Eine größere Arbeit des Jahres 1777 freilich, die Wachtparade
Friedrichs II. in Potsdam (~E.~ 196, Abb. 76), die er in zwei
Wiederholungen stach, mahnt uns auch wieder bedenklich an die
Schranken, die seiner Kunst gesetzt waren. Fast immer, wenn er über das
Taschenbuchformat sich hinauswagt, glauben wir mit ihm die Unsicherheit
des nur all zusehr an kleine Maßstäbe gewöhnten Zeichners zu empfinden.
Schon die zeitgenössische Kritik tadelte an dem genannten Blatte
einige Zeichenfehler, wie den zu weit vorgerückten Vorderfuß des
kronprinzlichen Pferdes, den Chodowiecki auch in der zweiten Platte
„den Unkennern zu gefallen“, wie er selbst schrieb, korrigierte, aber
auch abgesehen von solchen kleinen „Pentimenti“ ist bei jeder größeren
Platte des Meisters eine Abnahme der Lebendigkeit in der Bewegung
der Gestalten, eine Steifheit und ein gewisser Mangel an Raumsinn
zu verspüren, den die kleinliche technische Behandlung nur um so
auffälliger macht. Freilich bleibt für uns die Wachtparade Friedrichs
des Großen, ganz abgesehen von ihrem künstlerischen Wert, immer ein
kostbares zeitgenössisches Dokument, da wir mit Recht annehmen dürfen,
daß an Treue in der Wiedergabe aller Einzelheiten ein so gewissenhafter
Schilderer, wie Chodowiecki nichts versäumt haben wird. So wird denn
diesem Blatte die Popularität erhalten bleiben, die schon zu Lebzeiten
seines Schöpfers, der nicht weniger als vierunddreißig Kopien danach
kannte, eine außerordentliche war. Auch ein größeres Porträt, das
uns die Züge des Philanthropen und Pädagogen Friedrich Eberhard von
Rochow erhalten hat, ist in diesem überaus arbeitsreichen Jahre 1777
entstanden (~E.~ 191). Der Besteller entrüstete sich anfangs
einigermaßen über den hohen Preis von hundert Thalern für die Platte,
was ihn aber nicht abhielt, sie einige Jahre später für die doppelte
Summe weiterzuverkaufen.
[Illustration: Abb. 86. +Skizze zu+ ~E.~ 390, s. Abb. 89. Im
Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
[Illustration: Abb. 87.
+Das trojanische Pferd.+ (~E.~ 611.)
Illustration zu Blumauers Äneide im Großbritannischen Genealogischen
Kalender. Lauenburg. 1790.]
Von den zahllosen Illustrationen aus der zweiten Hälfte der siebziger
Jahre, der reichsten Ernte- und Reisezeit, will ich nur als die
hervorragendsten folgende erwähnen: das Titelkupfer zur zweiten
englischen Auflage von Goldsmiths „Vicar of Wakefield“ (~E.~
149), dessen Inhalt Chodowiecki auch zu zwölf Kalenderkupfern
(~E.~ 159) anregte, die zierlichen und stimmungsvollen beiden
Darstellungen aus Goethes Werther, die eine französische Übersetzung
des Werkes schmücken (~E.~ 151, 152), und die der Dichter zu
seinen Lieblingskupfern zählte, die vierundzwanzig Scenen eines damals
vielgelesenen fünfbändigen Romans von Hermes: Sophiens Reisen von Memel
nach Sachsen (~E.~ 172, 182), der ersten ausführlichen Schilderung
der Sitten und Charaktere des deutschen Mittelstandes im achtzehnten
Jahrhundert, daher Chodowieckis Begabung gut gelegen, Bürgers Gedichte
(~E.~ 232-239), Hippels Lebensläufe in aufsteigender Linie
(~E.~ 246-251, 298-303, Abb. 77), ein auch heute noch lesenswertes
Buch, während die humoristischen Romane Wezels „Peter Marks“
(~E.~ 292-297) und „Die wilde Betty“ (~E.~ 280-284) nur
durch ihre Kupfer, die zu den technisch gewandtesten unseres Meisters
gehören, noch einiges Interesse zu wecken vermögen. Schließlich die
Monatskupfer des Gothaer Kalenders von 1780, die ihren Stoff Lessings
Fabeln und Erzählungen entlehnten (~E.~ 320). Diese Blätter
zogen Chodowiecki eine sehr heftige Kritik in Meusels Miscellaneen
zu, gegen die der Angegriffene sich bescheiden, aber mit Nachdruck in
der gleichen Zeitschrift verteidigte. Uns scheint der große Aufwand
an Worten und theoretischen Erörterungen für die Beurteilung solcher
liebenswürdigen Kleinigkeiten recht abgeschmackt, aber wir lernen
daraus, eine wie eingehende Aufmerksamkeit die Zeitgenossen gerade dem
Illustrationswesen zuwendeten. Von der Wahl des geeigneten Moments der
Darstellung bis zu jedem Fältchen in Mienen und Gebärden der Figuren
wurde alles damals peinlich unter die Lupe des in enge Theorien
eingezwängten Kunstverstandes genommen und zergliedert, freilich, ohne
daß man dem Wesen der Sache damit erheblich näher gekommen wäre.
