Titelkupfer zu Blumenbachs Naturgeschichte. 1787.]

Immer schwerer wird es, aus der Hochflut illustrativer Arbeiten, mit

denen Chodowiecki den deutschen Büchermarkt in den nächsten Jahren

überschwemmte, diejenigen Leistungen hervorzuheben, die als Marksteine

seiner künstlerischen Entwickelung gelten könnten. In gewissem Sinne

war diese -- namentlich was die Technik anlangt -- bereits mit den

siebziger Jahren des Jahrhunderts abgeschlossen. Aber lange noch hält

er sich auf der einmal erreichten Höhe, erst im letzten Jahrzehnt

seines Lebens glauben wir eine Abnahme der Künstlerkraft wahrnehmen

zu können. Wagte er sich damals doch sogar in einen Wettkampf mit den

französischen Illustratoren, die er bisher nur als Vorbilder betrachtet

hatte, indem er es unternahm, die von Gravelot und Charles Eisen mit

entzückenden Radierungen ausgestatteten Werke eines Voltaire und

Rousseau von neuem zu illustrieren (Abb. 83, ~E.~ 208, 380, 438

und 535), wobei man freilich seinem Mut und seiner Selbständigkeit

ein besseres Gelingen hätte wünschen mögen. Das etwas schwüle und

frivole Milieu der Neuen Heloise, des Einsiedlers von Montmorency

und namentlich der Dichtungen Voltaires war eine fremde Welt für

den ehrbaren deutschen Sittenmaler, die leichtfertige Grazie der

französischen Romanciers nicht seine Sache.

[Illustration: Abb. 99. +Illustration zum Großbritannischen

Genealogischen Kalender.+ Lauenburg. 1794. (~E.~ 714.)]

Dagegen mußte ihn die Kleinmalerei und Empfindsamkeit des englischen

Familienromans, wie ihn +Samuel Richardson+ unter dem lebhaftesten

Beifall eines Lessing und Klopstock in die Weltlitteratur eingeführt

hatte, aufs sympathischste berühren und zu künstlerischem Nachgestalten

anregen. Richardsons Clarissa Harlowe, einer unendlich weitschweifigen,

aber an fein beobachteten Zügen des Seelenlebens überreichen

moralischen Erzählung in Briefform, verdanken wir eine Reihe von

Arbeiten Chodowieckis, die zu seinen reifsten und besten gehören

(~E.~ 521-527, 550-557). Nicht minder trefflich sind die Kupfer zu

Lorenz Sternes „Empfindsamen Reisen“ (~E.~ 464), jenem ebenfalls

klassisch zu nennenden Charakterroman des unter Thränen lachenden

englischen Jean Paul.

[Illustration: Abb. 100. +Illustration zum Berliner

Historisch-Genealogischen Kalender.+ 1793. (~E.~ 687.)]

[Illustration: Abb. 101. +Illustration zum Großbritannischen

Genealog. Kalender.+ Lauenburg. 1794. (~E.~ 714.)]

[Illustration: Abb. 102.

+Friedrich der Große gibt den Auftrag, nach der Schlacht bei Sorr

das Tedeum singen zu lassen.+ (~E.~ 712.) Illustration zum

Historisch-Genealogischen Kalender. 1794.]

[Illustration: Abb. 103. +Illustration zur Deutschen

Monatsschrift.+ Leipzig. 1798. (~E.~ 904.)]

[Illustration: Abb. 104. +Aufrichtige Teilnahme.+ (~E.~ 713.)

Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.]

[Illustration: Abb. 105.

+Illustration zu Gellerts Fabel: Der fromme General.+ (~E.~

680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.]

[Illustration: Abb. 106.

+Illustration zu Hagedorns Fabel: Der Fischer mit dem Schatz.+

(~E.~ 680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.]

