Immer schwerer wird es, aus der Hochflut illustrativer Arbeiten, mit
denen Chodowiecki den deutschen Büchermarkt in den nächsten Jahren
überschwemmte, diejenigen Leistungen hervorzuheben, die als Marksteine
seiner künstlerischen Entwickelung gelten könnten. In gewissem Sinne
war diese -- namentlich was die Technik anlangt -- bereits mit den
siebziger Jahren des Jahrhunderts abgeschlossen. Aber lange noch hält
er sich auf der einmal erreichten Höhe, erst im letzten Jahrzehnt
seines Lebens glauben wir eine Abnahme der Künstlerkraft wahrnehmen
zu können. Wagte er sich damals doch sogar in einen Wettkampf mit den
französischen Illustratoren, die er bisher nur als Vorbilder betrachtet
hatte, indem er es unternahm, die von Gravelot und Charles Eisen mit
entzückenden Radierungen ausgestatteten Werke eines Voltaire und
Rousseau von neuem zu illustrieren (Abb. 83, ~E.~ 208, 380, 438
und 535), wobei man freilich seinem Mut und seiner Selbständigkeit
ein besseres Gelingen hätte wünschen mögen. Das etwas schwüle und
frivole Milieu der Neuen Heloise, des Einsiedlers von Montmorency
und namentlich der Dichtungen Voltaires war eine fremde Welt für
den ehrbaren deutschen Sittenmaler, die leichtfertige Grazie der
französischen Romanciers nicht seine Sache.
[Illustration: Abb. 99. +Illustration zum Großbritannischen
Genealogischen Kalender.+ Lauenburg. 1794. (~E.~ 714.)]
Dagegen mußte ihn die Kleinmalerei und Empfindsamkeit des englischen
Familienromans, wie ihn +Samuel Richardson+ unter dem lebhaftesten
Beifall eines Lessing und Klopstock in die Weltlitteratur eingeführt
hatte, aufs sympathischste berühren und zu künstlerischem Nachgestalten
anregen. Richardsons Clarissa Harlowe, einer unendlich weitschweifigen,
aber an fein beobachteten Zügen des Seelenlebens überreichen
moralischen Erzählung in Briefform, verdanken wir eine Reihe von
Arbeiten Chodowieckis, die zu seinen reifsten und besten gehören
(~E.~ 521-527, 550-557). Nicht minder trefflich sind die Kupfer zu
Lorenz Sternes „Empfindsamen Reisen“ (~E.~ 464), jenem ebenfalls
klassisch zu nennenden Charakterroman des unter Thränen lachenden
englischen Jean Paul.
[Illustration: Abb. 100. +Illustration zum Berliner
Historisch-Genealogischen Kalender.+ 1793. (~E.~ 687.)]
[Illustration: Abb. 101. +Illustration zum Großbritannischen
Genealog. Kalender.+ Lauenburg. 1794. (~E.~ 714.)]
[Illustration: Abb. 102.
+Friedrich der Große gibt den Auftrag, nach der Schlacht bei Sorr
das Tedeum singen zu lassen.+ (~E.~ 712.) Illustration zum
Historisch-Genealogischen Kalender. 1794.]
[Illustration: Abb. 103. +Illustration zur Deutschen
Monatsschrift.+ Leipzig. 1798. (~E.~ 904.)]
[Illustration: Abb. 104. +Aufrichtige Teilnahme.+ (~E.~ 713.)
Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.]
[Illustration: Abb. 105.
+Illustration zu Gellerts Fabel: Der fromme General.+ (~E.~
680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.]
[Illustration: Abb. 106.
+Illustration zu Hagedorns Fabel: Der Fischer mit dem Schatz.+
(~E.~ 680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.]