[Illustration: Abb. 88.
+Illustration zu Blumauers Äneide im Großbritannischen Genealogischen
Kalender.+ Lauenburg. 1790. (~E.~ 611.)]
[Illustration: Abb. 89. +Titelkupfer zu dem Roman: Philipp von
Freudenthal.+ Berlin. 1780. (~E.~ 390).]
[Illustration: Abb. 90. +Illustration zu Coventrys Roman: Der kleine
Cäsar.+ Leipzig. 1782. (~E.~ 431.)]
Sehr kurios muten uns auch die Scenen aus Shakespeares Hamlet
(~E.~ 213, 214) an, die Chodowiecki, angeregt durch Brockmanns
vielbewundertes Auftreten in Berlin, als künstlerische Beigabe zu zwei
Aufsätzen über das Spiel des großen Tragöden in der Litteratur- und
Theaterzeitung von 1778 radierte. Brockmann, der einem Garrick und Kean
an die Seite gestellt wurde, zählte den Hamlet zu seinen Paraderollen,
aber seine kleinbürgerliche Maske, wie sie Chodowiecki getreulich
wiedergibt, würde uns schlechterdings alle Illusion zerstören. Nicht
vergessen darf man dabei, daß Shakespeare damals erst unlängst für die
Bühne wieder entdeckt war und auch von Schauspielern dargestellt, die
lediglich am bürgerlichen Drama geschult waren, das Publikum durch die
Wucht seiner grandiosen Charakterschilderung und packenden Sprache
zu lautem Enthusiasmus hinriß. An diesen Shakespeareaufführungen
berauschten die Dichter der Sturm- und Drangperiode ihre steuerlose
Einbildungskraft. Chodowiecki indes sah mit nüchternen Sinnen nur
das, was auf der Bühne dem Auge sich bot, auch seine späteren
Shakespeareillustrationen, wie die zu Hamlet (~E.~ 252), Coriolan
(~E.~ 571), König Heinrich IV. (~E.~ 539), Macbeth
(Abb. 75, ~E.~ 514) und dem Sturm (~E.~ 583) zeugen dafür,
daß ihm die Leidenschaft und der stürmische Feuergeist des großen
Briten innerlich fremd blieb. Am nächsten lag seinem Naturell noch der
Humor der Lustigen Weiber von Windsor, die er 1786 für den Göttinger
Taschenkalender (Abb. 78, ~E.~ 568) illustrierte. Aber stets fühlt
man auch hier die Fessel durch, die ihm der fremde Vorwurf anlegte.
