Dann sagte die Gräfin: „Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?

Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht.“

Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete

gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte

in einem launenhaft ungeduldigen Ton: „Ich bin doch kein Schulkind mehr,

das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine

Antwort —“

„Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!“

Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte

die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu

bekennen, worum es sich handelte, — gewann sie nicht über sich.

„Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!“ herrschte jetzt

heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle

und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville — Axel sah's — auf

Imgjors Seite.

In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.

„Bitte! Rede doch — gieb keinen Anlaß zum Verdruß!“ stand in ihrem auf

Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen

Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit

zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.

Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.

Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann

schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ,

während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die

aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das

Zimmer.

Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des

Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht

Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung

dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so

begegnete, ließen sie so handeln.

Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so

geschah's jetzt mit Worten.

Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen

mochte.

Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke

getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben

diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm

gegenüber nicht völlig gefühllos war.

„Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl —“ hub er in einem

versöhnlichem Tone an. „Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß,

daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte —“

„So — so — In der That?“ fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit

bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.

Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem

Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den

Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von

höchstem Unwillen haftete.

Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich,

während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast

richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.

Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß

sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.

Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie

betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion.

Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.

Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen

Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können.

Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn

vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe

schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die

übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu

vereinsamen.

Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos

Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen

Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein

unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er

es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer

Hand.

Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft

hatte.

Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: „Ich wiederhole, es giebt

keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte,

ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I.“

So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinen

Sessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.

Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen

aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks

entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien.

Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten.

„Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?“

„Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich —“

„Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen —“ Axel sprach's

zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.

Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten,

so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war.

Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der

Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mit

seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der

Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem die

Honoratioren aus dem Dorfe.

Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die

Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit

einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.

Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit

vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte,

eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang

gegeben.

Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der

Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden

Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten

sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen

angemessen.

Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten

Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl

der Damen selbst.

Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn

überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und

lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.

„Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?“ neckte sie. Und

er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz

nahm: „Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen

den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder

aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!“

„Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn —“ entgegnete

Lucile. „Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie,

daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?“

„Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich,

Komtesse!“ fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. „Heute

namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich — Sie sprachen

von Ihrem Fräulein Schwester — bereits mein Schicksal entschieden hat.“

„Wie? — Es ist etwas geschehen? Ah — ahnte mir's doch!“ Lucile sprach's

stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine

Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und

ihren Nachbar schieben wollte.

„O ich bitte, erzählen Sie mir!“ fuhr sie fort und warf zugleich einen

Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz

eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden

hinüberschaute.

Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.

„Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel,

über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich

nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu

Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die

wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen

könnten!“

Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber

wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft

gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:

„Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende

Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft

gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine

Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal:

Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich

möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von

weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen

ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen —“

„Wie? Sie glauben —?“

Lucile nickte.

„Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große

Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer

drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen.“

„Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse —“

„Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie Ihre

Eindrücke, wenn ich bitten darf?“

Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte:

„Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein

größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu

besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn

beschäftigt.

Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjor

nützlich sein können — ich gestatte mir, später zu sagen, in welcher

Weise ich mir das vorstelle — lassen mich unter der Bitte vorläufiger

Verschwiegenheit reden!“

Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen

war, und schloß mit den Worten:

„Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein

Schwester Rankholm verließe — dringen Sie gleich — ich bitte — darauf,

damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald

sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!“

„Ja, ja“ — Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei

der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit

lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.

„Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt

haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's

der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und

Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden.

Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie

abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die

größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf

sich nehmen.“

„Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!“ fiel Axel ein.

„Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So

hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt.“

„Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,“ — betonte

Lucile — „ihn aber — glauben Sie es — bestimmt ihr Geld und die

Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein

bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den

Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und

Besitz handelt —“

„Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos

unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für

unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser

Egoist und Fanatiker, aber —“

„Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur

einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn

besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an

die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's

wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen

strengen Grundfarben und Koncilianz?“

„Sie beschämen mich, Komtesse —“

„Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank, —

ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur — so wäre sie die Rechte

für einen Mann, wie Sie es sind. — Ach, meine Mutter hat viel

verschuldet! Sie — sie — hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den

Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben —“

„Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen

hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so

seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß

Sie sie nicht blindlings lieben —“

Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos

sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch

zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:

„Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so

sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es

liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über

Mamas Haltung Imgjor gegenüber —“

In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die

Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen.

Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen

richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den

Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung.

Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas

zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke

antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen

ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.

Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen

empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen,

Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.

Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf

Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach

befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö

einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen

deutlich sagen:

„Also, bitte, übermorgen Abend!“ zugleich aber traten beide, Axel

bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und

der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd

hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit

gegen ihn und verließ das Gemach.

„Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er

begegnete mir hier gerade beim Fortgehen —“ erklärte Imgjor, als sich

Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas

zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits

verlassen wolle.

Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag

und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch

auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte,

von ihrem Hunde zu sprechen begann.

Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt

die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch

neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren,

kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen

entgegenschreitenden Nichte des Pastors. —

* * * * *

Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr

unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber

ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine,

davon ergriffen seien.

Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte die

Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden.

Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende

Kirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.

Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm

stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.

„Nun, Kind — hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!“ warf die

Gräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.

Imgjor bewegte den Kopf.

„In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich

jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht

als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann.“

„Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht

—“ entschied die Gräfin.

„Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert

hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?“

„Du hast —“ entgegnete die Gräfin — „nicht nur auf den Drang, zu helfen,

den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze

Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm.

Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich

unnötig mitten in die Gefahr zu begeben. —“

„Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden

annehmen?“

„Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die

Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt

segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins

Praktische zu übertragen sucht.

Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer

Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen

Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns

zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun

möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem

Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird

auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird

von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite

erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten

entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf,

wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du

solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen

blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die

in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben

sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!“

„Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.

So bringe ich euch in keine Gefahr —“ fiel Imgjor, ohne dem von ihrer

Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger

Beharrlichkeit ein.

„Nein!“ erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede

anzuheben vermochte. „Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für

die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner

mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit

unvermeidlich. Eben lese ich in der ‚Orebye Tidende‘, was der Monsieur

dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen

hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon

heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die

Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich

will ihn hier nicht mehr haben!“

„Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst!

Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt

fürs Schloß kannst du ihn abschaffen —“

„Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine

Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für

völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden

straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet,

welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben — ihm,

gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des

Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken — so erscheint mir der

Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse

gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen. — Nicht

wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?“

Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in

den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse

ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.

„Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem

Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn —“ fuhr der Graf, ohne auf einer

besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu

beharren, zu Axel gewendet fort: „Sie vermögen Auskunft zu geben, ob

meine Tochter dort war —?“

„Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke

Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die

Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt

wurde, gefallen haben.“

In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm

seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.

Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großer

Entschiedenheit im Ton: „Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa.

Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort

geben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne.“

Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend,

empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern

vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet.

„Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!“ befahl sie.

„Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit,

aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht,

Lavard?“ fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs

etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.

Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf

Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihre

Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte,

schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen

Willens besaß.

Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn

vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die

begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa,

bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.

„Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen

entgegengetreten sind, Graf Dehn!“ begann sie. „Und wie finden Sie

Imgjors Benehmen?“ fuhr sie fort. „Ist es nicht unerhört, in welcher

Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben

will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja

auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich

bezeichneten. Imgjor wird — ich hoffe, daß Papa darauf besteht —

Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie

es allein mit uns aushalten können?“

„Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze

und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt

sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie

Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen,

wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und

versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu

überzeugen.“

„Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?“

Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo

—“

„Nun?“

„Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden

aufnehmen!“

In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen

ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte,

blitzte es auf.

Grevinde · 第 4 / 16 段