Illustration zu Ermans Memoires. 1786.]

Wie Gellert hat auch Chodowiecki stets nur ein gutmütiges Lächeln

für die Thorheiten dieser Welt, nie drängt sich Verbitterung

oder Verbissenheit gehässig hervor. Alles weiß er zum Guten zu

wenden. Als er einst -- es war im Sommer 1775 -- seiner Familie

einen Sonntagsausflug nach dem damals beliebten Vergnügungsorte

Französisch-Buchholz versprochen hatte, das schlechte Wetter und das

Ausbleiben des Wagens aber das Vorhaben vereitelte, wußte er schnell

der üblen Laune zu begegnen, indem er die Seinen durch eine lustige

Zeichnung der projektierten Fahrt entschädigte. In feierlicher

Prozession zieht die Familie zu Fuß nach Buchholz: Susette, die

zweitälteste Tochter des Hauses, Würste und Brezeln auf einer Heugabel

tragend, voran, die anderen folgen mit Torten und einem gefüllten

Weinkorb, Vetter Kolbe schließt lustig fiedelnd den Zug der „Wallfahrt

nach Französisch Buchholz,“ die der Erfinder des heiteren Schwanks vier

Jahre später auch noch in Kupfer verewigte (~E.~ 337). Als im

selben Jahr sein Freund, der Eisenhändler Barthelemy, Hochzeit machte,

entwarf er die Tischkarte, die ebenfalls mit schalkhaften Einfällen und

Anspielungen gespickt ist (~E.~ 133). Allein zu solchen Scherzen

blieb dem rastlos Arbeitenden in diesen Jahren, wo sich die Aufträge

so häuften, daß er oft die Nacht durch arbeiten mußte, wenig Zeit. Es

hieße, eine Litteraturgeschichte jener Tage schreiben, wollte man all

die Titelkupfer, Vignetten und Illustrationen eingehender behandeln,

die Chodowieckis Presse verließen. Seit dem Jahre 1771 hatte er sich

nämlich in seinem Hause eine Kupferdruckpresse aufgestellt, während

er früher für das Drucken seiner Platten auf fremde Hände angewiesen

war. Belletristische Werke, Erbauungs- und Schulbücher wechseln mit

Zeitschriften, Kalendern und Almanachen, deren Ausstattung durch

unseren Meister geradezu vorbildlich wurde. So verdrängten seine Kupfer

allmählich die französischen Arbeiten aus dem Gothaischen Hofkalender,

der von allen Almanachen zweifellos das größte Ansehen auch im Auslande

genoß. Diese Arbeit war Chodowiecki schon deshalb willkommen, weil

ihm hier oft freie Wahl der Gegenstände gelassen wurde. So brachte er

bald, wie in dem Lauenburger Kalender von 1777, zwölf Monatskupfer,

die ihrerseits den Dichter L. Haken zu einer Erzählung inspirierten

(~E.~ 123), bald Modekupfer, für die ihm nicht selten die Damen

seines Bekanntenkreises Modell standen, wie die extravaganten Berliner

Haartrachten im Göttinger Taschenkalender für 1778 (Abb. 71, ~E.~

195), aber auch moralisierende Folgen, wie den „Fortgang der Tugend

und des Lasters“ (Abb. 72, 73, ~E.~ 188), zu dem der bekannte

Satiriker Lichtenberg, der Kommentator William Hogarths, Erläuterungen

schrieb, das „Leben eines schlecht erzogenen Frauenzimmers“ (~E.~

279), ein Gegenstück zu dem bereits früher erschienenen „Leben eines

Liederlichen“ (~E.~ 90) u. a. m. Trotz des Anklangs an die

Titel, die der eben genannte englische Sittenschilderer für seine

Kupferstichserien wählte, ist doch Chodowieckis Auffassung von der

Aufgabe eines künstlerischen Moralisten von der eines Hogarth, mit

dem er so oft verglichen wurde, grundverschieden, und er hat sich

wiederholt dagegen gewehrt, dem Engländer verglichen zu werden, dessen

Bitterkeit, die sich am Häßlichen weidete, ihm durchaus fremd war.

Goethe hat treffend die Neigung unseres Meisters zur Milderung und

Ausgleichung schroffer Gegensätze charakterisiert: „Unser wackerer

Chodowiecki hat manche Scenen der Unnatur, der Verderbnis, der Barbarei

und des Abgeschmacks trefflich dargestellt; allein, was that er? Er

stellte dem Hassenswerten sogleich das Liebenswürdige entgegen, Scenen

einer gesunden Natur, die sich ruhig entwickelt, einer zweckmäßigen

Bildung, eines treuen Ausdauerns, eines gefälligen Strebens nach Wert

und Schönheit.“ Man möchte meinen, Goethe habe diese Worte vor den

eben erwähnten Kupferfolgen, denen sich auch noch die „Natürlichen

und affektierten Handlungen des menschlichen Lebens“ (~E.~ 256)

und die „Beweggründe zum Heiraten“ (~E.~ 598) anreihen lassen,

niedergeschrieben.

[Illustration: Abb. 83. +Titelkupfer zu Cramers Übersetzung der

Nouvelle Héloise von Rousseau.+ Berlin. 1785-1787. (~E.~ 535.)]

[Illustration: Abb. 84. +Titelvignette zu Hermes’ Zween litterarische

Märtyrer.+ Leipzig. 1780. (~E.~ 610.)]

In dieser Zeit, als die Bibliothek des emsigen Illustrators sich so

schnell mit den zahllosen von ihm selbst geschmückten Büchern füllte,

entstand auch das ~Ex-libris~, das er nach einer damals weit

verbreiteten, in unseren Tagen wieder neuaufgelebten Sitte in die ihm

gehörigen Bände einzukleben pflegte: Der geflügelte Genius der Kunst

führt einen jungen Künstler zu den Brüsten der Natur -- ein schlichtes

und ehrliches Bekenntnis seiner Anschauungen vom Wesen und den Zielen

aller Kunstübung und Kunstbegeisterung (Abb. 74, ~E.~ 192).

[Illustration: Abb. 85. +Aufführung der Minna von Barnhelm im

Kuhstall.+ (~E.~ 490.)

Chodowiecki · 第 47 / 81 题