Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entw

Grevinde

Roman

von Hermann Heiberg

Berlin

Endlich, nach langer, heißstaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und

mit den rauh betonten Worten:

„Hier geht's nach Schloß Rankholm —“ öffnete der Schwager den

Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, daß er ansteigen

müsse. Und während dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner

Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepäckkasten,

riß des Reisenden Koffer heraus, stieß ihn unsanft auf den Erdboden und

ließ ihn dort liegen.

Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort über Wegrichtung und

Weiterbeförderung seines Gepäcks hinwarf, setzte er statt zu antworten,

die Finger an den Mund und ließ in der Richtung eines von Knicken

eingefaßten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen

Pfiff ertönen.

Alsbald erschien ein alter, gebückt gehender Mann oben an der Biegung

des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, daß

er gehört habe, und näherte sich mit derselben Gemächlichkeit dem

seiner Wartenden.

„Denne Mand besorger alt —“ warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten

anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit

einem mürrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem

Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf

den Bock und hieb, nunmehr taktmäßig mit der Peitsche ausholend, auf die

dann auch rasch im Staub der Landstraße verschwindenden Gäule ein.

„Wie weit ist's noch nach dem Schloß?“ warf Graf Dehn, während sich der

Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die

Schultern packte, hin.

„Saa omtrent ti Minuter!“ (So ungefähr zehn Minuten) gab der Alte, in

auffallend plattem Dänisch sprechend, zurück.

Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen

mächtigen Parkbäumen hervorschimmernden Rankholmer Schloß näherten,

desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute.

Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser großen, dänischen

Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefühl der Beklemmung

zugehört. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den

dunklen Prachtsälen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen

Turmzimmern und Fremdengemächern, aber auch auf den versteckten Treppen

dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der

Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild

trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schöne

Frauen Ränke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet.

Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war

eine Französin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begüterte

Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle

beim dänischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen

kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermütigem Verzicht auf

die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame

nordische Welt gefolgt.

Lavards besaßen zwei Töchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die

erstere, etwas ältere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, während sich

Lucile gegenwärtig auf Reisen befand.

Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dänischen

Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem

sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen

genehmen Frauen gefunden.

Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr

hatte er reiche Güter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht

nur aus dem dänischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch

dorthin übergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in

Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn,

der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau. —

Mitten in der Einsamkeit lag das mächtige Schloß. Nur ein zu der

Herrschaft gehörendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf,

mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt

und der großen Heerstraße.

Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schloß führende Allee

eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen

Führer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch

allerlei für ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten.

Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das

seine Front einem mächtigen, freien Platz zuwandte.

Da aber dieser und das Gebäude ringsum von hohen, laubreichen Bäumen und

dichtem Gebüsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob Rankholm

— wie ein Dornröschenschloß — mitten in einem Walde liege.

Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu

solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in

malerischer Schönheit und in solcher Nähe, daß man bei hellem Wetter die

Häuser, Wege und Menschen aus den Schloßfenstern genau zu erkennen

vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen

reichen Bauerhäusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschloß vor

einem.

Einen überwältigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach

Ueberschreiten der Schloßbrücke, die auf einen peinlich sauber

gepflasterten Vorhof führte, durch das mächtige, von zwei Steinernen

Löwen flankierte Portal in das Innere eintrat.

Er befand sich auf einem großen, in der Mitte durch einen sprudelnden

Neptunbrunnen geschmückten und von den Mauern des stolzen Gebäudes

eingeschlossenen Innenhof.

Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen

Lavard gezierten Rampe — eine Faust, die einen Dolch hielt, zückte ihn

gegen einen sich wild anlehnenden Geier — strebten mächtige Säulen

empor.

Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren

Füßen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs

Pflaster aus.

Und zwischen diesen mit Vorsprungtürmen, zahlreichen hohen

Eingangspforten, bogenförmigen, von Epheu und Schlinggewächsen

umzingelten Fenstern und Altanen geschmückten Mauerwänden herrschte eine

lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt

unterbrochen durch das Geräusch einer sich öffnenden Thür im

Portierhause, der sich der Alte soeben genähert hatte, um den Gast beim

Pförtner anzumelden.

Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines

reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der

Pförtner, ein ebenfalls gebückt einhergehender Alter, stellte sich

entblößten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehört, wer

er sei, wiederholt kräftig an einer Schelle.

Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tönte sie über den einsamen Hof,

und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf

der Schloßtreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit

einer Ehrerbietung, wie sie nur Königen dargebracht zu werden pflegt, in

das Schloß.

„Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk

am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst

zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet

wurde, erschienen sein,“ erklärte der Haushofmeister Frederik, als

welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte.

Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht

anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er

bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten,

er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich

beeilen.

Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann

mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden

Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und

führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde

etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben

befanden sich die für den Gast bestimmten Räume.

Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und

luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich

Frederik unter ehrerbietiger Verneigung.

Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem

eingerichtet.

Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle,

sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das

Auge.

Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das

Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein

geschoben schien.

Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette,

erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen

natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei,

den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese

Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine

Pause der Erholung angenehm sein werde.

Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem

mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur

und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten,

schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal.

Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende

Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon,

der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß

wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von

französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten,

auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard.

Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer

geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die

Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die

sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden

Schönheit junger Mädchen unterscheidet.

Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig

ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm

gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so

bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres

jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch

erhöhte.

„Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da

war, lieber Herr Graf —“ stieß sie heraus. „Aber Sie haben schon von

Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in

jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen

Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!“

Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre

Züge, ein abwartender, etwas forschender.

Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm

geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder

einzunehmen, fast ein wenig schroff:

„Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach

Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir

speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas

anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen

Käse?“

Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht

einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und

hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von

ihr Erwähnte bringen.

„Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird

freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt.

Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne

die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung

angebrachter —“

„Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht,

gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher

nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück

gehabt hätte, Sie zu kennen —“

„Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben

Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den

Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher

Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht

sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden — von den Frauen?

Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit

engere Freundschaft schließen —“ fügte sie mit einer Anspielung auf die

Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine

liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu

bedienen.

„Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallgläser! Vite!“

befahl sie dem Diener, ließ sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm

ein und goß sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst

das kühl sprudelnde Getränk in das ungewöhnlich geformte, unten und oben

schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber

krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen.

Aber auch Axels Glas hatte sie gefüllt, und als sie das ihrige abermals

voll gegossen, stieß sie mit ihm an und sagte:

„Nehmen wir uns vor, daß wir die kommenden Tage besonders vergnügt

zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf.

Rankholm ist sehr schön, aber die Einsamkeit tötet doch bisweilen die

Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die

ländliche Bevölkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die

meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Köpfen und Beinen.

Natürlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskörper in sich bergen. —

Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jüten bei ihnen finden.

Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf. Brave

Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von einem

Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit grenzt.

Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so

ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt

die Lebenslust zu pflegen, sich für sie geistig und körperlichen

schmücken!“

„Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Gräfin. Besäße

die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schönheit und Ihren

Reichtum, würde sie schon Ihren Lehren folgen. — Zum Leben im feineren

Sinne gehört wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur

Auserwählte.“

„Ich freue mich, daß Sie nicht, wie alle, lediglich die günstigen

materiellen Verhältnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine

geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint,

es könne uns der durch den Reichtum herbeigeführte Genuß mit dem Dasein

versöhnen. Ich möchte das Gegenteil behaupten. Man muß etwas entbehren,

man muß noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem

Unbestimmten, das nie Erfüllung findet, sondern nach den kleinen

Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrücke, durch den Verkehr mit

Menschen, durch Thätigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere

Wünsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fähigkeit werden, immer

eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen —“

Und als Graf Dehn, der diesen Ausführungen mit starker Beipflichtung

zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schloß

die Gräfin:

„Ja, es ist die Wahrheit: Wir können ohne irgend eine stete, starke

Hoffnung nicht glücklich sein.“

Sie wurden in ihrem Gespräch unterbrochen, weil plötzlich in der nach

dem Korridor führenden Thür die Gestalt eines jungen Mädchens erschien.