Richardson machte in Deutschland Epoche; nachdem einmal das
bürgerliche Kleinleben litteraturfähig geworden war, die einfachen
Lebensverhältnisse der Bourgeoisie den Schriftstellern nicht mehr
als ~quantité négligeable~ galten, wendete sich auch das
Interesse der eleganten Gesellschaft dieser scheinbar neuentdeckten
Welt zu. Namentlich erhielt der Humor im Schrifttum neue ergiebige
Nahrung, der komische und der Reiseroman zählten von jetzt ab zu
den beliebtesten Gattungen der Prosadichtung. Chodowiecki hat auch
dieser neuen Richtung mit vielem Erfolg seine Künstlerkraft geliehen.
So geht er auf die derbe, oft sogar recht platte Komik von Müllers
Siegfried von Lindenberg (Abb. 85, ~E.~ 480, 487-490), Hermes’
litterarischen Märtyrern (Abb. 84, ~E.~ 610) und dem anonymen
Roman Philipp von Freudenthal (Abb. 86 und 89, ~E.~ 390) ein,
illustriert die satirische Lebensgeschichte des kleinen Cäsar, eines
verhätschelten Bologneserhündchens, von Coventry (Abb. 90, ~E.~
428-431) und weiß Vergils Äneis noch lustiger als der Jesuit Aloys
Blumauer zu travestieren, indem er unter das Volk Trojas Berliner
Straßenfiguren, wie die Hökerfrau und die Schornsteinfegerbuben
mischt (Abb. 87, ~E.~ 611). Auch den Lustspielcharakter trifft
er glücklich in Illustrationen zu Großmanns Schwänken (~E.~
395) und Bretzners „Eheprokurator“ (~E.~ 515), während der
Falstaffhumor von Shakespeares König Heinrich IV. (~E.~ 539) in
dem zierlichen Format seiner Kleinkunst allzu plump und grimassenhaft
erscheint (Abb. 78). Daß so bald nach den trüben Erlebnissen am Anfang
der achtziger Jahre -- hatte er doch bald nach seiner Mutter auch
seinen Bruder Gottfried verloren -- sich die kindliche Heiterkeit
seines Gemüts wieder einstellte, ist vielleicht auch den freudigen
Familienereignissen zuzuschreiben, die seinem Heim neue fröhliche
Genossen zuführten. Seine Tochter Jeanette verlobte sich mit dem
Prediger Jacques Papin und wenige Monate später freite Jean Henry,
ebenfalls ein Geistlicher aus Emigrantenkreisen, mit denen Chodowiecki
stets in enger Verbindung blieb, um die zweite Tochter Susette. Der
Tag freilich, der für die Hochzeit des letzteren Paars bestimmt war,
sollte der Familie einen neuen schweren Schicksalsschlag bringen: im
Frühling des Jahres 1785 hatte die Gattin des Meisters bereits zu
kränkeln begonnen und erlag am 1. Juni ihrem Leiden. Nach dreißig
Jahren glücklichen Zusammenlebens mußte sich Chodowiecki von seiner
treuen Lebensgefährtin trennen, er, dessen Glück und Zufriedenheit
so ganz im traulichen Familienverkehr wurzelte, sah sich mehr und
mehr vereinsamen, denn auch seine beiden Töchter verließen nach ihrer
Trauung Berlin, um ihren Gatten nach deren Wirkungsstätten zu folgen.
Trotz trüben Stimmungen und körperlichen Leiden, die sich um diese Zeit
bei ihm einstellen, sehen wir seine Zuversicht nicht wanken: „es gibt
doch mehr Freuden als Leiden,“ schreibt er am 6. November 1785, „nur
machen die Leiden den tieferen Eindruck.“ Das sicherste Mittel, sich
des Trübsinns zu erwehren, blieb für den nie Rastenden die gleichmäßig
fortgesetzte Thätigkeit in seinem Beruf, die ihm zum Grübeln keine Zeit
ließ. Er, der selbst der Aufrichtung bedurfte, widmete in jenen Tagen
seine Arbeit in hochherziger Weise der Nächstenliebe: als durch die
Ueberschwemmung im Frühjahr 1785 zahlreiche Bewohner der Dammvorstadt
von Frankfurt an der Oder brotlos geworden waren, bestimmte Chodowiecki
den Erlös einer Radierung den durch die Überschwemmung Verunglückten.
