Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.]

Wenn die realistische Neigung, die Lust an lebensvoller

Charakterzeichnung unseren Künstler mit Lessing verband, so lockte

ihn die zarte Empfindsamkeit, das innige Naturgefühl des Schweizer

Idyllendichters +Salomon Geßner+, sich auch einmal auf diesem

Felde zu versuchen. Ursprünglich für den Berliner genealogischen

Kalender für 1772 bestimmt, erschienen die bereits ein Jahr vorher

ausgeführten zwölf Blätter zu Geßners Idyllen erst 1773 (Abb. 32,

~E.~ 69). Der gefeierte Schweizer hatte versucht, die ~scènes

bergères~ ihres französischen Rokokokostüms zu entkleiden, den

natürlichen Hain an die Stelle der architektonisch zugeschnittenen

Parkdekoration, echte Empfindung an die Stelle der sentimentalen Phrase

zu setzen. Selbst künstlerisch begabt, hatte er seine Idyllen mit

eignen Radierungen herausgegeben, die indessen einige dilettantische

Unsicherheit im Technischen nicht verleugnen konnten. Darin war ihm

Chodowiecki, der seine Radiertechnik inzwischen bis zu einer fast

an französische Vorbilder heranreichenden Gewandtheit ausgebildet

hatte, zweifellos überlegen, für den elegischen Ton und die Tiefe

des Naturgefühls, wie es aus den Gedichten Geßners hervorquillt,

dagegen fehlt es dem Berliner, durch unzählige, zum Teil wenig

erfreuliche Aufträge bedrängten Stecher an Beschaulichkeit und an

intimem Verständnis der ländlichen Scenerie. Gerade der letztere Mangel

verletzt in Chodowieckis Schöpfungen immer wieder unser Auge; er, der

den Menschen so tief in die Seele zu sehen verstand, hatte keinen Blick

für die Reize der freien Gotteswelt. Seine Bilder, wie zum Beispiel

die 1768 gemalten Parkscenen in der Berliner Gemäldegalerie, die uns

eine elegante Gesellschaft beim Hahnenschlag- und Blindekuhspiel zeigen

(Abb. 34), und das Konversationsstück im Leipziger Museum (Abb. 35)

wirken durch die Behandlung des landschaftlichen Beiwerks in Form und

Farbe konventionell, doppelt unharmonisch, weil sich die lebensvoll

bewegten Figuren vom Hintergrund wie von einer schlecht gemalten

Theaterdekoration abheben. Auch ist es bezeichnend, daß unter den

zahllosen Skizzen und Entwürfen von Chodowieckis Hand sich so gut wie

gar keine landschaftlichen Studien finden. Damit haben wir eine Grenze

seiner Begabung berührt, aber auch für die allegorische Darstellung

versagt seine Kraft. Er verfällt ins Äußerliche, Leere, wenn es gilt,

eine Idee zu versinnlichen. So ist der 1771 radierte Titel zu Sulzers

Theorie der bildenden Künste (Abb. 36. ~E.~ 76), dem beliebtesten

Kunsthandbuch der Zeit, wenig gelungen, der offenbar dem Künstler im

Einzelnen vorgeschriebenen Komposition fehlt alle Klarheit und Schärfe

des Ausdrucks; nur mühsam vermag man die Hieroglyphenschrift der

gehäuften Attribute zu entziffern, obzwar man billig eingestehen muß,

daß die Zeitgenossen künstlerisch meist noch schlimmer beraten waren.

[Illustration: Abb. 54. +Frau von Rosenberg+ (?).

Chodowiecki · 第 29 / 81 题