Der Ausdruck in ihren Zügen war gemessen, aber eine solche Fülle zarter

Schönheit war über ihrem ganzen Wesen ausgegossen, daß der Gedanke

emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur

immer einem lebendigen Geschöpf an Bevorzugungen zu verleihen vermöge.

Trotz der fröhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein

dunkler Spitzenschleier umhüllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen

Kopf, und rasch zog sie die Umhüllung von diesem herab.

Nach der durch die Gräfin herbeigeführten Vorstellung, verschönte

vorübergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen

Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Kälte wich. Auch

wandte sie sich nach einigen, flüchtig an ihre Mutter gerichteten Worten

und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben

Thür, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen

entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des

Eindrucks ihrer Erscheinung zu lösen vermochte.

Und seltsam! Die Gräfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine

Erklärung.

Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentümlich forschenden Blick an und

zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die

Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort

erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung

zu begnügen.

Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte:

„Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfüllung unserer

Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mögen. Und nun, ich bitte,

kommen Sie, Sie müssen unseren Garten und unseren Park bewundern —“

Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermädchen erschienen war und beider

Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weißseidenen

Sonnenschirm über sich, seidengraue, bis über die Arme fallende

Handschuhe an den Händen und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen,

schneeweißen Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem

hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran. —

Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemächern. Er klopfte kurz

und stark an die Thür, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden

Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm

liebenswürdig in die Augen und schüttelte ihm mit jener lebhaft

höflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dänen und den Franzosen

gemeinsam eigen ist.

Er bot eine überaus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem

geschmeidigen, noch jugendlichen Körper saß ein mit weißem Haar

bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war weiß,

während die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen

Menschen, gerötete Farben, sondern ein über und über gesund gerötetes,

feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, paßte

zu seiner Persönlichkeit. Ueber Lackstiefeln saßen kreideweiße

Gamaschen, auch die Weste war aus weißem Stoff, während den übrigen

Körper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschloß. In der

That, ein schönes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fühlte

sich fast ein wenig herabgedrückt neben diesen überall von den

Erscheinungen ungewöhnlichen Reichtums umgebenen Menschen.

„Ich habe,“ hub er an, „meinen Freund den alten Grafen Knut, und den

Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen. — Ist Ihnen

hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn?

O nein, o nein, ich weiß! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von

zu vielen Eindrücken bestürmt werden. Haben Sie Imgjor schon gesehen? —

So — so — Hm vortrefflich! — Ich sprach meine Frau nur flüchtig. Also,

auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!“

Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll

von unruhigen Erwartungen blieb allein. —

Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des großen Empfangssalons,

welcher wegen seiner Spiegelwände der Spiegelsaal genannt wurde. Als

Axel von dem in einem tadellosen Frack und weißer Binde steckenden

Frederik zunächst in den ersteren geleitet wurde, fand er die

Herrschaften schon versammelt.

Die Gräfin, die ihm gleich liebenswürdig zunickte, befand sich in einem

Gespräch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn

mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen,

dänisch geschnittenen Gesicht.

Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prestö, einem

Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines

Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem

Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich.

Imgjor endlich stand vor einem großen, reich vergoldeten Käfig und

beschäftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den

sie zärtlich verhätschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein

schien.

Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch

zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif

formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem

zurück, als Frederik die Flügelthüren zu dem Speisegemach und der dort

aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstieß.

Graf Knut führte die Gräfin, der Graf gab einer noch eben

hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, älteren Hausdame

den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor

Prestö, in der Art, daß er und die übrigen, mit Ausnahme von Imgjor, für

die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander

gegenübersaßen.

Das Gespräch wurde zunächst so ausschließlich von der Gräfin in Anspruch

genommen, daß die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit

fanden. Erst später gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschäftigen und

mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknüpfen. Allerdings zeigte dieser

eine ähnliche unhöfliche Zürückhaltung wie Imgjor.

Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich

vordrängen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des

Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbücher der Welt schon

vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor.