Bescheiden feierte er in diesem Blatt die größere Heldenthat des
menschenfreundlichen Herzogs Leopold von Braunschweig, der bei seinen
Rettungsversuchen in jenen Tagen der Not seinen Tod in den Fluten
der Oder gefunden (Abb. 92, ~E.~ 540). Nicht weniger als 1759
Thaler steuerte er damit zur Linderung des Elends bei. Auch auf die
Darstellung einer, historisch übrigens unbeglaubigten, Scene zwischen
Zieten und Friedrich dem Großen, der den greisen Reitergeneral nötigt,
sitzen zu bleiben, als dieser sich ehrerbietig vor seinem König
erheben will (~E.~ 565), eröffnete Chodowiecki, der das Bild der
Witwe des eben verstorbenen Helden gewidmet hatte, eine Subskription.
Mochten diese größeren Blätter, zu denen auch die Anekdote vom
schlafenden Zieten (~E.~ 948) zu zählen ist, immerhin einen
reicheren materiellen Gewinn ergeben, der weniger gut bezahlten und
ungleich mühsameren Kleinkunst der Illustration machten sie unseren
Meister, der sich der Sonderart seines Talentes bewußt blieb, nicht
abtrünnig. Wie viel mehr Anmut und Feinfühligkeit entfaltete er z. B.
in den wenige Zoll großen Kupfern des kleinen Taschenkalenders für
das Jahr 1785 (~E.~ 513), die wieder selbständig erfundene
Charaktertypen aus der Gesellschaft hinstellten, als in den großen
Abbildungen zu A. Kleins „Leben und Bildnisse der großen Deutschen“
(~E.~ 436. 463. 479. 500. 534. 576), bei denen ihm überdies die
Kostümfrage viel Unbequemlichkeiten schuf! Namentlich die heroische
Stimmung altgermanischer Scenen vermag er nicht zu treffen, ähnlich
wie ja auch Klopstock in seiner Hermannschlacht aus sentimentaler
Lyrik sich selten zu leidenschaftlichem Schwunge zu erheben weiß. Das
Gefühlsleben des achtzehnten Jahrhunderts stand diesen Dingen zu fern;
man besaß damals überhaupt zu wenig historisches Anpassungsvermögen
und Abstraktion, um in das Wesen älterer Geschichtsepochen tiefer
eindringen zu können. Dafür liefern auch Chodowieckis zahlreiche
Illustrationen zu Ermans Geschichte der französischen Refugiés,
die ja nur in das Zeitalter des Großen Kurfürsten zurückgeht,
offenkundigen Beweis. Trotz der hier besser gewahrten Kostümtreue
stehen diese Schilderungen der edelmütigen Haltung Friedrich Wilhelms
des Großen gegen die verfolgten Emigranten (Abb. 81, 82) kaum auf
einer wesentlich höheren Stufe, als die erwähnten Bilder aus dem
Leben der Deutschen. Überall, wo die Naturanschauung ihm fehlt,
wie z. B. in den vielen Illustrationen historischer Werke, die in
der Folgezeit ihn beschäftigen, kommt Chodowiecki sehr selten aus
konventioneller Befangenheit heraus. Auch mit dem wunderlichen Gemisch
von französischer Romantik und antikisierender Sinnlichkeit, wie es
in Wielands Idris zu Tage tritt, weiß Chodowiecki wenig anzufangen
(~E.~ 607 und 608). Die Naivetät dem Stoffe gegenüber entlockt
dem modernen Beschauer ein ironisches Lächeln, während die Geziertheit
der Bewegungen ihn geradezu abstößt.
[Illustration: Abb. 107. +Titelkupfer zu Wiesingers Gedichten.+
Berlin. 1793. (~E.~ 697.)]
[Illustration: Abb. 108. +Häusliches Glück.+ (~E.~ 788.)
Illustration zu Karl Langs Almanach für 1796. Heilbronn.]
[Illustration: Abb. 109. +Geheuchelte Teilnahme.+