Maria hat Petersen und Hallwig aufgesucht. Über den Vorgang auf der
kosmischen Wiese bewahren sie hartnäckiges Schweigen. Nur hat man
ihr nahegelegt, daß sie jeden ferneren Verkehr mit dem Sonnenknaben
zu meiden habe, sonst würde sie demselben Schicksal verfallen, denn
unter den Trägern kosmischer Substanzen, die allein an allem Kommenden
teilnehmen würden, müsse unbedingte Solidarität herrschen.
Maria ist ein Bild der inneren Zerrissenheit.
»Ich pfeife auf die Substanzen,« sagt sie gequält (und das ist die
furchtbarste Lästerung, die man hier aussprechen kann), »aber einen
Bruch mit Hallwig überlebe ich nicht.«
»Dann brich mit mir,« schlägt Konstantin wehmütig vor, und statt der
Antwort fällt sie ihm um den Hals:
»Ach Unsinn, wie sollten wir das wohl machen? Aber was soll jetzt aus
dir werden?«
»Vorläufig können wir ihn hier noch verstecken,« meint Susanna, »nur
auf die Länge wird es schwerlich gehen.«
Marias Zorn wendet sich jetzt gegen die Freundin; sie wirft ihr vor,
daß sie nur ihren Panther behalten wolle, auch wenn er seinen Blutdurst
an ihren besten Freunden zu stillen suchte. Susanna gibt das zu, hält
es aber für berechtigt, weil sie ihn liebte, -- Maria wolle doch auch
weder von Konstantin noch von Hallwig lassen. Kurz, es ist kein Ausweg
zu finden, wer wen aufgeben soll, und was überhaupt dadurch erreicht
würde.
Trotzdem wir alle geschwiegen haben, ist der Sturz des Sonnenknaben
und der nächtliche Überfall schon in ganz Wahnmoching bekannt und
hat allgemeine Beunruhigung hervorgerufen. Unwillkürlich drängt sich
wohl allen die Frage auf, ob nicht noch weitere unvorhergesehene
Geschehnisse eintreten, weitere Opfer gefordert werden können, -- und
ob es dann immer so glücklich abläuft wie in diesem Fall.
23. ...
War es Vorahnung, daß ich diese Worte hier niederschrieb, oder beginnt
schon unsere erregte Phantasie ihr Spiel mit uns zu treiben? Schon eine
ganze Weile hat keiner von uns den Philosophen gesehen, obgleich ich
ihn in seiner Wohnung und im Café verschiedentlich aufzufinden suchte.
Er pflegt sich auch sonst hier und da im Eckhaus sehen zu lassen.
Ich machte mir schon allerhand Gedanken darüber, -- sollte er mich
vermeiden, weil ich zu viel frage? Aber es war kaum anzunehmen, denn
seine Langmut ist groß, und er hatte uns ja aus freiem Antrieb noch ein
theoretisches Souper in Aussicht gestellt.
Da kam nun gestern Adrian ins Eckhaus und berichtete, der Philosoph
sei allem Anschein nach wirklich verschwunden. Er hätte ihn vor zirka
zehn Tagen, in ein langes Cape gehüllt, das er sonst niemals trägt, in
der Richtung auf die Stadt zu gehen sehen -- und Sendt ging ganz gegen
seine Gewohnheit so rasch, daß man ihn unmöglich einholen konnte. Aber
seitdem habe ihn niemand mehr erblickt.
»Wer weiß,« sagte Adrian achselzuckend, »wer weiß, ob da nicht schon
magische Einwirkungen im Spiel sind; das lange Cape war gar zu
auffallend, und der Philosoph ist ihnen immer etwas unbequem gewesen.
