Rötelzeichnung im Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin. 1773.]

Im Frühjahre 1773 entschloß sich Chodowiecki zu einer Reise nach der

Vaterstadt, an der er mit treuer Liebe hing, in der seine kränkelnde

alte Mutter mit Sehnsucht auf ein Wiedersehen mit dem Lieblingssohne

harrte. Seit seinem Abschied vom Elternhause waren dreißig Jahre

verflossen, auf die er mit Genugthuung, ja mit Stolz zurückblicken

durfte. Die Stellung und der Ruf, den er in der neuen Heimat genoß,

waren durch eisernen Fleiß und unerschütterliche Pflichttreue errungen.

Gehobenen Hauptes konnte er jetzt vor seine Verwandten treten, die

einst mit frommen Wünschen und banger Sorge seine Wanderung zu

ungewissen Zielen begleitet hatten. Es ist begreiflich, daß auch

er von der Bedeutung eines solchen Wiedersehens tief durchdrungen

und bewegt ward. Mit einer Ausführlichkeit, die selbst bei seiner

gewissenhaften Art, sich von allem Erinnernswerten schriftliche

Auszeichnungen zu machen, überrascht, hat Chodowiecki in einem

französisch geschriebenen Tagebuche alle, noch so gleichgültigen

Erlebnisse dieser Reise beschrieben, und, nicht genug damit, auch

den Zeichenstift zu Hilfe genommen, um sich und den Seinen jeden

Augenblick dieser schönen Zeit möglichst deutlich stets wieder in

die Erinnerung zurückrufen zu können. Die zahlreichen Skizzen führte

er dann später nach seiner Rückkehr sorgfältig mit Feder und Tusche

aus, und so entstanden jene prächtigen hundertundacht Blätter, die

gegenwärtig die königliche Akademie zu Berlin als kostbares Vermächtnis

ihres einstigen Direktors bewahrt. Sie bezeichnen in mancher Beziehung

den Höhepunkt seiner Kunst; zugleich gewähren sie uns einen Einblick

in das Leben und Treiben des vorigen Jahrhunderts, der sie zu einem

sittengeschichtlichen Dokument ersten Ranges erhebt.

[Illustration: Abb. 56. +Vertreibung der Familie Nothanker aus dem

Pfarrhause.+ (~E.~ 101.)

Chodowiecki · 第 31 / 81 题