Daß dem frisch in die Welt blickenden Realisten, in dem die Lust
zum Schaffen einzig durch Eindrücke der Außenwelt geweckt wurde,
die romantische Phantastik eines Ariost und Cervantes verschlossen
bleiben mußte, kann nicht verwundern und wird durch die wenig
erfreulichen Kalenderkupfer von 1770 und 1771, in denen er je zwölf
Scenen aus dem Don Quixote (~E.~ 58) und dem Rasenden Roland
(~E.~ 74) illustrierte, nur allzu deutlich erwiesen. Als wollte
er sich von solchen mühseligen und undankbaren Aufgaben erholen,
sehen wir ihn hinauswandern vor die Thore der Stadt, um die bei den
„Zelten“ im Tiergarten lustwandelnden Berliner zu studieren (Abb.
37), die Stelldichein der verliebten jungen Welt, die feierlich
einherstolzierenden Bürgerfamilien, unter denen uns auch rechts im
Vordergrunde die berühmten Mimen Brockmann und Doebelin begegnen,
die schwatzenden und klatschenden Alten, die sich im Schatten
der Lindenbäume an dem von einer Florastatue geschmückten Rondel
niedergelassen haben (Abb. 40, ~E.~ 83). Ähnlich hatte 1751
Saint-Aubin die elegante Welt der Seinestadt in seiner von Courtois
gestochenen „~Promenade des remparts de Paris~“ geschildert.
Oder Chodowiecki wirft mit wenigen raschen Strichen einige Studien
von Figuren und Gruppen auf die Kupferplatte (Abb. 4, ~E.~ 80),
wie sie ihm just bei seinen Spaziergängen in den Wurf kamen. Gerade
in solchen flüchtigen Skizzen, wie er sie auch nicht selten in den
Rand der Platte größerer Kompositionen mit der Radiernadel einzuritzen
liebte -- in den sogenannten Randeinfällen -- offenbart sich die Anmut
seiner Gestaltungsgabe, die unverwüstliche Frische seiner Beobachtung
am glücklichsten.
[Illustration: Abb. 55. +Gräfin Kayserling.+