Richardson machte in Deutschland Epoche; nachdem einmal das

bürgerliche Kleinleben litteraturfähig geworden war, die einfachen

Lebensverhältnisse der Bourgeoisie den Schriftstellern nicht mehr

als ~quantité négligeable~ galten, wendete sich auch das

Interesse der eleganten Gesellschaft dieser scheinbar neuentdeckten

Welt zu. Namentlich erhielt der Humor im Schrifttum neue ergiebige

Nahrung, der komische und der Reiseroman zählten von jetzt ab zu

den beliebtesten Gattungen der Prosadichtung. Chodowiecki hat auch

dieser neuen Richtung mit vielem Erfolg seine Künstlerkraft geliehen.

So geht er auf die derbe, oft sogar recht platte Komik von Müllers

Siegfried von Lindenberg (Abb. 85, ~E.~ 480, 487-490), Hermes’

litterarischen Märtyrern (Abb. 84, ~E.~ 610) und dem anonymen

Roman Philipp von Freudenthal (Abb. 86 und 89, ~E.~ 390) ein,

illustriert die satirische Lebensgeschichte des kleinen Cäsar, eines

verhätschelten Bologneserhündchens, von Coventry (Abb. 90, ~E.~

428-431) und weiß Vergils Äneis noch lustiger als der Jesuit Aloys

Blumauer zu travestieren, indem er unter das Volk Trojas Berliner

Straßenfiguren, wie die Hökerfrau und die Schornsteinfegerbuben

mischt (Abb. 87, ~E.~ 611). Auch den Lustspielcharakter trifft

er glücklich in Illustrationen zu Großmanns Schwänken (~E.~

395) und Bretzners „Eheprokurator“ (~E.~ 515), während der

Falstaffhumor von Shakespeares König Heinrich IV. (~E.~ 539) in

dem zierlichen Format seiner Kleinkunst allzu plump und grimassenhaft

erscheint (Abb. 78). Daß so bald nach den trüben Erlebnissen am Anfang

der achtziger Jahre -- hatte er doch bald nach seiner Mutter auch

seinen Bruder Gottfried verloren -- sich die kindliche Heiterkeit

seines Gemüts wieder einstellte, ist vielleicht auch den freudigen

Familienereignissen zuzuschreiben, die seinem Heim neue fröhliche

Genossen zuführten. Seine Tochter Jeanette verlobte sich mit dem

Prediger Jacques Papin und wenige Monate später freite Jean Henry,

ebenfalls ein Geistlicher aus Emigrantenkreisen, mit denen Chodowiecki

stets in enger Verbindung blieb, um die zweite Tochter Susette. Der

Tag freilich, der für die Hochzeit des letzteren Paars bestimmt war,

sollte der Familie einen neuen schweren Schicksalsschlag bringen: im

Frühling des Jahres 1785 hatte die Gattin des Meisters bereits zu

kränkeln begonnen und erlag am 1. Juni ihrem Leiden. Nach dreißig

Jahren glücklichen Zusammenlebens mußte sich Chodowiecki von seiner

treuen Lebensgefährtin trennen, er, dessen Glück und Zufriedenheit

so ganz im traulichen Familienverkehr wurzelte, sah sich mehr und

mehr vereinsamen, denn auch seine beiden Töchter verließen nach ihrer

Trauung Berlin, um ihren Gatten nach deren Wirkungsstätten zu folgen.

Trotz trüben Stimmungen und körperlichen Leiden, die sich um diese Zeit

bei ihm einstellen, sehen wir seine Zuversicht nicht wanken: „es gibt

doch mehr Freuden als Leiden,“ schreibt er am 6. November 1785, „nur

machen die Leiden den tieferen Eindruck.“ Das sicherste Mittel, sich

des Trübsinns zu erwehren, blieb für den nie Rastenden die gleichmäßig

fortgesetzte Thätigkeit in seinem Beruf, die ihm zum Grübeln keine Zeit

ließ. Er, der selbst der Aufrichtung bedurfte, widmete in jenen Tagen

seine Arbeit in hochherziger Weise der Nächstenliebe: als durch die

Ueberschwemmung im Frühjahr 1785 zahlreiche Bewohner der Dammvorstadt

von Frankfurt an der Oder brotlos geworden waren, bestimmte Chodowiecki

den Erlös einer Radierung den durch die Überschwemmung Verunglückten.