Wie viel freier bewegt er sich, wenn es gilt, seinen eignen Humor
leuchten zu lassen, z. B. in den beiden Kupferstichfolgen: Natürliche
und affektierte Handlungen des Lebens (~E.~ 256 u. 329)! Was
in jener Zeit Natürlichkeit hieß, erscheint uns freilich heute noch
immer reichlich affektiert, die Tracht der Zeit, die Schnürleiber
und gepuderten Perücken, die Stöckelschuhe hemmten die freie
Bewegung, Erziehung that das Ihrige dazu, aber die Lächerlichkeit
der Incroyables und Merveilleusen, die tänzelnden Schrittes
einherstolzieren, selbst in der Kirche nicht ihre gespreizten Alluren
ablegen, ist doch von Chodowiecki, der auch hier vielfach nur seine
treue Beobachtungsgabe zu benutzen brauchte, meisterhaft in Gegensatz
zu der Natürlichkeit des schlichten Bürgers gestellt.
[Illustration: Abb. 91. +Entführung.+ Illustration zu Bunkels
Leben. Skizze zu ~E.~ 222. Berlin. 1778.]
Das Jahr 1779 brachte unserem Meister einen schmerzlichen Verlust:
seine geliebte Mutter, die schon lange gekränkelt, erlag am 30. Mai
in Danzig ihren Leiden. Für die in recht bescheidenen Verhältnissen
zurückgebliebenen Schwestern zu sorgen, war dem Bruder Pflicht und
Bedürfnis. Im Juli des nächsten Jahres rüstete er sich daher wiederum
zu einer Reise nach der Heimat. Das Haus in der Heiligengeistgasse
wurde verkauft und die Schwestern eingeladen, nach Berlin
überzusiedeln. Trotz den mannigfachen Geschäften, die seine Zeit
während des diesmal nur kurzen Aufenthalts in der Vaterstadt in
Anspruch nahmen, fand der an unablässige Thätigkeit gewohnte Künstler
hier noch Muße, einige Platten zu radieren (~E.~ 369-374). Sie
waren für eine deutsche Übersetzung des „Lobes der Narrheit“ von
Erasmus von Rotterdam bestimmt, das im sechzehnten Jahrhunderts bereits
Hans Holbein den Jüngeren zu einer Reihe köstlicher Federzeichnungen
inspiriert hatte; die Verspottung menschlicher Thorheit und Eitelkeit,
die Chodowiecki hier mit Glück modernisierte, lag ihm freilich in
jenen Tagen trüber Stimmung wohl weniger am Herzen, als ein anderes
Thema, dessen klassische Prägung die deutsche Kunst ebenfalls Holbein
verdankt: der Totentanz. Der Sensenmann, der eben mit grausamer Hand
in seine Lebenskreise eingegriffen und ihm das Teuerste geraubt,
wird von Chodowiecki in einer Reihe von Scenen (~E.~ 662)
geschildert, deren Motive sich zwar im allgemeinen an die herkömmlichen
Totentanzbilder anlehnen -- es sind die einzelnen Stände, die der Reihe
nach dem Ruf des Allgewaltigen folgen müssen -- aber uns überrascht die
dämonische Größe der Auffassung, zu der sich der sonst so nüchterne
Beobachter des alltäglichen Kleinlebens hier nicht selten erhebt. Erst
zwölf Jahre später wurden die Zeichnungen in Kupfer gebracht und dem
Lauenburger genealogischen Kalender beigegeben, nachdem man lange den
Gegenstand als Kalenderschmuck beanstandet hatte: „so revolvant war bey
jedem der Gedanke, einer Dame den Todt in so mancherlei Gestalten zum
Weynachts- oder Neujahrsgeschenk zu machen.“
[Illustration: Abb. 92. +Herzog Leopold von Braunschweig eilt den
durch Wassersnot Bedrängten zu Hilfe.+ 1785. (~E.~ 540.)]
