sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden
Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war
geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war,
flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und
aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich
später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und
in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und
großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln.
Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen
dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von
weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und
her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren
Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen
auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste,
bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und
sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.
So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und
Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß
von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll
war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet
hatte. — Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die
Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall.
Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen
aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne
Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende,
unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll
geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei
jedem Gang besonders gereicht wurden.
Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen
schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen
des Festes.
Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters.
Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine
gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie
wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme.
Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar,
dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen
schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die
von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und
wenn sie lächelte — dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von
Klugheit und Güte verheißende Lächeln!
Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände,
Graf Dehn.
Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung
begegnende Erklärung gegeben.
„Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte,
Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich
mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu
entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so
lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich
versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu
verletzen.“
Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper
zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so
ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem
sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu
erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an
und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil
des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat.
Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls
wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden
war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem
Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre
Kälte übermannten ihn.
„Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard,“
hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken
dürfe, ihr Glas gefüllt hatte.
„Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich
meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte
glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske — nämlich, daß
Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich
doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie
selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm
erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie
viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch
jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich
thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten
bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt,
daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des
Schlosses gewiesen — aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem
Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht
und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen!
Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit
beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen
Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu
beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich
den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist —“
„Nun, was ist er denn?“ fiel Imgjor, deren Büste unter dem
freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten
war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit
funkelnden Augen heraus.
„Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit,
sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort
verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche
und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang
durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer
blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie
sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen
Wert zu prüfen.“
„Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig
vornehm ist es in der That — Sie mögen es hören! — zu horchen, und
ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig
zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie
leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem
Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude
und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat.
Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht,
deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders
geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer
hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag
legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel
giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen
vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr
gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man
lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es
Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich
um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht
genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den
freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute
würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und
Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich
eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden
Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der
Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie,
weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle
traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere
Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe! — Und daß Sie, mein
Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen
besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar
sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem,
dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!“
Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in
seiner Hand zerknitterte.
Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der
völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit
enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte.
Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und
Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu
äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde
Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:
„Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden,
wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren.
Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die
Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu
drängen! — Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und
nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir
eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie
im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?“
„Weshalb —? Welchen Zweck soll das haben?“
„Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu
machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch
beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine
Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der
Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim
erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?“
Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: „Wohlan, ich bin
bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen — was Sie
aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie
werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin
werden, geschweige mehr —“
„Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie
betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger,
Komtesse?“
Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich
unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig,
und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten
Fuß ungeduldig den Fußboden berührte:
„Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird,
daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich
anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!“
„Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung!
Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen
abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß
Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller
meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder
gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt
kurieren gegen Ihren Willen!“
Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich
eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde
führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die
Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar
am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.
* * * * *
Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen
verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen
Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und
alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten
noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen
unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen
Empfindungen.
Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen
solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich
ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye
die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller
Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft
leisten, weil sie — wie sie sich vorredete — nichts Halbes, sondern
etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös,
der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie
nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich
ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem
sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut
treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich
zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden.
Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in
diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.
Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß
ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm,
Prestö folge.
Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen,
die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die
Beweise zu geben, daß er — ohne Zwang und Unrecht — frei sei.
Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe
mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich
selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen.
Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht
behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in
stürmischer Aufwallung pochte.
Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch
er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur
ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und
gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann — dann —!
Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine
Waffe fasse.
Sie wußte nicht, was geschehen werde — ihr grauste vor sich selbst.
Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die
irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der
Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an
Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben.
Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte,
noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit
fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem
sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst
mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke,
aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der
Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen
hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett.
Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren
begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper
verlangte. —
Anders Axel.
Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und
Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das
ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte,
beschäftigte seine Gedanken.
Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö
als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen,
nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und
Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig
auszusöhnen suchen. — Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine
Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln.
* * * * *
Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter
allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der
Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem
auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart
betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus
mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote
täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr
zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen
und nach den Bedrängten zu sehen hatte.
Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der
Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu
gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende,
Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht
bedurften.
Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen,
gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der
Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er
sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe.
Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen
Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß das
Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der
Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten.
Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer
Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach
Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon
dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so
war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu
feindselige geworden.
Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie
mußten büßen, worunter er litt.
Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm
von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck
auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und
keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade
eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte.
So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem
Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen
Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen
endgiltigen Absagebrief zu schreiben.
Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck
die Mittel!
Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter
Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann
vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr
machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne.
Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne
bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr
zu einem Nichts herab.
Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus
Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er
in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der
Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen
Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien
Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch
gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß
er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen
Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle,
er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen.
Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen
Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in
Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise
erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch
wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle
glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt
wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe
bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er
dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge.
Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht
konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern
dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen
abzuringen.
Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er
auch keinen Augenblick mit deren Ausführung.
Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine
abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut
in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren
zu wollen.
Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf diese
Vergünstigung gewähren wolle.
Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und
der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem
zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf
diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen
habe.
Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von
der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den
Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward,
regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen,
dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn
solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum
erwarten konnte.
Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und
dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus
ins Dorf hinab.
Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden
hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus
betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt
hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der
Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen.
Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und
der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren.
Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es
war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein,
nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen.
Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus
einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und
nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art
zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet.
Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade
dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte.
Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich
die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die
Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des
Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich
erboten, in Prestös Haus ein.
Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies
erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu,
die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er
dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben,
steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine
Rocktasche.
Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim
Kartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr.
Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung
erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn
freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs
Ziel steuernd: