Als Anblick und Stimmung war es schon etwas Wunderbares, ja, ich
kann wohl sagen: als wir zu früher Morgenstunde das gastliche Haus
verließen, waren auch meine Empfindungen bis zu einem Zustand inneren
Taumels gesteigert, der noch heute nicht ganz erloschen ist. Und
doch -- und doch -- ich wollte, ich wäre in der Lage, zu behaupten,
man müsse seine Feder in heidnisches Blut tauchen, um Wahnmochinger
Bacchanale zu schildern, und wenn ich mein Buch schreibe, werde ich es
wohl auch so ausdrücken.
Ich denke nach -- dort drüben am Sofa liegt noch mein Kostüm und die
Hirtenflöte -- und nun will mir wiederum scheinen, als übertriebe
ich nach der anderen Seite. Es lag doch viel heidnischer Glanz und
Schimmer über dieser Nacht -- bei einigen war es vielleicht nur
allgemeine frohe Feststimmung -- Maria, Susanna, sind sicher bei jeder
Redoute ebenso bacchantisch aufgelegt -- bei anderen wohl auch eine
tiefe Entrücktheit aus der heutigen Welt. So Delius, der als römische
Matrone in schwarzen Gewändern erschienen war; auf dem Kopf trug er
einen schwarzen Schleier, und in der Hand einen metallenen Triangel,
dem er mit einem Stäbchen melodische Töne entlockte. Und auch bei dem
Professor, der den indischen Dionysos darstellte, in purpurrotem Gewand
mit Weinlaubkranz und einem langen goldenen Stab. Beim Tanzen raste er
wild daher, und seine Augen rollten, mir fiel auf, daß er eigentlich
ein schöner Mann ist mit seiner mächtigen Gestalt und dem dunkeln
Bart. Er schien auch vielen Frauen gut zu gefallen, und er sah sie
alle mit verzückten Blicken an, und fand sie alle namenlos schön. An
Rauschfähigkeit fehlte es ihm sicher nicht, und er lebte ganz in seiner
Rolle, wenn man es so nennen darf. Nur bei einer kleinen Szene --
Maria verfiel in einem animierten Moment darauf, an seinem ungeheuren
goldenen Stab emporzuklettern -- er schaute sie froh entgeistert an,
hielt ihr den Stab hin, und der Stab brach in der Mitte durch. Schade,
aber in diesem Moment versagte sein heidnisches Empfinden, und er wurde
ärgerlich. Nach meinem Gefühl dürfte Dionysos sich nicht ärgern, wenn
Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas entzweibrechen. Aber außer mir
hat es wohl niemand bemerkt.
Den Meister sah ich zum erstenmal aus der Nähe, als Cäsar in weißer
Toga und mit einem goldenen Kranz um die Stirn, -- er mischte sich
ungezwungen unter die Menge, und es gab ihn wirklich. Dabei behält er
doch immer eine gewisse Ferne, und seine Geste schien mir schön und
würdig.
Das Fest begann mit einem feierlichen Umzug: voran schritt eine
Bacchantin, die ein ehernes Becken schlug, dann kam Dionysos mit
seinem goldenen Stab, ihm folgten der Cäsar -- er trug eine Art
kugelförmigen, durchbrochenen Krug, in dem ein Licht brannte -- und
die in Schwarz gehüllte Matrone, daneben und dazwischen bekränzte
Knaben mit Weinbechern. Wer in antikem Gewand war, folgte, die übrigen
blieben zur Seite stehen. Denn viele waren auch anders kostümiert --
Renaissance, alte Germanen oder Orientalisch. Der arme Georg, Marias
Rechtspraktikant, der durch die Eckhäusler eingeladen war, hatte den
Charakter des Festes entschieden nicht begriffen, er war als Pierrot
gekommen, und es war ihm dann sehr unbehaglich. Willy, dem er sein Leid
klagte, sagte, er müsse eben versuchen, sich wie der Narr in einem
Shakespearschen Drama aufzufassen. Er empfand wohl die Bosheit nicht,
die darin lag, und fühlte sich getröstet.
Der Umzug ergab tatsächlich ein ungemein wirkungsvolles Bild, und
durch den eigenartigen Gesang, der dabei angestimmt wurde, eine fast
beklommen weihevolle Stimmung. Selbst Georg in seinem Pierrotanzug war
ganz davon angetan und stand wie erstarrt in einer Fensternische. Es
waren nur ein paar Verse, die liturgisch, das heißt in dumpf-nasalem
Ton gesungen wurden, wobei man alle Silben gleichmäßig betonte und ins
Unendliche ausdehnte. Sie lauteten:
Wir sind gewohnt,
Wo es auch thront,
Hinzubeten, es lohnt.