Mehr in freiem Wettstreit mit den von Lichtenberg gemachten
Vorschlägen, als von ihnen abhängig, entstanden 1780 die Kupfer zu
einem ~Orbis pictus~, kleine, überaus zierliche und geistreiche
Charakterfigürchen, von denen wir eines in Abbildung (Abb. 80,
~E.~ 368) wiedergeben. Lichtenberg wollte „der Armut unserer
dramatischen Schriftsteller sowohl als auch der Schauspieler und
Künstler dadurch zu Hilfe kommen, daß er frappante Züge ... aus
allerley Ständen des bürgerlichen Lebens“ sammelte und herausgab,
eine Aufgabe, die für Chodowiecki wie geschaffen schien, um seine
zahlreichen Beobachtungen und Studien nach dem Leben in zwangloser
Folge zu veröffentlichen. So sehen wir auf dem mitgeteilten Blatte
die Typen weiblicher Dienstboten von der Kammerfrau und Zofe bis
zum Waschweib in höchst lebendiger Weise vereinigt. In solchen
Charakterfigürchen kleinsten Maßstabes offenbart sich die ganze
Liebenswürdigkeit und Schalkheit seines Wesens, die ganze Feinheit
seiner Radiernadel, ähnlich wie in den gleichzeitigen „~Occupations
des Dames~“ (~E.~ 355), den beiden Folgen von „Heiratsanträgen“
verschiedener Freier (Abb. 79, ~E.~ 345 und 382) und der
Verspottung der Steckenpferdreiterei (~E.~ 357). Dazwischen klingt
dann wieder in der anmutigen Titelvignette zu Cramers „Unterhaltungen“
(Berlin 1781, Abb. 2, ~E.~ 376) der innige Ton häuslichen
Familienglücks durch, dessen herzerquickende Schilderung zu den
vornehmsten Ruhmestiteln Chodowieckis zählt.
[Illustration: Abb. 93. +Satire auf die Nachdrucker.+ (~E.~
394.)]
[Illustration: Abb. 94. +Titelvignette zu Gotters Gedichten.+
Gotha. 1788. (~E.~ 592.)]
[Illustration: Abb. 95. +Lenorens Todesritt.+ (~E.~ 612.)
Titelvignette. 1789.]
[Illustration: Abb. 96. +Illustration zum Gothaischen
Hofkalender.+ 1790. (~E.~ 614.)]
[Illustration: Abb. 97. +Illustration zum Berliner
Historisch-Genealogischen Kalender.+ 1793. (~E.~ 687.)]
Aber auch Aufgaben, die seinem Wesen und seiner Begabung durchaus
fernlagen, durfte sich unser Meister nicht entziehen. Durch seine
Beziehungen zur französischen Kolonie Berlins war er auch mit dem
Prediger der französischen Gemeinde Erman bekannt geworden, dessen
Geschichte der Refugiés er illustrierte (Abb. 81, 82, ~E.~ 460,
493, 560), und der ihm 1780 den Auftrag des Konsistoriums überbrachte.
Entwürfe für die plastische Ausschmückung des von Carl von Gontard
neu wiederhergestellten französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt zu
liefern. Einen Kleinmeister wie Chodowiecki mit solcher Aufgabe zu
betrauen, war ein Mißgriff, der sich notwendigerweise rächen mußte. In
der That gehören die Statuen und Reliefs des „französischen Turmes,“
die in den Jahren 1781-1784 von den Bildhauern Föhr und Bardou nach
diesen Entwürfen ausgeführt wurden, zu dem Unglücklichsten, was die
ohnehin schwächliche Monumentalkunst jener Zeit hervorgebracht hat.
Immerhin bezeugt das Vorgehen der Baubehörde, das auch vom Könige
gebilligt wurde, welche große Bedeutung man dem einst kärglich
bezahlten Miniaturmaler jetzt auf allen Gebieten bildender Kunst in
der Residenzstadt beimaß. Sein Gutachten wurde auch von auswärts oft
bei Abschätzung von Kunstsammlungen eingeholt: so galt es, 1781 die
Kupferstichsammlung des Hamburger Großkaufmanns Sillem zu ordnen und zu
inventarisieren, was Chodowiecki zu einem anregenden vierwöchentlichen
Besuch der mit Kunstschätzen reich gesegneten Hansestadt veranlaßte.
Das umfangreiche Verzeichnis der Sammlung Sillem erschien im folgenden
Jahre im Verlage von Decker in Berlin.
[Illustration: Abb. 98. +Naturforscher am Mikroskop.+ (~E.~
585.)