„Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht.

Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum.

Ich bin aber —“ hier lächelte Lucile Lavard mit einem liebenswürdig

anschmiegenden Lächeln — „durchaus nicht so äußerlich, wie Sie glauben

mögen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, daß Sie mich recht

abfällig beurteilen. — Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich

wünsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zähle: Ich

überhebe mich über niemanden, das wäre eine Beschränktheit. Gott gab mir

objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, daß ich, je höher die

Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die

Lebensverhältnisse sind, um so größeren Geschmack an den Menschen und

Verhältnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwählten ist

mir Bedürfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen.

Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflächlichkeit gehe ich

möglichst aus dem Wege; die Männer, die unthätig nur in den Tag hinein

leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft

kavaliermäßige Eigenschaften, so suche ich eine Annäherung. Mein Ziel

ist das Bündnis mit einem Mitglied der höchsten Stände. Eine Lavard hat

das Recht, ihre Hand nach einer Fürstenkrone auszustrecken. Und wenn ich

das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege

der Künste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Förderung alles

dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir

mein künftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz.“

Axel hatte ihr aufmerksam zugehört, und so sehr wuchs durch die

Verminderung seiner Vorurteile ihre Persönlichkeit in seinen Augen, daß

er sich zu einer eifersüchtigen Regung fortreißen ließ.

„Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!“ stieß er heraus. „Aber ich

empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen

zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berühren

dürfen.“

Sie sah ihn an, und ein reizvoll gütiges Lächeln umspielte ihren Mund.

Dann sagte sie:

„Sie dürfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre

Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmütig in

Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefühl, weil ich mir bewußt bin, daß

ich stets vernünftig zu handeln suchte, weil ich Grundsätze habe und dem

Besseren — wenn auch nur in meiner Weise — ehrlich nachstrebe. Aber

glauben Sie es mir, ich bin für meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen

will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen können.“

„Ah, welche Musik für mein Ohr, gnädigste Komtesse! So sprach auch Ihre

Frau Mama.

„Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum

Zeichen meiner Verehrung berühren zu dürfen!“

Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, während sie gewahrte, worum er

bat, ein Blick, ähnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter

bisweilen erschien. Voll Nachdenken über diese Frauen, die sich so offen

gaben und in denen allen sich doch etwas Rätselhaftes verbarg, stieg

Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Räume hinab. —

Nach dem Frühstück am folgenden Tage wurde über eine, einem geplanten

größeren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfête beraten.

Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit

den gesellschaftsfähigen Personen in Kneedeholm und einigen der höheren

Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der

letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig.

Die Hinzuziehung des Doktor Prestö stieß auf Schwierigkeiten.

„Wenn's nicht Graf Knut gewesen, würde ich mich in diesen Ersatz für

unsern alten, vortrefflichen Doktor Kröde nicht so willig gefügt haben

—“ warf die Gräfin hin.

„Der Prestö ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine

Lebensart, und sollte ich krank werden, würde mich sein Kommen eher

beschweren, als erleichtern!“

„Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine —“ bestätigte der

Graf. „Er ist ein selbstbewußter Herr, und, wie der Gutsförster schon

neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern

erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art.

Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der

kleinen Sine beschäftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte

er, ohne mich überhaupt zu begrüßen, die Achseln und sagte: „Sie hat

sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den

Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!“

Und auf eine vermittelnde Aeußerung von meiner Seite, die nämlich, daß

der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen könne,

entgegnete er in seiner belehrenden Art: „Ja, man sollte die Bauern zu

selbständigem Denken erziehen. Statt dessen wird womöglich ihre Dummheit

noch gefördert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel

vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der

längst hätte wieder zurückgeschickt werden müssen.“

Graf Axel hatte während dieser Erörterung absichtlich seine Blicke auf

Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwände war ein Ausdruck der

Auflehnung in ihre Züge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt

sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gespräches

ihre Augen geheftet, in den Schoß gleiten ließ, fiel sie mit deutlicher

Gereiztheit im Tone ein:

