Wie Gellert hat auch Chodowiecki stets nur ein gutmütiges Lächeln
für die Thorheiten dieser Welt, nie drängt sich Verbitterung
oder Verbissenheit gehässig hervor. Alles weiß er zum Guten zu
wenden. Als er einst -- es war im Sommer 1775 -- seiner Familie
einen Sonntagsausflug nach dem damals beliebten Vergnügungsorte
Französisch-Buchholz versprochen hatte, das schlechte Wetter und das
Ausbleiben des Wagens aber das Vorhaben vereitelte, wußte er schnell
der üblen Laune zu begegnen, indem er die Seinen durch eine lustige
Zeichnung der projektierten Fahrt entschädigte. In feierlicher
Prozession zieht die Familie zu Fuß nach Buchholz: Susette, die
zweitälteste Tochter des Hauses, Würste und Brezeln auf einer Heugabel
tragend, voran, die anderen folgen mit Torten und einem gefüllten
Weinkorb, Vetter Kolbe schließt lustig fiedelnd den Zug der „Wallfahrt
nach Französisch Buchholz,“ die der Erfinder des heiteren Schwanks vier
Jahre später auch noch in Kupfer verewigte (~E.~ 337). Als im
selben Jahr sein Freund, der Eisenhändler Barthelemy, Hochzeit machte,
entwarf er die Tischkarte, die ebenfalls mit schalkhaften Einfällen und
Anspielungen gespickt ist (~E.~ 133). Allein zu solchen Scherzen
blieb dem rastlos Arbeitenden in diesen Jahren, wo sich die Aufträge
so häuften, daß er oft die Nacht durch arbeiten mußte, wenig Zeit. Es
hieße, eine Litteraturgeschichte jener Tage schreiben, wollte man all
die Titelkupfer, Vignetten und Illustrationen eingehender behandeln,
die Chodowieckis Presse verließen. Seit dem Jahre 1771 hatte er sich
nämlich in seinem Hause eine Kupferdruckpresse aufgestellt, während
er früher für das Drucken seiner Platten auf fremde Hände angewiesen
war. Belletristische Werke, Erbauungs- und Schulbücher wechseln mit
Zeitschriften, Kalendern und Almanachen, deren Ausstattung durch
unseren Meister geradezu vorbildlich wurde. So verdrängten seine Kupfer
allmählich die französischen Arbeiten aus dem Gothaischen Hofkalender,
der von allen Almanachen zweifellos das größte Ansehen auch im Auslande
genoß. Diese Arbeit war Chodowiecki schon deshalb willkommen, weil
ihm hier oft freie Wahl der Gegenstände gelassen wurde. So brachte er
bald, wie in dem Lauenburger Kalender von 1777, zwölf Monatskupfer,
die ihrerseits den Dichter L. Haken zu einer Erzählung inspirierten
(~E.~ 123), bald Modekupfer, für die ihm nicht selten die Damen
seines Bekanntenkreises Modell standen, wie die extravaganten Berliner
Haartrachten im Göttinger Taschenkalender für 1778 (Abb. 71, ~E.~
195), aber auch moralisierende Folgen, wie den „Fortgang der Tugend
und des Lasters“ (Abb. 72, 73, ~E.~ 188), zu dem der bekannte
Satiriker Lichtenberg, der Kommentator William Hogarths, Erläuterungen
schrieb, das „Leben eines schlecht erzogenen Frauenzimmers“ (~E.~
279), ein Gegenstück zu dem bereits früher erschienenen „Leben eines
Liederlichen“ (~E.~ 90) u. a. m. Trotz des Anklangs an die
Titel, die der eben genannte englische Sittenschilderer für seine
Kupferstichserien wählte, ist doch Chodowieckis Auffassung von der
Aufgabe eines künstlerischen Moralisten von der eines Hogarth, mit
dem er so oft verglichen wurde, grundverschieden, und er hat sich
wiederholt dagegen gewehrt, dem Engländer verglichen zu werden, dessen
Bitterkeit, die sich am Häßlichen weidete, ihm durchaus fremd war.
Goethe hat treffend die Neigung unseres Meisters zur Milderung und
Ausgleichung schroffer Gegensätze charakterisiert: „Unser wackerer
Chodowiecki hat manche Scenen der Unnatur, der Verderbnis, der Barbarei
und des Abgeschmacks trefflich dargestellt; allein, was that er? Er
stellte dem Hassenswerten sogleich das Liebenswürdige entgegen, Scenen
einer gesunden Natur, die sich ruhig entwickelt, einer zweckmäßigen
Bildung, eines treuen Ausdauerns, eines gefälligen Strebens nach Wert
und Schönheit.“ Man möchte meinen, Goethe habe diese Worte vor den
eben erwähnten Kupferfolgen, denen sich auch noch die „Natürlichen
und affektierten Handlungen des menschlichen Lebens“ (~E.~ 256)
und die „Beweggründe zum Heiraten“ (~E.~ 598) anreihen lassen,
niedergeschrieben.
[Illustration: Abb. 83. +Titelkupfer zu Cramers Übersetzung der
Nouvelle Héloise von Rousseau.+ Berlin. 1785-1787. (~E.~ 535.)]
[Illustration: Abb. 84. +Titelvignette zu Hermes’ Zween litterarische
Märtyrer.+ Leipzig. 1780. (~E.~ 610.)]
In dieser Zeit, als die Bibliothek des emsigen Illustrators sich so
schnell mit den zahllosen von ihm selbst geschmückten Büchern füllte,
entstand auch das ~Ex-libris~, das er nach einer damals weit
verbreiteten, in unseren Tagen wieder neuaufgelebten Sitte in die ihm
gehörigen Bände einzukleben pflegte: Der geflügelte Genius der Kunst
führt einen jungen Künstler zu den Brüsten der Natur -- ein schlichtes
und ehrliches Bekenntnis seiner Anschauungen vom Wesen und den Zielen
aller Kunstübung und Kunstbegeisterung (Abb. 74, ~E.~ 192).
[Illustration: Abb. 85. +Aufführung der Minna von Barnhelm im
Kuhstall.+ (~E.~ 490.)