen

durchaus.“

„Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?“

„Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für

sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie

die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem

kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre

Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich

herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu

verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich

entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von

unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen

spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser

Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes

Verfügungsrecht besitze.“

* * * * *

Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere

Zwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die

Thätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in

Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit

Ueberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich,

eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame

Gesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheiten

statt.

Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im

letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden.

Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die

schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen

Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und

die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche

reitende Boten zu besorgen hatten.

Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der

Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus.

Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer

befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit

sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte.

Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige

von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen.

Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade

Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem

Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganze

Sache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft.

„Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen

überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!“ stieß er

heraus. „Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die

Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun

haben wir's!“

„Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht

zu arrangieren!“ fiel die Gräfin besänftigend ein. „Wir laden noch den

Oberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein.

Dann sind wir in Ordnung.“

„Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug.

Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben

ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich

befriedigen, Lucile!“

Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück.

Dann sagte sie in sanftem Ton:

„Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir

waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die

wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach

Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die

Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner

Weise, Lavard.“

Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein

Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese

Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er

seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende

Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger

erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten

mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu

sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich

indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte:

„Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst

dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender

Erklärung einladen!“

Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die

Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er

sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er

Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst

auszuschütten.

Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte.

„Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen

auffordern!“ entgegnete sie. „Eine nachträgliche, in guter Form

vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß

aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden

sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung,

auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra —“

„Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun,

was ich dir sage!“ fuhr's aus des Grafen Munde. „Wenn's richtig gemacht,

wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine

gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern

die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich

stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht

besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die

notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen

thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt

dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und

deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit,

Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen

sollten! So, das merke dir!“

Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten

einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur:

„Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa.

Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad —“

„Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das Zimmer!“ —

sprühte der Graf. „Ich wünsche nicht von dir im Sprechen kontrolliert zu

werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich wiederhole früher

Gesagtes: Ich habe grade genug!

Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn

du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr

ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem

Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird,

als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner

trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so —“

„Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und

Glück besitzen wie wir, Papa,“ fiel Imgjor unerschrocken ein. „Und wenn

du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem

dir jüngst vorgetragenen Ersuchen —“

„Imgjor — ich warne dich —“ rief der Graf, sprang empor und fiel fast

über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur

Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten

der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles

verhütet.

Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester,

legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß

er sich besänftigen möge.

„Laßt mich!“ rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. „Wenn

ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das

hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!“ Und: „Weißt du,

wer du bist?“ fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch

mehr.

Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte

ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden

durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund.

Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre

Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man

sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es

etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt

aufbäumte.

„Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung,

daß du dich vergaßest —“ mahnte sie bittend.

Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle

Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der

widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war,

bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt

wurde.

„Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen

und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll

schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder

abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun,

sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu

besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen,

ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des

Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!“

„Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer

Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte — ich bitte — und,

Imgjor, hörst du nicht? — Noch einmal — thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich

vor deinem Vater, mein liebes Kind!“

Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll

aufrichtend:

„Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann

ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht

meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder

Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard! —“

Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von

unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen

nunmehr das Blut.

Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich

hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke,

preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte:

„Ja, eine Lavard! Aber — und nun sollst du es wissen — geboren von einer

Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper

einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und

niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was

du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur

adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du

trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines

unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich

von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis

sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen

deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel

ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber

rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein

Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!“

Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus. —

* * * * *

Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine

beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und

bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in

solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst

erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger

ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor

fremden Zeugen preisgegeben zu haben.

Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und

Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von

den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen.

Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville.

Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich

stumm die Hand gedrückt hatte.

Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon

erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die

beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen

zurück.

„Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie

gehören zu uns!“ stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus.

„Nicht wahr, Lavard?“

Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich

hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort:

„Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor

aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen

giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis

ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem

Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so

mehr in ihren Plänen bestärkt —“

Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solche

Vorhaltungen zu machen, zu früh gewählt:

„Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber

meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?“

Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die

Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso

rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte.

Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten das

Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton:

„Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie

bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will

ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen

Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht — und die Gründe brauche ich

nicht darzulegen — mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich

gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll.

Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher

Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach

in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest!

Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von

Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht

mehr die Rede!“

„Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr

sprechen.“

Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach.

„Verzeihen Sie!“ hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und

streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen.

„Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden

wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber

wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren

oder größeren Defekt in seinem Charakter.“

Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die

Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu,

umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen. —

Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer.

Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes.

„Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?“ stieß Lucile heraus und richtete

mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter.

„Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten

können,“ erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in

einen Sessel gleiten. „Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte

förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr

starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als

Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und

zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die

Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's

nun werden, Lavard?“ „Ah —“ stieß der Graf, von neuem stark erregt,

heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an. — „Da haben

wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten,

ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich,

unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich — und an uns! Da

ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer

ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das

Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja — welcher

Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder

betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele,

Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen

an den Physikus Mangor in Oerebye.“

Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett

seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort.

Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf

das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen

den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die

Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen.

War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und

Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen. — Freilich,

ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben.

Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden

Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß,

waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren

rechtzeitig — oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und

getanzt werden sollte — waren hergerichtet.

Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon

wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben,

inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen

einen wild sich auflehnenden Geier!

* * * * *

Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach

ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war,

hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche

Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe

bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt

haben.

Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so

Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem

Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom

Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen

abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen,

eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu

einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach.

Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten,

daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu

ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später

diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort.

Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen

suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort

geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber

nicht wortbrüchig zu werden.

Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, auf

Prestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen,

Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Sie

wolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im

Großen nicht zu gelingen vermöge.

Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie

bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch

deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge.

Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt,

daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde.

Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich

der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde.

Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und

maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine

andere garnicht geben konnte.

Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er:

„Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung

über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher

in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während

dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt

noch etwas vor, dann geht sie sofort!“

Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit,

daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art

gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und

ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren

Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe. — Nur Auflehnung

gegen ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer

Pflegemutter, aber habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in

den rührendsten Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der

Jahre schuldig gemacht, abgebeten.

„Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,“ — schloß sie ihre Rede — „enthüllt,

was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer

Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie

erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich

berechtigt waren. — Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie

später aus meinem Munde vernehmen.“

Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er,

gedrängt, noch mehr zu hören: „Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die

Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!“

„Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich

auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden

Zeugen auszusprechen.

Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme — äußerte sie — muß ich

wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden.

Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich

nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat

als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich

dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich

abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in

allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich

unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen

Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht.“ —

Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste

im Schloßhof von Rankholm.

War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer

Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.

Grevinde · 第 6 / 16 段