Wie unser Ruhm zum Höchsten prangt
Dieses Fest anzuführen,
Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms,
Wo und wie er auch prangt,
Wenn sie das Goldene Vlies erlangt --
Wir die Kabiren -- -- --
Zwei, dreimal wurde dieser Gesang wiederholt, während der Umzug sich
durch sämtliche Räume bewegte. Adrian saß am Flügel und spielte eine
Art dumpfe getragene Begleitung.
Dann löste sich alles in bewegtes Durcheinander, Tanz und die sonst
üblichen festlichen Betätigungen auf. Ich sehe in der Erinnerung ein
buntes Gemisch von einzelnen Bildern und Eindrücken, die ich wohl
festhalten möchte, ehe sie sich verwischen. Der Professor -- Dionysos
-- in einem Kreise von Damen -- er redet in Versen, wohl eine halbe
Stunde lang, man bewundert ihn, und mit Recht, denn es war wirklich
eine Leistung. Die Kappadozische schmachtet ein wenig und ist ganz
Bewunderung -- sie hatte ein eigentümliches Kostüm an mit großen
Metallplatten an den Ohren, (vermutlich kappadozisch). Dann sehe ich
Delius, die römische Matrone, in der Hand einen Teller mit zierlichen
Butterbrötchen, die er versunken in den Mund schiebt. Er ist heute ganz
in seiner wahren Welt. Seine Mutter (er lebt mit seiner Mutter zusammen
und soll sie sehr verehren) irrt zwischen den Gästen umher und sucht
ihn: Wo ist mein Sohn -- haben Sie meinen Sohn nicht gesehen? Endlich
entdeckt sie ihn, aber er wendet sich ab und will sie nicht anerkennen.
Ganz betroffen flüchtet sie zur Frau des Hauses, die sie lächelnd
beruhigt.
Ich entdecke Sendt, der alleine in heiterer philosophischer Ruhe hinter
einem Glase Wein sitzt und die kleine Szene ebenfalls beobachtet hat.
Halb betäubt lasse ich mich neben ihm nieder.
»Trinken Sie, junger Mann,« sagt er, »-- wie bekommt Ihnen denn das
Flötenblasen -- es machte mir aufrichtiges Vergnügen, Sie neben dem
Dionysos einherschreiten zu sehen. Solange die Maskerade Maskerade
bleibt -- --«
»Ach, lieber Doktor, wenn Sie nur Philosoph bleiben. -- Ich bin
wirklich freudig überrascht, Sie hier zu treffen.«
»O warum nicht; ich amüsiere mich ausgezeichnet, und es gibt wirklich
allerhand zu sehen -- zum Beispiel Delius -- können Sie sich wohl
denken, weshalb er seine Mutter nicht erkennen wollte?«
Ich meinte, er wollte wohl nicht aus der Stimmung herausgerissen
werden, und als römische Matrone ...
Sendt lächelte.
»Die Matrone gilt vielleicht nur für Outsider. -- Ich habe munkeln
hören, daß er den Eingeweihten die große Urmutter darstellt -- obwohl
diese von Rechts wegen unsichtbar ist. Deshalb trägt er wohl auch den
schwarzen Schleier auf dem Haupt. Sie begreifen, daß es nun wirklich
stillos wäre, sich mit seiner Mama zu unterhalten, wenn man sich selbst
als Urmutter empfindet.«
Ich versank in tiefes Staunen -- Maria kam angestürzt und warf sich in
einen Sessel:
»Da sitzt ihr wieder und redet, statt zu tanzen. -- Hören Sie, Sendt,
der Sie alles wissen, warum ist der Dionysos so rot? -- Ich dachte
immer, er wäre nackt und nur mit Weinlaub.«
»Zügeln Sie Ihre schlimmen Phantasien, Maria! Der indische Dionysos,
den Sie heute in unserem Professor verkörpert sehen, wird im langen
wallenden Gewande dargestellt -- und für Sie, lieber Dame, -- der Kult
der großen Mutter kam aus Asien, deshalb mag wohl auch der indische als
der Ur-Dionysos gelten.«
»Wie langweilig,« sagte Maria, »-- jetzt gibt's schon wieder einen
Umzug, und ich wollte gerade mit Georg tanzen.«
Wir sahen in der Tat, daß man sich wieder zum Zuge ordnete; von allen
Seiten strömten die Bacchanten, Jünglinge und Hermaphroditen mit
erhitzten Gesichtern herbei. Dionysos schwang einen laubumkränzten
Stab, den seine Frau ihm statt des zerbrochenen goldenen hergerichtet
hatte. Nur Delius blieb ruhig an seinem Platz stehen, Adrian lief
an ihm vorbei und fragte, ob er sich denn nicht beteilige, aber er
antwortete gemessen:
»O nein, es handelt sich diesmal nur um einen Privatumzug des Cäsar.«
Man fühlte, daß alle in erhöhter Stimmung waren, denn es ging lauter
und lebendiger zu als am Anfang, bis der Cäsar sich in Bewegung setzte
und wieder der eintönige dumpfe Gesang erscholl.
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