„Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den
Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde.“
„Meine Eltern werden sehr glücklich sein —“ entgegnete Axel, „wenn Sie
ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu
bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel. — Aber ob Komtesse Imgjor
damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich
fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen
Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige
Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich
seit den letzten Vorgängen haßt —“
Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem
Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm
Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete
nichts.
* * * * *
Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye
und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob
ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt.
Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er
es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er
hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und
immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte
Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt,
dabei eine Rolle spiele.
In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand
sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit
Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem
Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen
der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus.
Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch
verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.
Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben,
wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre.
Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach
dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die
von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur
Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der
Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei,
die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus,
die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die
zahlreichen Arbeiterschaften.
Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune,
beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft
zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.
Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö
überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen.
Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen
einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl
auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der
Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein
Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe.
„Wir sprechen noch näher darüber!“ hatte der Graf geschlossen. „Ich
komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter
Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden
Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht
gewonnen habe.
Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige
Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie
wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen.
Natürlich — Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der
Bedingung verlassen wir Rankholm.“
Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.
„Jeder Gutsherr —“ erklärte er — „muß seinen Herd und sein Eigentum
schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie
diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die
gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt
werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller
Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten
Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen
zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten —“
Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten
Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in
besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.
„Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!“
hatte er geäußert. „Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie,
bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum
luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das
leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und
anderen schon viel Herzeleid gebracht.“
Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut
eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im
Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten.
Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische
Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig
einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur
Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren
Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den
Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei
dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete
Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß
ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt
werde.
„Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren —“ sagte sie. „Mein
Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge
einstweilen nicht berührt werden —“ schloß sie mit gedämpfter Stimme.
Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere
Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu
gelangen.
Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie — Axel
schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für
welche helle Gewänder nicht geeignet waren, — ein dunkles Kleid. Sie sah
wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein
neckisch anschmiegendes Wesen heraus.
Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte
einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen
lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden.
Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht
hören.
Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten,
einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung.
Man jauchzte und weinte mit ihr.
Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck
gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr
von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung
einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit.
Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie
jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert
hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem
blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem
vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.
Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm
bevor.
Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch
vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen
sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende
Stafetten gleich eingeholt werden.
„Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!“ drängte Graf Knut, nachdem
Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. „Singen Sie gütigst zum Schluß noch
mein Lieblingslied!“ —
„Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht — Welches ist's, Herr Graf?“ gab
Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht,
zurück. Und „Ach ja — gewiß — ich weiß jetzt!“ fügte sie dann äußerst
bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein
kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:
„Einmal möcht', daß die Traumgedanken
Sich verwandelten in Wirklichkeit!
Einmal möcht' ich aus den Schranken
Eingeh'n in die Seligkeit!
Seligkeit sind deine Lippen!
Seligkeit ist deine Brust!
Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,
_Einmal_ diese trunk'ne Lust!“
Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in
ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter
Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße
Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward.
Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen
verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen
Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf
Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns
stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel,
ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie
stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und
Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres
durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene
Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles,
wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem
Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das
Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend
schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und
empfahl sich.
Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte
er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des
Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden
offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht
brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen
Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser
nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und
eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem
gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin
ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen
geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den
Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der
hier in das Thal hinabführte.
Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal
vorsichtig in das Dorf hinab.
Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in
einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig
einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt. —
* * * * *
Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten,
ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und
später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren
Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber. —
Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her,
sondern auf dem Hofe.
Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr.
Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn
dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war.
Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte,
sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen
des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.
Und keinem Zweifel unterlag's — es war Imgjor, die, sicher beunruhigt
durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in
die Nacht hinausgewagt hatte.
Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein
klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an
dem er sich befand, zuletzt sogar — nur eine Armlänge von ihm entfernt —
ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.
Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum
gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen
sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und
sehnsüchtig aufgeseufzt hätte.
Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf
hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur
mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das
sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft
unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen,
fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.
Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.
Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und
Imgjor wich — er sah's von seinem Versteck aus — angstvoll erschrocken
zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen
durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der
Ton zu ihr gedrungen.
Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob
er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder
sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung
fast gleichzeitig ein Geräusch — das Geräusch der Schritte einer eilig
den Berg hinaufklimmenden Person — beider Ohr traf, und gleich darauf
auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch
Entgegeneilende einsprach:
„Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie
steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich
vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und
Sterbenden —“
Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung.
Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber
zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern
und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen
in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen,
wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.
Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte,
Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte
sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr
nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm
und ihr lösen wolle.
„Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein
anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich
verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus
Schlechtem kann nichts Gutes entstehen. —“
Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben
möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere
Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer
Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.
„Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist
meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns
fanden —“
„Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich
frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir! — Ich darf,
ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur —“
Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in
Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach
Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht
und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.
„So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die
Polizei feststellen können —“
„Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein Mißtrauen
—“
„Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene.
Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in
einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen
Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite
ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus
verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir,
welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt.
Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir
nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?“
„Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer
Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich
kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die
Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt.“
„Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit!
Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich
denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes,
als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele
finden?“
So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach
Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung
Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden
Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte
Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher
gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge — so edelmütig ihre
Absichten auch seien — sich keiner Gefahr aussetzen.
Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte,
hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte
er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener
Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb
hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll
Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.
* * * * *
Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen
Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem
Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors
Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:
„Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte,
verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen
Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole
damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!“
Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab
und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine
Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses
ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf.
Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne
mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung
zustrebten.
Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne.
Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem
Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und
was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem
Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß
der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei — jetzt stimmte er Luciles
Auffassung bei — als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so
dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende
Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu
dienen hatte, verschmähte.
Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die
nachfolgenden Zeilen an Imgjor:
„Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir
gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige
Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung
für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten,
den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie
dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so
vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs
äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen,
der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen
verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie,
wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen,
wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D.“
Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er
hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und
der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.
Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu
übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg
gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter
der er sich verbarg.
Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier
angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß.
Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im
Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der
Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort
wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er,
rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die
Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die
Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von
Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war —
Axel zweifelte nicht daran — von Prestö!
Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck
hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie
der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie
ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit
Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle
meisterhaft zu verbergen.
Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die
Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das
bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach
Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es
Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn
sich ihnen anschließen würden.
Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr
Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn
begegnete sie — wie er es vorausgesetzt hatte — mit der gewohnten
völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen.
Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie
ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die
Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu
Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste
Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit
ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle
entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.
„Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?“
„Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen
ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um
ihn — wie es schon gesagt sei — sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu
entfernen.“
„Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?“