Bescheiden feierte er in diesem Blatt die größere Heldenthat des

menschenfreundlichen Herzogs Leopold von Braunschweig, der bei seinen

Rettungsversuchen in jenen Tagen der Not seinen Tod in den Fluten

der Oder gefunden (Abb. 92, ~E.~ 540). Nicht weniger als 1759

Thaler steuerte er damit zur Linderung des Elends bei. Auch auf die

Darstellung einer, historisch übrigens unbeglaubigten, Scene zwischen

Zieten und Friedrich dem Großen, der den greisen Reitergeneral nötigt,

sitzen zu bleiben, als dieser sich ehrerbietig vor seinem König

erheben will (~E.~ 565), eröffnete Chodowiecki, der das Bild der

Witwe des eben verstorbenen Helden gewidmet hatte, eine Subskription.

Mochten diese größeren Blätter, zu denen auch die Anekdote vom

schlafenden Zieten (~E.~ 948) zu zählen ist, immerhin einen

reicheren materiellen Gewinn ergeben, der weniger gut bezahlten und

ungleich mühsameren Kleinkunst der Illustration machten sie unseren

Meister, der sich der Sonderart seines Talentes bewußt blieb, nicht

abtrünnig. Wie viel mehr Anmut und Feinfühligkeit entfaltete er z. B.

in den wenige Zoll großen Kupfern des kleinen Taschenkalenders für

das Jahr 1785 (~E.~ 513), die wieder selbständig erfundene

Charaktertypen aus der Gesellschaft hinstellten, als in den großen

Abbildungen zu A. Kleins „Leben und Bildnisse der großen Deutschen“

(~E.~ 436. 463. 479. 500. 534. 576), bei denen ihm überdies die

Kostümfrage viel Unbequemlichkeiten schuf! Namentlich die heroische

Stimmung altgermanischer Scenen vermag er nicht zu treffen, ähnlich

wie ja auch Klopstock in seiner Hermannschlacht aus sentimentaler

Lyrik sich selten zu leidenschaftlichem Schwunge zu erheben weiß. Das

Gefühlsleben des achtzehnten Jahrhunderts stand diesen Dingen zu fern;

man besaß damals überhaupt zu wenig historisches Anpassungsvermögen

und Abstraktion, um in das Wesen älterer Geschichtsepochen tiefer

eindringen zu können. Dafür liefern auch Chodowieckis zahlreiche

Illustrationen zu Ermans Geschichte der französischen Refugiés,

die ja nur in das Zeitalter des Großen Kurfürsten zurückgeht,

offenkundigen Beweis. Trotz der hier besser gewahrten Kostümtreue

stehen diese Schilderungen der edelmütigen Haltung Friedrich Wilhelms

des Großen gegen die verfolgten Emigranten (Abb. 81, 82) kaum auf

einer wesentlich höheren Stufe, als die erwähnten Bilder aus dem

Leben der Deutschen. Überall, wo die Naturanschauung ihm fehlt,

wie z. B. in den vielen Illustrationen historischer Werke, die in

der Folgezeit ihn beschäftigen, kommt Chodowiecki sehr selten aus

konventioneller Befangenheit heraus. Auch mit dem wunderlichen Gemisch

von französischer Romantik und antikisierender Sinnlichkeit, wie es

in Wielands Idris zu Tage tritt, weiß Chodowiecki wenig anzufangen

(~E.~ 607 und 608). Die Naivetät dem Stoffe gegenüber entlockt

dem modernen Beschauer ein ironisches Lächeln, während die Geziertheit

der Bewegungen ihn geradezu abstößt.

[Illustration: Abb. 107. +Titelkupfer zu Wiesingers Gedichten.+

Berlin. 1793. (~E.~ 697.)]

[Illustration: Abb. 108. +Häusliches Glück.+ (~E.~ 788.)

Illustration zu Karl Langs Almanach für 1796. Heilbronn.]

[Illustration: Abb. 109. +Geheuchelte Teilnahme.+

Chodowiecki · 第 49 / 81 题