Wir wissen ja doch alle nicht, wann es anfangen soll. Der Professor
tut in letzter Zeit ganz besonders geheimnisvoll und will selbst die
harmlosesten Fragen nicht mehr beantworten. Er ist öfters mit Hallwig
zusammen -- vielleicht können sie es schon -- --« er brach ab und
räusperte sich bedeutungsvoll, »übrigens, Monsieur Dame -- es hat
mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen, und ich hoffte, wir würden
noch häufig zusammenkommen, aber so, wie die Sache liegt« -- wieder
machte er eine Pause und fuhr dann sehr lebhaft fort, »nein -- ich
habe eingesehen, daß Wahnmoching doch nicht der rechte Boden für mich
ist -- wahrscheinlich auch für Sie nicht und für niemanden, der noch
irgendwelchen Wert auf seine Individualität legt. -- Sie wissen doch,
daß ich einen Band Gedichte herausgeben wollte -- ja? -- Nun, eben in
diesem Gedichtband behandle ich verschiedene Dinge, von denen hier in
unserem Vorort viel die Rede ist; jeder weiß von ihnen, alle sprechen
darüber. Ich lese also neulich dem Professor daraus vor, zufällig
ist auch jener Herr mit der Wikingersubstanz zugegen, der den armen
Sonnenjungen -- wie heißt er doch gleich?«
»Ich weiß es auch nicht -- Sie meinen wohl den Panther?«
»Ja, richtig, eben, dieser Panther war dabei, sagte kein Wort und
schien sogar Gefallen daran zu finden. Aber ein paar Tage später
erfahre ich, daß man mich beschuldigt, schwerwiegende Geheimnisse
profaniert zu haben. Was sagen Sie dazu?«
Ich fand es sehr bedauerlich.
»Bedauerlich? -- ja, das ist das rechte Wort -- glauben Sie mir
nur, Monsieur Dame, es haben wohl wenige so schöne, ja verwegene
Hoffnungen auf die Bewegung unseres Stadtteils gesetzt wie gerade ich.
Mit Freuden wäre ich bereit gewesen, meine Persönlichkeit und mein
Talent in ihren Dienst zu stellen, aber in meinem Schaffen, in meiner
künstlerischen Individualität will ich unbehelligt bleiben und sie
nicht derartigen Verdächtigungen preisgegeben sehen. -- Zudem fühle ich
gar keine Neigung, mich ebenfalls einem Renkontre auf der kosmischen
Wiese auszusetzen.«
Er wollte dann noch Susanna Adieu sagen, und wir ließen sie rufen. Sie
war sehr betroffen und äußerte ihr Bedauern.
»Ja, teure Susanna, wenn Sie es nicht besser verstehen, Ihre Raubtiere
zu zähmen.«
»Glauben Sie, daß auch Sendts Verschwinden mit ihm zusammenhängt,«
fragte sie schuldbewußt; es bedrückte sie sichtlich, daß hier schon
wieder der Panther im Spiel war.
»Gott weiß, vielleicht war es nur sein abgeschiedener Geist, der,
in ein Cape gehüllt, davoneilte, und seine Gebeine bleichen auf der
kosmischen Wiese --«
Susanna lächelte ungläubig und sagte mit einem Seufzer:
»Ach, ich mag bald überhaupt nichts mehr davon hören, hoffentlich gibt
es nun endlich wieder Ruhe.«
»Glauben Sie nur das nicht,« erwiderte Adrian leicht mysteriös, »es
sollen selbst im inneren Kreise Mißhelligkeiten herrschen. Delius ist
seit dem Fest sehr verstimmt -- wegen der Lampengeschichte --«
»Lampengeschichte?«
»Aber ich bitte Sie -- Sie waren doch selbst dabei, als der erste Umzug
beginnen sollte, -- Delius hatte eine kleine antike Lampe in der Hand.«
»Richtig, ja, und Frau Hofmann beschwor ihn, sie wegzustellen, weil sie
tropfte -- --«
»Das war eben nur ein Vorwand, der Cäsar sollte der einzige sein, der
ein Licht trug. Jedenfalls faßte Delius es so auf; ich hörte selbst,
wie er leidenschaftlich ausrief: ›Nein -- nein, ich lasse sie mir nicht
fortnehmen,‹ und auch nachher noch ganz empört zu einer Bacchantin
äußerte: ›Denken Sie nur, die Lampe haben sie mir nehmen wollen -- es
scheint, daß in diesem Hause niemand außer dem Cäsar ein Licht tragen
darf.‹ Wie ich Delius kenne, wird er das nicht sobald wieder vergessen
-- aber Gott sei Dank, mich berührt das alles jetzt nicht weiter, --
ich gehe nach Berlin. Hoffentlich sehen wir uns dort bei Gelegenheit
einmal wieder.«
Damit verabschiedete er sich und eilte froh einer neuen Zukunft
entgegen. Wir aber blieben deprimiert zurück.
28. ...
Wir fühlen uns ungemütlich ...
Kein Philosoph mehr, kein Adrian, kein Sonnenknabe, -- denn auch der
hat es vorgezogen, Wahnmoching vorläufig zu verlassen.
Und wir haben mancherlei peinliche Situationen zu überstehen. Der
Panther hat eine förmliche Haussuchung abgehalten, da er Konstantin
hier vermutete. Maria gab sich keine Mühe, ihren Unwillen zu verbergen,
und hetzte die beiden männlichen Hausbewohner gegen ihn auf, so daß es
vorher, nachher und währenddem zu sehr unangenehmen Erörterungen kam
und Susanna einen schweren Stand hatte.
Am gleichen Tage besuchte uns Hofmann mit der Jadwiga, und eine halbe
Stunde darauf stellte sich auch Delius ein. Dies Zusammentreffen
war beiden Teilen anscheinend nicht willkommen. Die Polin ist sehr
gesprächig, sie erzählte wieder viel aus ihrem früheren Leben, und
Delius verfolgte alles, was sie sagte, mit der Aufmerksamkeit eines
Detektivs. Wenigstens kam es uns so vor, und der Professor war äußerst
nervös.
Willy versuchte manchmal eine scherzhafte Ablenkung und fragte unter
anderem, ob sie wieder den schwarzen Hund im Traum gesehen habe.
»Ja, sehr oft,« antwortete sie ernsthaft, worauf Delius sich
erkundigte, was es denn mit dem schwarzen Hund auf sich habe. Jadwiga
erklärte ihm, sein Erscheinen bedeute Abtrünnigkeit, Unheil und
Verwirrung, -- auch wenn jemand von ihren näheren Bekannten sich selbst
untreu werde, pflege er sich einzustellen.
»O, das ist ja sehr interessant,« äußerte Delius, »-- wissen Sie
denn auch jedesmal, auf wen der Traum sich beziehen soll, Fräulein
Jadwiga?« Er sah sie dabei höflich, aber mit steinernem Blick an,
sie wandte ihm ihr bleiches Gesicht mit den brennenden Augen zu und
erwiderte langsam: »Nein, Herr Delius, das stellt sich meistens erst
später heraus.«
Hofmann sah, während diese Worte fielen, über alle Anwesenden hinweg
zum Fenster hinaus, und Susanna meinte versöhnlich: »Ach, das ist doch
einfach ein Aberglaube.«
»Aberglaube -- was ist das?« fuhr nun der Professor auf.
»Ich denke, Herr Professor, im allgemeinen bedeutet es wohl einen
Gegensatz zum wahren Glauben -- aber manchmal hat auch der Aberglaube
seine Berechtigung.«
Hofmann entgegnete gereizt, daß ihm darüber nichts bekannt sei, und die
Stimmung wurde so frostig, daß wir alle froh waren, als sie aufbrachen.
Delius blieb noch etwas länger und fragte, ob wir bemerkt hätten, daß
der Professor neuerdings eine gelbe Krawatte trage. Das habe er früher
nie getan »und es ist eine sehr bedenkliche Farbe«. Maria war an diesem
Tage ungewöhnlich reizbar. »Was gehen mich seine Krawatten an,« sagte
sie, »meinetwegen soll er sie Jadwigas schwarzem Hund umbinden.« Delius
sah sie erstaunt an und äußerte in tiefem Ernst: »Damit haben Sie wohl
das Richtige getroffen -- aber es bleibt noch abzuwarten, ob es ihm
gelingen würde, den schwarzen Hund auch zu erdrosseln.«
* * * * *
Ich habe keine Ahnung, was er damit meinte. Und der Philosoph ist nicht
da.