Er gab sich Axel gegenüber sehr unbiegsam und nichts weniger als

zuvorkommend. Von seinem mit bürgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefühl

wurde Axel in solcher Weise abgestoßen, daß er es sehr bald ablehnte,

seinen Nachbar überhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an

und hörte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte

Prestö auch eine ziemlich unpersönliche Art gegen Imgjor hervor. Er

sprach zwar sehr viel mit ihr, aber über Gegenstände, die sonst nur

zwischen Männern erörtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof,

legte vielmehr an den Tag, daß ein Prestö gerade so viel Beachtung in

der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefühl besitze, wie die

Familie Lavard auf Schloß Rankholm. Und Imgjor hörte ihm zu, als ob ein

Evangelium von seinen Lippen flösse; sie richtete ihre Augen und

Gedanken so ausschließlich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus,

daß dieser zuletzt wie ein Freitischschüler neben ihnen saß.

Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und

sehr großer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine

Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er

es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch

heute.

Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu

ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen

jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören

gezwungen wurden.

Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und

charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher

Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem

Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken.

Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen

Denkzettel zu geben.

Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein

so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und

Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und

Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar

Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck

höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung

die Lippen verzog.

Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet.

Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur

zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere,

zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur

über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten,

daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.

Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.

Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die

Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich

in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der

Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch

zum offenen Angriff vorging. „Die Personen, die Sie uns schilderten,

Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende

Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu

beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde

Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft

nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab

zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den

Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre

Einseitigkeit aufdrängt —“

„Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse —“ entgegnete Axel auf

diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. „Nur glaube ich,

daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern,

diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern

teile. — Nur eine Ausnahme giebt's — ich spreche nicht, um Komplimente

zu sagen, gnädigste Komtesse — und diese fand ich hier auf Schloß

Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen

sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden

Richtersprüchen!“

Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.

Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen

Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten

unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen

knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig

noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte

Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten.

Der Graf äußerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf:

„So, Imgjor! Nun weißt du, aus welchen Himmelshöhen du zu uns

hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als

Heilige verehrt werden!“

Und die Gräfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener,

durch den sie zugleich verriet, daß ihr Interesse für Axel sich immer

mehr steigerte.

Wie sehr übrigens diese Zurückweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr

ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hörte zwar auch ferner dem zu, was ihr

der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar

nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich über einen Racheakt nach und

mußte doch ihren heißen Drang bezähmen, weil sie Axel auf diese höfliche

Abfertigung nicht beizukommen vermochte.

Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso

verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wußte sich

auch in der Folge lediglich den übrigen zuzuwenden, blieb bis zum

Tafelschluß in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging

dadurch der Pflicht, Höflichkeitsakte gegen Imgjor zu üben, und irgend

welche Notiz von seinem Gegenüber zu nehmen.

Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschützte,

und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte,

erschien sie wieder.

Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid

angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie

eine trotzige Büßerin aus.

„Wo warst du, Imgjor?“ forschte die Gräfin, die mit den drei Herren nach

Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, später eine Partie Boston

gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte.

„Ich bin nach Mönkegjor durch den Wald geritten —“ gab Imgjor kurz

zurück.

Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor

näherte — sie saß mit einem Buch für sich in einer durch eine Hängelampe

erleuchteten Ecke des Kabinetts — und sie fragte, welche Lektüre sie so

sehr beschäftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch

gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prüfung anzubieten:

„Ich lese Geist in der Natur von Oersted —“

„Und eine so schwere Lektüre fesselt Sie?“

„Mich fesselt alles, was mich über die einseitige Enge des Daseins zu

erheben vermag!“

„Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche

Erfahrungen gemacht, Komtesse?“

Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die Achseln.

— Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu durchbrechen, die

sie trennte.

Sanft sprechend, sagte er:

„Ich würde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen

mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne über

die Gründe nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns

zusammenführen könnte?“

Aber was er erhoffte, ward ihm nicht.

Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im

Ton:

„Nein, keinen, Graf Dehn!“

Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Fräulein Merville,

machte eine kühl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich

rasch.

Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt,

seufzte auf und trat zu den übrigen zurück.

Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschäftigt, die Gräfin aber, die

zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annäherung den Kopf und

sagte mit liebenswürdiger Milde:

„Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wären wir

beide in gleichem Alter, wäre es Ihnen bequemer geworden!“

„Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Gräfin? Darf ich Ihre

Worte so deuten?“ stieß Axel heraus.

„Ja, Graf Dehn!“ Sie sprachs und streckte ihm gütig die Hand entgegen.

Und Axel ergriff sie und drückte einen festen Kuß auf die weiße, weiche

Fläche, die unter der Berührung seiner Lippen leicht zu beben schien.

* * * * *

Als Axel am nächsten Vormittage der Gräfin nach dem zweiten Frühstück im

Park Gesellschaft leistete, erklärte er ihr nach einer vorsichtigen

Einleitung, daß Imgjor einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn

hervorgerufen habe, daß er aber eine Werbung als gänzlich aussichtslos

ansehen müsse.

Mit größter Offenherzigkeit erzählte er ihr von dem, was ihm begegnet

war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, daß

er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine

Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe.

Die Gräfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber

doch ohne Befremden, zugehört.

Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie:

„Ah, das war schade! Das ist übel. Hätten wir uns früher gesprochen! Ich

durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne

mich eines Mangels an Zartgefühl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber

die Initiative ergriffen, mir erklärt haben, daß Sie sich für Imgjor

interessieren, möchte ich Ihnen folgendes sagen:

Sie wäre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei

Tische beobachteten, fortgesetzt hätten. Man muß sie gar nicht beachten.

Sie kommt schließlich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt.

Aber ihr Mißtrauen, daß man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so

groß, daß sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste

Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, hätten Sie

ihr ein warmes Wort sagen müssen, dann wäre es nicht nur wahrscheinlich,

sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen.“

„Und Sie fürchten, daß ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Gräfin?“

„Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlüssel, lieber

Graf. Sie öffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir

also —“

„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild

von ihrer Tochter. Ich möchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in

mir gebildet hat, ich möchte mich berichtigen, sofern es nötig. Ich

werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich weiß, mit welchem Gegner

ich zu thun habe.“

Die Gräfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend:

„Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel

Charakter, ein trotziges Unabhängigkeitsgefühl und eine seltene

Objektivität. Jedem Adligen begegnet sie mit Mißtrauen, obschon sie

stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo

sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die

Opferfreudigkeit eines Engels.“

„Also ist sie wirklich das, was ich vermutete —“ stieß Graf Axel erfreut

heraus.

„Ich danke Ihnen, Frau Gräfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur

schöner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art,

ein nur der Glätte bedürfender Diamant —“

„Sie finden Imgjor so schön?“ fiel die Gräfin ein.

„Ja, gnädige Gräfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch

im Leben, und ich glaube auch, einem schöneren weiblichen Wesen kaum je

wieder begegnen zu können —“

„Dann müssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nächstens. Da

können Sie sich entscheiden!“

Axel machte eine Verneigung, dann sagte er:

„Können, wollen Sie mir also — ich bitte, noch einmal auf Komtesse

Imgjor zurückkommen zu dürfen — bei meiner Werbung behilflich sein, Frau

Gräfin?“

„Natürlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich

entschieden haben. Es muß die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und

eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten

Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!“

„Darf ich den Grund wissen?“

Der Gräfin Züge veränderten sich durch einen Ausdruck von düsterem

Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekränkten Ton:

„Mich — mich — meidet sie eher, denn daß sie mich sucht —“

„Wie, Frau Gräfin? Imgjor — Sie — Ich bitte — erklären Sie —?“

Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde

nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf näherte und ihnen schon aus

der Ferne in dänischer Sprache einige Worte hinüberrief.

„Hesterne staae beredt!“ (Die Pferde stehen bereit!)

Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehölz von Mönkegjor

handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Gräfin und nahmen

den Weg vorn vors Schloß, woselbst der Reitknecht mit den beiden weißen

Hengsten ihrer wartete. —

* * * * *

Der Rest der Woche und die Hälfte der folgenden verliefen Graf Axel

sehr rasch, ja, die Tage flogen förmlich dahin. Bald nahm ihn die Gräfin

gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprächen auf weitausgedehnten

Spaziergängen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog.

Zu anderer Zeit mußte er dem Grafen in seine mit vielen interessanten

Dingen angefüllten Gemächer folgen oder Wagen und Reitausflüge mit ihm

und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit

ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprächen.

