„Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte,

ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen

Mann meiner Art heiraten.“

Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des

Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend:

„Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden

könnte?“

„Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe

Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich

will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber

entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich

verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen.“

„Seltsam!“ stieß die Gräfin heraus. „Was die Männer haben können, das

verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie —“

„Sie meinen —?“ setzte Graf Dehn an; — stockte aber, weil er der Gräfin

Auge begegnete.

Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der

Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. „Ah — Sie

Kind — Sie gutes Kind!“ warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin.

Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit

ihres Wesens.

„Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann

heiraten, den sie nicht liebt“ — fügte sie, an Axels vordem hingeworfene

Aeußerungen anknüpfend, hinzu. — „Und deshalb glaube ich auch, daß sie

ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten

Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde.

Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie — Sie —

empfinden nichts für sie —?“

Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen.

„Ja, Frau Gräfin —“ entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton,

um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu verleihen —

„ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, junges

Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard anbetete. Aber

es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil mich, ich

wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse Lucile hat

mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne die Hand

reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt.“

„Haben meine Töchter —“ stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört,

stark betonend heraus, „Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?“

Graf Dehn sah befremdet empor.

„Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort

dankbar. — Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal —“

„Da Sie mich fragen — ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller

Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon

darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben

—“

Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem

Seufzer:

„Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet.

Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt,

statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie

oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!“

Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch

diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.

Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck

bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal

freundlich zunickend, in ihre Gemächer. —

* * * * *

Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde

ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören

geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei.

Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des

Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen

möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich

von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen,

lag in seinem Plan.

Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie

komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine

Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige

Beachtung schenkte!

An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie

nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen,

sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte.

Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen. —

Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick

vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach

Prestö zu erkundigen.

Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde.

Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon

wollte er sich zum Absteigen bequemen.

Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus

einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage

Antwort.

„Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten.

Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück,“ erklärte

sie.

„Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?“

„Nein — das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört,

wo er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas

bestellen?“

„Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht

einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe.“

Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier

wieder die Sporen in die Weichen.

Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung.

Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben

Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen,

hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen

Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr

zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach

Oerebye.

Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum

Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen,

festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ

das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben,

rasch zurückdrängen.

Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken.

War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu

kaprizieren, das ihm so entschieden auswich?

Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und

lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er

hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von

welcher ihm sein Vater gesprochen.

Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes

junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen

Vertreterin der neuen Ideen gegenüber.

Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu,

daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem

charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden,

edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar

auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert.

Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere

Richtung.

In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er

kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und

schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes

warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei.

Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend.

„Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde

angekommen.“

„So — so!?“ fiel Axel lebhaft ein. „Und — und — ist sie im Hotel?“

„Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen —“

„Nach dem Landhof? Was ist das?“

„Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der

Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend

sind hingelaufen —“

„In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die

Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit

keine Erlaubnis von ihren Gutsherren —?“

„Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im

Gange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel —“

Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg

nach dem Landhof zu nehmen.

Nun war's auch zweifellos: — Prestö und Imgjor — beide würden dort

anwesend sein! —

Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der

Hauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das auf

einer sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietende

Vergnügungslokal zu erreichen.

Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog.

Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten

sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam

noch fortwährend neuer Zuzug.

Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst

unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war,

redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte

sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes.

Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große

Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen

vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne.

Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen

Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von

dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend

übersehen konnte.

Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich,

Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte

den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar.

Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten

empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das

von ihm angekündigte Thema.

Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu

wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit

solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der

zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß

er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug.

Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das

deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und

Lucile stattgefunden hatte.

Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden,

dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der

Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als

Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit

eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort

nehmen werde.

Und Prestö bestieg — aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf

Dehn auch Imgjor entdeckte — so gleich die Rednerbühne und hielt unter

dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.

Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem

mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an

seinem Munde, sie verschlang seine Worte.

Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch

mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm

lebte.

Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort

geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des

Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem

Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück.

Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich

zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen

entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem

absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte

es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen.

Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige,

teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich

drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten

und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.

Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen.

Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede

mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken

werde.

Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu

eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der

Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde,

richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar

auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer

höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des

Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder

Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt,

daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht,

sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch

gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien

die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise

Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein

Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu

erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen

Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als

zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur

allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen

können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder

Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für

alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne

und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt,

vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner

gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick

auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun

vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten

werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über

den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das

kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den

Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner

Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken!

Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen

und nach gesondertem Besitz. — „Meine Freunde! Wenn ihr heute eine

Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang

beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne

weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein,

das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch

dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der

Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in

der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der

Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute

hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der

Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von

Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen

Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus

dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der

Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist

Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid

ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr

allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch

lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das

Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er

nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich

möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt

euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso

hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch

nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück

für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch —

ich muß es seiner Rede entnehmen — am liebsten anführen, damit alles

vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann?

Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie

will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den

Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines

habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den

Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit

die Existenzfrage zu regeln — was erblüht euch dann Gutes? Elend — Elend

ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes

bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat

sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die

Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen

zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verständige Volkswirtschaftslehre

giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum

Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin

erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl

etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen,

solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit

sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere

materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und

kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor

unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen,

um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch

nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die

sich nie eröffnen _können_! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon

durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu

erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den

materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach,

tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner

Kräfte — leistet!“

Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen

begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen.

Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz;

jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig

zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt

wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als

ob er's nicht bemerke.

Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf

direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich

satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach

Rankholm zurück.

Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor

herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger

geworden, unter allen Umständen auszuweichen.

Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder

Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von

der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit

geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte

ihn der Ehrgeiz.

Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen

schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen

den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen,

bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art.

Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich

rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen! —

Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte,

berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines

Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß

der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar

hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt.

Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye.

Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in

vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es

widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den

Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen

Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein

ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu

ihr.

Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat

mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene

Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach.

Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und

suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch

auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft

servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach.

Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß

geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz

vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an

einem fremden Orte zusammengetroffen war.

Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit

solcher Nichtachtung begegnete.

Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen,

wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie

für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur

noch mehr.

Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch

einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig

den Speisen zugesprochen wurde.

Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das

die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen

hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der

Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten.

Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr

ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die

kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet.

Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar

glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe.

Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte

Axel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, die

gleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre

Schwerer einredete.

„Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?“ warf

sie forschend hin.

Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik

eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich

den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf

ihren Teller zu ausschließlich beschäftige.

„Willst du keinen Fisch vorher?“ fiel nun die Gräfin ein, da eben einer

der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien.

„Nein, ich danke! — Ich habe sehr wenig Hunger —“

Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr

eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: „Vielen Dank,

Christian! — Ich nehme nicht —“

Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren

tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben

eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein.

Grevinde · 第 3 / 16 段