„Der Doktor Prestö hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein

widerwärtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts,

nichts weiß die Jugend. Und daß man einen Arzt um jeden Quark bemüht,

ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prestö ist eine

tüchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden

Ideen.“

„Ja, ja — reformierende Ideen! Das ist das glückselige Schlagwort, das

einst nicht nur die Gutshäuser, sondern auch die Hütten der Bauern

zertrümmern wird!“ fiel Lucile erregt ein. „Solche Menschen, wie dieser

Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglück. Sie wollen alles

verbessern. Sie müssen des Schöpfers Weisheit, die auf eine besonnene,

nicht überstürzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben

hinausgeht, übertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen

Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende

Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose

Eitelkeit. Nicht die Sache — einige unpraktische Schwärmer abgerechnet —

leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darüber, daß sie in

den Thälern marschieren müssen, statt auf den Gipfeln zu stehen, wo

ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingeräumt, ist das Motiv

ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden, wird's auch

mit allmählichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden Umgestaltungen

so gehen, ohne daß der Herr Doktor den Bauern, dem Lehrer und Papa

schulmeisterliche Unterweisungen erteilt.“

Imgjors Augen sprühten, während Lucile sprach.

Ihre weißen Hände fieberten, sie ballten sich in ihrem Schoß, und sie

konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten.

Aber statt ihrer wußte die Gräfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits

zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen.

„Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir

alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?“

„Ich beurteile ihn milder, nachdem ich näheres über ihn durch den Grafen

Knut vernahm. Aber ich muß — ich gestehe es — meiner Objektivität stark

aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser

junge Mann besitzt weder äußere noch innere Erziehung. Er sollte erst

einmal bei sich beginnen, bevor er über andere schulmeisternd urteilt

oder gar gegen ältere Leute den Präceptor spielt.

Vielleicht wird seine künftige Frau — ich höre vom Grafen Knut, daß er

mit einer Kopenhagenerin verlobt ist — vorteilhaft auf ihn einwirken,

sie und der Einfluß so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies

Schloß sie birgt.“

Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor.

Er wünschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In

der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht

Enttäuschung, die ihre Wangen verfärbte, sondern etwas anderes, das sie

trieb, sich zu entfernen.

Sie fingierte einen sie plötzlich überfallenden Hustenanfall, stand auf,

drückte die Hand auf die arbeitende Brust und verließ, als ob sie die

Anwesenden von der lästigen Störung befreien wolle, das Zimmer.

Aber eben die Zweifel über das, was in Imgjor vorging, veranlaßte Axel

für des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es

lag ihm daran, Prestö und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um

daraus seine Schlüsse zu ziehen und darnach seine künftige

Handlungsweise einzurichten.

Er betonte der Gräfin gegenüber, daß eine Umgehung des Doktors bei einer

Gelegenheit, wo alle übrigen eingeladen würden, eine allzu stark

hervortretende Zurücksetzung an sich trage. Wenn Prestö auch zur Kritik

stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher

eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten,

daß man ihn hinzuziehe.

„Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!“ erklärte Graf Lavard verbindlich,

und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun,

da es sich um die Bitte des Gastes handelte.

Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu

machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prestö, erfuhr

aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, daß niemand den Doktor im

Schloß gesehen habe.

„Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik —“

Der Angeredete schüttelte den Kopf.

„Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten

beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst.“

„Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht

weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte,

fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran —“

Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während

des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß

die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des

Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem

zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des

Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte

gefunden.

Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher

Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine

kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe,

kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, daß —

Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der Karte

war.

Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn

überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige

gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche

Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal

als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise

einen Wink gegeben.

Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden

Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht

erfinderisch, wie Not.

Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die

Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor

und Prestö völlige Klarheit gewonnen. —

Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten.

Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht

erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe

erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten

müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe

keinen Appetit.

Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner

Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die

Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern.

„Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen nach

—“ warf die Gräfin hin. „Du müßtest einmal energisch mit ihr reden,

Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste

haben.“

Der Graf nickte.

„Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel für die Kranken und Armen auf

der Herrschaft wäre, hätte ich ihr schon ihre fortwährenden

Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen

anderen Vorwurf machen, als daß sie sich für sich hält und ihren

besonderen Neigungen nachgeht.“

„Es schickt sich doch wirklich nicht, daß sie fortwährend

umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt.

Gestern wurde sie, wie ich weiß, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre

bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat,“ fiel Lucile ein.

„Wer hat dir das mitgeteilt?“ rief der Graf nunmehr in erheblicher

Erregung.

„Vom Gutsförster von Kilde hörte ich es, Papa.“

„Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rührt uns das

ohnehin aufsässige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert

auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weißt doch, daß Pastor

Nielsen ganz außer sich darüber ist, welche Ideen er vor den Bauern

entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die

Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in

die Hand zu nehmen!“

Graf Lavard nickte.

„Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da

wäre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen.“

„Und Imgjor?“ fiel Lucile ein.

„Willst du ihr nicht auch gebieten, daß sie ihre Besuche in den

Wirtshäusern einstellt? Nächstens erscheint das Bauernvolk auf dem

Schloßhof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfüllst,

stecken sie uns das Dach über dem Kopfe an!“

„Na, na — Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter ihnen

— ich kenne sie —“

„Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene

Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre

eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr —“

„Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so

schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur

Prestö auch den Laufpaß!“

„Warum so lange warten, Lucile?“ fiel die Gräfin ein. „Will er sich

nicht fügen, mag er auch gehen, gleich —“

Lucile zog die Lippen. — Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und

warf zugleich einen stillen Blick auf Axel:

„Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset,

beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß

Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr

sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr

zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und

den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben,

entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs

heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und

lächerlichen Adelsstolz vor. — Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so

geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel

abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten

Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der

besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere

Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem

Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann

die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen.

Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe,

Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites

Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle

Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen

Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche

Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der

Neuzeit gerecht zu werden.“

„Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir

erklärt?“ fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht

geringerem Erstaunen das Haupt.

„Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus

machen.“

Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in

Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich.

„Ach ja, nun verstehe ich auch vieles —“ nahm sinnend die Gräfin wieder

das Wort. „Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten,“ fuhr sie,

gegen ihren Mann gewendet, fort, — „wenn wir nicht einen großen Affront

erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch

geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für

sie selbst Verderbliches festgesetzt hat. — Was sagen Sie, Graf Dehn,

was sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?“

Axel bewegte die Schultern und sagte: „Was die Komtesse will, ehrt sie

und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, daß sie

starke Enttäuschungen erleben und sehr unglücklich werden wird, wenn's

keine Mittel giebt, ihr schönes Menschentum auf ein richtiges Maß

herabzumindern.“

Er wollte noch mehr sprechen, aber nun öffnete eben Frederik, den die

Gräfin beim Beginn der Unterredung für eine Zeit lang abgewinkt hatte,

von neuem die Thür und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien

gefolgt, die dampfenden Schüsseln des nun folgenden Ganges.

Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art

bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer

dazu gehörenden duftenden Sauce verbreitete einen so köstlichen Hauch,

daß die Sinne für diesen Leckerbissen das Interesse für Imgjors

Umgestaltungsideen vorläufig verschlangen.

* * * * *

Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten

Frühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in der

Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er

nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkenden

Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben.

Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn die

Kräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinen

Wehlauten die Luft.

Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte

und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier

auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige

Höhlung unter der Stirn klaffte.

Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien,

durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte,

nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was

vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd

und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte

auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und

Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das

Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme.

„Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!“ bat sie. „Ich

will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen,“ fügte

sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll

herabbeugend, hinzu.

Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der

in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses

flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben

Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden.

Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe

zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom

Hofe emporstrebende Wendeltreppe.

Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal

einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und

seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun

sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und

ihrer Bürde.

Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof

und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte.

„Bitte, hier!“ unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und

zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt

angebrachten Haken ein Schlüssel hing.

Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete das

Gemach.

Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendes

Vorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln.

Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite.

Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten

Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete.

Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren

Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl

kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen

bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer

füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln.

Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der

einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen

Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und

prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen,

ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab.

„Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!“ nahm Graf Dehn das Wort,

nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und

nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand.

„Ja, viel zu schön! — Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten,

wenn in der Welt so viele arme Geschöpfe darben —“ entgegnen sie herb im

Ton. „Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele

belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und

ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume

gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen —“ Und dann kurz

abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte

sie: „Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer

zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben

und unten —“

Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit

den Kopf und begab sich — Axel hörte es, während er die Thür hinter sich

schloß — eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach.

Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn,

nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen

Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden

Tapetenthüren zu berühren.

Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern

des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die

Eingänge führten.

Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor

ihm lag eine dunkle Treppe.

Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er, — unten in seinen Gemächern

angelangt, — alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich

führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den

Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war,

daß sie also noch gebraucht wurde. —

Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte

sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie

begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles,

mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die

Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe.

Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch

die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden.

Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein,

da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der

umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen

waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn

des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie

an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten.

Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf,

Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch

eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke

Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer

begeben.

Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der

Gräfin sitzen.

Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu

leisten, hatte sie erklärt.

Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte

sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und

warf plötzlich unvermittelt hin:

„Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oder

Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?“

Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er:

Grevinde · 第 2 / 16 段