Graf Knut — ein früherer dänischer Reiteroberst — besaß im Dorf,

abseits, ein höchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park,

das er nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen

Tante geerbt hatte.

Er führte ein sorgenfreies, äußerst behagliches Leben und gehörte zu

jenen Menschen, die schon durch ihre bloße Anwesenheit eine angenehme

Atmosphäre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, maßvoll

veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschäftigenden Fragen

jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets

aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu

beteiligen.

Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehörende Gebiet: die

Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Förstereien wurden

während dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern

auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen

Füßen hingelagerte Kneedeholm.

Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Gründen

kluger Ueberlegung, dem Doktor Prestö, stattete Axel Besuche ab, und

wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder

eine Partie gemacht.

An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhörerin

ab. Entweder hielt sie sich für sich auf ihrem Zimmer auf oder sie

durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die

Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergänge ins Dorf, besuchte hier die

Bauern und fühlte sich unter ihnen offenbar am glücklichsten.

Und daß sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so

selbstverständlich angesehen, daß sie auch jetzt bei des Grafen

Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert

wurde.

Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen.

Eine Annäherung zwischen ihr und Axel mußte sich nach und nach ergeben.

Jeder Zwang war von Uebel.

Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein.

Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weißen Rennern

bespannten, offenen Gefährt bis zur Landstraße entgegen. Sie kam mit der

Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt.

Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer

außerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besaß eine vollendete

Regelmäßigkeit; sie glich einer edlen Römerin, die den Schönheitspreis

davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glühten

in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der

Abendröte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre

Zähne blitzten in dem Weiß der Fischgräte.

Die Gräfin hatte recht, sie war blendend schön und zugleich von einer

Liebenswürdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besaß. —

Als man das Schloß erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurück und

wanderte ins Dorf.

Mitten in diesem lag, zurückgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein

zweistöckiges, schneeweiß angestrichenes Haus mitten unter Grün und

Tannen.

Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im

Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemütlichkeit

erhöht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr

ausgedehnten, mit stattlichen Gehöften und Bauerhäusern, aber auch mit

vielen ärmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit ließ sich

Axel möglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzählen.

Graf Knut berichtete, daß Lucile vor anderthalb Jahren mit einem

französischen Gesandtschaftsattaché in Kopenhagen, dem jungen Marquis

von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelöst

habe.

Dem wäre es zuzuschreiben, daß sie seither keine Ehe eingegangen sei.

Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mädchen, sie besitze aber einen

unbeugsamen Standesstolz.

Während sie noch sprachen, kam Doktor Prestö vorüber, machte eine

Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grüßte

den Grafen mit großer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es

geschah, obschon Prestö Axels Besuch noch nicht erwidert hatte.

„Ein recht unangenehmer Mensch!“ warf Axel hin.

Graf Knut bewegte stumm die Schultern.

„Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?“

„Man muß den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu

fällen —“ entgegnete Graf Knut. „Prestös Eltern fanden unter dem Druck

eines maßlos hochmütigen und gegen seine Untergebenen rücksichtslos

harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prestös Vater war

dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Haß gegen den tyrannischen

Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prestö ist völlig mittellos;

die unvermögenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Fleiß,

Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermöglicht. Durch solche

Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere,

allerdings selten liebenswürdige, eher einseitige und selbstsüchtige.

Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die

Veranlassung, daß sich Prestö hier niederließ. Ich interessierte mich

von jeher für die Eltern. Gewiß, seine Manieren lassen recht sehr zu

wünschen übrig, ich gestehe das zu. Auch gären in ihm die Ideen der

neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber — was will man machen?

Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und

Erscheinungen zu Tage. Wir — die Gutsherren — haben die gute Zeit

gehabt, nun wollen auch die Bauern einmal leben!“

„Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten für ihn! Sie begegnen

sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun weiß ich, wer

meinem Werben um sie entgegengeht.“

„Sie interessieren sich für die Komtesse Imgjor, Herr Graf?“

„Ich gestehe es — außerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der

Gräfin Beifall für meine Pläne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile

zu kämpfen. Nun bin ich überzeugt, daß ich in Prestö meinen eigentlichen

Widersacher zu suchen habe. Gewiß, sie lieben sich!“

„Vielleicht doch _nicht_ —“ betonte der Graf, auf das Gespräch ohne

Umschweife eingehend. „Daß Imgjor Interesse für ihn besitzt, will mich

wohl auch bedünken. Aber er für sie? Er war schon als Student verlobt

und ist es, soviel ich weiß, noch —“

„Ah welch' eine gute Nachricht! Erzählen Sie, ich bitte!“ fiel Axel

lebhaft ein und zog den alten Herrn über das Dorfgebiet hinaus. —

Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frühstück, wußte es Axel so

einzurichten, daß er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf

hatte wegen seiner Geschäfte auf eins der Vorwerke fahren müssen, die

Gräfin — eine selten vorkommende Erscheinung — mußte wegen einer

Migräne das Zimmer hüten.

Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frühstück sehr liebenswürdig

um Axel bemüht gewesen. Sie besaß ähnliche Eigenschaften wie ihre

Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie große Lebhaftigkeit. Wie sie

sonst zu beurteilen sei, mußte er erst ergründen.

Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze

Prüderei hervorkehren, sobald ein Mann eine über das Konventionelle

hinausgehende Annäherung wagt.

Zu einer engeren Berührung im ersteren Sinne gehört nach ihrer

Auffassung die Prüfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die

ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit

zurück.

Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehören.

Lucile sprach mit Vorliebe über ihren Aufenthalt in den großen Städten

und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stände. Es geschah

das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern

ließ; sie behandelte die Dinge als etwas naturgemäß zu ihr gehöriges.

Aber es ging aus allem hervor, daß sie Umgang und Beziehungen zu solchen

Personen über alles stellte, daß das Leben in diesen Kreisen mit dem

Interesse für Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geräuschvolle

Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses

Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und

verführte ihn zu starkem Widerspruch.

„Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stößt mich geradezu ab

—“ warf er, herabsetzend im Tone, hin.

Und mit einem „So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener —“

antwortete sie darauf.

Statt daß Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darüber an den

Tag legte, daß er, der doch zu diesem Kreise gehörte, einen solchen

abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das

Zwitschern eines Vögelchens, das über ihnen in den Zweigen huschte.

Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen

Eifer darüber, daß es mit ihren Neigungen nicht übereinstimmte.

Während sie sich eben wieder dem Schloß näherten, in dem sie ein

Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frühstück die Rede

gewesen war, sagte er:

„Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden

wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einförmig-stillen Leben auf

Rankholm, Komtesse?“

Statt einzutreten — eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht,

durch die man von hinten ins Schloß gelangen konnte — blieb sie stehen,

richtete den Blick geradeaus und sagte, zunächst durch eine Kopfbewegung

seinen Worten begegnend:

„Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts. Aber

— ich spreche offen — ich finde die Personen hier wenig anziehend. Wäre

nicht mein Vater —“ Sie hielt inne und während sie die Lippen schloß,

reckte sie den schlanken Hals rückwärts, wie jemand, der einer starken

Empfindung Herr zu werden versucht.

Nun wurde Axel aufmerksam.

Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein:

„Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die müssen jedermann

fesseln!“

„Meine Mutter —?“ Lucile zog die Schultern, und in ihren Zügen erschien

ein eigentümlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte,

und offenbar empfand sie Reue, daß sie sich so weit vergessen hatte.

Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu

verwischen, indem sie sagte:

„Ich wollte betonen, daß ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit

Mama und Imgjor“ — Und plötzlich abschweifend:

„Wie finden Sie Imgjor?“

„Bezaubernd!“

„So —!? Ja, das ist ein Mädchen, um das alle Männer werben. Es

geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken

ganze Scharen zu ihren Füßen.“

Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren

und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstände, noch einmal

niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard:

„Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich

wollte, ich hätte damals leben können, als noch Rankholm der Mittelpunkt

der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte,

Staatsminister und Feldmarschälle waren, als sie die Herrscher Dänemarks

wochenlang zum Besuch bei sich sahen!“

„Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse! — Sie sind aus dem alten

Lavardschen Blut.“

Grevinde · 第 1 / 16 段